Berlin Gedenkstätten

An einem wonnig warmen Nachmittag im vergangenen Sommer fuhren wir aufs Geratewohl hinaus ins Grüne. Mit von der Partie war A., eine Freundin aus Israel. Wir also rauf auf die Avus, und wohin dann? Zum Wannsee vielleicht?

Da tönte von der Rückbank schon ein schrilles "Nein"! Dort war doch Eichmann! Die verfluchte Konferenz! Gewohnheitsberliner denken beim Stichwort Wannsee ans Strandbad, an Ausflugsdampfer und wogende Kiefernwälder. A. verband anderes damit. Wir fuhren dann ziemlich weit hinaus und verbrachten einen unbeschwerten Abend. Doch die jähe Dissonanz hallte nach. Nehmen wir diese kleine Begebenheit als eine Berliner Lektion. Sie zeigt die Macht der Geschichte. Zeigt, dass man eben nicht "einfach mal" zum Wannsee fahren, durch den Grunewald oder die Spandauer Vorstadt spazieren kann. Oder vielmehr, man kann, und man tut es oft genug. Aber das Bild wird umfassender und wahrhaftiger, wenn man das, was sich damals dort zugetragen hat, mitdenkt.

Vielleicht sollten Berliner wie Besucher auch "nicht einfach" bei Wertheim und im KaDeWe einkaufen, sich im Kempinski treffen oder ins Deutsche Theater gehen, sondern sich vergegenwärtigen, wofür diese Namen stehen und ruhig auch einen Moment lang darüber spekulieren, welch eine aufregende Stadt wir heute noch hätten, wenn alles anders gekommen wäre.

Auf Schritt und Tritt begegnet man in Berlin jüdischen Spuren. Wer in Mitte wohnt, in Wilmersdorf, Charlottenburg oder Schöneberg, ist davon umgeben. Es genügt, sich einmal flüchtig mit der Geschichte seines Hauses zu befassen oder des Ladenlokals an der Ecke oder der Schule gegenüber, und schon stößt man auf jüdische Namen und Schicksale. Sie beginnen in Breslau, Mannheim oder Friedenau und enden schrecklich oft in Auschwitz, Theresienstadt und Bergen-Belsen. Man kann sich unschwer vorstellen, wie diese Menschen gelebt haben. Es waren Nachbarn, Landsleute, Zeitgenossen. Wie sie gestorben sind, kann man sich nicht vorstellen. Zahlreiche Gedenkstätten versuchen, diese Kluft zumindest kenntlich zu machen. Jetzt auch direkt neben dem Brandenburger Tor, wo das Holocaust-Mahnmal im Mai 2005 der Öffentlichkeit übergeben wird. Damit angesichts dieses zentralen Gedenkens andere Gedenkorte nicht ins Hintertreffen geraten, stellen wir fünf davon stellvertretend vor.

KNESEBECKSTRASSE 17


Manchmal können die Gelben Seiten wirklich hilfreich sein. Als Familie Deutschkron 1933 nach Charlottenburg zog, suchte Mutter Ella im Branchenbuch nach einer Wäscherei in Reichweite. Bei Franz und Emma Gumz verharrte ihr Finger dann - "das müssen Pommern sein"! In landsmannschaftlicher Verbundenheit ließ sie dort fortan ihre Bettlaken mangeln. Neun Jahre später retteten Gumzens ihr und ihrer Tochter Inge das Leben.

Im gutbürgerlichen Berliner Westen gingen die Uhren auch nach der "Machtergreifung" ein klein wenig anders. Noch mitten im Krieg tanzte man hier Boogie-Woogie, und in einschlägigen Nachtbars ging es hübsch unmoralisch zur Sache. Beiderseits des Kurfürstendamms lebten mehr Juden als in jedem anderen Kiez, um die 15 Prozent. Gumzens waren einfache Leute, und sie trugen das Herz auf dem rechten Fleck. Nachdem ein Nachbarjunge auf Fronturlaub von den Gräueltaten im Osten berichtet hatte, gingen sie zu Deutschkrons und erklärten: "Sie kommen zu uns!" Eine Odyssee im Untergrund begann.

In ihren Erinnerungen "Ich trug den gelben Stern" hat Inge Deutschkron ihren Schutzengeln ein Denkmal gesetzt. Seit dem Herbst 2004 erinnert nun auch eine Porzellantafel am Haus an das Ehepaar, das Kopf und Kragen riskierte, um Deutschkrons zu helfen. Die Historiker haben dafür den Begriff "Rettungswiderstand" geprägt.

