Barbados Rum von der Insel

Wenn es um Hochprozentiges geht, gibt es einen Mann, dem man unbedingt vertrauen sollte: Bevor sich James Bond in "Casino Royale" von 2006 kompetent Martinis zusammenkippen lässt, bestellt er einen Mount Gay Rum mit Club Soda - die etwas gediegenere, Gentleman-kompatible Version einer Rum-Cola.

Den Ritterschlag durch den stilsichersten Agenten seiner Majestät hat sich die Barbados-Hausmarke verdient. Selbst wenn es sich dabei nur um schnödes Product Placement handeln sollte. Immerhin rühmt sich die Distillerie die älteste ihrer Art weltweit zu sein - das bedeutet, viel Zeit zum Verfeinern. Vier Rumproduzenten gibt es auf Barbados, wovon lediglich der Ruf von Mount Gay dauerhaft aufs Festland übergeschwappt ist.

Eine der drei weiteren Destillerien ist auf der Zuckerrohrplantage von St. Nicholas Abbey zu finden, einem Anwesen mit einer weit zurückreichenden, bewegten Geschichte - die mit einer Intrige beginnt: Mitte des 17. Jahrhunderts war das Land aufgeteilt zwischen den britischen Geschäftspartnern Benjamin Berringer und John Yeamans. Yeamans, so erzählt man sich, vergiftete den Kompagnon aus Verlangen nach dessen Frau Margaret.

Die beiden heirateten, aus den beiden Ländereien wurde eine. Margaret Yeamans überlebte ihren Mann und heiratete ein drittes Mal. Als sie verstarb, ging der Hof zur ursprünglichen Blutlinie zurück: Ihr ältester Sohn aus der Ehe mit Berringer erbte das Gut. Auch der segnete bald das Zeitliche und vermachte die Plantage seiner Tochter Susannah und ihrem Mann George Nicholas. Bis dahin hieß das Anwesen Yeamans Plantation, aus Achtung vor ihrem Großvater tilgte Susannah den Namen seines vermeintlichen Mörders und benannte die Plantage um in Nicholas Plantation.

Seitdem verschliss das Gut mehrere Eigentümer, wurde erneut umbenannt in Saint Nicholas Abbey und verlor zusehends an Glanz. 2006 war der letzte große Einschnitt in der Geschichte der Plantage: Der Architekt Larry Warren kaufte das Anwesen, nachdem es über Generationen im Besitz der Familie Cave war. Einer der letzten Besitzer, Stephen Cave, öffnete St. Nicholas Abbey allerdings erstmals für die Öffentlichkeit - und wohnte als einziger Eigentümer dauerhaft selbst auf dem Land. Den musealen Aspekt haben die Warrens beibehalten und dabei Entscheidendes hinzugefügt.

Nicht übel für ein Liebhaberprojekt

Bei unserer Erkundungstour seiner Destillerie demonstriert Larry Warren selbst die kupferglänzenden Apparaturen: ein hochgewachsener Mann Mitte Fünfzig, mit freundlichem Gesicht und rotblondem Pferdeschwanz. Eigentlich war der Kauf von St. Nicholas Abbey ein privater Akt des Denkmalschutzes - und für die wohlhabende Familie kein Schnäppchen. Doch dass das Gelände in seiner ursprünglichen Form erhalten bleiben musste, stand für Warren außer Frage. Sir John Gay Alleyne (der Namensgeber des Mount Gay Rums, dessen Wiege allerdings in der Gilboa-Plantage liegt) legte im 18. Jahrhundert den Grundstein für die Rumproduktion hier, eine Tradition, die die Warrens ernst nehmen: Statt lediglich als Besucherzentrum zu fungieren, sollte Saint Nicholas Abbey hochwertigen Rum produzieren und sich somit selbst finanzieren.

Eine Strategie, die aufging: Inzwischen ist der Rum von Saint Nicholas Abbey trotz geringer Abfüllmengen international anerkannt, bei den letztjährigen Golden Rum Barrel Awards war er unter den Nominierten. Nicht übel für ein Liebhaberprojekt.

Zwei Rumsorten werden uns ausgeschenkt: der feine, zwölf Jahre gereifte mit sanften, vanilligen Aromen, und der harsche, im Werden begriffene zwei Jahre alte, der lediglich zu Demonstrationszwecken ins Glas kommt. Wir stehen in einer kleinen Lagerhalle, die mit importierten Jim-Beam-Fässern vollgestellt ist. In den mit Whiskey vollgesogenen Eichenholzbehältnissen wird das Aroma des Rums langsam herangezüchtet. Liebevoll berichtet Warren von Melasse- und Zuckerrohrsaft-Verhältnissen, Reifegraden und den vielen Stellschrauben, an denen bei der Rumproduktion gedreht werden kann. Kaum ein Rum schmeckt darum wie ein anderer, was selbst Laien bemerken.

Auch Mount Gay, die geschichtlich verbandelte, aber unabhängige Brennerei darf sich an diesem Vormittag im Parish von Saint Peter mit ihren Produkten präsentieren - gelungenen Spirituosen, die sich auch in Übersee im gut sortierten Fachhandel finden lassen. Doch Warrens Traum einer sich selbst tragenden Zuckerrohrplantage schmeckt man in seinen Erzeugnissen mit. Saint Nicholas Abbey lebt vom Rum und dank des Rums: Wo es sonst bloß angestaubtes Mobiliar und Schautafeln zu sehen gäbe, ist man Besuch bei einem emsigen Familienbetrieb, dem Geschäftstüchtigkeit, aber keine Geschäftemacherei anzumerken ist.

Dabei ist Rum auf Barbados zu einem guten Teil auch Lokalkolorit, mehr Exportgut als Kulturerbe - wie nicht jeder Moselaner pausenlos Weißwein trinkt. Den Rum bestellen meist Touristen aus der Alten Welt. Aber irgendwie sind die ja auch für diese spezielle Zuckerrohrnutzung verantwortlich.

Sollte allerdings Mr. Bond jemals die Frechheit besitzen, Larry Warrens zwölf Jahre alten "Saint Nicholas Abbey" mit Soda zu strecken, würde er den Geheimagenten ihrer Majestät eigenhändig vom Hof jagen.

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Autor:
Michael Weiland