Berlin Das Künstlerhotel Soho-House

Eigentlich ist ja alles ganz toll. Ehrlich. Endlich eine Hotelbar, in der keine Reisegruppen oder Rolex-Russen sitzen. Drinks und Service stimmen, das Licht ist gedimmt, die Einrichtung eine Wohlfühlmischung aus mondänem Art Déco und Landhausstil. Am Rundtresen, in blumigen Ohrensesseln oder auf breiten Samtbänken isst man von Pizza bis Entrecôte zumindest besser als im Borchardt. Die auf den Punkt gemixte Bloody Mary lässt sich vor dem Kamin oder am Pool auf der Dachterrasse eine Etage höher schlürfen, wo man die Stadt unter sich vibrieren spürt, den Fernsehturm direkt vor der Nase.

Beinahe stellt sich das Gefühl ein, nach so vielen Jahren Berlin auf der Flucht vor stinkenden Öko-Cafés, dunklen Depri-Kneipen, abgehalfterten Chi-Chi-Bars, totgetanzten Clubs und hässlichen Touri-Läden endlich am richtigen Ort zu sein. Endlich kein frustriertes Rätseln mehr, wieso es in London und New York nie ein Problem ist, die perfekte Bar zu finden. Endlich, endlich ein Ort, an dem der Originalberliner seinen Lieblingsspruch mit voller Berechtigung anbringen kann: Da kannste nich' meckern. Nur, dass der Originalberliner hier eben nicht reinkommt.

Denn das Soho-House in Berlin, das am 30. April seinen ersten Geburtstag feiert, ist nur für Mitglieder. Und die sind eben meist keine Originalberliner. Das geht auch völlig in Ordnung, denn Originalberliner gehen gerne in Öko-Cafés, Depri-Kneipen oder abgehalfterte Chi-Chi-Bars und teilen sie sich problemlos mit zugezogenen Langweilern. Sie scheren sich in der Regel wenig um den nächsten Hotspot im etablierten Szeneviertel Mitte - wofür zugezogene Langweiler wiederum durchaus offen sind. Genau deshalb ist es goldrichtig, dass man den kurvigen, weiß verstrebten Bau an der Torstraße, Ecke Prenzlauer Allee gleich hinterm Alexanderplatz, extra für diejenigen so herausgeputzt hat, deren Leben sich nur um eines dreht: nicht langweilig zu sein.

Vor einem Jahr also trat der Gründer des Soho-Houses Nick Jones an, der sagenumwobenen Berliner Kreativszene ein Zuhause zu schenken - natürlich mit einem Bau voller Ost-West-Geschichte: In den Zwanzigern Kaufhaus eines jüdischen Besitzers, nutzte ihn anschließend Reichsjugendführer Baldur von Schirach - Großvater von Autorin Ariadne von Schirach, die später ein Buch über das Berliner Partyleben schreiben sollte - als Zentrale. In der DDR tagte hier die SED, nach der Wende: Leerstand. Bis Jones kam. Der Erfinder der Hotelclubkette mit Dependancen von London bis L.A. kann in Interviews gar nicht genug von Berlins kreativer Energie schwärmen und befand: Aufs Dach gehören Swimming-Pool, Bar und WLAN, in die sieben Stockwerke darunter ein Mix aus Sichtbeton und Laura Ashley, mit 1A-Fitnessstudio, luxuriöser Saunalandschaft, Heimkino und 40 individuellen, tatsächlich geschmackvoll gestalteten Hotelzimmern. Ein Aufnahmeverfahren, bei dem man zwei Bürgen, Beruf und Teilnahmegrund nennen muss, garantiert dabei, dass die kreative Community unter sich bleibt.

Allein schon, weil die Eröffnungsparty pünktlich zum Gallery Weekend stieg, war die Kunstszene augenblicklich angefixt. Gastgeber war niemand Geringeres als Damien Hirst, der einen Hai auf vier Paneele sprühte. Der ziert nun die rohen Wände der Lobby, während oben in der Bar Kleinformate von Berliner Künstlern hängen, allesamt in dezentem Graublau gehalten - von Anselm Reyle über Andreas Hofer bis zu Jonas Burgert haben alle etwas abgegeben und dafür Barkonsum im Wert ihres Werks plus Mitgliedschaft auf Lebenszeit erhalten.

Der Begriff "Kreativität" ist hier äußerst dehnbar

Bis auf einen, dessen Portrait seines Großvaters in Nazi-Uniform wieder abgehängt werden musste, gaben sie sich der frohen Erwartung eines einigermaßen elitären Wohnzimmers hin, in dem die Kunstszene mit ihren Anrainern aus Film, Mode und Musik endlich einmal relaxen und ohne Angst vor Touristenanstürmen unter sich bleiben kann. Da war es dann auch völlig ok, dass Madonna und Jeff Bridges zu Besuch kamen, Herbert Grönemeyer und Heike Makatsch immer mal wieder reinschauen und man irgendeinen von den Toten Hosen neulich im Dampfbad gesichtet hat. Allerdings wurde ziemlich schnell klar, dass sich auch neurotische Neureiche und hirnlose Hipster hier wohl fühlen. Kein Wunder, denn Arschgeweih und Pali-Tuch sind im Soho-House herzlich willkommen, Schlips und Kragen dagegen unerwünscht. Markus Lüpertz kann also schonmal draußen bleiben.

Denn das Soho-House versteht sich - Kunst hin oder her - weniger als Einrichtung für Individualisten, sondern vielmehr als Club für Leute, die "nett, interessant, lustig" sind, wie Member-Manager Chris Glass einmal angab, der von sich behauptet, einem Menschen seine Coolness sofort anzusehen - womit das Grundproblem des Hauses benannt wäre. Denn der Begriff "Kreativität", von dem Nick Jones so schwärmt, ist im Soho-House äußerst dehnbar. Längst drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei den mittlerweile rund 2000 Mitgliedern nicht nur um Kreativpublikum vom Kurator bis zum Kabelträger handelt. Sondern es scheint, als verleihe man hier jeder aufgestrapsten Werbeagenturmieze und jedem PR-Streber mit Ray-Ban-Brille das Label "Kunst", was in Berlin generell gerne mit "cool" gleichgesetzt wird - und umgekehrt.

Anders ist es nicht zu erklären, dass die echten Künstler immer öfter das Weite suchen, um nicht mit schwäbischen Söhnchen reicher Eltern, die in Berlin irgendwas mit Medien machen, die Samtbänke teilen zu müssen. Die diese übrigens ohnehin gerne für sich alleine haben - wenn es nämlich um den eigenen Vorteil geht, ist ganz schnell Schluss mit nett, interessant, lustig. So konterten neulich zwei Bürschlein im American-Apparel-Look, die breitbeinig eine riesige Sitzfläche belagerten, auf die Bitte, etwas zur Seite zu rücken, allen Ernstes: "Ungern", um dann entnervt hinterher zu schieben: "Nur der Fairness halber, kann sich eine von Euch bitte auf den Sessel setzen - ich habe nämlich gerne viel Platz." Das hätte selbst ein Originalberliner nicht hingekriegt.

Überhaupt scheint es im Soho-House, als müsse jeder dringend seine Zielgruppentauglichkeit unter Beweis stellen. Egal ob im überfüllten Fahrstuhl, am Balkongeländer oder in der Sauna: Jeder superspannende, megastressige Job wird, versehen mit penetrantem Name- und Jokedropping, so polternd aufgetischt, dass man am liebsten ins Drehbuch der Aufnahmestatuten eingreifen würde. Und längst hat man begonnen, Fitnesskurse zu meiden, da einige Mitglieder die Spiegelwand mit dem Trainingsprogramm für einen DSDS-Auftritt verwechseln - während an den Geräten oft dramatische Selbstbefriedigungsszenen ablaufen, gegen die McFit wie eine Unisportanlage wirkt.

Coolness, Fairness, total im Stress - mit den Schlagworten der kreativen Community geistert im Soho-House nicht nur ein hohler Werbesprech, sondern vor allem ein zentraler Gedanke durch die Flure. Und der ist leider komplett uncool - klingt aber dafür auf Originalberlinerisch großartig: Icke, icke, icke! Mit einer panischen, geradezu spießbürgerlichen Angst, zu kurz zu kommen und nicht "Berlin" genug zu sein, entpuppt sich ein Großteil der Vereinsmitglieder als provinzielle Kleingartenkolonie, die ihren Kreativdünger dermaßen dick aufträgt, dass die coole Spielwiese bald nur noch wie verbrannte Erde aussieht. Vielleicht sollte man es mal mit Kunstrasen versuchen: ist nachhaltiger, und die Bälle kann man sich darauf auch viel besser zuspielen. Dann muss man sich in Berlin vielleicht wirklich nicht mehr nach dem perfekten Ort sehnen. Denn ansonsten - ehrlich, ansonsten kannste nich' meckern.

Autor:
Gesine Borcherdt