Berlin Glänzende Neubauten

Der Schlussstein der ersten Berliner Gründerzeit nach der Wiedervereinigung ist 90 Meter hoch und von oben bis unten mit expressionistisch gezacktem Torfbrandklinker verkleidet. Mit dem im vergangenen Jahr vollendeten Daimler-Benz-Hochhaus am Potsdamer Platz hat der Bauboom der Nachwendezeit seinen imposanten Höhepunkt erreicht. Und doch wollen manche Kritiker den Art-Déco-Stufenturm nicht als Zeichen des Aufbruchs sehen, sondern vielmehr als Endstation einer architektonischen Zeitreise, die die Hauptstadt innerhalb einer Dekade um hundert Jahre zurückgeworfen hat.

Tatsächlich haben die Berliner Architekten Hans Kollhoff und Helga Timmermann mit ihrer von Goldzinnen und Belvedere gekrönten Himmelstreppe ein Meisterwerk des retrospektiven Futurismus geschaffen. Doch gerade weil ihr Haus die Sehnsucht nach der heroischen Blütezeit der amerikanischen Wolkenkratzer schürt, gelang es damit erstmals, die traditionelle Abneigung der Berliner gegen Hochhäuser zu durchbrechen.

Aber das Haus bedeutet weitaus mehr. Als Vollendung der Mega-Bauprojekte von Debis und Sony am Potsdamer Platz schließt es die städtebaulichen Rieseninvestitionen der Großkonzerne im Berliner Zentrum ab. Nun folgt eine neue Phase des architektonischen Ehrgeizes in vielfältigeren Dimensionen - ästhetisch wie ökonomisch. Die zweite Berliner Gründerzeit wird von einer anderen, gemischteren Investorenschaft getragen, die mit einer Vielzahl von Ensembles, Solitären und Lückenfüllern eine ganz neue Bauindividualität entfaltet.

Städtebaulich war Berlin bis in die Mitte der neunziger Jahre vollauf damit beschäftigt, seine Hausaufgaben zu erfüllen. Auf den leer gefegten Nachkriegsbrachen musste der Stadtgrundriss mitsamt Straßen und Grundstücksgrenzen wiederhergestellt werden, was aber wegen der gewaltigen Flächenansprüche der Investoren nicht immer gelang. Seitdem die großen Brocken verteilt sind, tun sich dazwischen ungeahnte Spielräume auf. Deshalb wirken viele Neubauten von Politik und Diplomatie, Medien und Wirtschaft wie Hefe im Sauerteig des Berliner Baugeschehens. Und sie zeigen nebenbei, was richtige Bauherren den Projektentwicklern der ersten Investitionswelle voraus haben: Geschmack, Ausdrucksvermögen und ein Bekenntnis zur Großstadt als gesellschaftlicher Veranstaltung.

Der architektonische Reichtum, den das Kollhoff-Hochhaus mit seiner Stufenskulptur und sphinxartig erhobenen Turmspitze in der Luft entfaltet, findet jetzt auch auf dem Erdboden statt. Dabei hat vor allem die Rückkehr der vereinten Nationen in Gestalt der mehr als 120 akkreditierten Botschaften, die sich in Berlin niedergelassen haben, dem Bauen neue Impulse gegeben. Die Versammlung der Gesandtschaften rund um den Tiergarten wirkt in der zuweilen selbstbezüglichen Hauptstadtarchitektur wie eine geschenkte internationale Bauausstellung.

So zeigen die nordischen Botschaften am Rand des Tiergartens, wie auch Solitäre ein Ensemble ergeben können: Die fünf individuellen Länderpavillons im Stil der skandinavischen Architektursprachen werden von einer umlaufenden Lamellenwand zu einer kleinen Stadt verbunden. Direkt daneben hält sich die mexikanische Gesandtschaft brav an die vorgeschriebene Bauflucht und öffnet sich trotzdem wie ein sakraler Tempelportikus mit gerafftem Säulenvorhang. Selbst in der dreiseitig eingezwängten Baulücke der britischen Botschaft gelang es dem Architekten Michael Wilford, eine gebaute Visitenkarte seines Landes abzugeben. Auf voller Breite schnitt er aus der Hauptfassade an der Wilhelmstraße ein offenes Piano Nobile heraus und schob schwebende, bonbonfarbene Pavillons hinein, die eine Mischung aus Swinging London und Cool Britannia signalisieren.

Die radikalste Gratwanderung zwischen Anpassung und Eigensinn demonstriert Frank O. Gehrys Explosionsskulptur im Atrium der DG-Bank am Pariser Platz. Weil der kalifornische Architekt seinen Entwurf in die Hohlform eines alten Blocks mit geschlossener Straßenflucht und Lochfassade gießen musste, höhnte er anfangs, nie zuvor in seinem Leben zu einer derart langweiligen Architektur gezwungen worden zu sein. Dann aber kam er auf die Idee, seiner Gebärdensprache im Innern umso freieren Lauf zu lassen.

