Berlin Die Mauer als Narbe der Stadt

Als die Mauer fiel und alle "Freiheit" riefen, da hoffte Frau Prokot auf Schlaf. Als die Mauer endlich auch vor ihrem Haus abgerissen wurde, da hoffte sie noch immer. Sabine Prokot ist heute 51 Jahre alt und hat das Hoffen satt. Tief und ruhig zu schlafen ist ihr wichtig - jedenfalls wichtiger als Mauerreste und Denkmalschutz. Und vor allem wichtiger als diese gottverdammte Lampe, die früher den Todesstreifen taghell erleuchtete und heute noch immer das Prokotsche Schlafzimmer. Sobald es dämmert, schaltet sie sich ein und überzieht alles mit ihrem grellorangenen Licht. Seit 21 Jahren geht das so.

1984 war Frau Prokot in die schmale Bouchéstraße gezogen, auf die Ostseite. In der Mitte verlief die Mauer und trennte Treptow (Ost) von Neukölln (West). Auch von der Küche aus konnte Frau Prokot direkt in den Todesstreifen blicken, wenn sie das wollte, aber das kam nicht oft vor. Lieber sah sie darüber hinweg und hinein in die Fenster auf der anderen Seite. Und manchmal zu Silvester haben sie und ihr Mann dem alten Ehepaar drüben im ersten Stock zugeprostet. Selbst das war nicht erlaubt. Nach dem Mauerfall haben sie sich einmal getroffen, zufällig, auf der Grünen Woche. "Eigentlich merkwürdig", sagt Frau Prokot, "als die Mauer noch stand, da hatten wir fast mehr Kontakt."

Doch sie steht nun mal nicht mehr. Die Mauer, die sich 28 Jahre lang wie eine böse Schlange durch die Stadt gewunden hat, ist fast vollständig verschwunden - zerhämmert, geschreddert, verscherbelt, bis auf drei kümmerliche Reste: ein bemalter Streifen namens , ein renoviertes Mahnmal an der Bernauer Straße und eine durchsiebte Wand hinterm Finanzministerium.

Das war's - jedenfalls von den 3,60 Meter hohen Betonsegementen, die man gemeinhin "die Mauer" nannte. Von den vielen Sperrelementen, die direkt dahinter lagen, lassen sich bis heute Spuren finden - Teile der Hinterlandmauer oder Reste des Signalzauns, Spuren, die wie Puzzleteile verstreut sind, die langsam verschwinden und zusammen kein Bild mehr ergeben. Allgegenwärtig bleiben nur die großen Brachen, die wie schlecht verheilte Narben die Stadt überziehen - und die grelle Laterne von Frau Prokot.

Als die Mauer fiel, hatten die meisten Berliner nur eines im Sinn: diesen monströsen Limes so schnell wie möglich zu entsorgen. Und mit ihm die Panzersperren, die Wachtürme, die DDR-Kontrollbaracken. Sogar die Grenztruppen halfen eifrig. Man wollte ihn einfach nicht mehr sehen. Man wollte, dass diese Wunde so schnell wie möglich verheilt. Doch nach der Euphorie kam der Phantomschmerz: Die Mauer ist weg und tut doch noch immer weh. Vielleicht fehlt den Berlinern auch darum bis heute der zündende Gedanke zum Gedenken an die Mauer. Das Einzige, worauf sie sich einigen konnten, ist ein künstliches Mahnmal, das keiner recht mag, ein kleines , das kaum jemand kennt, und ein Band aus Pflastersteinen, das die meisten übersehen.

Eingelassen in den Straßenasphalt soll dieses Band den Verlauf der Mauer nachempfinden. Und so fließt es hinterm Reichstag entlang und am Brandenburger Tor vorbei, biegt hinterm Potsdamer Platz rechts ab, um später am quer über die Friedrichstraße zu führen - genau an jener Stelle, wo der junge Hagen Koch am 15. August 1961 mit weißer Farbe den ersten Grenzstrich zog. Genau da, wo sich zwei Monate später amerikanische und sowjetische Panzer feindselig gegenüberstanden und sich die Welt drei Tage lang am Abgrund sah.

Früher war Hagen Koch Hauptmann der Staatssicherheit, heute betreibt er ein privates Mauerarchiv und stiftet regelmäßig Unruhe, wenn es um die Mauer geht. Er weiß viel, und vor allem weiß er vieles besser. Darum hat er auch mit diesen Pflastersteinen so seine Probleme. Nicht, weil dadurch sein weißer Strich verschwand, sondern weil sie den Verlauf der Mauer nur aus Sicht der Westler zeigen. Aber der "antifaschistische Schutzwall" hat doch vor allem die Menschen im Osten eingesperrt! Und bis an diese letzte, graue Wand ist kein Ostler je gekommen! Davor lagen der Todesstreifen mit Panzersperren und Schießbefehl, das Sperrgebiet und jede Menge Grenzer - kurzum: "Die Pflastersteine liegen an der falschen Stelle", sagt Koch. Das macht ihn richtig wütend.

