Fast Lane Behalten Sie Beirut im Blick!

Über der vergangenen Woche lag ein heißer, dunstiger Schleier. Als ich am Mittwoch in Beirut landete, war die Luft über der Stadt so dick und schwer, dass es sich anfühlte, als würden wir in den aufgeweichten, klebrigen Asphalt gedrückt werden. Der super-schwüle Abend hielt uns (mich, Mom, Mats, meine Magazin-Kollegen Todd und Bruce sowie den neuen Freund Moritz) aber nicht davon ab, bei einer Party im Papercup in Mar Mikhael den Gastgeber zu spielen, ein wunderbares neues armenisches Restaurant ein paar Straßen weiter in Beschlag zu nehmen und die Menschen, die Feuer-Show, die Sounds, die Wunderkerzen und die unfassbar großen Wodka-Flaschen in der Skybar über Beiruts Hafen zu genießen.

Obwohl der Kurzaufenthalt im Libanon vor allem geschäftlicher Natur war, markierte er auch die offizielle Übergabe der Wohnung, in die ich mich im Mai verliebt hatte. Wenn Sie die Notizen meines Trips Anfang Juni verfolgt haben, werden Sie sich daran erinnern, dass ich zwei Apartments im Aschrafiyya-Viertel gefunden hatte, es jedoch nicht geschafft hatte, mir diejenige, die ich gerne haben wollte, vor meinem Abflug zu sichern.

Glücklicherweise besitze ich nun die Schlüssel zu der Besseren der beiden und habe begonnen, die Märkte, Galerien, Antikhändler und Müllhaufen der Stadt nach passenden Stücken zu durchforsten, um die Terrasse, den Eingangsbereich und die einem Hotel würdige Küche einzurichten. Mein Freund Kamal steckte mich in sein Auto, bevor ich losging, um das Wichtigste für die Küche auszusuchen, und versicherte mir, dass alles, was ich in diesem Land nicht finden würde, mit Leichtigkeit hergestellt werden könne. "Was auch immer du möchtest", sagte er, "Terrassenmöbel, tiefe Lounge-Sofas, Bettwäsche, Lampen, Lagerräume. Wir wissen hier noch, wie man Sachen produziert."

Mal ganz abgesehen vom überwältigenden libanesischen Sinn für Gastlichkeit und der "Nichts ist unmöglich"-Einstellung (Elemente, die Grundpfeiler jeder Tourismus-Kampagne sein sollten), ist es die reiche Handwerkskultur, die den Libanon zu einer interessanten Fallstudie für ein Land am Scheideweg zwischen Europa und Asien macht.

Das Versäumnis, in den vergangenen drei Jahrzehnten in die Infrastruktur zu investieren, hat sich für jeden vom Herausgeber bis zum Möbeldesigner in einen Vorteil verwandelt. Eine junge Frau, die eine Papeterie betreibt, ist in der Lage, ihre Werke in den Vororten von Beirut auf Maschinen drucken und bearbeiten zu lassen, die in höher entwickelten Ländern längst durch digitale Geräte ersetzt wurden. Das Endprodukt ist luxuriös und fühlt sich wunderbar an - und es ist sehr selten.

"Made in Libanon" - ein Qualitätsmerkmal

Im Viertel Hamra hat ein Möbelhaus, das mit Stücken von Jean Royère handelt, damit begonnen das Design angesehener französischer Möbeldesigner aus den 1950er-Jahren wiederzubeleben und dafür eine lokale Produktionsstätte eingerichtet. Tische im Bumerang-Stil, die an ein Leben im 21. Jahrhundert angepasst wurden, sind in Kunststoffe eingehüllt, die eigentlich schon vor Ewigkeiten im Müll hätten landen sollen, die man aber immer noch in Lagerhallen im ganzen Land findet. Tatsächlich bekommen kleine libanesische Möbelhersteller nun den Zuschlag für Aufträge, die ansonsten möglicherweise an Fabriken in China gegangen wären.

Während es der Türkei bei der Produktion von Kleidern, Möbeln und Haushaltswaren auf die Quantität ankommt, könnte "Made in Lebanon" zu einem Qualitätsmerkmal für Keramik, maßgeschneiderte Kleidung, Druckerzeugnisse, Lebensmittel und sogar Schuhe werden. Lina Audi's Liwan Brand, L'Artisan du Liban, Orient 499, die Mode von Rabih Kayrouz, die rustikalen Lederwaren von Johnny Farah, Rouba Mourtadas Design und Karim Bekdaches Ablagesysteme sind Beispiele für Geschäfte, die libanesisches Designtalent mit heimischer Herstellung kombinieren.

In dem Land gibt es viel zu verbessern. Ein guter Anfang, auf dem dann weiter aufgebaut werden könnte, bestünde darin, sich auf die Kultur des Handwerks zu konzentrieren. Ein solcher Fokus würde nicht nur die kleinen und mittleren Betriebe unterstützen, sondern auch allgemein eine nachhaltige Grundlage schaffen, um den Touristen einzigartige Erfahrungen zu ermöglichen. Außerdem wäre Beirut dann innerhalb der gesamten Region (mit Ausnahme Syriens, vielleicht) in die einmalige Lage versetzt, Produkte und Erlebnisse anzubieten, die wirklich original sind.

Jetzt, wo plötzlich immer mehr Restaurants auftauchen und Hotels sich aus den Ruinen heruntergekommener Gebäude schälen, wird der Libanon entscheiden müssen, welche Art von Touristen er sich wünscht und wie er sie ins Land bekommt. Im Augenblick, und ganz ohne Masterplan, ist es eine 1A-Destination, die bisher ohne Angebote für Junggesellenabschiede oder Pauschalreisende auf der Suche nach billigen Buffets auskommen konnte.

Vor zwei Wochen kündigte die Regierung an, den Flughafen auf das Doppelte seiner Größte zu erweitern. Da in diesem Zusammenhang auch über den Ausbau der Infrastruktur für große A380er diskutiert wurde, wäre es weise, wenn die Regierung und Lebanon Inc. gleichzeitig sicherstellen würden, dass auch die heimische Fluggesellschaft MEA (Middle East Airlines) gefördert wird - eine Art nationaler Schatz.

Mein erster Flug mit ihnen von Heathrow nach Beirut im Jahr 1991 war auch einer meiner denkwürdigsten: zum Service gehörte ein Wagen mit diversen Sonntagsbraten inklusive Tranchierbesteck sowie schicke Stewardessen, die im Gang rauchten. Auf meinem MEA-Flug von Abu Dhabi am vergangenen Sonntag wurde ich von einer eleganten Frau mit hochgesteckten Haaren, tiefer Bräune und einer rauchigen Stimme begrüßt, die aussah wie das Aushängeschild des "goldenen Zeitalters des Fliegens" - und sie war es. Das Einzige, was fehlte, war die Zigarette.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé