Berlin Die Mitte der Hauptstadt

Was ist überhaupt dran am Alexanderplatz? Der Ruhm des Romans von Alfred Döblin, der nach Krieg und Exil in Deutschland vergessen war, seine Bücher schlecht verkaufte und unversöhnt starb. Fliegende Händler verhökern hölzerne Matrjoschka-Puppen und üppige Pelzmützen, die einst als Insignien des kommunistischen Funktionärsstandes galten. Südamerikaner mit Silberschmuck. Vermietbare Werbeflächen, Imbissstände. Überall Sitzgelegenheiten,Treppenstufen, Steinbänke, die Stühle im Zillegarten. Am liebsten sitzt der Mensch auf dem Rand am Springbrunnen des, wie man heute sagt, Staatskünstlers Walter Womacka, den die Ostberliner wegen seiner emaillierten Ausstattung nicht, wie vorgesehen, Brunnen der Völkerfreundschaft, sondern Nuttenbrosche nannten. Zeit zum Trinken, Lesen, Flirten, Zigaretten drehen, Betteln, Gähnen und Schlafen. Hinter den Hintern der Sitzenden turnen noch die Kinder herum, so breit ist der Brunnenrand.

Über allem hängt seit je die Frage, wie man einen Platz von dieser Dimension bespielt.Teillösungen sind da. Ständig wird irgendwo gebaut, rattert ein Presslufthammer. Die Straßenbahn schleicht von Süd nach Nord und von Nord nach Süd. Das sanierte Berolina-Haus sucht Mieter für exklusive Büroflächen. Gesunde Bratwurstverkäufer konkurrieren mit Bratwurstverkäufern, die im Rollstuhl sitzen. Die übelste Toilette Berlins wird durch die Wall AG generalüberholt und dabei zur Toilettenanlage ernannt. Hartz-IV-Empfänger erwerben durch das Aufstöbern leerer Flaschen ein Vermögen, wie ich gerade im Radio gehört habe.

Rendezvous an der Weltzeituhr. Die bei laufendem Verkauf gründlich umgebaute Galeria Kaufhof mit der hellgrauen Steinfassade scheint in ihrem neuen Glanz die Leute eher einzuschüchtern als anzuziehen. Minder erfolgreiche Geschäftsleute in ausgebeulten Anzügen. Rucksäcke aus aller Herren Länder auf den Rücken müder Weltwanderer. Leute mit Aussichten, Leute ohne Aussichten. Hunde und ihre Punker. Ungedopte Fahrradfahrer, Modepüppchen, kuriose Paare. Auf jeden Topf passt irgendwie ein Deckel. Die Einheimischen wirken mürrisch, die Fremden neugierig. Man kann hier stundenlang beobachten, wie das Leben läuft oder auch gegen die Wand fährt.

Die Besenkammer-Bar unter der S-Bahnbrücke hat rund um die Uhr geöffnet, eine unsterbliche, systemübergreifende Szenekneipe. Man(n) fühlt sich hier wohl, lautet der diskrete Hinweis an der Tür. Ich sehe, dass der Name Besenkammer treffend gewählt, aber Mann nicht unter sich ist. Eine leutselige Vollschlanke erzählt zum dritten Mal, dass man ihr am Montag, dem 16., auf dem Potsdamer Platz beim Rotweintrinken 500 Euro und sämtliche Papiere gestohlen hat. Seien Sie endlich still, das wollen wir gar nicht hören!, klagt ein Kahlkopf mit zarter Haut. Ist doch meine Sache, sagt die Dicke, soll ich Ihnen Ohropax geben? Der Empfindsame winkt ärgerlich ab, bezahlt und entschwindet.

Zwischen Rathaus- und Karl-Liebknecht-Straße erhebt sich der Fernsehturm, dem ein Park vorgelagert ist, den neuerdings ein Volleyballplatz und traditionell der Neptunbrunnen determiniert, daneben das Rote Rathaus, vor dem sich zwei Plastiken von Fritz Cremer befinden, Aufbauhelfer und Aufbauhelferin. Die junge Frau, die Schaufel geschultert, wirkt interessanterweise ein bisschen geistesabwesend, was vielleicht auch (oder auch nicht) auf die beiden lebendigen Schutzpolizisten zutrifft, die das Rathaus bewachen und extrem unerschrocken aussehen. Als Berliner Typen in Uniform sind sie beliebte Ansprechpartner der Touristen, die sich gern mit ihnen zusammen fotografieren lassen. An der Ecke spielt ein Junge aus Kasachstan Pariser Lieder auf dem Akkordeon, und dann beginnt das Nikolaiviertel.

Nach dem Krieg standen hier noch vier Häuser und die Ruine der Kirche, erläutert ein Reiseführer namens Richard Brink.Vier? Ich habe gehört acht, sagt eine Dame aus Aachen. Dann haben sie aber die Hinterhöfe mitgezählt, erwidert Herr Brink geistesgegenwärtig. An dieser Stelle, wo sich zwei große Handelsstraßen kreuzten, stand die Wiege Berlins. Hier musste man die Spree überqueren, Brücken gab es nicht, eine Furt wurde angelegt, da ist heute die Mühlendammbrücke, Marktflecken entstanden, als dann die Teilstädte Cölln und Berlin. Als man um das Jahr 1979 die 750-Jahrfeier Berlins vor der Brust hatte, entschloss sich die DDR, das Viertel um die Kirchenruine historisierend wieder zu errichten. Viele Leute sagten vorab, während des Baus und danach verächtlich, das sei Disneyland, aber die DDR, wenn man sie einmal personifizieren darf, hat das eher als Lob genommen, denn heimlich bewunderten die Funktionäre den Westen und besonders Amerika immer; das steckte einfach so drin.

