Europop Der unkalkulierbare Reisende

Zum Jahreswechsel läuft das Trendverkündungswesen der Reiseindustrie auf Hochtouren. Wer fährt 2010 wann wohin, fragen sich die forschenden Institutionen der Branche. Der aktuelle "World Travel Trends Report" der Berliner Touristik-Messe ITB etwa hat mit einigen Sorgenfalten den "unkalkulierbaren Reisenden" ausgemacht.

Diese quantitativ zunehmende Spezies bucht ihre Ziele extrem kurzfristig und bringt damit die tradierten Geschäftsmodelle der großen Touristik-Veranstalter ins Wanken. 2009 stieg der Anteil der "Unkalkulierbaren", die sich erst eine Woche vor dem Start festlegen, laut der internationalen ITB-Studie um 18 Prozent.

Auch die deutschen Reise-Weltmeister warten offenbar immer länger auf spezielle Anlässe, bevor sie ihre Koffer packen. Eine Befragung der GfK unter 1200 heimischen Reisebüros ergab, dass 40% der Umsätze mit dem Sommerurlaub auf den Juni und Juli 2009 entfielen.

Die Association of British Travel Agents (ABTA) hat über die Veränderungen im Buchungsverhalten bereits eifrig nachgedacht und wartet mit exzentrischen Gegensteuerungsmaßnahmen auf: Nackt-Kreuzfahrten etwa, wie sie der texanische Club-Betreiber bereits seit geraumer Zeit anbietet, sollen neue Märkte im ausdifferenzierten "Traumschiff"-Segment erschließen. Dazu werden Destinationen mit "X-Factor" sowie Anbieter von "chadventures" (eine Mischung aus Aktiv- und Abenteuer-Urlaub mit sozio-ökologischer Note) zu den Gewinnern im Jahr 2010 zählen, behauptet jedenfalls die ABTA.

Wobei sich natürlich die Frage stellt, wie das originale "X-Factor"-Kaff Forks im US-Bundesstaat Washington mit seinen 3000 Einwohnern den internationalen Aufmerksamkeits-Boom durch die weltweit erfolgreiche Vampir-Saga "Twilight" überhaupt verkraften soll? Gleichwohl ist der Grundgedanke der Tourismus-Forscher klar: Ausdifferenzierung ist Trend, also bitte - hier sind meine Vorschläge fürs Reisen 2010.

Wie wäre es beispielsweise mit ein bisschen Pilgern? Spätestens seit Hape Kerkelings Bestseller ist das Wandeln auf entbehrungsreichen Pfaden zwar kein Geheimtipp mehr. Doch der "Xacobeo 2010" auf dem Weg zum Grab des Heiligen Jacobus in Santiago de Compostela hat es in sich. Nur alle Jubeljahre fällt der Jakobstag am 25. Juli auf einen Sonntag - Grund genug für ein "Heiliges Jahr", in dem Bußwilligen ein ganz besonderer Ablass gewährt wird. Flankierend lässt die autonome Provinz Galizien ein ambitioniertes Kulturprogramm kuratieren, dass von Auftritten prominenter Klassiker wie Lang Lang oder Zubin Metha bis zu einem Gastspiel des in Barcelona beheimateten Elektronik-Festivals "Sonar" reicht. Mit 700 Events und 100 Konzerten soll die spanische Atlantikregion zum - Achtung - werden.

Wer keinen von oben gegebenen Anlass braucht, verreist derweil antizyklisch. Gegen jeden Trend. Fährt zum Frühlingsfest "Falles" nach Valencia statt ins überlaufene Barcelona oder nutzt das Chopin-Jahr 2010 in Polen zu einem Abstecher nach Lodz, wo das neu eröffnete Andel's Hotel im renovierten Industrie-Quartier "Manufaktura" selbst die gestrenge "New York Times" begeisterte.

Auch der Krise entgegen zu fahren, wird durch besondere Faktoren belohnt. Etwa in Dubai, wo sich die Luxuspaläste einen kundenfreundlichen Preiskrieg liefern. Oder in Las Vegas. Dort, wo eine ganze Legion von Star-Architekten den Milliarden-teuren Monsterkomplex "City Center" mitten in die Finanzturbulenzen hinein klotzen durfte, stürzten die Preise für eine Übernachtung im Jahresdurchschnitt 2009 auf 84 US-Dollar; immerhin 26 Prozent unter Vorjahr.

Inwieweit dagegen die großen XXL-Factor-Events, darunter die Winterspiele in Vancouver und Whistler (12. bis 28. Februar), die Expo in Shanghai (1. Mai bis 31. Oktober), die nur alle zehn Jahr stattfindenden Passionsspiele in Oberammergau (ab 15. Mai) oder die Fußball-WM in Südafrika (11. Juni bis 11. Juli) wirklich zum Erlebnis werden, hängt von der individuellen Vorplanung ab.

Denn Großveranstaltungen sind nur dann erträglich, wenn auch das "Drumherum" stimmt, inoffizielle Nebenpfade möglich sind und dort ein gewisser Funke überspringt. Fußball-Fans sollten sich also mit den Gepflogenheiten auf der Partymeile Longstreet in Cape Town und den Ausgehmöglichkeiten in Bloemfontain oder Polokwane vertraut machen. Ansonsten wird aus dem "Sommermärchen", das im südafrikanischen Winter stattfindet, nur der übliche, im Vier-Jahres-Zyklus anzusehende Jubelzirkus für Funktionäre, Sponsoren und TV-Stationen.

Autor:
Ralf Niemczyk