Berlin Die Bohème von Mitte

Auf Höhe der Bärenschenke zweigt ein Seitenarm der Friedrichstraße nach Osten ab, zerschellt an einem Flaggschiff von Haus in zwei Teile, die Oranienburger und die Linienstraße. Eine Situation, die sich ein paar Dutzend Meter später wiederholt, wenn sich die Auguststraße im spitzen Winkel von der Oranienburger abspaltet. Nach diesem Auftakt spürt jeder: Wir sind in einer anderen Welt.

Die Linienstraße ist so hell geworden, dass einem an Sonnentagen die Augen wehtun. Galerie neben Galerie. Architektenbüros, Bioläden. Wer konnte sich in der Linienstraße früher Balkons und durchgrünte Höfe vorstellen? Ich sehe in kurzen Abständen exzellent gemachte Ausstellungen russischer Innenarchitektur, polnischer und deutscher Fotos, Popart, Schmuck.

 

Wie stabil die wirtschaftliche Basis ist, weiß kein Mensch. Sicher ist, dass es sich lohnt, die alten Häuser aufwendig zu rekonstruieren. In Berlins Mitte geht die Sehnsucht nach dem Flair der Vergangenheit um, hier ist es zu haben, hier will man wohnen, am besten in den Hackeschen oder den Heckmann-Höfen, in der Großen Hamburger oder der Auguststraße, unter Kreativen, Aufsteigern, Chaoten und Leuten, die immer wieder auf die Füße fallen.

Es sind nur ein paar Schritte bis zum Tacheles, dem Offkulturhaus, dem Rest des Passsagenkaufhauses, das einst die Friedrichstraße mit der Oranienburger verband. Alternative Gruppen haben es besetzt und gerettet. Im Hof blüht ein Chaos, das nicht nur auf die eigene Unruhe antwortet, sondern auch trotzig-konfuse Reaktion auf die Macht- und Wohlstandsdemonstration des neuen Bauens in der Mitte ist, die zwar eine Perspektive, aber keine Geschichte mehr hat.

Sieht so aus, als wäre das Tacheles der Strand, an den die Metropole spült, was sie nicht benötigt und was ihrer überdrüssig ist. Rostiges Eisen, zerbeulte Busse, ungesteuerte Menschen.

Das Aussortierte wird noch mal mit einer Funktion versehen, mit leuchtenden Farben und schrägen Symbolen bemalt. Bars, Luftsitze, Meditationsinseln. In Berlin sammelt sich das Überflüssige nicht am Rand, sondern im Zentrum. Die Stadt ist nihilistisch genug, Flächen ihres wertvollen Grundbesitzes den Toten und den Aussteigern, dem Gedenken und dem Verfehlen zu überlassen. Mit ihren Planwerken erntet sie Spott, ihre Unterlassungen bringen ihr Glück.

Das Wetter hält sich, aber der Himmel ist schwer. Die Schneise in der Mitte des Hackeschen Markts wird immer schmaler. Zu beiden Seiten stehen die Tische und Stühle der Restaurationen, es sieht so aus, als könnte es zum Hauptinhalt des Lebens werden, im Zentrum einer Metropole zu sitzen, einen Salat zu essen, an einem Weißwein zu nippen und dem langsamen Film des laufenden Betriebs zuzusehen.

Wer hier sitzt, hat das Gefühl, nichts falsch zu machen. Ein Geiger und ein Gitarrist spielen die kleine Nachtmusik. Ist es zu süß, ist es zu flach? Spielt keine Rolle. Sie sind Virtuosen, jung, langhaarig, leidenschaftlich. Beifall kommt auf. Das ist selten. Den meisten Leuten geht die unentwegte Straßenmusik auf die Nerven.

In der Rosenthaler Straße fasziniert das gelbe Leuchten der Boutiquen. Man begibt sich in eine Schlucht der Begehrlichkeiten. Coole Geschäfte, coole Klientel. Mitte eines exklusiven Lebensgefühls. Der gewöhnliche Kleinhandel ist ausgebootet und an den nördlichen Rand der Spandauer Vorstadt vertrieben, in die Torstraße. Da sind wir. Alte Häuser, neue Häuser, verwahrloste, rekonstruierte und der brave Versuch, Lücken durch Plattenbauten zu schließen, denen man mit Erkern und Klinkerblenden einen gewissen Charme verleihen wollte.

Hat nicht viel gebracht. Jeder sieht, dass die Torstraße lebt und alles Mögliche ausprobiert. Das freie Theater 89 spielt "Nach dem Kuss", ein Stück von Oliver Bukowski, das Nickelodeon-Kino zeigt "Das Mädchen, das die Seiten umblättert", eine Galerie, eine Ernährungs- und Energieberatung, eine Kunstaktion, eine russische Kneipe mit Heiligenbildern und Sowjetwerbung. Attention Achtung, über Nacht befinden sich keine technischen Geräte in der Galerie. Das Spinnennetz des Rosenthaler Platzes, auf den Alfred Döblins Franz Biberkopf seinen Fuß setzt, als er aus dem Knast kommt und ein neues Leben beginnt.

