Beirut Alter Glanz: Das Luxushotel Le Bristol

Die Einschusslöcher befinden sich im zweiten Stock. Wer Stufen statt Fahrstuhl wählt, kann die Einkerbungen im hellen Marmor erkennen. "Kriegswunden" stellt Nazira El Atrache nüchtern fest. Die einzigen sichtbaren Male des schicken Beiruter Hotels "Le Bristol", denn "der Brand auf dem Dach war damals schnell unter Kontrolle, davon sieht man heute nichts mehr", fügt die Geschäftsführerin hinzu.

Es klingt so, als ob die 58-Jährige von einem Gewitter spricht, das vor vier Jahren kurz gewütet und nur ein paar leichte Wasserschäden hinterlassen hat. Die meisten Libanesen reden in diesem beiläufigen Ton vom Krieg, von den Angriffen und den Bomben und fügen immer schnell an, dass sie trotz der Gefahr ihr ganz normales Leben weitergeführt hätten. Ein wenig trotzig klingt das und sehr stolz. Sich unterkriegen lassen, fällt keinem ein - selbst auf ein Hotel wird diese Einstellung übertragen.

Und so schloss Le Bristol im schicken Viertel Verdun in seiner fast 60-jährigen Geschichte keinen einzigen Tag die Türen. Nicht, als die Stadt vor vier Jahren unter israelischem Beschuss stand, nicht während der israelischen Invasion 1982 und schon gar nicht während des Libanesischen Bürgerkriegs 1975. "Andere Hotels der Stadt machten dicht, öffneten nur ihre Restaurants oder vermieteten einzelne Zimmer. Wir nicht. Hier nahm alles seinen gewohnten Gang", erinnert sich Sami Rizk, Bankett- und Küchenchef mit hörbarem Stolz in der Stimme. "Wir waren ja die einzigen, die sich so was trauten und wurden zum Mittelpunkt. Hier traf sich Libanon."

Sami, wie ihn alle liebevoll nennen, hat es sich im orientalischen Cafe bequem gemacht, einem der schönsten traditionellen Räume des Hotels. Umgeben von dunklem Holz, tiefen Schnitzereien und aufwendigen Mosaiken lässt es sich besonders nett Shisha rauchen. Man muss kein Hotelgast sein, um die luxuriösen Annehmlichkeiten des Le Bristol zu genießen, das ist auch heute noch so. Allerdings finden immer weniger Nachbarn mal kurz den Weg ins 5-Sterne-Domizil. Gefeiert wird in Beirut immer noch wild und ausgelassen, nur gehen die Söhne und Töchter aus gutem Hause dafür nicht mehr ins beste Hotel am Platz, sondern in Szeneviertel wie Gemmayzeh oder das nahe gelegene Hamra. Die Zeiten haben sich geändert, das weiß auch Sami. Deshalb erzählt er bei einem Glas Chai lieber von den alten, turbulenten Tagen.

Dabei leuchten seine Augen wie bei einem kleinen Jungen, der gerade seine liebste Abenteuergeschichte zum Besten gibt. Und Geschichten hat er genug auf Lager. Über den ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak beispielsweise, wegen dem Sami mal nachts um eins aus dem Bett geklingelt wurde. "Mubarak kommt morgen zu einem Spontanbesuch, wir brauchen ein komplettes Mittagsmenü. Sofort!", hieß es aus Emile Lahouds Büro. Und so trommelt der 63-Jährige um zwei Uhr morgens sein gesamtes Küchenteam zusammen, schnippelt, brutzelt und gart bis zur letzten Sekunde. Dafür gibt es dann vor versammelter Mannschaft ein dankbares Schulterklopfen des libanesischen Präsidenten.

"Wir Libanesen sind Party-People. Daran kann kein Krieg etwas ändern."

Das sind die Momente, für die Le Bristol bekannt ist. Man kann sich darauf verlassen, dass alles passt. Die Mitarbeiter verbiegen sich gerne, um es den Gästen Recht zu machen, pünktliche Feierabende gibt es nicht. Wenn etwas anliegt, bleibt man da - und das auch noch gerne. "Hier zu arbeiten ist, wie von zu Hause zu seiner zweiten Familie zu kommen", erklärt der Chefkoch. Dementsprechend lang sind die meisten Mitarbeiter auch im Haus beschäftigt.

"Vierzig Jahre und neun Tage", ruft Sami Rizk und haut mit der Hand auf den Mahagonitisch. In all der Zeit bekochte er bereits Könige, Prinzen und Staatsoberhäupter wie Jacques Chirac, George Bush, Henry Kissinger oder Jimmy Carter. Auch Boutros-Ghali und Kofi Annan kamen in den Genuss seiner traditionellen Kochkünste. Le Bristol ist ein libanesisches Gewächs, von modernem Schnickschnack oder seltsamen Kreationen wie Asian-Fusion will Sami nichts wissen. Bei ihm werden schon mal ganze Lämmer in den Saal geschoben. Das Fleisch wird dann hauchdünn direkt am Tisch abgesäbelt und neben orientalischem Reis drapiert. "So muss Essen sein. Authentisch. Intensiv", belehrt der quirlige Kochmeister.

In seinem Denken sind noch die Regeln des ersten General Managers und Kochfans George Rayess verhaftet, der Le Bristol in den 50er Jahren durch seine libanesische Gourmetküche zu mehr als nur einer schicken Schlafadresse machte. Er war es auch, der die ersten Kochbücher zu landestypischen Speisen auf den Markt brachte - noch heute steht in jeder zweiten Beiruter Küche eines seiner Werke.

