Europop Darauf ein Herrengedeck!

Seit einigen Tagen wirbt eine internationale Plakat-Kampagne für einen Besuch in Brüssel. Im Zentrum steht der Bandwurm-Slogan "Europäische Hochgeschwindigkeits-Hauptstadt" und das berühmte Manneken Pis muss als Bildmotiv gegen heftigen Fahrtwind anpinkeln. Die gute Erreichbarkeit per ICE, TGV, Thalys und Eurostar wird also zum wichtigen Kriterium für Städtereisen 2011 erhoben.

Kein schlechter Schachzug. Schließlich hat sich das Billigflieger-Hopping übers Wochenende ein wenig verbraucht; und alkoholgeschwängerte Junggesellenabschiede in Bratislava oder Valencia sind mittlerweile "so was von Nuller-Jahre". Ein Trend des letzten Jahrzehnts also, der durch anstehende Zusatzsteuern und gestrichene Ryanair-Verbindungen weiter an Dynamik verlieren wird. Dazu kommt, dass den traditionell experimentierfreudigen Engländern in Zeiten der Währungskrise das nötige Budget für lustige Kneipentouren fehlt. Die Epoche der neu entdeckten europäischen B- und C-Städte geht damit vorerst zu Ende. Goodbye Antwerpen und Ljubljana! Hallo Eiffelturm und Big Ben? Eine eher langweilige Vorstellung.

Wohin also geht die Reise? Die netten, aber randständigen 2011er-Kulturhauptstädte Turku und Tallinn können dieses Vakuum sicherlich nicht ausfüllen. Auch die auf Nachhaltigkeit gebügelte Metropole Ruhr wird allein durch die Zeche Zollverein und das Dortmunder "U" nicht zum brummenden Hotspot. Der ganze Stadtraum müsste weiterhin mit kleinen und größeren Attraktionen aufwarten; was an der Ruhr auf Dauer schwierig werden dürfte. Schließlich erinnert das Lied vom Strukturwandel an die schleppenden, oft mühseligen Rhythmen des Blues. Und Sehnsuchtsorte werden nicht in einem durchtanzten Sommer geschaffen.

Eine Erfahrung, die auch andere Ex-Industrieregionen machen mussten, die sich durch Pop (Manchester, Liverpool), Hochkultur (Bilbao) oder Altstadt-Sanierung (Osteuropa) eine neue Bestimmung verordnet haben. Es passt zur derzeitigen Abwesenheit von belastbaren Stadtreise-Trends, dass sich das Instrumentarium der urbanen Umwandlung verbraucht hat. Die Blue Man Group oder eine zünftige Kunstausstellung in einer Industriehalle aus schrundigem Stahl jedenfalls ist schon lange kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Etablierte Zielorte werden von dieser erlahmenden Innovationskraft profitieren. Ähnlich wie in der Champions League wird sich der Abstand der Top-10-Orte wie London, Paris oder Madrid zum Rest vergrößern.

So bleibt auch der Aufsteiger Berlin eine sichere Bank. Das internationale (Kultur-)Publikum wird weiterhin tausendfach ausschwärmen, um in geführten Fahrradtouren auch die hinterste Kreuzberger Szene-Ecke zu knacken. Nicht wirklich neu, aber spannend genug für den Mainstream. Individualisten gehen derweil auf der Potsdamer Straße ein Herrengedeck trinken.

Ich bin gespannt, ob kommende Groß-Events wie die Olympiade 2012 in London oder die im gleichen Jahr statt findende Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine und Polen neue Perspektiven für das europäische Reisejahrzehnt bringen. Etwa ein gewandeltes Bild der Tourismus-Hauptstadt an der Themse, die künftig bequem im ICE angesteuert und auf neu angelegten Fahrradrouten erkundet werden kann. Oder bekommen gar die ukrainischen EM-Spielorte Donezk oder Lwiw einmal den Hip-Status verliehen?

Letztlich wird es darum gehen, das Bewährte immer wieder neu zu entdecken. Oder man begibt sich auf die letzten weißen Flecken der europäischen Traveller-Landkarte, wie mir jüngst bei einer Arte-Reportage über eine oppositionelle Theatergruppe aus der weißrussischen Hauptstadt Minsk bewusst geworden ist. Nur in dieser merkwürdigen Rest-Sowjetdiktatur konnte das Unbekannte überleben. Nun will sich das Land - zumindest zaghaft - für Individualreisende öffnen. Auf nach Minsk!

Autor:
Ralf Niemczyk