Berlin Baden im Mississippi am Müggelsee

Es gibt keinen schöneren Blick auf die Stadt. Wenn das Schiff um die Kurve steuert, langsam behäbig, fast als würde es sich treiben lassen, dem Sog folgen, aus dem engen Landwehrkanal sich ergeben in die Weite der Spree. Wenn die Sonne sich senkt hinter der Uferlosen, dem Gebäudemeer Berlins, die Backsteine der Oberbaumbrücke zinnoberrot leuchten lässt und im Hintergrund der Fernsehturm aussieht, als würde er am liebsten abheben.

Die Fahrgäste, artig aufgereiht in weißen Plastikstühlen, blinzeln ungläubig der Aussicht entgegen. Der krakelende Moloch hat sich versteckt, es ist, als hätte die Stadt sich verkleidet, zurechtgemacht für das Finale der dreistündigen Ausflugsfahrt durch Flüsse und Kanäle. Gleich werden sie schwankenden Ganges den Dampfer verlassen, benommen von der Bootsreise und den Bieren in der Nachmittagssonne. Sie werden sich zunicken, gemütlich, zufrieden, und mindestens einer wird sagen, was jeder denkt, der Berlin zum ersten Mal durchschifft: "Wie viel Wasser die Stadt doch hat?"

Berlin-Kenner holen an dieser Stelle gern tief Luft, um die Litanei herunterzubeten, die immer wieder für Erstaunen sorgt: Drei Flüsse, Spree, Havel und Dahme, fließen hier zusammen, Berlin besitzt mehr Brücken als Venedig, sieben Prozent des Stadtgebietes sind Wasserflächen, die schiffbaren Wasserstraßen sind mit fast 200 Kilometer länger als das U-Bahn-Netz, im Stadtbereich zählt man mehr als 50 Seen, in keiner anderen Metropole gibt es so viele Gewässer, in denen man bedenkenlos baden kann.

Die Berliner nehmen das Angebot jeden Sommer dankend an - halluzinieren das Meer herbei, in den Strandkörben an Wannsee, Müggelsee oder Plötzensee, rangeln um freie Parkplätze am Schlachtensee, entblättern sich am Grunewaldsee oder schwimmen mit den Ruderern am Langen See um die Wette.

Natürlich hat der Berliner, nie um eine bizarre Wortschöpfung verlegen, sich für diesen Umstand einen Namen ausgedacht. Man nennt Berlin auch "Spree-Athen". Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass es im Stadtgebiet gleich zweierlei Venedig gibt. In "Klein-Venedig" im südlichen Spandau verstecken sich an den Ufern verzweigter Kanäle kleine Lauben mit exklusivem Wasserblick, in "Neu- Venedig" bei Rahnsdorf bauten Ost-Berliner längst vor der Wende ihre Datschen ans Ufer der Müggelspree.

Etwa 30 Tage braucht die Spree um durch die Stadt zu kommen, mehr als 30 Jahre schon schippert Jürgen Lüders zahlende Gäste über den trägen Fluss. Kapitän Lüders ist 60 Jahre alt, bis zur Pensionierung wird er das Kommando auf dem Dampfer "Spreeperle" führen, während seine Frau im Schiffsbauch die Bar unter Kontrolle hat. Mehr als hundert Ausflugsschiffe sind an sonnigen Tagen in Berlin im Einsatz.

Jeden Tag steht Lüders auf der Brücke, hält das Ruder und erzählt seinen Passagieren über Lautsprecher Anekdoten und Wissenswertes über die Stadt, an der sie vorbeigleiten. Vom misslungenen Bau der Kronprinzenbrücke im Regierungsviertel. Wie man die Spree umgeleitet hat, während der Bauarbeiten in Berlins mächtiger Mitte. Wo, mitten durchs Wasser, früher die Grenze verlief. Es ist ihm kein Trott, er ist ein echter Nautiker, ein Leben ohne Wasser mag er sich nicht vorstellen. Wenn er mal frei hat, fährt er mit seiner Frau ins Umland und steigt auf einen Dampfer an irgendeinem See. Für den Ruhestand ist auch schon vorgesorgt. Lüders hat sich ein Sportboot gekauft, zehn Meter lang, damit will er, wenn es so weit ist, bis ans Meer. Und sagt das so leicht dahin, als läge die Küste gleich hinter dem Grunewald.

Wohl weil man auf dem Wasser immer die Weite spüren kann. Sogar zwischen Stadtmauern. Vor allem, seit die Patrouillenboote nicht mehr unterwegs sind. Lüders war der erste Schiffsführer, der nach dem Mauerfall ein Fahrgastschiff durch Ost-Berlin steuern durfte. Der damalige Bausenator hatte ein paar Schiffe gemietet und an der Hansabrücke DDR-Bürger zur Dampferfahrt eingeladen. Bewegend war das, sagt Lüders, und erschreckend zugleich: "Da waren Kinder an Bord, die hatten Angst, dass gleich auf sie geschossen wird. Aber schön war es doch, ohne Kontrollen überall durchfahren zu können. Die Vopos wussten ja nicht mehr, was sie zu tun oder zu lassen hatten."

Die unsichtbare Mauer, die die Spree durchschnitt, im heutigen Regierungsviertel oder zwischen Friedrichshain und Kreuzberg, musste vielleicht erst verschwinden aus den Köpfen, um das Wasser in der Stadt wieder als freundliches Element zu begreifen. Um sich ihm zuzuwenden, seine Ufer zu erobern in jener charmant anarchischen Art, die Berlin seit der Wiedervereinigung mehr denn je zum Charakteristikum geworden ist. So wie früher jede Industrieruine mit ein paar Strahlern und Turntables zum schwitzenden Club umdekoriert wurde, wird seit einigen Jahren jede Brache am Wasser zum Open-Air- Treffpunkt. Es ist, als hätte die Untergrundkultur die frische Luft entdeckt.