Die späte Mühe der alten Bauherren

Der Staat erwarb von der Kirche die Nikolaikirche, die die nun bald 800-jährige Geschichte Berlins miterlebt und -gestaltet hat und seit der Wiederherstellung als Museum dient. Mit begrenzten Mitteln wurde die Häuserzeile um die Kirche nach alten Aufrissen gemauert, darunter das eventuell älteste Lokal von Berlin, "Zum Nussbaum", das ursprünglich ein paar hundert Meter weiter auf der Fischerinsel stand. Die Häuserzeile Am Nikolaikirchhof reanimiert die Häuser, die hier wirklich gestanden haben, darunter jenes, in dem Lessing eine Weile lebte, auch wenn er hier nicht, wie es auf der Tafel steht, die Minna von Barnhelm schrieb, sagt Herr Brink, das geschah über zehn Jahre später am Alexanderplatz in einem Haus, das nicht mehr existiert. Den weiteren Ring bilden kleinteilige Plattenbauten, die sich Anpassung an den historischen Stil vorspielen. Überall Läden, überall Lokale.

Das späte Bemühen sozialistischer Bauherren, notgedrungen eklektizistisch, wird von den Scharen pflastermüder Touristen gern angenommen. Die Angebote reichen vom Minibuchladen bis zum Theater im Nikolaiviertel, das sich im Keller der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus "klein, fein, unterhaltsam", mit Heinrich Zille an der Spitze, konsequent dem Thema Berlin widmet.

Im Nussbaum-Garten sitze ich zwischen einer Familie aus Dänemark und einer Reisegruppe aus Bremen, die sich über den Namen der Inhaberin freut: Ute Karpinske. Noch größer ist die Freude, als die Wirtin - um eilige Bedienung gebeten - sagt: Dann müssense in' Schnellimbiss jehn, meine Damen. Die Damen aus Bremen haben heute schon das Haus gesehen, in dem Angela Merkel wohnt, und jetzt bekommen sie noch ein bisschen Herz und Schnauze, da hat man daheim was zu erzählen.

In Berlin kommt einiges zusammen. Knapp hinter dem Nikolaiviertel, gleich neben der Spree, ereignet sich der Abriss des Palastes der Republik, der modern ausgedrückt ein selektiver Rückbau ist und von einer Sonderausstellung begleitet wird. Zu Füßen sind einige Keller des Stadtschlosses freigelegt worden, und das Portal der Lustgartenfront des Schlosses verziert das ehemalige Staatsratsgebäude, jenes Portal, von dem aus Karl Liebknecht 1918 die "freie sozialistische Republik" ausrief. In diesem Haus arbeitet jetzt eine private Hochschule zur Ausbildung von Managern.

Offenbar hat sich in Berlins Mitte eine Schicht von Rentnern und Hartz-IV-Empfängern herausgebildet, die überall dabei ist, wo etwas geschieht. Hier starren sie fasziniert auf das Bauareal neben dem monumentalen Auswärtigen Amt, individuelle Wohnhäuser mit zum Teil gewerblicher Nutzung entstehen hier. Dazu mussten mühsam die Fundamente der alten Reichsbank durchbohrt und ausgebaut werden. Fast alle der rund fünfzig Townhouses stehen bereits. Schmale vier- bis fünfstöckige Eigentumshäuser für junge Eliten, nach eigenen Wünschen ausgeführt, die innerstädtisches Wohnen mit neuem Glanz versehen sollen.

Mindestens eine Million Euro kostet ein Grundstück mit so einem schlanken Haus. Das ist die Zukunft der Stadt, schwärmen die Befürworter. Noch leben die ersten Besserverdienenden auf einer Baustelle. Wenn sie sich davon erholen wollen, brauchen sie nur fünf Minuten zum Gendarmenmarkt. Da ist alles fertig. Der strenge Klassizismus von Schinkels Schauspielhaus, aus dem ein Konzerthaus wurde. Die schier grenzenlose Freitreppe, so gut wie nie benutzt. Der Deutsche Dom, der Französische Dom, die das Konzerthaus gleichrangig einrahmen. Die modernen Blöcke der Platzumbauung, kurz entschlossen und schnell gebaut, schneiden neben den historischen Bauten noch nicht so gut ab. Die Geschichte muss wohl erst noch kommen, die ihnen vielleicht Gesichter gibt. Mindestens drei Touristengruppen haben sich auf den Treppen des Konzerthauses und neben dem Schiller- Denkmal platziert, sie heben beglückt die Köpfe, als das Glockenspiel des Französischen Doms auf seine eckige Art zu spielen beginnt. Über den Dächern hat der Springer-Verlag einen Ballon mit heißer Luft und dem Logo der "Welt" in den Himmel gehängt. No guru, no method, no teacher, krächzt Van Morrison aus einem langsam vorbeifahrenden BMW.

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Autor:
Fritz-Jochen Kopka