Beirut Das Nachtleben von Libanons Hauptstadt

Ein paar Minuten nach 23 Uhr springen Nayla Sbeih und ihre Freundinnen auf die roten Sofas, bohren ihre zehn Zentimeter langen Stilettoabsätze in den weichen Samt und schwingen die Hüften in gefährlich kurzen Kleidchen. Ihre geschniegelten Begleiter heben die Gin-and-Tonic-Gläser und hüpfen kurze Zeit später ebenfalls dazu. Wenn es in der "Music Hall", dem beliebtesten Club Beiruts, schon keine Tanzfläche gibt, muss eben jede freie Fläche für rhythmische Körperverbiegungen herhalten. Egal ob Couch, Tisch, Treppe oder Gang, plötzlich tanzt der ganze Saal - stundenlang. Geraten die Beiruter Partyleute erstmal in Fahrt, gibt es kein Bremsen. Vor sieben kommt Nayla garantiert nicht nach Hause.

In der libanesischen Hauptstadt brodelt es an allen Ecken und Enden: Neue Clubs, Bars und Cafes sprießen aus dem Boden, alteingesessene Lokale wie das "Gemmayzeh Cafe" locken mit endlosen Musiknächten und traditionellen Shows. Die Masse der Ausgehwütigen stürzt sich mit Begeisterung auf jede Abwechslung. Und die gibt es in Beirut genug, vor allem im Trendviertel Gemmayzeh. Die vorwiegend christliche Nachbarschaft unweit der schicken Downtown-Ecke ist der Hotspot für alle Nachtschwärmer der Stadt. Tagsüber ist Gemmayzeh eine eher verschlafene Gegend mit kleinen Lädchen und chaotisch vollgestopften Autowerkstätten. Manche Häuser wurden renoviert, andere liegen brach. Und an vielen Wänden finden sich auch heute noch Einschusslöcher des letzten Krieges vor vier Jahren, daneben prangt Graffiti.

Kaum geht aber die Sonne unter, verschwinden die Narben der Stadt im Dunkeln. Vor allem die lang gezogene Gouraud Street verwandelt sich im schummrigen Licht in eine Partymeile. Spätestens ab 21 Uhr sollte man sich vom Taxi an der Einfahrt dieser Hauptachse Gemmayzehs absetzen lassen, sonst steckt man schnell fest im allgemeinen Taumel und muss dem Fahrer beim Dauerhupen zuhören.

Dann doch lieber in einer der aneinandergereihten Kleinst-Bars untertauchen und zur DJ-Musik langsam in Stimmung kommen. Eines haben alle Trendspots von Gemmayzeh gemeinsam: Das Mischpult. Selbst Schuhkartons wie "Torino Express" oder "Godot" verzichten nicht auf eine eigene Ecke für den DJ, auch wenn dafür ein Teil der Theke geopfert werden muss. Dafür geht es dann im länglichen Schlauch von "Godot" bereits zur Happy-Hour ab wie anderswo in Großraumdiskotheken nach Mitternacht. Die Menge johlt und wippt kollektiv zum loungigen Mix, geflirtet wird in alle Richtungen und wer seinen nächsten Drink bestellen will, muss "stille Post" spielen - ein Durchkommen zum Barkeeper ist ohnehin sinnlos. Dicht aneinandergedrängt nippen die perfekt aufgestylten Mädels an ihren Frozen Fruit Daiquiris aus frisch gepressten Säften und lassen sich den Zigarillorauch des Gegenübers ins tiefe Dekolleté pusten.