Schwimmende Wohnanlagen

In der Nähe der Schillingbrücke, dort, wo die Spree Kreuzberg hinter sich lässt, ist vom Wasser aus ein betoniertes Bootshaus zu sehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg legten hier Frachtkähne an, an Land warteten Trümmerfrauen, um den Schutt zu verladen. Zur DDR-Zeit machten die Grenzboote vor Ort Station. Seit der Saison 2004 kann man mit kühlem Getränk im Sessel sitzend die Gedanken von hier aus über das Wasser schweifen lassen. Das ehemalige Bootshaus gehört zum King Kameamea Club. Dessen Betreiber Gerke Freyschmidt hat es zusammen mit seinem Partner Sander Mähel samt Grundstück gepachtet. Wer über die Hinterhöfe der vorgelagerten Gebäude an der Köpenicker Straße zum Ufer findet, glaubt eine Reise in ein Urlaubsland unternommen zu haben. Es gibt: viel Grün, Lagerfeuer, Sand, Tanzfläche, Dachterrasse, eine Bar, Musik. Die Stadt ist ganz woanders. Gut vorstellbar, hier sein Zelt aufzuschlagen, und den Rest des Sommers so zu tun, als gäbe es sie nicht, mit ihren Staus, dem Gewühl und den U-Bahnen.

Ein paar Kilometer weiter flussaufwärts probt Felix Eisenhardt im Osthafen den Ernstfall. Seine Jugend hat er segelnd auf dem Tegeler See verbracht, seither lässt ihn das Wasser nicht mehr los. Er hat sich ein altes Bauhüttenschiff gekauft und baut es in mühevoller Eigenarbeit zum Wohnsitz für die Familie um. Seit August residiert er mit seiner Freundin und den zwei gemeinsamen Kindern im alten Industriehafen, freut sich, dass der Boden unter seinen Füßen schaukelt und hofft, dass das Gelände nicht verkauft wird und er für sein Eigenheim nicht einen neuen Liegeplatz suchen muss.

Denn bei aller Freiheit: Die Attraktivität des Wassers in der Stadt hat natürlich auch Zukunftsvisionen größerer Dimension heranreifen lassen. Eigens dafür gegründet: die Wasserstadt GmbH. Als treuhänderischer Entwicklungsträger der Stadt Berlin ist sie beauftragt, neue Wohnflächen am Wasser baulich zu erschließen. Am Spandauer See im Westen und in der Rummelsburger Bucht im Osten sollen Dachterrassen mit Seeblick, Grünflächen und private Bootsstege solvente Interessenten anlocken. Vorläufiger Höhepunkt der Planungen: die "Floating Homes". Futuristisch anmutende schwimmende Wohnanlagen, eigens für die Stadt und die vorgesehenen Standorte entwickelt, sollen in ein paar Jahren vor den neu gestalteten Uferstreifen treiben.

Wenn alles gut geht, meint Ralf Steeg, könnten die künftigen Wasserstadtbewohner vor ihrer Haustür noch in diesem Jahrzehnt schwimmen gehen. Steeg ist Landschaftsarchitekt, und seit er bei einem Besuch in Bern die Berner in der Aare plantschen sah, hat er eine Vision: Steeg will die Berliner in die Spree zum Baden schicken. Im Moment wäre das noch eine sehr unappetitliche Angelegenheit.

Bis zu 30-mal im Jahr läuft in Berlin bei Regen die Kanalisation über und der ganze Dreck in die Spree. Steegs Gegenoffensive trägt den Projektnamen "berlinbeach", dahinter verbirgt sich eine bestechend einfache Idee. An den Ausflüssen der Rohre will er Tanks installieren, die das Schmutzwasser auffangen, von dort wird es abgepumpt und geklärt. Steegs Plan ist überall auf großes Wohlwollen gestoßen. Er hat Investoren gefunden, und bereits in einem Jahr soll ein Pilotversuch gestartet werden. Und 2009 will er die Berliner schwimmen sehen.

Einen Vorgeschmack auf den Badegenuss in bester Citylage kann sich jeder derweil im schicksten Freibad holen, das eine Stadt nur haben kann. Im "Badeschiff" schwimmt man bereits jetzt auf der Spree, allerdings ohne Flussberührung in einem Becken, das auf dem Wasser treibt. Wer nicht schwimmen will, geht trotzdem hin, lümmelt auf den ausladenden Steganlagen in einer Matratzenlandschaft herum, reserviert schon frühmorgens eine Hängematte, schmachtet die Aussicht auf die Stadt oder sonnenbadende Berlinerinnen an. Und wenn die Dunkelheit hochkriecht und das blaue Wasser im Becken leuchtet,weht manchmal eine Wolke süßlichen Qualms über die Badenden. Die besten Partys des Sommers finden hier statt.

So viel Eintracht wie am Wasser findet man in Berlin nie. Junghippies winken benebelt bierbäuchigen Freizeitkapitänen zu, und die Beamten der Wasserschutzpolizei beteuern fröhlich, es sei ihr Traumberuf, die Sportbootführer vom schnellen Fahren und übermäßigen Alkoholkonsum abzubringen. Sogar das seit Jahrzehnten marode Strandbad am Wannsee soll endlich saniert werden, natürlich leistet Cornelia Froboess, die den Schlager von der Badehose, der kleinen Schwester und dem Wannsee weiland in aller Ohren gepflanzt hat, ihren Beitrag dazu. Wenn das alles so weitergeht, fängt vielleicht irgendwann doch noch direkt hinter dem Grunewald das Meer an. Und es wird nie wieder Winter in Berlin.

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Autor:
Martina Wimmer