Berlin Berlins grünster Denkmalschutz

"Jrüner jeht et nich", sagen die Berliner stolz über das pflanzliche Allerlei, das ihrer Stadt hohe Lebensqualität beschert. Erstaunlicherweise auch eine unverwechselbare Identität. Von grandiosen Schlossparks bis zu gestriegelten Schrebergärten, von baumgesäumten Alleen und Plätzen bis zu liebevoll begrünten Kietznischen, von uralten waldreichen Seeufern bis zur modernen, perfekt beschnittenen Buchsbaum-Geometrie hauptstädtischer Repräsentationsarchitektur - die Stadt prunkt wie kaum eine andere deutsche mit gepflegtem Grün. Dabei bekommen die Berliner vom Schönsten und Wertvollsten ihres Gartenerbes nur selten etwas zu sehen: von den privaten Villen- und Landhausgärten.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben diese privaten Paradiese dem Stadtbild einen ganz eigenen, in Deutschland seltenen Akzent verliehen. Von dem allerdings wäre wenig geblieben, wenn es nicht Klaus-Henning von Krosigk geben würde. Der stellvertretende Berliner Landeskonservator und studierte Gärtner initiierte 1978 die Gründung der Berliner Gartendenkmalpflege. Er stellte das, was es an historisch bedeutenden privaten Gärten noch gab, erst einmal unter Denkmalschutz und entwickelte dann praxisnahe Strategien zur Erhaltung und Restaurierung.

 

Ein richtiger Schritt zur rechten Zeit, denn es stand schlecht um Berlins wertvollen historischen Gartenbestand. Es herrschte ein heute kaum noch nachvollziehbares Desinteresse an den frühen Leistungen der Gartenarchitektur. Und die Verwaltung sah tatenlos zu, wie eine bedenkenlose Bauplanung die Vernichtung von Gärten und Gartenkultur förderte. Ohne von Krosigks Eingriff hätte das einen Kahlschlag bedeutet.

Heute stehen 161 Gärten in Berlin unter strengem Denkmalschutz und dokumentieren hundert Jahre Gartenkunst, die von Krosigks Taskforce mit allen Mitteln erhalten will. Wie groß die finanziellen sind, mag Berlins oberster Gärtner angesichts der Finanzmisere der Hauptstadt nicht verraten. Millionen? Doch das Konservieren oder Restaurieren solcher nachwachsenden Kunstwerke erfordert nicht nur viel Geld, sondern auch sehr, sehr viel Geduld kombiniert mit Überzeugungskraft, wenn es darum geht, die neuen Besitzer der alten Gärten zur Mithilfe zu bewegen. Aber hier kamen von Krosigk die Zeitläufe entgegen: die nicht auf Berlin beschränkte Garteneuphorie der letzten zehn Jahre. "Eine neue, gartenbegeisterte Besitzergeneration hat mit uns gemeinsam eine im Bundesgebiet einzigartige Instandsetzungskampagne entwickelt", bilanziert er. Eine Bewegung, vergleichbar mit jener, die das große Gärtnern in Berlin in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts einläutete.

Damals, der preußische König war gerade deutscher Kaiser geworden, erlebte die Hauptstadt des neuen Reichs den Aufstieg einer Elite, die zwar noch nicht das Sagen, aber das Geld hatte. Bankiers, Industrielle, Kaufleute bauten sich rund um das kaiserliche Schloss noble Quartiere und sorgten dafür, dass das gesellschaftliche Leben in der rasch wachsenden Stadt nicht mehr ausschließlich Angelegenheit des Adels war. Diese vermögende und kultivierte neue Oberschicht beschäftigte Architekten, Innendekorateure,Kunsttischler. Gleich Maßschneidern verwandelten sie im Auftrag der neuen Großbürger die brandenburgische Königsstadt in eine aufregend glitzernde Metropole.

Doch in dem Maße, wie die ruhige Residenzstadt zu einer quirligen Großstadt wurde, sehnten sich die Verursacher des Trubels nach Distanz und Ruhe. Während der Adel die Aufregung genoss und pünktlich zur Saison seine fern gelegenen stillen Landgüter und Schlösser gegen eine Berliner Stadtwohnung tauschte, zog es die neue Geldaristokratie aufs Land. Entlang der Seen, in den Wäldern rund um Berlin schossen Villen und Landhäuser wie Pilze aus dem märkischen Sand.

Wie man mit Stil in der Stille leben konnte, dafür lieferten die königlichen Residenzen rund um Potsdam die Schablonen - von Sanssouci bis Glienicke, von der Pfaueninsel bis Schloss Babelsberg: ein von Knobelsdorff, Schinkel und dem Gartengenie Lenné geschaffenes Gesamtkunstwerk. Einer der ersten, der Preußens Glanz für seine private Gloria nutzte, war der Bankier Wilhelm Conrad, der sich 1869 am Wannsee eine klassizistische Villa ganz in der Tradition Schinkels bauen ließ. Für den Park kupferte er aber nicht einfach den gegenüberliegenden königlichen Schlosspark Glienicke ab, sondern beauftragte den Königlichen Hofgärtner Gustav Meyer aus Sanssouci mit der Anlage. Meyer, Lennés Meisterschüler, war wie dieser davon überzeugt, dass nur kunstvoll gestaltete Natur etwas in Gärten zu suchen habe. In seinem "Lehrbuch der schönen Gartenkunst" verabschiedete er sich zwar nicht gänzlich von der zu der Zeit beherrschenden Idee des englischen Landschaftsgartens, doch er wollte ihn nur noch gebändigt zulassen, "mit regelmäßigen Partien um die Wohnung und für den Pleasureground". Von Krosigk sieht darin den "Aufbruch in ein Zeitalter goldener bürgerlicher Gartenkunst".

Sachlichkeit für Baum und Blume

Leider ist kein einziger Garten der "Lenné-Meyerschen-Schule" erhalten, in Spuren ist deren Gartengestaltung noch in dem 1908 angelegten Villengarten Lemm in Gatow zu erkennen. Geradezu lehrbuchhaft, wie hier die überraschende Wegführung durch einen dicht mit Laubbäumen und Koniferen besetzten Gartenraum lockt. Die spätere Erweiterung des Gartens für einen in Berlin einzigartigen formalen Rosengarten zeigt dann schon die strengen architektonischen Formen neoklassizistischer Gartenentwürfe.

"Die Tage des englischen Gartens sind gezählt", schrieb der Hamburger Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark seinem Malerfreund Max Liebermann, den er bei der Gestaltung von dessen Wannseegarten beriet und verdammte "die klägliche Nachahmung der englischen Parkanlagen". Aber nicht nur der künstlerische Widerstand bedrohte die Idee der freien Gartenlandschaft. Mehr noch machte der Markt ihr ein Ende. Es fehlte - wegen des immer dichter besiedelten Berliner Grüngürtels - ganz schlicht an großen Grundstücken. Latifundien wie die 24.000 Quadratmeter des Siemens-Parks am kleinen Wannsee waren auch für viel Geld nicht mehr zu haben. Und die zwölf Hektar, die der Eisenmagnat Conrad Borsig am Tegeler See der Enkelin Wilhelm von Humboldts abkaufte, um sich darauf ein Schloss samt neobarockem Park zu errichten, waren die letzten ihrer Art.

 

Doch die wachsende Bodenverknappung brachte auch frischen Wind in die Gärten. Neue Ideen waren jetzt gefragt, um auch auf kleinen Flächen großen Eindruck zu machen. Das war die Geburtsstunde der so genannten "Reformgartenkunst". Statt der englischen Landschaft galten nun die strengen architektonischen Gartenformen der Renaissance und des Barock als Vorbilder. Und statt Gärtnern kümmerten sich nun Architekten um das Grün für die von ihnen entworfenen Häuser. Peter Behrens, Joseph Maria Olbrich und vor allem der von der englischen "arts-andcrafts-Bewegung" inspirierte Hermann Muthesius forderten klar umrissene Gartenräume, die nicht nur ästhetisch befriedigen, sondern auch unterschiedlichen Nutzungen dienen sollten. Sehr zum Ärger der Gärtner entbehrte nun der Gartenraum jeglicher Naturillusion. Einziges Motiv gärtnerischer Formgebung sollte der menschliche Gestaltungswille sein. 13 erhaltene Muthesisus-Gärten hat von Krosigks Gartendenkmalpflege erfasst und unter Schutz gestellt. Einige von ihnen, darunter Muthesius' eigenes Grün, wurden wieder instand gesetzt.

Die Reformer um Muthesius waren es, die jetzt aus Gärten Kunst machten. 1906 hatte Lichtwark in dem "Bilderbuch alter Hamburgischer Häuser und Gärten" bündig erklärt, dass Gartenkunst wie jeder andere Zweig der bildenden Kunst zu bewerten sei. Und so entstanden in den Zwanziger Jahren in Berlin höchst artifizielle Gärten, die erst die Formensprache des Expressionismus in die Natur übertragen wollten - der 1923 von Eryk Pepinski in Berlin Westend geschaffene Garten Buchthal gilt als ein markantes Beispiel dafür. Später hatten sich Blumen, Büsche und Bäume nach dem Sachlichkeitsgebot des Bauhauses auszurichten. Eindrucksvoll zeigt das der Garten Sternfeld in der Heerstraße, der die nach dem Vorbild von Frank Lloyd Wright von Erich Mendelsohn errichtete Villa umgibt - es ist einer der ersten kubistischen Flachbauten Berlins.

Dieser etwas spröde Mendelsohn- Garten markiert zugleich das Ende der historischen Landhausgärten Berlins. Von Krosigk resümiert: "Statt des großen Credos ,Gartenkunst ist Raumkunst' gab es nun immer kleinteiliger werdende Gärten mit Kräutergartenanteilen und Tischtennisplätzen. Pflegeleichtigkeit sowie robuste, immergrüne Pflanzungen bestimmen das Gesicht der Hausgärten jener Jahre."

Dass es einst in Berlin eine weltweit beachtete Gartenkultur gab und dass ihr einstiger Glanz heute zumindest in einigen, darunter perfekt restaurierten, Beispielen wieder zu besichtigen ist, verdankt die Stadt erstaunlicherweise einer Behörde. Noch um 1980 galten die Villengärten allenfalls als Archivschönheiten, ein versunkener Schatz. Klaus-Hennig von Krosigk und seine Denkmalschützer haben ihn gehoben.

Schlagworte:
Autor:
Nicolaus Neumann