Berlin Die Kunstszene der Hauptstadt

In Restdeutschland wird in den Mai getanzt. In Berlin gibt es das Gallery Weekend. Seit sieben Jahren trommeln die wichtigsten Galerien der Stadt, inzwischen 44 an der Zahl, Kunstsammler, Kuratoren, Kritiker und Künstler aus aller Welt zusammen, um drei Tage lang (diesmal vom 29.4. bis zum 1.5.) die Türen zu öffnen, Cocktails und Dinners auszurichten und sich - wie in Berlin ja nicht unüblich - so richtig schön selbst zu feiern. Inzwischen hat sich der Event zum Höhepunkt aller Kunstveranstaltungen in Deutschland entwickelt, bei dem selbst Messen oder Großausstellungen nicht mithalten können.

Einen Ablaufplan gibt es nicht. Am besten, man schwingt sich aufs Fahrrad - da endlich auch in Berlin ein paar Blätter an den Bäumen sind, ist das nicht mehr so schlimm, wenn man von psychotischen LKW-Fahrern absieht - oder setzt sich am besten gleich ins Cabrio und rauscht von Ausstellung zu Ausstellung.

Da sich die Galerien inzwischen über die ganze Stadt verteilt haben und nicht mehr nur an der Auguststraße oder am Checkpoint Charlie residieren, sollte man sich Knotenpunkte vornehmen: Etwa die windigen Ecken um das Axel-Springer-Gebäude, den Strich auf der Potsdamer Straße oder den gediegenen alten Westen am Savignyplatz. Wer Schwierigkeiten hat, die Eingänge zu finden - manche Galerien sitzen heute versteckt in noblen Altbauwohnungen oder ehemaligen Postfilialen - gilt die Regel: Immer der Meute nach. Denn am Gallery Weekend kann man sicher sein, dass da, wo besonders viele Menschen mit großen schwarzen Brillen und Röhrenjeans herumlaufen, auch Vernissagen sind.

In den Ausstellungsräumen geht es jetzt angenehm wuselig zu, es ist nicht so still und steril wie sonst. In den Back-Offices warten Schampusflaschen, und insgesamt herrscht ein reges Rein und Raus, begleitet vom kunstbetriebsüblichen Showing-Off: Gegenseitiges Abchecken und Abwägen, wen man grüßt und wen nicht, es wird scheel zugenickt oder Küsschen gegeben und eifrig erzählt, man sei irrsinnig im Stress mit irgendwelchen Projekten in Hongkong oder Istanbul, die der andere sofort wieder vergisst. Aber es ist großartig, alle sind gut gelaunt und fiebern dem Abend entgegen, während man immer trunkener wird von Sonne, Sekt und Statusgequatsche. Nebenbei kann man zusehen, wie so mancher spröde Galerist den New Yorker Großsammler, Frankfurter Museumsdirektor oder smarten Kurator aus Amsterdam umschwärmt.

Das Verschwinden Ai Weiweis

Was beim diesjährigen Gallery Weekend auffällt, ist nicht nur die hohe Anzahl der Teilnehmergalerien - die von einem Komitee eingeladen werden und eine vierstellige Summe zahlen - sondern die Tatsache, dass viele von ihnen noch nicht lange am Markt dabei sind. Und genau das macht die Sache diesmal für Einstiegssammler besonders spannend, die sich jüngere Künstler wie Kathrin Sonntag bei Joanna Kamm, Helen Marten bei Johann König oder Øystein Aasan bei PSM genauer ansehen können.

Museales zeigt dagegen die Galerien Nordenhake mit dem polnischen Bildhauer Miroslaw Balka, der für seinen düster-symbolischen Minimalismus bekannt ist, und Mehdi Chouakri mit dem Österreicher Gerwald Rockenschaub, der gerade auch in einer großen Schau im Kunstmuseum Wolfsburg seine hypersynthetischen, computergenerierten Arbeiten präsentiert. Und die Galerie Max Hetzler stellt mit Albert Oehlen einen Altmeister der Punk-Malerei aus, dessen Bruder Markus bei Gerhardsen Gerner zu sehen ist. Berserker der jüngeren Generation sind mit dem performativen Surrealisten John Bock bei Klosterfelde und dem Heldenverwerter Andreas Hofer bei Guido W. Baudach dabei.

Das größte Thema ist bei diesem Gallery Weekend allerdings das Verschwinden Ai Weiweis: Der chinesische Künstler, dessen Festnahme in Peking aufgrund regimekritischer Aktionen gerade die Welt bewegt, hat eine Installation für die Galerie neugerriemschneider geplant - ob die Eröffnung nun mit oder ohne Künstler stattfindet, der keinen Kontakt zur Außenwelt hat, ist momentan das geringste Problem.

Irgendwann wird es dann doch alles ein bisschen viel mit der Kunst, der Tag neigt sich dem Ende zu, und wenn das letzte Werk gesichtet, der letzte Gast gegrüßt und der letzte Small-Talk gehalten sind, verdrängt das Thema Abendgestaltung jede Ausstellung im Raum: Wer bei einem der vielen Galeriedinner eingeladen ist, hat - je nach Sitznachbar - idealerweise ein dionysisches Gelage oder knochentrockenes Fachsimpeln vor sich. Wer keine Einladung hat, geht trotzdem hin, bleibt notfalls mit Bier und Döner vor der Tür stehen und wartet, bis der erste zum Rauchen rauskommt und die Party sich auf die Straße verlagert.

Grill Royal und Jolesch, später King Size oder Münzclub heißen die Läden, in denen am Ende all das aufs Schönste zusammenkommt, was die Berliner Kunstszene so unvergleichlich macht: Studenten und Oligarchen, Intelligenzbestien und Nullnummern, Mitläufer und Querdenker gehen feiernd, fiebernd, flirrend ineinander über und verschmelzen zu einem Sud aus Geist und Glamour, wie es in keiner anderen Stadt gelingt. Besser kann man nicht in den Mai tanzen.

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Autor:
Gesine Borcherdt