Etwa 1400 untergetauchte Juden verdanken solch mutigen Menschen ihr Leben. Einer davon war auch Hans Rosenthal, der spätere Fernseh-Quizmaster. Drei Frauen versteckten ihn in einer Lichtenberger Laubenkolonie. Menschen wie sie, schrieb er, hätten es ihm ermöglicht, nach dem Krieg ohne Hass in Deutschland zu leben. Man ist versucht, ihm beizupflichten. Solche Geschichten geben Halt.

BAHNHOF GRUNEWALD

Schotter,Gleise, Schwellen. Das übliche Stillleben ausrangierter Bahnanlagen, mit mageren Birken und Schuttflora. Unten an der Böschung Kerzenstummel und verdorrte Kränze. Ein Denkmal in zwei Teilen.

Am Bahnhofsvorplatz wellt sich die 18 Meter lange Betonwand des Bildhauers Karol Broniatowski. Die Schale wie Borke geriffelt und zerfurcht. Darin mehrere Aussparungen in Form menschlicher Umrisse, wie große Schlüssellöcher. Durch sie hindurch späht man ins Nichts. Das Gros der mehr als 50.000 aus Berlin deportierten Juden wurde entweder von hier oder vom Güterbahnhof Putlitzstraße in die Vernichtungslager abtransportiert. Vier Pfennig berechnete die Bahn pro Passagier und Kilometer.

Geht man die Rampe hoch, stößt man auf ein zweites Denkmal. Entlang der Gleise steht auf Stahlplatten eine Fahrgaststatistik besonderer Art eingestanzt: "Auschwitz 1210 | Auschwitz 1758 | Auschwitz 395". Und so immer weiter. Dieses zweite Denkmal hat die Deutsche Bahn AG gesetzt, Nachfolgerin der Reichsbahn, die die Transporte durch halb Europa zuverlässig und reibungslos bewerkstelligte.

Im Westen erstreckt sich der Grunewald. Ein Fernzug rauscht vorbei. Gleis 17, Geisterbahn, dead end.

Denkmale erinnern - es ist wirklich passiert

HAUSVOGTEIPLATZ


Nur zu, treten Sie näher! Betrachten Sie sich im Spiegel. Es kostet keinen Pfennig! Wie - Sie sehen nur sich? Welche anderen? Ach, die. Die gibt es nicht mehr.

Gleich neben dem U-Bahn-Ausgang neigen sich drei große Spiegel zeltartig zueinander. Außen reflektieren sie die Fassaden des wieder erwachenden Platzes, innen, wie in einer Umkleidekabine, den neugierigen Besucher. Hier lag einmal der Nabel der deutschen Modewelt. Über hundert Jahre hinweg war die Berliner Konfektion weltweit ein Begriff. 70 Firmen gab es allein für Morgenröcke! Nirgendwo sonst in der Stadt machten sich Handel und Wandel derart bemerkbar. Großkaufleute und Kleinhändler, Hoflieferanten und Hinterhoffabrikanten wirtschafteten Tür an Tür. Nur wenige fertigten selbst, die meisten ließen über "Zwischenmeister" bei einem Heer von Heimarbeiterinnen schneidern.

Zwischen Hausvogteiplatz und Spittelmarkt erstreckte sich ein geschäftiger Basar, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Die Konfektionsbranche war eine jüdische Domäne: Die kaiserliche Familie geruhte sich bei Gerson und Liebmann einzukleiden, die Mittelschicht bei Hertzog, Lesser und Levin, das Kleinbürgertum im Ausverkauf. Das quirlige Milieu brachte ein eigenes Vokabular hervor und unzählige Geschichten. Tucholskys Herr Wendriner entstammte ihm ebenso wie Ernst Lubitsch, der als Kommis im väterlichen Betrieb versagte, aber mit Filmklamotten eine Weltkarriere startete. Damals, in den flittergoldenen Zwanzigern, erlebte die Branche ihre zweite Blüte. Die Röcke wurden kürzer und das Leben flotter.

