Europop Die wilden Zeiten sind vorbei

Wer mit Slogans wirbt wie "das erste Musikhotel Europas" oder "Check ein in die Welt der Musik!" ruft unweigerlich Spötter auf den Plan. Vor meinem Kurzbesuch im markanten Backsteinbau am Friedrichshainer Spreeufer in Berlin, passend gelegen zwischen Universal Music und den Pop-Sendern MTV und VIVA, hat mir ein Witzbold-Kumpel empfohlen, die Zimmer auf ihre "leichte Verwüstbarkeit" zu überprüfen. Er spielte damit auf das Rock-'n'-Roll-Klischee an, dass Bands auf Tour ja mit großer Hingabe Hoteleinrichtungen zertrümmern würden. Nach dem Motto: Waschbecken rausreißen, Fernseher aus dem Fenster werfen, Bettdecken ankokeln. "Und ein explizites Musikhotel muss diesen Service natürlich auch bieten", meinte er milde grinsend.

Kreativmanagerin Semira Glass muss ebenfalls lächeln, als ich sie beim Rundgang durch die rosa-grauen Zimmer im Retro-Future-Look nach schlimmen Rocker-Erfahrungen im ersten Halbjahr nach der Eröffnung des nhow-Hotels im Dezember 2010 frage: "Diese wilden Zeiten in der Popkultur sind doch schon länger vorbei, oder?!", stellt sie gegenfragend in den Raum. "Von Krawallschachtel Pete Doherty mal abgesehen. Doch der war noch nicht bei uns."

Stattdessen verweist sie auf eine vielfältige Mischung aus Stars und Sternchen, die bislang vom "Rundum-Paket" inklusive hauseigenem Tonstudio mit digitaler und analoger Aufnahmetechnik begeistert waren. Von der britischen Newcomer-Band Glasvegas über Rapper Kool Savas bis hin zu Mambo-König Lou Bega oder Uraltmeister Johannes "Jopi" Heesters. Insofern spiegelt sich in den multifunktionalen Dachbügeln, die auf der achten Etage spektakulär über Spree und Stadtlandschaft hinausragen, auch der Wandel im internationalen Pop-Universum wider. Und hier gehört kindsköpfige Zerstörungswut in der Tat zu den aussterbenden Macken vergangener Musiker-Generationen.

Die frühen Beatles hausten noch in - heute legendären - Absteigen links und rechts der Hamburger Reeperbahn. Der heroinabhängige Punkrocker Sid Vicious setzte sich im New Yorker Hotel Chelsea (die Mutter aller Künstlerhotels!) den goldenen Schuss. Vorher musste die NYPD bereits seine Groupie-Freundin Nancy Spungen erkennungsdienstlich behandeln: Sie war mit diversen Messerstichen tot aufgefunden worden. Solche Revolvergeschichten in und um Hotels gehören zur Pop-Historie wie eingetretene Basstrommeln oder zerdepperte E-Gitarren. Led Zeppelin feierten Orgien im noblen Hollywood-Palast Chateau Marmont, von dessen Dach sich der tragische Westcoast-Poet Jim Morrison einst stürzte. In London gibt es seit den Swinging Sixties über ein Dutzend legendäre Nobelhäuser, die von der Popszene vereinnahmt worden sind. Mit dem notorischen Partymacher und Extremkünstler Martin Kippenberger gelangte dieses "Konzept" Anfang der Achtziger auch nach Deutschland. Das Künstlerhotel Chelsea in der Kölner Neustadt zehrt bis heute von den langen Nächten in der hauseigenen Bar.

Aus all diesen Legenden haben die nhow-Strategen, die letztlich in einem hart umkämpften Regionalmarkt 304 Zimmer auslasten müssen, eine durchaus vielschichtige Aura geschaffen. Wo Drogen und Lärm verständlicherweise nicht eingeplant sind. Im nhow-Hotel, das als deutsches Unikat zur spanischen Großkette "nh" gehört, ist jedes Eckchen im biomorphen "Blob"-Design. gehalten. Selbst die angeschlossene "Seven Star"-Galerie im halbfertig-rauen Beton-Look versteht sich als bewusster Gegenpol zum von Design-Guru Karim Rasheed gestalteten Raumschiff in pink. Tonstudio-Chef Rene Rennefeld etwa, der parallel auch die renommierten "Hansa-Studios" managt, legt großen Wert darauf, dass sowohl der Fender-Gitarrenservice als auch die Amateur-Sessions, welche die Hotelgäste nach Voranmeldung spielen können, durchaus unter Profi-Bedingungen laufen.

"Wir wollen hier keine Kirmes", bekräftigt er mit Nachdruck und demonstriert das individuell zu bestimmende Lichtkonzept in den Regieräumen. Beim Hinabschweben aus der Studio-Etage, in dem eine Online-Firma gerade eine "Teambuilding-Einheit" abgeschlossen hat, stellt Kreativfrau Glass noch einmal klar, dass über 90% der Gäste, die rund 170 Euro pro Nacht und Einzelzimmer bezahlen, natürlich keine Rocker und Roller sind, sondern ganz normale Stadttouristen oder Geschäftsleute. "Eine etwas andere Publikums-Mischung, die sich in diesem Umfeld pudelwohl fühlt. Für Mainstream-Reisegruppen sind wir sicherlich zu speziell."

Autor:
Ralf Niemczyk