Berlin Höfische Lebensart in Mitte

Hinter der Remise mit den glitzernden Roben im Schaufenster ist Schluss mit schick. Eine schwarze Hauswand verwahrlost da. Und wer hier lebt, guckt, wenn überhaupt, dann nur missmutig runter auf den aufgehübschten Heckmann-Hof mit dem Springbrunnen in der Mitte und dem baumumsäumten Bouleplatz, auf dem Touristen entspannt ihre Butterbrote auswickeln. "Spießerhof' sagen die nur", weiß Barbara Gebhardt und zuckt die Achseln.

Vor wenigen Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, sie oder ihr Umfeld spießig zu nennen. Die Modedesignerin aus München war eine der Ersten, die sich Anfang der neunziger Jahre in Berlin-Mitte über viel Platz für wenig Geld freuten und die verlassenen Gewerbehöfe, die nach Industrialisierung, Krieg und DDR recht mitgenommen aussahen, mit frischem Inhalt besetzten.

Der ganze trug das schwarze Kleid der Verwahrlosung, als Gebhardt hier ihre ersten farbenfrohen Kollektionen kreierte und Brad Hwang, der Installationskünstler, direkt unter ihrem Fenster aus altem Schrott wilde Maschinen bastelte. Manchmal mischten sich die Beats aus dem Club in der Garage mit dem monotonen Hämmern aus der Werkstatt - und der Mann im Wohnmobil konnte den Schlaf vergessen. Baten neugierige Touristen am Wochenende um Einlass auf das Anarcho-Areal, erinnert sich Gebhardt, so knüpfte ihnen einer der Hofbesetzer schon mal zwei Mark Eintritt ab: "Wir dachten tatsächlich, der Hof gehört uns. Wem auch sonst?"

Viele, die in Mitte zwischen Schrott und Schutt eine Spielwiese fanden für ihre Visionen, verschwendeten zunächst weniger Gedanken an mögliche Eigentümer oder Investoren als an ihre Projekte. In den , deren letzter Zauber zu DDR-Zeiten unter anderem der Tristesse einer Trabiwerkstatt weichen musste, trug Burkhart Seidemann 1991 eine Batterie vergessener Klosetts aus den Räumen, in denen er bald schon mit seinem vom Deutschen Theater vor die Tür gesetzten Pantomime-Ensemble auftreten wollte. Und ein paar Straßen weiter baute Klaus Biesenbach gerade eine heruntergekommene Margarine-Fabrik zu den "Kunstwerken" aus, einer Künstlerkommune mit Ateliers und Ausstellungsflächen.

Der Fotograf Henryk Weiffenbach zog später mit seinen Freunden von den "Dead Chickens" und einem Rudel pneumatisch betriebener Stahlmonster in ein Hofensemble neben die Hackeschen Höfe und nannte es - in Anlehnung an die gleichnamige Stadt im Erzgebirge, die nach dem Krieg für fast zwei Monate weder Russen noch Amerikaner eingenommen hatten - das . Nicht weit davon entfernt entdeckte die Tänzerin Sasha Waltz auf der Suche nach geeigneten Proberäumen den Charme der Sophiensäle in einem 1905 erbauten Handwerkervereinshaus. Dort probte sie ab 1996 zusammen mit Jochen Sandig nicht nur eigene Choreografien, sondern auch einen eigenständigen Theaterbetrieb.

Das Leben pulsierte zwischen den maroden Mauern. Nicht bequem besetzt wurden sie, sondern bespielt, betanzt und beträumt. Fast verwundert all der Einsatz, hat jedes dieser Projekte doch am Anfang stets ein Haltbarkeitsdatum, dessen Ablauffrist keiner kennt. Früher oder später wäre die Party zu Ende, so das Prinzip Zwischennutzung, nach dem die Wohnungsbaugesellschaft den Künstlern ihre Kolonien ließ. Kein unbedingt schlechter Gedanke, findet Amelie Deuflhard, die die im Jahr 2000 übernahm, weil Waltz und Sandig an die Schaubühne wechselten: "Das setzt eine höhere Kreativität frei. Man ist mutiger und riskiert mehr, weil es nicht für immer ist." Fast klingt es wie ein Postulat für die wilde Ehe.

In den stehen die Zeichen auch heute noch ganz auf Zwischennutzung. Der Auftritt von Karl Liebknecht scheint hier nicht so lange her zu sein wie der eines Malermeisters samt Pinsel. Farbe blättert von den fast kahlen Wänden und rieselt dem Publikum schon mal in den Schoß. Und so erzählt der Raum, während auf der Bühne junge Theatermacher ihre Stücke aufführen, immer noch eine ganz andere Geschichte. "Jeder, der hier reinkommt, ist nicht nur konfrontiert mit dem Geschehen auf der Bühne, sondern zugleich mit einem kraftvollen, charismatischen Raum", erklärt Deuflhard die Magie der Säle. Dazu gehört für die Macher der Sophiensäle auch der Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit - zwischen hohem Niveau und low budget.

