Belgien In Belgiens Spa gibt es nicht nur Heilquellen

Im feinen Baden Baden sind mehr Russen, Karlsbad ist quirliger und das benachbarte Marienbad im böhmischen Bäderdreieck hat auf gediegene Art die Ruhe weg. Ihre Tradition mit Kaisern, Königen und adeligen Salonlöwen pflegen sie alle. Doch kein Kurort von europäischer Bedeutung musste sich in den letzten Jahren so rasant neu erfinden wie Spa in den belgischen Ardennen. Nach stolzen Anfängen bereits im 16. Jahrhundert war die Mutter aller Heilquellen zum Problemfall geworden.

Wer heute am zentralen Place Royale unter den Schirmen des Chandelier d'Or sein Leffe-Bier nimmt und dabei auf den Park ähnlichen Vorplatz des Casino blinzelt, kann sich den herrschaftlichen Corso vorstellen, der hier bis zum Ersten Weltkrieg herrschte. Gleich nebenan warten die gründerzeitlichen Thermen mit dem schlichten Portal-Schrift "Bains" auf die Umwandlung in ein Nobelhotel. In Würde vergammelt wirkt hier die Belle Epoque. Die grellen Reklametafeln am Seitenflügel des Casino atmen der Geist einer Spielhölle, während einige Ecken weiter das edle Brunnenhaus "Peter der Große" aus dem Jahre 1880 nach allen Regeln der Denkmalpflege bis im Frühjahr 2012 restauriert wird. Abbruch und Aufbruch wohnen eng beieinander in der Stadt der 300 Mineralquellen.

Nachdem die Oberste Heeresleitung die Wandelhallen im Kurpark nach 1914 in einen Lazarett-Stützpunkt verwandelte, war es abrupt vorbei mit der Jahrhunderte lang gepflegten Herrlichkeit. Der abgedrehte Kaiser Wilhelm II bezog später sein Westfront-Hauptquartier in einer großen Villa in den bewaldeten Hügeln. Im eigens eingerichteten Bunker mit einer Panzerstahltür von Krupp verbrachte er oft genug seine Nächte. Die winzige, unterirdische Kammer mit Notstollen, der auf eine Schafweide führt, dient heute als Lager für Gemüsekisten.

Die Ureinwohner von Spa kennen viele skurrile Geschichten über die auswärtigen "bobelines", wie die Reichen und Blaublütigen selbst in einer örtlichen Biermarke genannt werden. Den endgültigen Niedergang der Strukturen jedoch konnten sie nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aufhalten. Von rund 100.000 therapeutischen Kur-Aufenthalten, die von den Krankenkassen bis hinein in die 1980er-Jahre bezahlt wurden, sind gerade mal 5000 übrig geblieben sind. Auch die noblen Sommersitze der Schlotbarone aus Lüttich haben lange auf eine neue Bestimmung gewartet.

Geheimtipps für Gästehäuser

Vom Heilbad gegen Blasenleiden und Zipperlein zum Sehnsuchtsort für gestresste Stadtmenschen, lautete die Parole, mit der man auch in Spa das Ruder herumreißen wollte. Mit Unterstützung des Landes wagte die Stadt einen finanziellen Kraftakt und verlegte die Therme auf einen Höhenzug über dem Casino. Eine steile Kabinenbahn karrt seit 2004 Menschen in weißen Bademäntel vom eigens erweiterten Radisson-Hotel in eine moderne Pool-Landschaft samt Blubber-Becken und Health-Center. Eine erfolgreiche Radikalmaßnahme: Nach sieben Jahren Betrieb sind die Kreditlinien abgebaut. Nun geht es an die Aufhübschung des Zentrums.

Private Unterstützung erfährt die spröde gewordene Kur-Schönheit von dutzenden Hoteliers, die nach der belgischen Variante von "bed and breakfast" ihre Privathäuser öffnen. Maximal fünf Gästezimmer dürfen diese "chambres d'hotes" haben, in denen die Betreiber auch selbst wohnen müssen. Neben schlichten Schlafkammern sind gerade in den letzten Jahren regelrechte Traumschlösschen dazu gekommen, in denen sich nicht nur Pärchen vorkommen dürfen, wie in Videos von Kate Bush oder anderen Fantasy-Elfen. Im "La Chamboise" etwa, das mit traditionellen Materialen erst um 1995 erbaut worden ist, steht der Kühlschrank in einem rustikalen Überseekoffer und der Leinwand-große Flachbildschirm versteckt sich in einem abgebeizten Bauernschrank. Ein überbordender Detail-Reichtum verbindet überall knarzende Holzbalken mit Hi-Tech.

Im "La Vigie" auf an einer Anhöhe mit Fernblick speist man in einem Brombeer-farbigen Salon. Ein 1903 erbautes Schwarzwald-Haus an der Straße zum Rennkurs von Francochamps heißt nun "Sans Sanscoussi". Vier Zimmer in intensiven Farben zwischen Genie und Kitsch in Froschgrün, Königsblau, Heidelbeer oder Gülden mit einer freistehenden Antik-Badewanne. Das Mobiliar stammt von regionalen Flohmärkten oder aus dem Internet. Alles mit Liebe und Enthusiasmus inszeniert. In der "L' Etape Fagnarde" kocht die Hausherrin selbst. Im "Bretts" wiederum hat ein belgisch-britisches Ehepaar ein altes Bauernhaus in ein wild wucherndes Öko-Paradies verwandelt. Mit einem finnischen Winter-Grill-Pavillon zwischen den Ranken und einer Sauna nebst großen Holzzuber zur Abkühlung. In dieser superben Nischen feiert die Bade-Kultur von Spa ihre Wiederaufstehung.

Autor:
Ralf Niemczyk