Über das Atrium stülpte er ein Tonnendach, das die herkömmliche Statik von Stütze und Last überwindet und zu einer Fläche mit dreidimensionalem Volumen wird. Darunter schwingt sich die Raumskulptur eines Konferenzsaales in die Höhe, der exotische Assoziationen an geborstene Düsentriebwerke, Ritterrüstungen oder biomorphen Torsi weckt. Experten sprechen von einer radikalen Raumverflüssigung: Boden, Wand und Decke gehen ineinander über und erzeugen einen gefalteten Raum, in dem es keine abrupten Grenzen mehr gibt, sondern plastische Übergänge zwischen den Dimensionen.

Extremer Gegenspieler zum Kollhoff-Hochhaus am Potsdamer Platz ist der wie ein Segel geblähte Glasturm, den das deutsch-englische Architektenpaar Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton für die Wohnungsbaugesellschaft GSW an der Kochstraße errichtet hat. Ihr 80 Meter hoher Bau versteht sich als Widerstandsgeste gegen den tonangebenden Berliner Traufhöhenklassizismus des ersten Baubooms.

In der Tat lässt ihre spielerische Komposition von insgesamt vier freien Baukörpern die neuen Blockrandbauten in der Friedrichstadt wie gedrungene Hochbunker aussehen. In dem schlanken Energiespar-Turm atmet jedes Büro die Großzügigkeit von Wintergärten. Der optimistische "Venturi"-Flügel auf dem Dach, der als Durchlaufbeschleuniger für die Abluft dient, hat künstlerisch das Prädikat "schönste Dachskulptur Berlins" verdient. Und das Farbenspiel der warm getönten Sonnenjalousien in Rot, Gelb und Orange verwandelt die Fassade in einen pulsierenden Organismus. Die größte Sensation der neueren Berliner Architektur ist das Kanzleramt im Spreebogen.

Die Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank wurden immer wieder als wagnerianisch inspirierte Staatsopernarchitekten bezeichnet. Aber in Wahrheit sind die eher bauende Morgenlandfahrer in der Tradition des deutschen Expressionismus. Anstatt an das Elend der germanisch-skandinavischen Urhordenmythologie anzuknüpfen, haben sie mit orientalischen Baugedanken wieder das beste indogermanische Erbe zum Leben erweckt.

Wer das Kanzleramt vom Ehrenhof aus betritt, dem kommt das Haus mit seinen tanzenden Säulen und offenen Balkonen geradezu entgegengelaufen. Die geschwungenen Wände lassen an barocke Bühnenkulissen denken, aber sie bündeln den Blick nicht an einem zentralen Fluchtpunkt, sondern setzen vielperspektivische Bezüge frei, die an der rückwärtigen Gebäudeseite wieder ins Freie schießen. Das gesamte Leitungsgebäude zwischen den beiden langgestreckten Büroflügeln scheint in einem Fluss zu stehen, in dem sich die inneren wie äußeren Säulen und gewickelten Wände wie Brückenpfeiler der Strömung entgegenstemmen.

Was empfinden wohl die Regierenden, wenn sie die gleich dreifach übereinander liegende Bramante-Treppe zum Kabinettssaal und Kanzlerzimmer emporgehen, wo im Wechsel konvexe und konkave Rundstufen eine Art Aufwindkraftwerk der Gebäudeerschließung ergeben? Wie wirkt der Kanzler, wenn er im Presseraum über eine Theaterbrücke eintritt, um hinter einer Wand zu verschwinden und schließlich wie durch eine Erscheinungsnische auf dem Podium anzukommen? Wovon werden die Bankettgespräche auf den Riesenloggien östlich und westlich der Skylobby handeln, wo Säulenvorhänge aus dem Boden wachsen und von den Flugdächern Sternenfelder aus Flutlichtern herabscheinen?

Die Architekten geben sich arglos: Weil sie nicht dafür sorgen könnten, dass die Regierenden gemäß Bismarcks Losung jeden Morgen ein Glas Schampus trinken, wollten sie mit ihrem Gebäude zur Stimulierung der Regierungsgeschäfte beitragen. Aber vor allem nach außen, sagen die Architekten, soll das Kanzleramt in den Bürgern die Lust wecken, die Welt zu teilen, die solche Häuser zu bauen versteht. Damit haben sie dem Politischen seine fundamentale architektonische Definition zurückgegeben, die auch für die besten Neubauten der zweiten Berliner Gründerzeit gilt: als Kunst des gebauten Zusammengehörens von Individuen, die eine Gesellschaft ergeben.

Schlagworte:
Autor:
Michael Mönninger