Hamburg Der Stolz der Hansestadt

Meine Frau hält mich für verrückt. Aber sie kommt ja auch aus Kiel. Sie ist als ganz kleines Kind nach Hamburg gezogen, hier auch aufgewachsen. Aber in ihrem Pass steht als Geburtsort Kiel, also kommt sie aus Kiel. Wir leben schon lange nicht mehr in Hamburg. Ich habe die Stadt 1989 verlassen, sie vor ein paar Jahren. Wir sind in Berlin gelandet, der Arbeit wegen. Aber ich habe mich in Berlin nie bei den Behörden angemeldet - und mein Auto auch nicht.

Mich selbst würde ich vielleicht noch ummelden, mein Auto auf keinen Fall. Ich müsste dann mein Hamburger Nummernschild aufgeben. Das kommt überhaupt nicht in Frage. Ich hänge an der Hamburger Nummer. Ich fahre sie herum wie eine Auszeichnung. Darum hält mich meine Frau für verrückt. Sie hat ihr Auto umgemeldet. Aber sie kommt ja auch aus Kiel. Es gibt ziemlich viele Hamburger, die allen Ernstes glauben, es sei etwas Besonderes, aus dieser Stadt zu stammen. Sie können nichts dafür. Es ist angeboren.

Ich habe versucht, meiner Frau das zu erklären und ihr gesagt, dass bei mir dieses besondere Gefühl für Hamburg mit einem Geräusch zusammenhänge. Es muss wohl Herbst gewesen sein, abends, und in mein Zimmer drang ein bisschen Licht der Straßenlaterne, das gerade noch den ersten Stock des Hauses erreichte, aber kaum noch die im Dunst versinkende Straße. Ich liege in meinem warmen Bett und von draußen höre ich die Nebelhörner. Mit einem tiefen Dröhnen melden die Schiffe auf der Elbe ihr Kommen. Doch der Ton ist so unaufgeregt, alles andere als ein schriller Alarm - eine Kollision hält man auf den Schiffen offenbar für unwahrscheinlich.

Diese Nebelhörner sind mir als Signal meiner Kindheit im Kopf geblieben. Es macht mich froh, daran zu denken und ich bekomme ein wenig Heimweh nach dem Wasser. In Berlin gibt es keinen Bedarf für Nebelhörner. Wasser ist in Hamburg überall. Ein Klischee natürlich. Aber kein zufälliges. Hamburg gehört dem Wasser. Die Elbe bestimmt den Westen der Stadt, die zwei Binnenseen der Alster das Zentrum. Und in den feinen Gegenden Eppendorf, Uhlenhorst und Winterhude lassen die Leute ihre Villen mit einem glänzenden Weiß streichen, das wie Bootslack in der Sonne glänzt, so dass die Häuser dort leuchtend an den Straßen liegen wie teure Yachten vertäut am Kai.

An den Hängen der Elbe sind wir als Kinder Schlitten gefahren; später waren wir im Herbst mit unseren Freundinnen dort, weil der Blick auf die nebligen Wasser da unten viele Worte ersparte; im Frühling lagen wir vor der Strandperle im Sand und aßen Würstchen; und im Sommer haben wir mit unseren Jollen das kabbelige Wasser des Mühlenberger Lochs gekreuzt und waren froh, wenn wir es auf die andere Elbseite geschafft hatten, bevor uns die Wellen und Strudel erreichten, die ein turmhoch aufragendes Containerschiff vor sich herschob.

Das Wasser also. Man kommt daran gar nicht vorbei, wenn man in Hamburg aufwächst. Als sei die Stadt eine Insel. Und so hat sich Hamburg durch Jahrhunderte gefühlt. Berlin blickt auf die sandigen Ebenen Brandenburgs, München auf die grünen Hügel des Alpenvorlands - aber Hamburg sieht nach dem Meer. Die Interessen der Stadt lagen auf der Nordsee, dem Atlantik, dem Mittelmeer, dem Pazifik. Nicht in Deutschland. Ende des 18. Jahrhunderts sagte Caspar Voght von sich, er sei "der erste Hamburger Kaufmann, der aus Mocca Kaffee, aus Baltimore Tobak, aus Surinam Kakao, aus Afrika Gummi holte". Das war selbst für hamburgische Verhältnisse etwas Besonderes. Doch es beschreibt den Horizont des hamburgischen Denkens.

Die Geschichte einer Stadt spielt bei ihren Bewohnern keine Rolle; sie ist ihnen selten gegenwärtig und kaum je bewusst. Aber die Geschichte hilft, das Einzigartige Hamburgs zu begreifen: Im Mittelalter hat sich die Stadt aus der Lehenshoheit ihres zuständigen Grafen herausgemogelt - und verhielt sich danach bis zum Eintritt ins Deutsche Reich fast wie ein souveräner Staat. Immerhin 650 Jahre lang. Von den Bewohnern einer anderen berühmten Hafenstadt hieß es vor einem halben Jahrtausend, sie seien "erst Venezianer, dann Christen". Das war keine Kleinigkeit zu jener Zeit. Auch in Hamburg muss man früh schon so gedacht haben: sich selbst genug und an der Welt nur insoweit interessiert, als diese sich profitabel zeigte.