Das Pflaster ist aufgerissen, Biberkopf geht auf Holzbohlen, an Schuhgeschäften, Hutgeschäften, Glühlampen, Destillen vorbei, er stöhnt, ächzt, möchte sich verkriechen ...

Man redet von der Poesie des Scheiterns

Auch heute ist das Pflaster aufgerissen, Leitungen werden verlegt, es ändert sich alles, es ändert sich nichts. Wo sich damals über Erdgeschoss und erste Etage Aschingers 9. Bierquelle ausdehnte, befindet sich heute das "St. Oberholz". Nach der Wende etablierte sich hier der erste Burger King Ostdeutschlands, wurde aufgegeben, Goldrausch, ein Schwulenclub, zog ein, konnte sich nicht halten.

Das alles weiß Ansgar Oberholz, ein zuversichtlicher Blonder von der Mosel, der das St. Oberholz mit seiner Partnerin, der Zypriotin Koulla Louca, erfunden hat, wobei er an Döblin und Aschinger ("Beste Qualität bei billigstem Preis") anschloss und sich auf Künstler und Medienleute des Quartiers fokussierte. Das St. Oberholz ist nicht unwesentlich an der Genesis der digitalen Bohème beteiligt, wie sie in Friebe/Lobos Sachbuch "Wir nennen es Arbeit" beschrieben wird. An kleinen und großen Tischen, im Erdgeschoss und im ersten Stock brüten Einzelkämpfer über ihrem Laptop. Dass er seine Zielgruppe so schnell gefunden hat, überrascht Oberholz, der nach verschiedenen abgebrochenen Studiengängen (Physik, Informatik, Philosophie?) sieben Jahre Werbung gemacht hat, doch nachhaltig.

 

Es gibt viele Leute im Medienbereich, die nicht mehr zu Hause essen. Die frühstücken im Oberholz, arbeiten ihre E-Mails ab und gehen ins Büro. Andere befassen sich mit Bildbearbeitung oder übersetzen Bücher."Wie man hier wirklich texten kann, ist mir ein Rätsel", sagt Oberholz.

Die digitale Bohème kann das. Die Stadt flutet an ihr vorbei. Auch das Handicap, vergesslich zu sein, kümmert sie wenig. Dafür betreibt Oberholz auf seiner Homepage ein Fundbüro, in dem abgebildet ist, was im Lokal vergessen wurde, nicht ohne von Oberholz mit bizarren Kommentaren versehen zu werden. Da überrascht es nicht, dass er auch einen kleinen Verlag betreibt. Zum Ökonomischen nur dies: Wir sind bankfinanziert.

Keine Frage, dass hier die Kreativen und Kaputten, die Naiven und Ambitionierten zu Hause sind. Alles ist noch unentschieden, man kann keine großen Geschichten erzählen.Wenn man Erfolg hat, redet man von Erfolg.Wenn man pleite ist, redet man von der Poesie des Scheiterns. Christian Schulz hat Erfolg. Er sitzt in der Bar am grünen Strand der Spree und sieht in den Himmel über dem Bode-Museum. Können wir spielen, können wir nicht spielen? Eine spannende Frage für das Hexenkessel- Hoftheater.Wenn sie an ihren Auftrittssorten auf dem Theaterschiff und der Dachterrasse im Monbijoupark spielen können, nehmen sie 6000 Euro ein, wenn nicht, dann nichts. Schlechtwettervarianten scheiden aus. Open air ist open air, sagt Schulz. Er sieht aus wie ein Manager, der gern Schauspieler wäre, ist aber ein Schauspieler, der Manager geworden ist, weil er die Gabe der gewinnenden Rede besitzt. Er hat mit seinen Leuten - noch vor Paris - die erste Metropolen-Strand- Bar erfunden, er hat Clärchens Ballhaus wieder in Schwung gebracht, er hat das Café Altes Europa etabliert. Wir kommen ja nicht aus der Gastronomie, sagt er, wir kommen alle vom Theater. Unser Beruf ist es, einen Ort lebendig zu machen.

In dieser Gegend leben auch die Mitte-Cowboys. Die sitzen in zwei übereinander gestapelten Hightech- Containern auf einer Brache in der Weinmeisterstraße und nennen sich Platoon. Man muss klingeln, um zu ihnen zu kommen. Mitte-Cowboys? "Das passt nicht", sagt Christoph Frank.Wir tragen Militärklamotten. Platoon ist die kleinste selbständig handelnde militärische Einheit, und so sehen sie sich auch.Vor ihrem Zaun findet ein Kommunikationskrieg statt, in den sie einbrechen wollen, kleine Wunder vollbringen, das Shopping konterkarieren. Ihr Geld verdienen sie mit Werbung für Adidas. Ihre Mission erfüllen sie mit Events wie Schachboxen. Man sitzt an dem wunderbaren Container- Swimmingpool und zeigt, was man kann. Für mich ist das ein Lebensprojekt, sagt Frank. Demnächst wird Platoon weiterziehen. Auf der Brache entsteht ein Hotel.

Autor:
Fritz-Jochen Kopka