Berlin Alles hat seinen Preis - oder nicht?

Ich weiß jetzt endlich, wie sich mein spanischer Mitbewohner vor zehn Jahren gefühlt haben muss. Ich machte damals ein Auslandssemester in Barcelona, bekam ordentlichen Erasmus-Unterhalt und bin von ihm vor seinen Freunden wahrscheinlich hundertfach als verwöhnte Göre verflucht worden, die ihm die Gas- und Wein-beim-pakistanischen-Spätkauf-Preise in die Höhe trieb. Dabei hatte ich damals gar keine Ahnung, dass ich und die anderen "Guiri"-Gören, wie Touristen dort heißen, überhaupt irgendwas machten. Im Endeffekt haben wir wohl nicht weniger als die komplette Nachbarschaft ruiniert.

Verstanden habe ich das erst vor einigen Wochen, als ein Freund von seinem neuen amerikanischen Mitbewohner erzählte. Dieser Freund ist Ende 30, "hält" sich aber regelmäßig einen Untermieter, der ihm quasi die komplette Wohnung finanziert. Weil er in Prenzlauer Berg für eine 80-Quadratmeter-Wohnung immer noch nur 800 Euro zahlt, solvente Austauschstudenten oder vorübergehend Expatriierte das aber auch bereitwillig für nur ein WG-Zimmer und Küchenbenutzung hinblättern.

Spitzen-Deal für ihn - bislang. Denn sein neuer Mitbewohner hat kürzlich der ukrainischen Putzfrau eine, für ihn völlig verständliche, Lohnerhöhung von sieben auf zehn Euro zugestanden. Woraufhin unser Freund ihm eindringlich zu erklären versuchte, dass er hier ein sehr fragiles Preiskonstrukt in Gefahr bringe, ein seit Jahrzehnten beschütztes Refugium der "Anti-Capital", weil Hauptstädte eben nicht vollständig durchkommerzialisiert sein müssten, mit so leichtfertigen, unüberlegten Gesten Berlin aber bereits dem Untergang geweiht sei.

Er muss so oft mit "Dat kannste echt nich' bringen!" auf ihn eingeredet haben, dass der Amerikaner mit seinen bescheidenen Deutschkenntnissen irgendwann dachte, die Putzfrau stehe kurz vor der Abschiebung, und er sei irgendwie Schuld. Am Ende gingen die beiden sehr viele Versöhnungsbiere in der Bar gegenüber trinken, der Amerikaner zahlte - ohne einen Absacker zu verhandeln - und gab sieben Euro Trinkgeld, was ihm schließlich die nächste Schelte unseres Freundes einbrachte.

Dass auch Berlin mittlerweile teurer geworden ist, dürfte keine große Neuigkeit sein. Ich habe nur nie darüber nachgedacht, wie das eigentlich im Einzelnen vonstatten geht. Aber wenn der Gasmann, wie damals in Barcelona, nicht rechnen kann und viel zu viel abkassiert, die Austauschschülerin jedoch zu faul ist, schon wieder Peseten in Deutschmark umzuwandeln und die Kosten der Gasflasche sowieso immer für einen Spottpreis hält - nun ja, dann ist der alte falsche Rechnungsbetrag beim nächsten Mal plötzlich der neue richtige.

Umgekehrt hat das natürlich auch seine Vorteile. Ich bin jedenfalls sicher, dass wir und all die Schweden-Rich-Kids damals nachhaltig die katalanische Binnenwirtschaft angekurbelt haben (bis ein paar Immobilienhaie das jetzt alles wieder versaut haben) und der pakistanische Kioskbesitzer uns viele Tränen nachgeweint hat.

Von ähnlichen Expat-Wonnen profitieren hier gerade Läden wie das bei uns nebenan. Eine Mini-"Milchwerkstatt" mit selbstgemachtem Bio-Eis, Bio-Joghurt, Bio-Bircher-Müsli etc., geführt von zwei reizenden jungen Männern, getragen von netten Skandinavier-Mädchen, die in der GLS-Sprachschule auf der Kastanienallee wohnen und gar nichts dabei finden, für einen Quark mit Banane knapp 5 Euro zu zahlen, so lange er "homemade" und "organic" ist. Für schwedische Verhältnisse immer noch lächerlich günstig. Ich dagegen musste kürzlich einen kleinen Latte Macchiato mit Sojamilch "anschreiben" lassen, weil ich dummerweise nicht damit gerechnet hatte, dass so etwas über drei Euro kosten könnte. Wo gibt es noch einmal diese unterschiedliche Preisregelung für Touristen und Einheimische, über die sich letztens jemand so bitterlich beschwert hat? In Südafrika? In Kambodscha? Ich kann mich nicht mehr erinnern, so abwegig ist das System aber vielleicht gar nicht.

Immerhin - manchmal kommt man auch selbst in den Genuss dieses "Spill-it-all-over"-Effekts. Wir hatten vergangene Woche einen Stand auf dem Flohmarkt am Arkonaplatz in Prenzlauer Berg. Das Verkaufspreisniveau ist hier um Längen besser als auf dem am Mauerpark wo alles grundsätzlich immer 1 Euro kosten soll. Beim Arkonaplatz bekommt man für ein gutes Jackett oder Seidenkleid dagegen mit etwas Glück und zähen Verhandlungen bis zu 15 Euro. Oder es ist eine Schweizer Familie unterwegs, die gerade ihre "studierende" Tochter in der Hauptstadt besucht. Da wird nicht nachgefragt, nicht nachgefeilscht, sondern freudig 25 Euro für eine Designerbluse akzeptiert. Für die Schweizer müssen wir manchmal wie ein Dritte-Welt-Land daherkommen.

Wenn sie jetzt noch kapieren, dass man auf einem Berliner Flohmarkt nicht mit einem 100-Euro-Schein bezahlen kann, kommen wir vielleicht noch ins Geschäft.

Autor:
Silke Wichert