Norwegen Mit der Bahn von Oslo nach Bergen

Mit den Jahreszeiten ist das in Norwegen so eine Sache. Es kommt durchaus vor, dass man morgens im Frühling startet, mittags den tiefsten Winter passiert, um schließlich am späten Nachmittag im Sommer anzukommen. Dafür allerdings muss man die Bahn besteigen, ein in Norwegen ziemlich vernachlässigtes Verkehrsmittel. Denn dort wurde früh schon erkannt, dass man eine Landschaft, die hauptsächlich aus Fjorden und Felsen besteht, am besten unter sich lässt, also überfliegt, anstatt mehr und mehr Tunnel durch Berge und unter Meeresarmen hindurch zu graben.

So kommt es, dass heute jede mittelgroße Ansammlung von Holzhäuschen in Norwegen ihren eigenen Flughafen hat. Im Gegensatz dazu aber von Bergen an der Westküste, immerhin zweitgrößte Stadt des Landes, nur eine Bahnlinie wegführt, und zwar die nach Oslo. Will man aber von Bergen aus nach, sagen wir, Tromsö, bleibt nur das Fliegen. Das dauert drei Stunden, mit dem Bus würde die Reise drei Tage dauern.

Von Bergen nach Oslo sind es mit dem Flugzeug kurze 20 Minuten, die Verbindung gilt als eine der meist geflogenen Strecken Europas. Deshalb ist die rund siebenstündige Bahnfahrt zwischen den beiden größten Städten des Landes ein Geheimtipp. Gerade auch wegen der Sache mit den Jahreszeiten. Und weil man zwischendurch mal eben mit Langlaufski auf einen Gletscher steigen oder mit dem Mountainbike an reißenden Gebirgsbächen entlangfahren kann.

Wir haben die Bergen-Bahn, wie man sie aus Hauptstadt-Perspektive nennt, in Oslo bestiegen. Morgens um kurz nach acht, bei schönstem Sonnenschein und Temperaturen um 10 Grad, was in Norwegen durchaus als frühlingshaft zu bezeichnen ist. Eine fast meditative Reise steht bevor, zum Buch greift man nicht, weil das Draußen den Blick einfängt - und übrigens auch das Drinnen. Allein die Einrichtung des Bordbistros muss aus den tiefsten 1960er Jahren stammen, jede Szene-Bar mit Retroschick würde viel Geld für diese karamelfarbenen Sitzecken hinlegen, das nur am Rande.

Vor den Fenstern zieht die Landschaft vorbei wie ein gut fotografierter Bildband. Schon kurz hinter Oslo führen die Gleise endlos am Fluss Dramenselva entlang, durch tiefe Wälder, kleine Dörfer, wir passieren Seen und Wasserfälle, langsam immer höher hinauf ins Gebirge, in Richtung des Hochplateaus Hardangervidda. Die Bäume werden mickriger, verkrüppelter, ducken sich im scharfen Wind, der fast das ganze Jahr bläst. Felsformationen sehen aus wie hockende Trolle, die vom Sonnenlicht überrascht wurden und zu Stein erstarrt sind.

Die Kommune Gol auf 200 Metern Höhe wird um 11 Uhr erreicht, der 600 Meter höher gelegene Wintersportort Geilo wenig später, schließlich fährt der Zug über das Hardangervidda, die mit rund 8000 Quadratkilometern größte Hochebene Europas. Im Sommer kann man hier um einsame Gebirgsseen herumwandern, doch wann ist hier Sommer? Jetzt, Ende Mai, präsentiert sich die Landschaft als weißes, endloses Feld, als eine von Gletschern geschliffene, unwirkliche Gegend, ganz so, als sei die letzte Eiszeit eben erst um die Ecke gebogen.

Kein Wunder, dass Hollywood-Regisseur George Lucas hier einst Teile der "Star Wars"-Episode "Das Imperium schlägt zurück" drehte, jene Schneeszenen, die auf dem fiktiven Planeten Hoth spielen. Erst vor wenigen Tagen übrigens, so erzählt der Zugschaffner, seien hunderte von "Star Wars"-Jüngern in Finse eingefallen, dem höchsten Bahnhof Norwegens, um das 30-jährige Premieren-Jubiläum des Weltraum-Klassikers zu feiern - Schneeballschlachten inklusive.

Finse ist aber nicht nur wegen seiner Filmvergangenheit ein magischer Ort. Das Dorf besteht lediglich aus ein paar Ferienhäuschen, einer bewirteten Gebirgshütte wenige Minuten vom Bahnhof entfernt, einem Hotel und einem Eisenbahnmuseum - und ist nur mit dem Zug zu erreichen. Die Herberge "Finse 1222", nach der Höhe über dem Meeresspiegel benannt, ist seit 100 Jahren Ziel von Natur- und Sportfreunden. Gab es früher noch eine riesige Eissporthalle, gehören heute das Kite-Skifahren auf dem rund neun Monate im Jahr zugeschneiten See Finsevatnet, Gletschertouren auf das ewige Eis des Hardangerjøskulen und Mountainbiking zu den Attraktionen

Im kurzen Sommer von Juli bis August, wenn der Schnee geschmolzen ist und eine karge, aber charmante Landschaft ohne jedweden Baum zu Tage tritt, kann man zum Beispiel in Haugastøl (Bahnhof kurz vor Finse) Fahrräder leihen, damit hinauf bis Finse fahren, dort in der Hütte übernachten und weiter bergab bis nach Flam radeln. Wer nicht wieder zurück strampeln will, gibt die Räder dort ab, fährt mit der berühmten Flam-Bahn zurück bis Myrdal und steigt wieder um in die Bergen-Bahn Richtung Westküste.

Auch wir fahren nach dem fast unwirklichen Zwischenstopp bei gleißendem Sonnenschein in der weißen Wüste von Finse und nach einem letzten Schluck vom in der Finsehütte selbst gebrauten Bier (Marke "Finse 1223" - die Hütte liegt etwas höher als das Hotel) weiter nach Bergen. Durch unzählige Tunnel und Kurven geht es hinab auf Meeresniveau, am späten Nachmittag ist Norwegens zweitgrößte Metropole erreicht. Wobei dieser Begriff für das pittoreske Konglomerat verträumter Holzhäuser, umringt von sieben Bergen und verteilt auf unzählige Inseln und Halbinseln, eigentlich nicht ganz passend ist. Die Sonne senkt sich am Abend zu einem klischeehaft-fotogenen Untergang ins Meer, die Menschen sitzen im T-Shirt und in bester Stimmung vor den Bars. Es ist Sommer.

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Autor:
Philip Wesselhöft