Das Luxushotel eröffnet 1951 zur perfekten Zeit. Kurz nach der Unabhängigkeit des Libanon will die wohlhabende Doumet Familie einen schicken Treffpunkt für die Upper Class schaffen. Beirut läuft gerade zur Höchstform auf und wird als "Paris des Mittleren Osten" gefeiert. Gourmet-Restaurants sprießen aus dem Boden, teurer Schmuck und feine Kleider werden zur Schau getragen - ein exklusives Hotel wie das Bristol passt mit seinen 150 schicken Zimmern, 34 Suiten den riesigen Lüstern, aufwändigen Teppichen und teuren Gemälden perfekt in die mondäne Zeit. Obendrauf sorgt das Haus mit dem ersten Eislaufring des Landes für Furore.

"So gespalten das Land damals auch war, um diese Attraktion sehen zu können, trafen sich Muslime und Christen friedlich an der Eisbahn im Keller des Hotels und staunten gemeinsam darüber", erzählt Nazira El Atrache. Von Anfang an ist das Le Bristol so etwas wie eine neutrale Zone, in der man sich respektiert. Bis heute finden im pompösen Festsaal Hochzeiten aller Glaubensrichtungen statt.

Das Konzept der Hotelfamilie Doumet ging auf: Die High Society trifft sich in den 50ern und 60ern wöchentlich zu Partys im Grand Ballrom, es wird ausgelassen gefeiert und getanzt. Wer dazugehören will, muss im Le Bristol gesehen werden, dann spricht die ganze Stadt darüber. Die glamourösen Silvesterevents sind heute noch legendär. "Wild ging es damals zu. Wir Libanesen sind Party-People. Daran kann kein Krieg etwas ändern", erklärt Nazira El Atrache.

Die Einschusslöcher bleiben

"Die Menschen konnten hier eine Pause vom Krieg machen. Man kam zusammen, trank Kaffee und unterhielt sich. In den unterirdischen Katakomben des Restaurants war man sicher", erinnert sich Sami Rizk. Nicht immer, wie sich in einer seiner Lieblingsepisoden herausstellt. "Während der israelischen Invasion saß regelmäßig ein armer, heruntergekommener Schlucker am Tisch und bat um Essen. Dann, eines Tages kam er in voller Montur als israelischer Offizier hereinspaziert. Wir waren geschockt. Jeden Tag hatten wir neben einem Spion, der sich als Obdachloser ausgab, unsere Familienleben ausgebreitet. Zum Glück hatte keiner von uns lautstark über die Israelis gelästert."

Irgendwie habe damals immer alles einen guten Lauf genommen, sinniert der Chefkoch, der keine Sekunde daran denkt, in Rente zu gehen. Seit ein paar Jahren allerdings sei die Veränderung in der Stadt und auch an den Gästen spürbar. "Mittlerweile kommen weniger nationale Gäste und immer mehr Touristen, auf die man sich anders einstellen muss", erklärt Nazira El Atrache. Die Traditionen verblassen, die Wichtigkeit des Bristol auch.

Denn auch wenn es die Kriege so stolz überstanden hat - gegen die Zeichen der Zeit kommt selbst eine solche Hotel-Koryphäe nicht ohne Schrammen an. Schon allein die nahe Umgebung hat sich rasant gewandelt. Jahrelang stand das große Gebäude noch herrschaftlich alleine an der Ecke der Madame Curie Street. Heute ist es eingepfercht zwischen nichtssagenden Bauten, die scheinbar wahllos hochgezogen wurden. Von der großen Dachterrasse schaut man auf braune Hochhäuser, der Blick auf die Berge ist versperrt. Die Nachbarschaft ist nicht mehr das, was sie mal war. Kleine Lädchen und dampfende Imbissbuden wechseln sich ab, das Treiben auf der Straße ist geschäftig und genervt. Das lockere Savoir-vivre der goldenen Beiruter Tage ist verschwunden.

Die Grand Dame von Beirut wird alt und muss an eine Verjüngungskur denken, um mit den schnellen Zeiten mitzuhalten. Und so steckt das Haus gerade mitten in seiner größten Renovierungsphase. Innerhalb von zwei Jahren soll jede der sechs Etagen nach und nach komplett modernisiert werden. Die Zimmer bleiben schick, werden aber wesentlich stylischer. "Wir haben drei unterschiedliche Designkonzepte: ein minimalistisches, ein edles und eines, das traditionelle Einrichtung mit modernem Luxus verknüpft", erklärt die Managerin. Man will es allen Recht machen und seine Topposition behaupten. Dass es nicht einfach wird, wissen alle Beschäftigten. Das Bristol ist immer noch in Familienhand und wird von den Kindern der Gründer geleitet - aber gegen die großen Hotelketten und liquiden Investoren anderer Häuser ist schwer anzukommen mit einem etwas verstaubten Charme.

Nun soll aber ein frischer und moderner Wind in das mondäne Haus einziehen. Seine Gediegenheit und den Charakter darf es trotzdem nicht einbußen, dafür sei es zu wichtig für die Geschichte Beiruts. Deshalb wird das Treppenhaus zwar in die Generalüberholung miteinbezogen, die Einschusslöcher aber bleiben. "Als Erinnerung an all das, was sich hier abgespielt hat", bemerkt Sami. Falls er mal nicht da sei, um zu berichten, könne man so immerhin die Kerben zählen.

Autor:
Manuela Imre