Es dauerte jedoch nicht lange, und die neuen Herren machten dieser Industrie den Garaus. Bis 1938 waren alle Betriebe arisiert. Ihre Vermögenswerte wurden gleich nebenan in der Reichsbank gehortet, heute Sitz des Auswärtigen Amtes. Im Krieg fast völlig zerbombt, schließen sich jetzt erst die riesigen Lücken ringsum. Neues Leben zieht ein: Medienunternehmen, Verbände, Versicherungen. Auch die Jüdische Allgemeine und der wieder erstandene Mosse-Verlag haben sich hier niedergelassen. Es wird wieder ein schickes Quartier. Nur zu, treten Sie näher!

GROSSE HAMBURGER STRASSE 26


Diese lauschige Grünanlage war einmal der älteste Begräbnisplatz der jüdischen Gemeinde. Er wurde 1672 eingeweiht, 1827 geschlossen und 1943 zerstört. Ein Friedhof ohne Tote, selbst die haben sie verfolgt. Von mehreren tausend Grabsteinen blieb, wie es scheint, ein einziger übrig - der von Moses Mendelssohn. Warum haben sie sich an ihm nicht vergriffen? Warum dann aber an allen anderen? Tatsächlich handelt es sich um eine Nachbildung, den Grabstein eines Grabsteins. Als melancholischer Solitär steht er im stillen Winkel. Aber das macht nichts, würde Herr Moses vielleicht in seiner zuvorkommenden Art sagen.Wer die Vernunft liebt, ist stets in guter Gesellschaft.

Als er mit 14 Jahren am Rosenthaler Tor, dem Checkpoint für Juden, Einlass begehrte, soll er auf die Frage des Wachpostens, was er denn in Berlin wolle, geantwortet haben: "Lernen!" Er wurde zum Stammvater jüdischen Geisteslebens in Deutschland, ein bewunderter Freund von Kant und Lessing, für dessen "Nathan" er Modell stand. Auch seine Nachfahren befruchteten die preußische Residenz: Tochter Brendel, die nach ihrer Heirat Dorothea Schlegel hieß, bescherte ihr gemeinsam mit anderen jüdischen Salonièren die erste kulturelle Blütezeit, und Enkel Felix erlangte als romantisches Musikgenie Unsterblichkeit.

Die Große Hamburger Straße hieß im Volksmund "Toleranzstraße", weil dort verschiedene Bekenntnisse gutnachbarlich koexistierten. Das jüdische Altersheim nebenan wurde unter den Nazis zum Sammellager umgebaut und für viele Tausende zur letzten Adresse in Berlin. Die "Jüdische Freischule", von Mendelssohn inspiriert, blieb erhalten. Vom Schulhof dringen Stimmen herüber. Es wird wieder gelernt.

BAYERISCHES VIERTEL


Vor hundert Jahren ließ die Bauunternehmerfamilie Haberland in Schöneberg ein vornehmes Viertel anlegen. Mit wuchtigen Wohnhäusern in altdeutscher Manier, gesäumt von Vorgärten und grünen Höfen. In die weitläufigen Wohnungen zog wohlsituiertes Bürgertum mitsamt Dienstboten ein: Beamte, Kaufleute, Ärzte und Psychoanalytiker. Nicht wenige davon waren Juden, jeder Sechste vielleicht, so dass man die Gegend als "Jüdische Schweiz" apostrophierte.

Wie an diese Welt erinnern? Statt eines gewichtigen Monuments entschied man sich für ein begehbares Geschichtsbuch. An 80 Straßenlampen des Viertels prangen Schilder - klassische Medien der Macht. Zug um Zug verzeichnen sie die Etappen der Entrechtung. Auf der einen Seite zitieren sie Verbote, Verfügungen, Dekrete, Sonderabgaben, das ganze Arsenal aus den Folterkammern der Bürokratie. Einige scheinen gespenstisch alltäglich - "Juden werden aus Gesangsvereinen ausgeschlossen", "Juden dürfen keine Haustiere mehr halten" -, andere existentiell: "Jüdische Ärzte dürfen nicht mehr praktizieren."

Die Installation von Renata Stih und Frieder Schnock lässt einen begriffsstutzig werden. Man bleibt davor stehen, liest und erschrickt. Auf der Rückseite der Schilder prangen bunte Bildsymbole, die ebenso naiv wie abgründig die jeweilige Schikane bezeichnen: eine Notenzeile ("Wem Gott will rechte Gunst erweisen?"), ein leerer Vogelkäfig, ein Praxisschild. Sie geben diesem Denkmal eine schmerzhaft-spielerische Note, lassen den Parcours zu einer Art Schnitzeljagd des Unrechts werden. Das Spiel heißt Memory.

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Autor:
Stefan Schomann