Belfast Eine Stadt im Aufschwung

Der Pub ist voll, aber niemand spricht. Die Gäste lauschen andächtig den drei Männern mit ihren Dudelsäcken auf der improvisierten Bühne neben dem Eingang. Jeder Ton sitzt, die drei müssen seit langem zusammenspielen. Es soll 21 Jahre dauern, bis man das Instrument beherrscht. Als die Musiker eine Pause machen, strömen die Zuhörer an die dunkle Holztheke, um für Nachschub zu sorgen. Kaum setzen die Dudelsäcke wieder ein, verstummen die Gespräche. Das Geld für die Getränke ist gut angelegt, denn jeder Penny Profit geht an das benachbarte Zentrum für Arbeitslose, das sich mit dem Pub finanziert.

Weil der 1987 verstorbene Dichter John Hewitt am Maifeiertag 1983 das Zentrum eröffnete, benannte man das Wirtshaus in der Donegall Street nach ihm. Seine Bücher und die Werke anderer Schriftsteller stehen auf Regalen im Nachbarzimmer, an der Wand hängen Fotos von berühmten Gästen: Irving Welsh, Linton Kwesi Johnson und Will Self. Als die Musiker ihre Dudelsäcke nach zwei Stunden einpacken, will man sie gar nicht gehen lassen. Aber sie müssen weiter in den nächsten Pub zur nächsten Session. Es gibt nämlich viel zu tun in Belfast.

Vom Friedensprozess beflügelt, erlebt die Stadt einen gewaltigen Aufschwung. Alt und Neu liegen in der nordirischen Hauptstadt dicht beieinander. Die beiden Kruppkräne "Samson" und "Goliath" am östlichen Rand des Hafens symbolisieren beides: die stark geschrumpfte Schiffbauindustrie in der einst größten Werft der Welt und das "Titanic Quarter", das an ihrer Stelle entsteht - ein Hightech- Park, der aber auch Raum gibt für Wohnen und Freizeit. Neben den neuen Shopping-Palästen in der Innenstadt stehen - jedes selbst ein Palast - das neobarocke Rathaus, das sich die Stadt 1906 aus den Gewinnen der Gaswerke leistete, und das orientalisch anmutende Opernhaus von 1895, in dem Luciano Pavarotti vor fast 50 Jahren seinen ersten Auftritt auf den Britischen Inseln feierte.

Die ehrwürdige Queen's University, ihr Stammhaus ist ein Palast von 1849 im Neo-Tudorstil, veranstaltet jährlich im Herbst ein Musik- und Theaterfestival, das aus bescheidenen Anfängen zu einem zwei Wochen währenden Großereignis gewachsen ist. In der Queen's University studierten die irische Präsidentin Mary McAleese, der Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney und der Schauspieler Stephen Rea. Letzterer sagte über seine Heimatstadt: "Belfast ist wie ein hässliches Kind - man liebt es mehr als die anderen." Dabei ist Belfast keineswegs hässlich. "Das kleine Belfast kann eine so schöne Stadt sein", meint der Schriftsteller Robert McLiam Wilson. "Sooft man in Belfast den Blick bis ans Ende einer Straße schweifen lässt, bleibt er an irgendeinem Berg oder Hügel hängen." Oder an einem Pub.

"Einzelsäuferkojen" im berühmtesten Wirtshaus

Das berühmteste Wirtshaus Belfasts, wenn nicht gar Irlands, der "Crown Bar Liquor Saloon", liegt in der Great Victoria Street gegenüber vom "Europa Hotel", das mehr Bombenanschläge über sich ergehen lassen musste als wohl irgendein anderes Gebäude der Welt: 33 Explosionen erschütterten das Hotel im Laufe des Nordirland-Konflikts, aber es steht immer noch. In der "Crown Bar" gibt es noch die Buntglasscheiben mit aufgemalten Muscheln, Feen und Clowns, ebenso die kleinen Metallplatten an den Wänden, an denen man Streichhölzer entzünden konnte, als man in den Pubs noch rauchen durfte. Auch die zehn snugs sind erhalten. Heinrich Böll nannte sie "Einzelsäuferkojen", hier kippten sich Frauen und Priester unbeobachtet einen hinter die Binde.

