Belgien Brügge - lebendig und aufregend

Brügge ist schön. Weder Schmutz noch lieblos behandelte Häuser, weder Bausünden noch wütende Graffitis stören die Makellosigkeit aus malerischen Gassen, romantischen Plätzen, weiß getünchten Häuser, Backsteintürmen, Parkanlagen und verwunschenen Kanäle, über die weiße Schwäne gleiten. Brügge zeigt Besuchern das Mittelalter von seiner besten Seite - ein Grund, warum die Unesco im Jahr 2000 die gesamte Altstadt zum Weltkulturerbe erklärte. Außer am frühen Morgen und am späten Abend muss man die Pracht allerdings mit vielen Menschen teilen.

Drei bis vier Millionen Touristen aus aller Welt drängen sich jedes Jahr durch die Straßen südlich des Großen Marktes, eine Region, die von Einheimischen auch "das goldene Dreieck" genannt wird. Hier trabt eine Pferdekutsche hinter der anderen her, vor den Anlegestegen der Grachtenrundfahrten bilden sich lange Schlangen und die Brügger Spitze kommt in den meisten Souvenirläden schon seit Jahren aus Asien. Hier kommt der Verdacht auf, dass der Stadt ihre herausragende Schönheit zum Verhängnis geworden, dass sie zu einer Art Disneyland für Mittelalterfans degradiert worden ist.

Lange wurde Brügge Stillstand und Kommerzialisierung vorgeworfen. Doch wer den Touristenmeilen den Rücken kehrt, die verträumten Kopfsteinpflastergassen, nur wenige Gehminuten vom Zentrum entfernt, erkundet und sich die Zeit für eine Plauderstunde mit Brügges gastfreundlichen Bewohner nimmt, stellt fest, dass die Stadt das Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart inzwischen mit Bravour meistert.

"Brügge ist viel mehr als nur schön. Brügge ist lebendig und aufregend", sagt Ellen Vandenbulcke, die sich wünscht, dass mehr Touristen die ausgetretenen Pfade verlassen. "Viele denken nach wie vor, dass Brügge eine Art Freilichtmuseum ist, in der die Bewohner höchstens eine Statistenrolle spielen. Sie kommen für einen Tag, fotografieren alle Sehenswürdigkeiten und verschwinden wieder. Das ist schade: die Besucher verpassen so das echte Brügge und wir verpassen die Interaktion mit den Besuchern."

Zum neuen lebendigen Image der Stadt hat die junge Kunstwissenschaftlerin einiges beigetragen. Zusammen mit drei Freunden rief sie 2003 die Arbeitsgruppe "Tapis Plein" ins Leben, die sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, junges Design mit alten Wurzeln zu fördern. "Kulturerbe muss sich weiter entwickeln, sonst stirbt es. Ein gutes Beispiel ist das Klöppeln. Natürlich gibt es auch noch die traditionelle Spitze, aber daneben gibt es auch immer mehr Künstler, die die alte Handwerkstechnik frech und neu umsetzen." Eines der Tapis Plein-Projekte ist "Quartier Bricolé". Im Laden in der Langestraat, einer der "vergessenen" Straßen Brügges, können junge Designer ihre Kreationen ausstellen. Für die einheimische kreative Szene ist das eine Möglichkeit, bekannt zu werden und Geld zu verdienen. Die Besucher Brügges können hier ausgefallene Produkte zu bezahlbaren Preisen erwerben und manchmal auch die Designer selber treffen. Auch die Schuhdesignerin Ellen Haselaars ist hier anzutreffen. "Quartier Bricolé ist ein tolles Projekt, das unsere Stadt sehr bereichert. Mit den vielen Besuchern aus aller Welt ist Brügge die ideale Plattform für Nachwuchsdesigner."

Brügge, eine der besten Städte der Welt

Das Zusammentreffen von traditionsreichem Handwerk und jungen Designern, alten flämischen Meistern und zeitgenössischen Künstlern, historischer Kulisse und pulsierendem Leben bezaubert nicht nur jene Besucher, die sich ausreichend Zeit für die Stadt nehmen. Es ist auch Grund für zahlreiche Kreative, Gastronome und Globetrotter aus aller Welt, Brügge zu ihrer Wahlheimat zu erklären. Einer von ihnen ist der Entertainer Steven Atkeson. Zusammen mit seiner Frau, einer Slowakin, wohnt der Amerikaner seit fünf Jahren in Brügge, seiner Meinung nach "einer der besten Städte der Welt".

 

Steven Atkeson begeistert die Besucher mit seinen Ballonfiguren.
Heidi van Elderen
Steven Atkeson begeistert die Besucher mit seinen Ballonfiguren.

Wenn er nicht gerade als Jongleur oder Magier unterwegs ist, steht Steven auf dem Großen Markt und begeistert Kinder und Erwachsene mit seinen Ballonfiguren. "Tagsüber ist hier Trubel, aber sobald die Touristen am Abend die Stadt verlassen, ist Brügge ein Dorf. Jeder kennt jeden. Die Atmosphäre ist entspannt und natürlich macht es Spaß, in einer so schönen Stadt zu wohnen", erzählt er, während er aus braunen und rosa Luftballons einen Affen knotet. "Mit Englisch kommt man in Brügge gut zurecht, aber bei dieser Arbeit lernt man sowieso ganz schnell einige Sätze in ganz vielen Sprachen." Kurz darauf fragt der große Mann im bunten Anzug ein Mädchen in fließendem Italienisch, welches Tier sie sich wünsche. Die kleine Italienerin deutet strahlend auf den inzwischen fertigen Affen.

Die Mischung aus internationalem Publikum und dörflichem Idyll überzeugt auch den Maler Svein Koningen, der mit seiner abstrakten Kunst international bekannt geworden ist. Von der Welt hat der 66-Jährige viel gesehen. Er wurde in Norwegen geboren, wuchs in Amsterdam auf, lebte in Australien, England und der Karibik. Dass er zusammen mit seiner australischen Frau Dianne in Brügge landete, war eher Zufall. "Wir wollten ein, zwei Jahre in Europa bleiben und haben eigentlich eine Bleibe in Frankreich oder London gesucht. In Brügge haben wir nur einen Zwischenstopp auf der Durchreise eingelegt und uns direkt Hals über Kopf verliebt. Als wir dann in London nichts Passendes entdeckt haben, sind wir zurück gekehrt und haben auf Anhieb unser Haus gefunden", sagt Svein.

Zwei Monate lang renovierte das Paar das alte Haus auf der Korte Vuldersstraat, in dem sich neben den Wohnräumen und dem Atelier auch die Gallerie des Künstlers befindet. "Jetzt wohnen wir schon acht Jahre hier - so lange sind wir noch nie an einem Ort geblieben. Alles ist zentral und leicht mit dem Rad oder zu Fuß zu erreichen, tolle Städte wie Paris und Ausflugsziele wie die holländische Küste sind nur wenige Stunden entfernt. Alle kennen sich und bei einem Stadtbummel trifft man fast immer gute Freunde. Die Nachbarschaft ist sehr international, nett und hilfsbereit." Dass das Zusammenleben von zahlreichen Nationalitäten auf engem Raum so gut funktioniert, sagt Svein, habe auch viel mit der Geschichte Brügges zu tun.

Tatsächlich war Brügge schon im 13. bis 15. Jahrhundert ein Tummelplatz für Weltenbummler. Nachdem 1134 eine Sturmflut eine Fahrrinne in die Meeresbucht Zwin gerissen und dadurch Brügge mit der Nordsee verbunden hatte, mauserte sich die Stadt in Flandern schnell zu einem der größten Handelsplätze der Welt. Tuch-, Teppich-, Schmuck- und Weinhändler, Wollproduzenten und andere Kaufleute aus ganz Europa legten mit ihren Schiffen in Brügge an. Der wachsende Reichtum in der Stadt lockte stetig mehr Adlige, Händler, Künstler und schließlich auch den burgundischen Hof. Der südeuropäische Flair, den Philipp der Kühne, Herzog von Burgund, nach seiner Hochzeit 1369 mit Margarethe van Male, Tochter des letzten Grafen von Flandern, in die Stadt brachte, ist bis heute spürbar - nicht umsonst wird Brügge häufig als das "Venedig des Nordens" bezeichnet.

Der Handel verkümmerte und Brügge wurde zum Armenhaus

Die Edelleute aus Burgund genossen die Hafenmetropole in vollen Zügen, gaben Geld aus und veranstalteten prunkvolle Feste. Die Party war vorbei, als Maria von Burgund, Philipps Ur-Ur-Enkelin und Ehefrau von Maximilian von Habsburg, 1482 an den Folgen eines Reitunfalls starb. Das Verhältnis zwischen Flandern und Frankreich kühlte merklich ab, die Burgunder kehrten in ihre Heimat zurück und nahmen ihr Geld sowie zahlreiche Kaufleute mit. Zu allem Übel versandete dann auch noch die Zwin, der Handel verkümmerte und Brügge wurde zum Armenhaus.

So tragisch die finanziellen Nöte für die damalige Bevölkerung gewesen sein müssen, so positiv wirkten sie sich auf das architektonische Erbe aus. Jahrhundertelang war einfach kein Geld für Erneuerungen vorhanden und so blieb das Stadtbild unversehrt erhalten. Zugute kam das Brügge allerdings erst, als der belgische Schriftsteller Georges Rodenbach 1892 einen Roman mit dem Titel "Das tote Brügge" schrieb. Reisende wurden auf die ehemalige Handelsstadt aufmerksam und erlagen ihrem damals maroden Charme. Neben dem aufkeimenden Tourismus schaffte die 1907 geschaffene Anbindung an den Seehafen Zeebrugge ein zweites wirtschaftliches Standbein. Heute sind die Stadtkassen wieder gefüllt - eine wichtige Voraussetzung, damit Brügge so schön bleiben kann, wie es ist. Seit 1977 bekommen die Bürger jedes Jahr rund eine Million Euro, um ihre Häuser und Dächer zu sanieren.

Die Liebe für schöne Dinge, die Offenheit gegenüber anderen Kulturen und die Gastfreundschaft, da sind sich die Brügger sicher, ist durch die Geschichte ihrer Stadt in ihren Genen verankert. Eine der Einheimischen, die die Begegnungen mit Fremden liebt, ist die Steinmetzin Maud Bekaard. Die Künstlerin, die unter anderem Poesie in Stein meißelt, ist in Brügge geboren, bereiste aber mit dem Rucksack weite Teile der Welt. Inzwischen verbringt sie jedes Jahr rund drei Monate in Kapstadt, wo sie Jugendlichen ihr Handwerk vermittelt. "Ich mag die stille Seite von Brügge, früh morgens, wenn die Stadt langsam erwacht. Aber ich liebe es auch, wenn die Touristen im Frühjahr wie Zugvögel hier herkommen. Neulich kam ein chinesisches Mädchen in meinen Laden. Wir haben uns unterhalten und am Ende hat sie mir viel über die Bedeutung verschiedener chinesischer Schriftzeichen erzählt. Das war ein wunderbar inspirierendes Treffen, das so typisch für meine wunderbare Stadt ist. In Brügge kann man sich Zuhause fühlen und trotzdem den Duft der weiten Welt einatmen."

Autor:
Heidi van Elderen