Die großen Namen können sie nicht ans Haus holen, also produzieren sie neben den Theaterstücken ihre eigenen Stars. In der Szene genießen die Sophiensäle längst den Ruf eines erfolgreichen Labels, das ständig mit neuen Talenten die Charts stürmt. Das beeindruckte wohl auch den irgendwann aufgetauchten Eigentümer, der die Mietverträge nun immer für vier Jahre statt für ein Jahr unterschreibt.

Hinterhöfe gönnen Künstlern ihre Kolonien auf Zeit

Sich einfach breit machen und Wurzeln schlagen, damit einen keiner so schnell wieder verjagen kann - das war auch die Strategie von Henryk Weiffenbach, als er sich im Haus Schwarzenberg niederließ und die Schlüssel für die anderen Zimmer an Künstler, Architekten und Galeristen verteilte. Ein paar der bizarren Monster der "Dead Chickens" stellte er schon mal abschreckend in den Hof. Und die kanadische Trash-Künstlerin Laura Kikauka zog mit so viel Krimskrams ein, dass eine Räumung ihrer "Funny Farm East" Monate gedauert hätte. Schließlich entdeckten die Hausbewohner noch ein schützenswertes Denkmal in ihren Wänden: die Räume der , der während des Krieges seine jüdischen Mitarbeiter schützte und eine Familie sogar in einem winzigen Zimmer hinter einem Schrank versteckte. Es ist eine ähnliche Geschichte wie die, welche im "Anne Frank Zentrum" im Aufgang gegenüber erzählt wird.

Am Ende ging die Rechnung von Weiffenbach sogar auf. Zwar gab es immer wieder Interessenten für das prominente Grundstück neben den Hackeschen Höfen, aber auch immer so viel Wirbel und Widerstand seitens des dass letztlich die Wohnungsbaugesellschaft Erbarmen hatte und das Haus für den Verein ersteigerte. Nicht nur die Künstler und Institutionen dürfen bleiben, auch das Grau der Fassade - das Markenzeichen der letzten autonomen Trutzburg im aufpolierten Stadtbezirk Mitte. Manche kommen nur in den Hof, um ihren Verwandten aus Bayern und Baden zu veranschaulichen, wie die DDR einmal ausgesehen hat. "Guck mal", sagen sie und zeigen fasziniert auf die Wasserleitungen, die sich an den bröckelnden Häuserwänden entlangschlängeln, und die Einschusslöcher, die der Krieg hinterließ.

Fast beneidet Burkhart Seidemann die Schwarzenberger um ihre konservierte Authentizität. Er sitzt nur einen Steinwurf entfernt hinter der schicken Fassade der und entschuldigt sich: "Als wir hier anfingen, war nicht abzusehen, dass das hier mal so eine schicke Gegend werden würde." Und auch nicht, dass er mit seiner Spielstätte für gestisch-mimisches Theater und jiddische Kultur hier bleiben könne. Das hat er unter anderem Rainer Blankenburg zu verdanken, der - erst als Kulturamtsleiter und dann im Verein "Hackesche Höfe e.V." engagiert - wohlwollend zusah, wie sich die Künstler ihren Raum in Mitte nahmen und fand, sie sollten dort bleiben. Zwischennutzung hin oder her. Dem neuen Investor schlug sein Team deshalb vor, einfach von den gut laufenden Geschäften mehr Miete zu kassieren und damit die mittellosen Kulturbetriebe zu subventionieren.

Nun finanziert die Kaffee-Kette Starbucks im Vorderhaus Seidemanns kleines Theater im zweiten Hof praktisch mit. Der Mann, der gelernt hat, in Gesten und Bildern zu sprechen, nimmt einen Schluck Tee und definiert die Rolle seines Theaters zwischen Ampelmännchen-Galerie und Schickimicki-Bar so: "Wir sind die Kartoffel im Orangenkorb, nicht schön, aber nahrhaft und unverzichtbar." Und der Boden, auf dem sie wuchs, ist fruchtbar, blühte hier um die Ecke doch tatsächlich einst die jiddische Kultur. Doch nicht Sentimentalität oder ein denkmalpflegerischer Impuls treiben Seidemann samt Ensemble an: "Vielmehr geht es darum, sich mit einer Vergangenheit so auseinander zu setzen, dass die Gegenwart davon einen Lebensimpuls erfährt."