Egal, ob sie nun richtig liegen oder nicht - ein paar Pflastersteine sind den meisten Berlin-Besuchern als Andenken zu wenig. Ein bisschen plastischer dürfte es schon sein. Ein bisschen was zum Fassen. Zum Fühlen. Zu Tausenden strömen sie darum täglich an den einstigen alliierten Grenzübergang - postieren sich vor den Sandsäcken an der nachgebauten US-Kontrollbaracke, posieren neben Studenten, die sich als Soldaten verkleidet haben, und feilschen mit türkischen Straßenhändlern, deren Vorrat an "originalen" Mauerstücken und Russen-Mützen nie versiegt.

Die Mauer hat sich für immer eingebrannt

Die echten Kontrollanlagen sind verschwunden, Investoren haben links und rechts der Grenze moderne Bürohäuser hochgezogen. Doch noch immer gibt es freies Bauland. Seit 1989 hat dieser historische Ort so manches Provisorium erdulden müssen: einen Jahrmarkt mit Würstchenbuden, ein Zelt mit Kunst aus Eisenschrott, einen profanen Parkplatz. Zu guter Letzt hat die Chefin des benachbarten privaten Mauermuseums sehr eigenmächtig hunderte riesige Holzkreuze aufstellen lassen und davor die Mauer neu errichtet, ebenfalls an völlig falscher Stelle. Es kam zu einem Riesenkrach und kracht weiter - irgendwie ist das Gedenken aus dem Lot geraten.

Nur nebenan, im Museum "Haus am Checkpoint Charlie", scheint alles so zu sein wie früher, als die echte Mauer noch stand und Kalte Krieger tobten, als die Menschen Tunnel gruben und in enge Kofferräume stiegen. Die Zeit steht still. Die Kasse klingelt. 700.000 Besucher kommen jedes Jahr - nur ins Pergamonmuseum pilgern mehr.

Sie haben nicht viel Zeit, sie haben nur zwei Tage. Bundestag und Stadtrundfahrt und einige wollen lieber gleich zum KaDeWe: 40 Bayern auf Berlin-Besuch und mittendrin der Grundner Konrad. 53 ist er und beileibe nicht zum ersten Mal in dieser Stadt. Er kennt sie schon von früher, als die Mauer noch richtig stand. Alles war sehr aufregend, sagt er, und immer auch ein bisschen traurig.

Der Reisebus hat die Gruppe in die Bernauer Straße gebracht, dorthin, wo Mitte (Ost) auf den Wedding (West) stößt, dorthin, wo heute ein offizielles Mauermahnmal steht und Claudia Knappert vor Kälte in die Hände klatscht. Sie wird die Gruppe führen, wird von der gesprengten Versöhnungskirche sprechen, von abenteuerlichen Tunnelfluchten und davon, wie Ida Siekmann starb, nachdem sie aus dem Fenster in ein Tuch der West-Berliner Feuerwehr springen wollte, damals im August 1961.

Regine Hildebrandt, die spätere Brandenburger Sozialministerin und Sirene des Ostens, ist in dieser Straße aufgewachsen. "Wenn man aus dem Fenster jekiekt hat, dann war man mit dem Kopp im Westen und mit dem Hintern im Osten", hat sie mal gesagt. Und so war es auch: Der Bordstein war die Grenze, die Fassade die Mauer, bis man die Häuser abriss, eine breite Schneise schlug und eine echte Mauer baute.

Das ist genau das Stichwort, auf das die Bayern gewartet haben. "Ja, wo ist sie denn nun?", grummeln sie. Frau Knappert zeigt über die wildbewachsene Brache hin zu einer riesigen, rostigen Metallwand. "Dahinter verbirgt sich der einzige, fast vollständig erhaltene Abschnitt: 60 Meter Vorder- und Hinterlandmauer, dazwischen der geharkte Todesstreifen."

Der Grundner Konrad lächelt traurig. Er braucht die Gedenkmauer nicht. Er sieht sie immer noch, die echte Mauer, sieht sie überall und auch dort, wo gar nichts mehr von ihr zu sehen ist. "Die hat sich für immer eingebrannt", sagt er. Aber jetzt, wo fast alles abgerissen ist, da fragt er sich schon, wie man einmal den Jüngeren erklären will, dass diese Stadt, das Land, die ganze Welt in Ost und West gespalten war. Jetzt, da es nichts mehr gibt, das sich einbrennen könnte, denkt er manchmal: Vielleicht hätte man doch ein bisschen mehr von ihr erhalten sollen.