Zigaretten, Alk und Kondome

Eng ist es in den Bars von Gemmayzeh - und rauchig. Genauso, wie es die Libanesen scheinbar lieben, denn egal wo man auch hingeht: Abends herrscht überall das gleiche Schulterreiben und dieselbe dicke Luft. Ein Rauchverbot hat sich in Beirut noch nicht durchgesetzt und die wenigsten Partygänger können sich ihre Nächte ohne das Standardpaket aus Zigaretten, Mashroob und Kondomen vorstellen. Keiner will sich hier die Stimmung durch Verbote vermiesen lassen. Warum auch? Viel zu lange musste sich die Szene in versteckten Winkeln der Stadt austoben, geheim Kippen tauschen und hoffen, dass die einzige Undergrounddisco nächste Woche nicht zufällig weggebombt wird.

Wahrscheinlich feiern die Beiruter deshalb, als gäbe es kein Morgen und gehen jeden Abend aufs Neue mit voller Energie auf die Piste - es könnte ja die letzte ausufernde Nacht in einem friedlichen Gemmayzeh sein. Alle wissen, dass sich Krieg und Frieden in diesem Land auf einem schmalen Grad bewegen und dass die politische Ruhe der vergangenen Jahre schnell wieder vorbei sein kann. Beunruhigt ist deshalb keiner. Lieber steckt man seine Energie in einen ausgelassenen Abend mit Freunden. "Das Gleiche haben wir auch vor Jahren gemacht, als Beirut von Israel unter Beschuss war. Wir trafen uns in abgelegenen Bars und wenn die Schüsse näher kamen, wurde die Musik einfach lauter gedreht", erinnert sich Nayla an die Krisenzeiten. Keinem sei es eingefallen, das Getränk aus der Hand zu stellen, geschweige denn zu Hause zu bleiben.

Zu Hause bleibt heute erst recht keiner. Zwar stehen immer noch an jeder Ecke bis an die Zähne bewaffnete Soldaten, die beschwipsten Nachtschwärmer ignorieren sie einfach. Niemand will an Kriege erinnert werden. Lieber wird das öffentliche Feiern ohne Bombengeräusche nachgeholt. Sonntag bis Mittwoch geht man aus, Donnerstag bis Samstag geht man exzessiv aus. Auf die Frage, wann denn mal tote Hose sei, schaut Chaibel Saadeh, Manager von "Godot", etwas entgeistert, besinnt sich dann und sagt "Mittwoch". Da sei ab 21 Uhr eine lockere Rauchstille in vielen Kneipen. "Allerdings nur bis kurz nach Mitternacht, dann ist die Bude wieder brechend voll." Geregelte Öffnungszeiten haben die Bars ohnehin nicht. Ausgeschenkt wird, bis die letzten Gäste weiterziehen.

Und in Gemmayzeh gibt es immer noch eine nächste Bar für den Absacker. "Treesome" beispielsweise ist einer der beliebtesten Spots für den letzten Drink. Die Bar mit dem echten Baum in der Mitte, ist für viele Beiruter das zweite Wohnzimmer. Hier fließen die Jägermeister-Shots schnell mal auf Kosten des Hauses. Jeder kennt jeden und falls nicht, ist man nach ein paar Gläschen schnell integriert. Überhaupt weiß man in Bars wie "Treesome" oder "Cloud 9" nie so ganz, wer denn nun Barmann, Besitzer oder feiernder Gast ist. Nach ein paar Mashroob scheint es aber auch recht egal zu sein.

Manager Carlos Hardane steht oft selbst am Mischpult und noch viel öfters mit einer Zigarette in der Hand zwischen seinen Gästen. Nach harter Arbeit sieht das alles nicht aus, eher nach einem spaßigen Dauerevent. "Ich wollte auch hautsächlich einen Treffpunkt für meine besten Kumpels schaffen", erinnert sich Carlos an die Grundidee von "Treesome" und nippt an einem "Rubiric", der neusten Kreation des Bartenders aus Wodka, Minze, Zitrone, Puderzucker und Cranberrysaft.

