Atlantik Rudern für Stille in den Ozeanen

Unter Wasser wird es immer lauter. Verantwortlich dafür sind neben dem zunehmenden Schiffsverkehr auch militärische Hochleistungssonare zur Ortung von U-Booten sowie seismische Tests zur Erdölsondierung. Die Folgen: Meeressäuger wie Wale und Delfine werden durch den Lärm gestört, verlieren unter anderem die Orientierung und stranden. Mit ihrer Aktion "row for silence" (Rudern für die Stille) will Janice Jakait auf den Unterwasserlärm und seine Auswirkungen aufmerksam machen. Ende November 2011 stach die 34-Jährige in Portugal in See, alleine - und erreichte drei Monate später, nach rund 6500 Kilometern, die Karibikinsel Barbados.

MERIAN.de: Frau Jakait, Sie haben mit einem Ruderboot den Atlantik überquert. Wie kam es zu diesem Vorhaben?
Janice Jakait: Alles begann mit einem Artikel über eine Frau, die Ende der 90er Jahre eine ähnliche Aktion startete, aber aufgrund schwerer Verletzungen abbrechen musste. Das hinderte sie aber nicht daran, es erneut zu versuchen. Sie gab nicht auf - und schaffte es. Dieser Wille beeindruckte mich. Anfangs war es nur eine Idee, mit der ich mich aber immer mehr beschäftigte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus ein konkretes Projekt - bis schließlich der Starttermin für die Überquerung feststand.

Einmal über den Atlantik, von Portugal bis in die Karibik. 6500 Kilometer aus eigener Kraft, wie bereitet man sich darauf vor?
Die Vorbereitung war sehr intensiv. Und wir sprechen dabei nicht von ein paar Monaten, sondern von Jahren. Da ich die Überquerung alleine und aus eigener Kraft schaffen wollte, war neben körperlicher Fitness natürlich auch mentales Training extrem wichtig. Zudem habe ich im Vorfeld mit vielen Fachleuten wie Sportmedizinern, Ernährungsexperten und Rudertrainern gesprochen. Das Ruderboot habe ich bis ins letzte Detail umgebaut und eingerichtet. Verpflegung und Trinkwasser waren Punkte, die genau durchdacht werden mussten. In der Endphase lebte ich das Projekt rund um die Uhr. Das sieben Meter lange Boot wurde regelrecht mein Zuhause.

Bei der Aktion ging es Ihnen aber nicht nur um die reine Überquerung des Ozeans. Sie wollten auch eine Botschaft übermitteln...
Natürlich war die Überquerung des Atlantiks eine persönliche Herausforderung, aber es ging mir nicht um einen Rekord - sondern um Stille. Gemeinsam mit der Schweizer Meeresschutzorganisation OceanCare möchte ich auf den zunehmenden Lärm unter Wasser aufmerksam machen. Jeder Ruderschlag sollte ein sanfter, leiser Protest gegen die lebensbedrohende Geräuschbelastung in den Ozeanen sein.

In der Welt unter Wasser wird es immer lauter. Welche Folgen hat das?
Der Schiffsverkehr und militärische Ortungssysteme setzen der Unterwasserwelt stark zu. Die Folgen sind dramatisch, da viele Meerestiere auf ihr Gehör angewiesen sind. Delfine stranden, weil sie die Orientierung verlieren, Wale finden ihre Paarungspartner nicht mehr, denn das künstliche Dröhnen übertönt ihre Gesänge um ein Vielfaches. Die Tiere haben Schwierigkeiten ihre Beute zu orten, oder können Gefahren nicht rechtzeitig ausweichen. Immer häufiger kollidieren Meeressäuger deshalb mit Tankern, weil sie sie zu spät wahrnehmen.

Was war denn für Sie die größte Gefahr?
Das Wetter spielte eine große Rolle. Stürme, Gewitter und meterhohe Wellen setzen einem kräftig zu. Eine dauernde Gefahr waren aber auch für mich die großen Containerschiffe. Nördlich der Kanaren wäre es fast mit einem Tanker zur Kollision gekommen. Ich hatte mich in einem Treibnetz verfangen, es war dunkel, die Wellen etwa drei Meter hoch. Ich merkte schnell, dass die Besatzung mich nicht sah, sie steuerten direkt auf mich zu. Ich feuerte eine Signalrakete nach der anderen ab, doch erst in letzter Sekunde entdeckten sie mich und drehten ab. Das war haarscharf, nur etwa 20 Meter lagen zwischen mir und der Schiffswand.

Hatten Sie denn keine Angst?
Grundsätzlich war während der 90 Tage gar keine Zeit, um Angst zu haben, denn ich war ständig gefordert. Manchmal hat sie dennoch ihren Weg zu mir gefunden. Meistens nachts. Man kann der Angst nachgeben, darf sich von ihr aber nicht bestimmen lassen.

Wie sah ihr Tagesablauf auf hoher See aus?
Rudern, rudern, rudern, insgesamt zwölf Stunden pro Tag, unterbrochen von kurzen Pausen, in denen ich etwas aß, das Equipment vom Salzwasser säuberte oder schlief. Am Heck des Bootes befand sich eine kleine Kajüte. Da die Kabine aber luftdicht war, zwang mich jedes Mal der Sauerstoffmangel nach etwa zwei Stunden zum Aufwachen. Außerdem musste der Rumpf regelmäßig von Bewuchs wie Algen und Muscheln befreit werden - ich war also oft im Wasser.

Dort hatten Sie auch eine unvergessliche Begegnung...
Ich hing in den Halteleinen und schrubbte gerade Muscheln vom Rumpf. Das Meer war unruhig, ich schluckte viel Wasser. Plötzlich spürte ich eine Berührung am Bein. Es war etwas Großes. Ein Hai? Adrenalin schoss durch meinen Körper. Zurück ins Boot war mein einziger Gedanke, so schnell wie möglich. Mein Puls raste. Der Wille zu überleben, mobilisierte alle meine Kräfte. An Bord musste ich mich erst einmal sortieren. Und da taucht er auf. Es war ein Wal, der mich fast zu Tode erschreckte, sieben oder acht Meter lang. Unbeschreiblich, ein wahres Wechselbad der Gefühle. Er begleitete mich noch mehrere Tage.

Haben Sie jemals ans Aufgeben gedacht?
Die ersten zwei Wochen waren ein Albtraum. Ich befand mich in einem psychischen Ausnahmezustand, war dauernd seekrank und hatte mit Halluzinationen zu kämpfen. Die Nächte waren am schlimmsten. Aber nach und nach wurde das Meer immer mehr zu meinem Zuhause, das Wasser zu meinem Element. Nein, ans Aufgeben habe ich nie gedacht.

Zurück an Land: Was ist das für ein Gefühl?
Mit der Überquerung des Atlantiks wollte ich ein Zeichen setzen und die Gesellschaft zum Nachdenken anregen. 90 Tage war ich auf dem Wasser unterwegs - mit vielen Höhen, aber auch vielen Tiefen. Das hat mich innerlich verändert. Es wird dauern, bis ich das alles verarbeitet habe.

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Mehr zu Janice Jakait und ihrer Atlantiküberquerung unter www.rowforsilence.com

Die Meeresschutzorganisation OceanCare setzt sich seit 1989 auf verschiedenen Ebenen für den Schutz der Meeressäuger und ihrer Umwelt ein. 2002 rief die Organisation die Kampagne "Silent Oceans" ins Leben und kämpft seitdem für lärmfreie Ozeane. Mehr unter www.oceancare.org

Autor:
Susanna Bloß