Europop Die Hektik nach dem Sturm

Alltagsbetrieb auf der Berliner Museumsinsel. Der Debattensturm der letzten Jahre, in dem das Milliarden teure Sanierungskonzept leidenschaftlich diskutiert wurde, ist abgeflaut. Selbst Oberkritiker Günther Jauch hat sich mit dem neuen Eingangsgebäude von Architekt David Chipperfield versöhnt. Im Frühjahr 2011 wird der Grundstein dafür gelegt.

Während also Ergänzungsbauten wie das "Kompetenzzentrum Archäologie" am landseitigen Kupfergraben unbehelligt wachsen können, muss die Kulturlandschaft auf der Insel mit den Besuchermassen fertig werden: Ein Reisebus spuckt japanische Touristen aus, die sich in die Schlange auf dem Hof vor den Pergamon Museum einreihen. Staunend stehen sie im Sprühregen, bis irgendwann die schützende Dachkonstruktion des vorgebauten Souvenirladens erreicht ist. An der Treppe zum Kassenbereich lungern maulende Schulklassen mit Donut-Kartons herum. Ein Servicemann weist Drängler zurück, die sich durch die Ausgangsschleuse an den Wartenden vorbeimogeln wollen. Für Generalplaner Chipperfield ist das Pergamon Museum, das allein über eine Millionen Besucher pro Jahr zieht, der "fette Elefant" des Ensembles.

Auf den Treppenstufen der zentralen Tempelanlage hocken Menschentrauben mit den Kopfhörern ihrer Audio-Tour-Geräte. Im stummen Dialog mit den griechischen Säulen und Statuen sind sie das eigentliche Kunstwerk. Gleich nebenan wird im wilden Digitalgeknipse versucht, die Raumwirkung von Ischtar-Tor (babylonisch) und Milet-Tor (römisch) einzufangen. Hier spielt sich eindeutig das Popstar-Programm ab, während es bereits im Seitentrakt für die Islamische Kunst deutlich ruhiger wird. Gebetsteppiche, Ornamente oder Kalligraphien taugen offensichtlich nicht für eine Foto-Stampede. Solche Rhythmuswechsel sind charakteristisch für das gesamte Areal. Von Saal zu Saal, von Haus zu Haus. Wer etwas Zeit mitbringt, sollte sich für 14 Euro deshalb die "Bereichskarte" aller fünf Museen leisten. Ein Marathon durch die Kunstgeschichte.

Im Bode Museum etwa ist von brummender Hektik wenig zu spüren. Der Große Kurfürst reitet im Großen Kuppelsaal vorweg, während in der benachbarten Basilika-Halle klösterliche Weihestimmung herrscht. Themensäle wie "Niederrhein und die Niederlande um 1500", Madonnenskulpturen und spätmittelalterliche Tafelbilder verlangen es so. Hier wispern beflissene Kenner ihren Töchtern im Faltenrock kenntnisreiche Geschichten zu. Es gibt faszinierende Blickachsen, wenn etwa hinter "Venus und Amor" aus feinstem Marmor der ICE auf der nahen Bahntrasse vorbeirauscht.

Ein ganz andere Aura verströmt das im letzten Oktober wieder eröffnete Neue Museum, dessen Ticketschalter in einem Baucontainer untergebracht ist und "verfügbare Zeitfenster" zuteilt. Der Einlass erfolgt stündlich und so bleibt Zeit, die Kolonnadengänge mit ihren konservierten Einschusslöchern aus Kriegszeiten zu begutachten. Ein Hinweisschild rät zwar "nicht sofort zur vollen Stunde zu kommen", doch auf der abgeschrägten Zugangsrampe kümmert das natürlich niemanden. Gnädigerweise öffnet sich das 16-Uhr-Fenster bereits um 15:52 Uhr - was prompt eine schubartige Gruppenbildung in der roh renovierten Haupthalle auslöst.

Besonders die Materialqualität von Chipperfields Treppenanlage wird hier eifrig diskutiert. Anerkennendes Staunen in den jahrzehntelang zerstörten Raumfluchten, die mal "halbfertig" mit Fragmenten einstiger Wandgemälde, mal topmodern in hellem Beton inszeniert sind. Von den Vitrinen aus der Stein- und Bronzezeit im oberen Stock über den "Roten Saal" des einstigen Kupferstichkabinetts geht es in ein abgedunkeltes Kuppelzimmer der ägyptischen Abteilung. Und plötzlich steht man vor Königin Nofretete, die sich manch einer "irgendwie größer" vorgestellt hätte.

Die würdevolle Gediegenheit der benachbarten Alten Nationalgalerie ist natürlich ein Thema für sich. Doch selbst ein Überblick ist zur Zeit ohne Stress und Schlangen möglich. Man schwebt an Caspar David Friedrich, Liebermann und Manet vorbei, wo sinnierende Kunstgeschichtler in Tweedsakkos und Halstüchern ein überaus kompetentes Flair vermitteln. Wer nun endgültig zu müde ist, im Alten Museum etruskische und römische Statuen anzuschauen, wirft zumindest einen Blick auf das imposante Pantheon von Karl Friedrich Schinkel. Die griechische Abteilung befindet sich gerade im Umbau.

Autor:
Ralf Niemczyk