Kein Dresscode, aber sexy ist in

Das Wort Leidenschaft fällt bei den Besitzern ebenso oft wie bei den Feiernden. "Wir machen das hier nicht für Geld, die Leute sollen Spaß haben", sagt Nabil Sargi, der vor vier Jahren mit seinem DJ-Kumpel Ceasar Kahwagi das hippe "Flipside" eröffnete. Deshalb werden auch immer wieder mal Cocktails ausgegeben, in Beirut lässt ohnehin jeder ein kleines Vermögen auf dem Bartresen liegen. Die Preise hinken Städten wie New York, Paris und London nur leicht hinterher.

Im "Flipside" herrscht Vinylmania, wo man nur hinschaut. Angeleuchtete Alben hängen kunstvoll an der Wand, die gesamte Kollektion beläuft sich auf 10.000 Stück. Auf dem Cocktailmenu finden sich Drinks wie der "45RPM" aus Rum und Säften. Dazu gibt es jeden Abend einen DJ, oft reisen Special-Guests aus London, Berlin oder Paris an. Nach 22 Uhr ist der kleine Raum so gestopft voll, dass man sich kaum noch bewegen kann. Trotzdem wird je nach Thema gerockt, gejammt oder auf Techno getanzt.

Wer eher auf eine heimelige Tanzatmosphäre steht, muss drei Straßen weiter ins "Behind the Green Door" ziehen, einem der angesagtesten Clubs von Beirut - wenn man ihn denn findet und frühzeitig anruft, um sich auf die Liste setzen zu lassen. Ohne Reservierung geht in den meisten Tanzschuppen der Stadt gar nichts, eine Diskussion mit dem Türsteher ist im "Green Door" ebenso überflüssig wie im "Music Hall". Erstmal drin, ist das versteckte Speakeasy der Tanzhimmel auf Erden. Kaum jemand sitzt in dem Wohnzimmer-Ambiente. Stattdessen steht man auch hier auf den Sofas und rockt mit einem Almaza-Bier oder dem lokalen "961"-Pils in der Hand auf jedem freien Fleck. Die Stimmung ist ausgelassen wie bei einer Studentenparty, die Musik erinnert ebenfalls an vergangene Uni-Zeiten. Selbst an einem Montag ist der Laden noch bis 2 Uhr morgens brechend voll.

Schlaf scheint in dieser Stadt ein Unwort zu sein und trotzdem sehen die Feiernden an jedem Abend der Woche aufs Neue aus wie aus dem Ei gepellt. Die Männer haben in Cologne gebadet, tragen frisch gestärkte Hemden und polierte Schuhe, die Frauen am besten so wenig wie möglich. Libanon ist ein Land der Kontraste. Während in streng moslemischen Teilen von Beirut viele Frauen verschleiert sind, gibt es in Gegenden wie Gemmayzeh, Ashrafieh oder Hamra keinen Dresscode. Sexy ist in. Dieses Motto gilt vor allem für die "Music Hall", einen kurzen Spaziergang von Gouraud Street entfernt.

Hier fließt Mashroob in Strömen, bevorzugt aus teuren Champagner- und Wodka-Flaschen. Ein Abend im umgebauten alten Kinosaal ist nicht günstig, aber legendär. Ein Bier kostet 10 Euro, ein Cocktail gerne auch 16. Dafür bekommt man allerdings einiges geboten. Gut zwanzig Live-Auftritte gibt es im Schnitt an einem Abend auf der großen Bühne. Die bunt gemischten Bands haben nur fünf Minuten für ihr Repertoire. Dann fällt der Vorhang und die DJ-Musik setzt für die nächsten 15 Minuten ein. Spätestens nach dem dritten Gig sitzt keiner mehr auf den roten Samtkissen. Egal was auf der Bühne gerade gespielt wird - ob Opernrock-Arie, Beatles-Medley oder traditionelle libanesische Volksweisen - die über 500 Gäste tanzen und singen, als ginge es um ihr Leben. Inne gehalten wird höchstens für die nächste Drinkbestellung - oder die Überlegung, wo man anschließend zum Absacker hingeht.

Autor:
Manuela Imre