Zwar mag die "Crown Bar" der berühmteste Pub sein, doch "White's Tavern" in der Winecellar Entry ist älter - viel älter. Noch ist nichts los, ein paar Gäste sitzen am Torffeuer und nehmen ihren Lunch. Erst nach Geschäftsschluss füllt sich der Pub, und freitags und sonntags, wenn Musiker zur traditionellen Session zusammenkommen, wird es eng. Im "White's" werden seit 1630 Getränke ausgeschenkt. Viel hat sich seitdem nicht verändert. Die aus Ziegeln gemauerten Wände sind geweißelt, die Decke ist niedrig und wird von dicken Holzbalken gestützt, es wirkt alles etwas windschief. Der bekannteste Gast war Henry Joy McCracken, Baumwollfabrikant und Freiheitskämpfer, der im "White's" sein letztes Bier trank, bevor er für seine Teilnahme am Aufstand von 1798 hingerichtet wurde.

Die Winecellar Entry ist eine jener schmalen Gassen in der Innenstadt, die früher den Geschäften der wohlhabenden Kaufleute vorbehalten waren. Sie sind leicht zu übersehen, aber sie beherbergen so manch altes Wirtshaus, kleine Restaurants und winzige Geschäfte. Die meisten "Entries" verbinden High Street mit Ann Street, wie auch Joy's Entry, wo Henry Joy McCrackens Großvater Francis ab 1737 den Belfast News Letter herausgab, eine der ältesten bis heute erscheinenden Zeitungen der Welt.

Unter der High Street fließt der Farset. Der kleine Fluss gab Belfast den Namen: Béal Feirste, die Mündung des Farset. Im 19. Jahrhundert hat man ihn zugedeckt, um Platz zu schaffen für die expandierende Stadt. Seit dem Friedensprozess wird wieder kräftig gebaut, vor allem im Cathedral Quarter nördlich der High Street, dem früher ärmsten Wohnviertel der Stadt. Im Zuge der Industrialisierung wurden die Wohnhäuser abgerissen und durch Lagerhallen ersetzt. Von dieser Zeit zeugen die Eisenpoller, die die Häuserecken vor Beschädigung durch Pferdekarren schützen sollten.

Mit dem Niedergang der Leinen- und Schiffbauindustrie verfiel das Viertel. Fast unbemerkt ist Cathedral Quarter in den letzten Jahren auferstanden. Weil die Mieten billig waren, haben sich alternative Kulturbetriebe angesiedelt wie das "O Yeah Music Centre", wo man alles über Nordirlands Rock- und Punkszene erfährt, oder die "Black Box" in der Hill Street, auf deren Bühne Rockkonzerte, aber auch Dichterlesungen stattfinden. Das alte Viertel strahlt jugendlichen Charme aus. 45 Prozent der Belfaster sind unter 30 Jahre alt. Der Grundstein für St Anne's Cathedral, die dem Viertel den Namen gab, ist 1899 gelegt worden, aber fast ein Jahrhundert hat man immer weiter an ihr herumgebaut. Gegenüber der Kathedrale, auf dem Writers' Square, sind Steinplatten mit Zitaten nordirischer Dichter in den Boden gelassen.

Seit Beginn des Friedensprozesses wird ein weiterer Dichter immer wieder zitiert. Seamus Heaney schrieb von einer Zeit, in der "hope and history rhyme", Hoffnung und Geschichte keine Gegensätze mehr sind. Aber die Spuren des Konflikts sind noch sichtbar. Nur wenige Schritte vom Zentrum entfernt grenzen katholische und protestantische Viertel aneinander, getrennt durch eine hohe Mauer. Die mehrere Kilometer lange "Friedenslinie" gehört inzwischen zu den Besucherattraktionen. Künstler aus aller Welt haben Gemälde auf der Mauer und auf zahlreichen Giebelwänden in der Nachbarschaft hinterlassen. "Das ist Belfasts Antwort auf Mona Lisa", meint der ehemalige militante Kämpfer Lawrence Robinson. "Wozu also nach Paris fahren?"

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Autor:
Ralf Sotscheck