Ähnlich dachten auch Erika und Rolf Hoffmann, die Anfang der neunziger Jahre in einem Fabrikhof in der Sophienstraße vom Fahrrad stiegen und ihn alsbald mit viel Respekt vor seiner Geschichte sanierten, jedoch den Bruch mit der Gegenwart nur zu gern herstellten. Immerhin ist das Ehepaar nach dem Verkauf seiner Textilfabrik in Mönchengladbach aus Liebe zur modernen Kunst hier gelandet. Nachdem der Versuch, in Dresden eine Kunsthalle neben den Zwinger zu setzen, am Geschmacksnerv des sächsischen Landesvaters Kurt Biedenkopf gescheitert war, planten sie in Berlin eine Wohnung für sich und ihre Kunstwerke. Jeden Samstag sollte das Private öffentlich und die Sammlung zugänglich sein. Eine Überwindung, gewiss. "Wer will, kann anhand der Kunst, die ich mag, eine psychologische Studie über mich erstellen", sagt die Sammlerin freundlich.

Wer Frau Hoffmann besuchen will, muss erst in die Pantoffeln und dann dem Kunststudenten hinterher. Mit dem Filz an den Füßen schlurfen die Besucher über das Parkett der geweißten Hallen wie Skilangläufer durch den Schnee. Hält der Pulk, zeigt der Student auf ein Loch im Boden, aus dem die Videokünstlerin Pipilotti Rist auf Kirschkerngröße geschrumpft um Hilfe schreit. Erklärt, warum die Fotografin Nan Goldin auf ihrem Selbstporträt ein blaues Auge hat. Und dass der lichtdurchflutete Saal mit dem Kamin im oberen Stock eigens für die sperrige Wandskulptur von Frank Stella entworfen wurde - dem einzigen Stück übrigens, das Erika Hoffmann, seit dem Tod ihres Mannes allein für die Sammlung verantwortlich, nicht ins Lager verbannt, wenn sie einmal im Jahr ihre Einrichtung neu arrangiert. Am Hofe der Hoffmanns wird in großem Stil zelebriert, was vor nicht allzu langer Zeit hinter den Vorderhäusern von Berlin-Mitte Prinzip war: Kunst bekommt Raum. Viel Raum.

Im Heckmann Hof war irgendwann kein Platz mehr für die Kunst. Die Eigentümer wollten sanieren und setzten die Künstler Mitte der Neunziger vor die Toreinfahrt. Brad Hwang zog pikiert auf ein Hausboot, ward nicht mehr gesehen. Und auch Barbara Gebhardt wollte eigentlich nicht zurück. Wider Erwarten gefiel ihr der sanierte Hof ganz gut, und sie zog mit ihrem Label "Nix" in einen der Läden. Von einer "zweiten Aufbruchszeit" erzählt sie und einer neuen, anderen Gemeinschaft. Der Friseur Civan scheucht nun einmal im Jahr beim selbsterfundenen "Walk of Fashion" hundert Models mit Kleidern Berliner Jungdesigner am Leib durch die Straßen von Mitte - mit Showdown in den Heckmann-Höfen und Publicity für alle.

Ohne ein bisschen Eigenwerbung ist der etwas versteckt gelegene Hof auch kaum zu finden. Und wenn, dann finden ihn die Leute schon lange nicht mehr so spannend, dass ihnen ein Einblick sogar Eintritt wert wäre. - "Die Höfe von Mitte haben eigentlich keine Zukunft", sagt Wolfgang Feyerabend, der mehrere Bücher über sie schrieb und selbst in einem von ihnen arbeitet. Viele seiner Kunden entdecken den winzigen Buchladen in der hintersten Ecke des Kunsthofs nur,weil sie Feyerabend persönlich nach seinen Stadtführungen dort vor der Ladentür absetzt.

Gebhardt mag sich aber nicht beschweren. Im Gegenteil: "Der Hof filtert", sagt sie. In den brächten die durchgeschleusten Busladungen nicht unbedingt mehr Umsatz, dafür aber Probleme: Taschen- und Ladendiebe etwa.

Fast möchte man meinen, die einstige Hausbesetzerin hat mit dem Hof eine ganz eigene Wandlung mitgemacht, ist mit ihm erwachsener geworden. Doch dann, wenn sie von den Zeiten spricht, als das Leben nichts kostete und alles versprach, ist da wieder das Mädchen von damals. Das hinter dunklen Mauern wohnte. Wie die mürrischen Nachbarn, die heute "Spießerhof" sagen. "Aber ist es nicht auch spießig, sich gar nicht zu ändern?", fragt sie und schaut die dunkle Wand empor, hinter der pastelligen Remise mit den Cocktailkleidchen im Fenster.

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Autor:
Cornelia Jeske