Es ist vielleicht keine Übertreibung wenn man sagt, dass die Kämpfe, die kriegerische Völker um Hamburg herum ausfochten, die Dänen und Preußen, die Franzosen, Briten und Russen, die Stadt nur insofern kümmerten, als durch sie der friedliche Strom des Handels gefährdet wurde. Die Hamburger waren Händler, keine Krieger. Und aus hamburgischer Sicht hatte Außenpolitik immer mit Geld zu tun. Als die Hanse einmal Dänemark angriff, beteiligte sich Hamburg nicht an der Schlacht und zahlte lieber; als Tilly und die Kaiserlichen vor den Toren lagen, vermied die Stadt den - aussichtslosen - Kampf und kaufte sich frei; und selbst als die Zeit der Schaukelpolitik vorbei war und die Hamburger keine andere Wahl mehr hatten, als dem Deutschen Bund beizutreten, mochte man an der Elbe nicht von der besonderen Rolle lassen, an die man sich in Jahrhunderten gewöhnt hatte: Hamburg propagierte tapfer den Freihandel - Bismarck hin, Zollabkommen her.

Ehre und Macht, Verträge und Loyalität sind gut und schön. Aber Geld kann man zählen. Vielleicht keine schlechte Sicht der Dinge, wenn man sich die Ergebnisse großdeutscher Politik im 20. Jahrhundert ansieht. Das alles ist Geschichte. Aber es muss etwas davon hängen geblieben sein in den Straßen und Häusern, obwohl deren Antlitz durch den Großen Brand von 1842, die alliierten Bomber vom Juli 1943 und den Wiederaufbau der Nachkriegszeit beständig verändert wurde; und in den Menschen, obwohl die zum guten Teil gar nicht alteingesessen sind, von überall hierher kamen; in früherer Zeit, weil in der Stadt selbst mehr gestorben als geboren wurde, und nach dem letzten Krieg, als die Flüchtlinge aus dem Osten hereinströmten.

Vielleicht ist es die Selbstgewissheit, die hängen geblieben ist, und der Stolz. Zweischneidige Eigenschaften, die im Übermaß auch schon mal unangenehm sein können. Und das ist das zweite große Klischee, das natürlich der Wahrheit entspricht - ebenso wie jenes über das Wasser. Mit spöttischem Kopfschütteln stellen Leute, die nicht aus Hamburg stammen, bisweilen fest, wie sehr Hamburger ihre Stadt lieben und stolz sind auf deren Schönheit und Reichtum. Immerhin ist Hamburg die wohlhabendste Region Europas, die zweitgrößte Stadt der Republik, der drittgrößte Standort der Luft- und Weltraumindustrie der Welt und gleichzeitig eine erstaunlich grüne Stadt: Überall Parks und Wiesen und Gärten.

So stolz die Stadt auf ihre englischen Parks ist, auf die prächtigen Fassaden, die die Alster säumen und auf die großartigen Ausblicke, die sich von den Elbhängen herab auf den Fluss öffnen, so sehr hat sie jedoch der ökonomischen Basis ihres Wohlstands bislang den Rücken gekehrt. Die Stadt lebt von der Elbe. Die nach Teer und Schweiß stinkenden Docks haben Hamburg reich gemacht. Aber die Stadt hat sie verleugnet. Es ist kein Zufall, dass das neue Rathaus, das im 19. Jahrhundert gebaut wurde, mit seiner prunkvollen Fassade nach Norden zeigt, weg vom Strom. Das soll sich ändern.

Zwischen den Elbbrücken und der Speicherstadt wird eine neue Hafencity gebaut. Und wo einst die Hafenarbeiter früh morgens dicht gedrängt vor den Türen der Kneipen ausharrten, in denen die Schauerleute für den kommenden Tag angeheuert wurden, wird man dann auf 155 Hektar Geschäfte, Wohnungen und Büros errichten. Da sollen sogar mal Kreuzfahrtschiffe anlegen. Die postindustrielle Gesellschaft bemächtigt sich sorglos des teuer erkauften Erbes einer vergangenen Epoche. Aber das Gesicht der Stadt wird dadurch vermutlich ein bisschen ehrlicher werden.

Berlin war immer anders. Größer, ärmer und vor allem hässlicher. Es gibt in Berlin einen seltsamen Kult des Hässlichen, des Groben, man ist beinahe stolz darauf. Und es herrscht in Berlin eine große Unsicherheit. Sie ist gerade vor kurzem wieder sichtbar geworden, während der Debatte um den Wiederaufbau des Stadtschlosses. Ein teures überflüssiges Projekt, das sich die verarmte Stadt gar nicht leisten kann. Aber alle Hoffnungen seiner Befürworter - zum guten Teil keine Berliner - beruhen darauf, mit diesem Schloss endlich einzulösen, was Berlin sich von sich selbst verspricht: die Wiedererlangung vergangener Größe.

Berlin ist sich nie genug. Und Entwurzelung ist der Berliner Dauerzustand, so wie Selbstgewissheit der Hamburger ist. Ich habe versucht, meiner Frau das alles zu erklären. Aber sie hat mich nur ausgelacht und gesagt, sie lebe sehr gerne in Berlin. Wenn wir mal ein Kind bekommen, will ich übrigens, dass es in Hamburg zur Welt kommt. Meine Frau sagt, ich sei verrückt.

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Autor:
Jakob Augstein