Beirut Designhotel "Le Gray"

Am liebsten hätte Gordon Campbell Gray sein schickes Beiruter Hotel Le Gray noch mitten im Kugelhagel der Israelis eröffnet. Die Bauarbeiten waren 2006 in vollem Gang, als der Krieg dem Hotelier und Chef des Londoner "One Aldwych" einen Strich durch die Rechnung machte. Beirut stand unter Beschuss, die Stadt hatte andere Sorgen als ein Luxushotel der Spitzenklasse. Aufgeben war für Gray trotzdem keine Option. "Nicht eine Sekunde habe ich daran gedacht, das Projekt abzublasen. Das hier ist mein Lieblingskind", erklärt der elegante Schotte mit einem leichten Anflug von Stolz, als wolle er den Besatzern heute noch kühn die Stirn bieten.

Also hieß es Warten. Zwei Jahre wurde das Le Gray auf Eis gelegt, bevor es vor über einem Jahr endlich die schicken Türen öffnen konnte. "Es ist ein Symbol des Neustarts. Das Hotel war das erste glamouröse Ereignis in Beirut, nachdem so lange Zerstörung herrschte", erklärt der Hotelier. Der 60-Jährige ist ein bekennender Optimist, der am Ende alles ins Positive drehen kann. Die Zwangspause ist für ihn heute fast ein Segen, so konnte er länger über Designdetails brüten und seinen Auftritt auf der Beiruter Bühne noch etwas besser vorbereiten.

Der große Paukenschlag ist dem Sohn eines wohlhabenden Tabak-Barons gelungen. Das edle Luxushotel am Eingang des Downtown-Viertels Solidare ist seit der Eröffnung der Hotspot der Stadt, die wieder zurück will zu ihren alten goldenen Zeiten. Die 87 Zimmer sind fast immer ausgebucht, die drei Bars und zwei Restaurants entwickelten sich zu beliebten Ausgehadressen. Es sind hauptsächlich Einheimische und Gäste aus den angrenzenden Ländern, die es sich im glamourösen Ambiente bequem machen. "Zum Glück ist der Tourismus noch nicht mit voller Wucht hier angekommen. Beirut braucht erstmal Zeit für sich selbst. Das Fehlen der klassischen Urlauber ist eines der magischen Dinge dieser Stadt. Es gibt keine nervtötenden Postkartenverkäufer, keine Souvenierstände. Touristen machen Städte kaputt, kein Zweifel", sinniert der schlanke Businessmann und fährt sich lässig durchs weißgraue Haar.

Gordon Campbell Gray ist nicht angewiesen auf eine Klientel, das nur einen Platz zum Schlafen braucht, um beim ersten Sonnenstrahl die Stadt zu erkunden. Wer hier einkehrt, sollte etwas Zeit und Muse zur Hotelbesichtigung mitbringen. Gut 500 Kunstwerke hat der leidenschaftliche Sammler auf den fünf Stockwerken verteilt. Am Eingang begrüßt ein Baby-Elefant des libanesischen Künstlers Nadim Karam die Gäste, in der Zigarren-Lounge prangt ein Gemälde des kubanischen Malers Diago und im Café ein Weltkartenbild von David Reimondo. Der ganze Stolz des Designfans ist der gigantische Luster in der Rotunde des Treppenhauses. Abends leuchten die zarten Blumen aus Fiberglas in Hellblau, tagsüber schimmert die englische Spezialanfertigung in eisigem Weiß. Gray liebt jede einzelne seiner Errungenschaften. Meistbietende Gäste stoßen beim Chef auf taube Ohren. "Ich habe schon viele Anfragen bekommen und denke gar nicht daran, etwas zu verkaufen. Mein Hotel ist keine Galerie, die Werke sind Teil des Designs", winkt Gray ab und bestellt einen weiteren White Coffee, dem lokalen Orangenblütentee.

Alles über 345 US-Dollar pro Nacht ist eine Unverschämtheit

Bei Gray bleibt nichts dem Zufall überlassen - weder bei seinem eigenen faltenfreien Outfit, der Intensität des Orangentees, und schon gar nicht Einzelheiten in den Hotels. Das "One Aldwych" wurde genau aus diesem Grund mehrmals mit Preisen ausgezeichnet und auch seine beiden anderen Hotels in London und Antigua gelten als perfekte Luxusoasen. Selbst mitten im hupenden Trubel der Großstadt soll der Gast sich entspannen können. Der Infinity-Pool auf der riesigen Beiruter Dachterrasse ist nur eines der exklusiven Extras, die Gray sich gemeinsam mit der Designerin Mary Fox Linton für solche Momente ausgedacht hat.

Das Personal ist auf den Punkt genau geschult, Gray kennt jeden aus dem Team persönlich und ist immer breit zu einem kurzen Schwätzchen über die Familie. Nur beim Wort VIP schüttelt sich der Hotelier abfällig, es gebe keinen Grund den einen Gast besser zu behandeln als den anderen. "Richtig wütend macht mich die Abzockmentalität mancher Häuser. Niemand sollte für Internet oder Wasser auf dem Zimmer extra bezahlen", sagt Gray in verärgertem Ton. Eine luxuriöse Übernachtung habe natürlich seinen Preis, beim Le Gray liegt der bei 345 US-Dollar fürs Doppelzimmer - alles darüber hinaus, sei eine Unverschämtheit.

Selbstverständlichkeiten wie Früchte oder eine tägliche Wetterkarte müssten inbegriffen sein. Da sei er nun mal durch und durch ein Schotte. Campbell Gray spricht dabei nicht vom obligatorischen Betthascherl auf dem Kopfkissen. "Das ist für mich kein Service. Ich habe mir gerade die Zähne geputzt und soll noch ein Stück Schokolade essen? Eine verrückte Idee. Das sind alles Dinge, die ohne Nachzudenken übernommen werden, weil man es immer schon so gemacht hat."

Konformität ist dem Meister des schlichten Luxus ein Graus. Er will seine Erfolgshäuser nicht klonen, sondern der Mentalität und dem Charakter des Standortes anpassen. Und so fügt sich das imposante Eckgebäude aus gelbem Sandstein nahtlos in die erdfarbenen Prachtbauten des schicken Solidere-Viertels ein. Campbell Gray sieht sich gerne als europäischer Vermittler, der Glanz und Glamour in ein gespaltenes Land zurück bringen will. Dass sein Bemühen nicht überall auf Begeisterung stößt, weiß er selbst. Die teure Rundumerneuerung der Downtown-Gegend ist vielen Libanesen ein Dorn im Auge. In den edlen Ladepassagen haben sich Designershops angesiedelt, exklusive Restaurants und Clubs reihen sich aneinander, während an anderen Ecken der Stadt immer noch die Zeichen des Krieges zu sehen sind.

Die Wut vieler, dass das Geld zuerst in Glamourbauten gesteckt wurde, versteht Gray. Man müsse aber nun mal irgendwo anfangen. Die Ecke am Platz der Märtyrer und der Rue Weygand sei aus vielen Gründen der perfekte Standort für sein Hotel. Sitzt man auf der luftigen Dachterrasse des Le Gray, geht der Blick auf den "Garten der Vergebung", einem beliebten Platz, sowie die beeindruckende Khatem-Al-Anbiyaa-Moschee und benachbarte christliche Gotteshäuser. Auf deren Glockengeläut folgt mehrmals am Tag der Gebetsgesang des Muezzin. Die Berge sind ebenso zu sehen wie das nahe Meer.

In eben diese Kontraste hatte Gray sich bereits in den 1990er Jahren verliebt. Seit seinem ersten Besuch in Beirut loderte die Vision eines Hotels ihn ihm. Heute teilt er sich die Zeit zwischen England, seinen Reisen für die Organisation "Save the Children" und dem Libanon auf. "Der Frohsinn der Menschen geht einem tief unter die Haut. Egal was sie auch durchmachen, es wird immer gefeiert. Nach Beirut ist London regelrecht langweilig. Selbst ich habe mich hier zu einem Party-Animal entwickelt. Keine andere Stadt hat mich trotz ihres Chaos so berührt." Das Warten habe sich gelohnt. Für beide Seiten.

Autor:
Manuela Imre