Es ist nicht so, dass damals alle danach schrien, die Mauer sofort abzureißen. Es gab auch einsame Rufer, die versuchten, wenigstens einige Teile zu retten. Thierry Noir zum Beispiel. Er war Anfang der achtziger Jahre mit zwei Koffern aus Lyon nach West-Berlin gekommen. "Weil alle nach Berlin gingen." Und nannte sich fortan einen Künstler, "weil das jeder machte". Er zog in ein besetztes Haus nach Kreuzberg mit Aussicht direkt auf diese hässliche Wand. Der Anblick hat ihn fast krank gemacht. Und so nahm er eines Tages Farbe und begann, sie zu bemalen, malte große bunte Köpfe, die aus leeren Augen glotzten, ganz simpel, ganz schlicht. "Weil es schnell gehen musste." Weil es immer wieder Ärger gab. Mit Grenzern, deren Mauer er befleckte. Mit Autonomen, deren Parolen er übermalte. Mit West-Berlinern, die ihm vorwarfen, er überschminke ein schreckliches Schandmal.

Er malte einfach weiter, in Kreuzberg und am Potsdamer Platz und weiter und weiter und wurde der West-Berliner Mauermaler - bis 1989 die Grenze aufging und er endlich auch die Ostseite der Wand für seine Köpfe nutzen konnte. Mehr als hundert Künstler schufen damals eine riesige Freiluftausstellung - die in Friedrichshain. Noch heute fährt Thierry Noir regelmäßig hin, um den Anstrich zu erneuern. Inzwischen muss er vorher einen Antrag stellen, denn die 1,3 Kilometer lange Mauergalerie steht unter Denkmalschutz.

Heute ist das Mauermalen ein bisschen bürokratisch, nicht mehr wild und anarchisch wie früher. Trotzdem ist Noir froh, dass die Zeit der Teilung vorbei ist. Er hat immer gefühlt, dass es die Menschen irre machte, auf einer Insel zu leben. Dass sie nur noch in Berlin hingen. Dass sie sich an ihr Frontstadt-Gefängnis gewöhnten. Damals kannte er einen Typen, der bewegte sich nicht mehr aus Kreuzberg raus, blieb einfach tagein, tagaus da hocken. Nur einmal im Jahr zu Weihnachten, da fuhr er zur Familie. Die wohnte im Wedding.

Von der Zeit der Mauer sind vor allem diese unzähligen Geschichten geblieben - von Weltpolitik und persönlichem Schicksal, selten lustige, meistens traurige. Auf den Schneisen, auf denen früher Menschen um ihr Leben rannten und viel zu viele starben, verrotten heute "Zu verkaufen"-Schilder. Und so erinnert an das Bauwerk Mauer vor allem die Leere, die sie hinterlassen hat - und die Merkwürdigkeiten, die es nur gibt, weil es einmal eine Mauer gab: der , der früher alles überragte und sich heute zwischen rosa Neubaublocks duckt. Oder diese windschiefe Laube samt Obstbaumgarten, die am Kreuzberger Bethaniendamm auf einer Verkehrsinsel hockt - die Laube von Opa Osman und seiner Frau.

Ohne Mauer wären die Kalins nie zu ihrem Gärtchen gekommen. Ohne Mauer hätte es das Grundstück nie gegeben. Denn sie hielt sich hier nicht an die Grenze - die Grenze machte einen Knick, die Mauer aber beschrieb davor eine Kurve und so blieb zwischen Kurve und Knick ein Dreieck liegen. Die Westberliner Behörden waren nicht zuständig, denn das Dreieck gehörte offiziell zu Ost-Berlin. Die Ost-Berliner aber konnten es nicht betreten, denn für sie lag es hinter der Mauer. Und so kam der West-Berliner Türke Osman Kalin und nahm sich dieses Niemandsland zum Geschenk.

86 Jahre alt ist er jetzt und noch immer sieht man ihn mit weißem Rauschebart und Häkelmützchen über sein Kohlbeet schleichen. Früher gehörte ihm der Garten allein, doch vor ein paar Jahren haben sich die Kalins einen anderen Türken ins Paradies geholt, einen Freund, wie Osman Kalin sagt. Aber sie scheinen sich nicht besonders gut zu verstehen. Man redet nicht gern drüber, es ist nur so: Inzwischen trennt ein Zaun die beiden Gärten - keine Mauer, immerhin.

Schlagworte:
Autor:
Jan Rosenkranz