Bangkok Interview mit Roger Willemsen

MERIAN.de: Sie haben in Bangkok die Nacht zum Tag gemacht. Wie entstand das Projekt?
Roger Willemsen:
Ich bin mit dem Fotografen Ralf Tooten seit einem Fahrradunfall an der Hamburger Alster befreundet. Er lebt seit vier Jahren in Bangkok und zeigte mir Nachtbilder der Stadt. Die Fotos fand ich so inspirierend, dass ich dazu einen Text schreiben wollte. Ich beschloss, ein paar Monate in Bangkok zu wohnen und mit ihm durch die Nacht zu streifen. Ich wollte wissen, welche Versprechen gehen von der Nacht aus, wie lebt man zu diesem Zeitpunkt.

Sie waren vor 30 Jahren zum ersten Mal in der Stadt.Wie hat sich Bangkok seitdem gewandelt?
Bangkok ist viel moderner geworden und nimmt stärker an der Gegenwart teil. Es ist aber nach wie vor eine hässliche, eine laute, eine von der Stadtplanung weitgehend unberührte Metropole. Sie spannt die Extreme zwischen der Welt der Reichen und der Armen viel stärker als vor 30 Jahren. Durch die Verlagerung vom Tag zur Nacht hat sich aber mein Blick geändert. Heute kann ich sagen: Bangkok glüht in der Nacht.

Was heißt das?
Es gibt eine zweite Kultur der Nacht. Diese Nachtkultur ist rasant, nicht nur weil sie mit Sex zu tun hat und weil sie eine zweite Welt zeigt, die der Nachtarbeiter. Viele Menschen leben den ganzen Tag auf diesen Eintritt in die Nacht hin. Die Einen strömen aus den Großkaufhäusern, sind erschöpft, gehen nach Hause und machen den Fernseher an. Die Anderen rollen jetzt ihren Teppich aus. Die Nachtmärkte sind plötzlich da. Man sieht Kathedralen aus Lilien. Schlachter transportieren Geflügelherzen in riesigen durchsichtigen Säcken und verkaufen Schlangenblut. Die Farben sind augenblicklich andere. Es entstehen ganz eigene Stillleben. Ich hatte dauernd das Gefühl, das Leben erstarrt in einer Pose - und bleibt schön beleuchtet. Am Tag fällt das Licht unter dem grauen asiatischen Schweinehimmel überhaupt nicht auf. In der Nacht hat es seinen großen Auftritt. Die Stadt wird von Kerzenschein, Ampeln und Laternen atmosphärisch aufgeheizt. Das Licht schafft lauter Räume des Nichtgesehenen. Plötzlich gibt es heimliche Zonen, intime Zonen, gefährliche Zonen, weil sich alles in den Schatten drücken kann.

Und die Sexindustrie strahlt wahrscheinlich besonders grell…
Rotlicht und Prostitution werden regelmäßig überbelichtet. Das Nachtleben unterscheidet sich sehr von jenen Klischees, die wir darüber verbreiten. Tatsächlich macht die Sexindustrie nur einen winzigen Teil der Stadt aus. Völlig unterbelichtet bleibt alles Buddhistische. Wirklich erstaunlich an Bangkok ist die buddhistische Grundsituation, das grundsätzliche Interesse, das Lebensgefühl des anderen zu steigern. Die Thais sagen dazu sanuk: Alle sollen sich in der Gemeinschaft wohlfühlen und Spaß haben. Das Nachtleben ist sehr durchlässig. Alle Räume sind erst mal offen. Ich habe mit den kathoey, den Ladyboys, Billard und Flipper in den Bars gespielt, im Hafen mit den Matrosen gezecht und früh am Morgen den Menschen im Lumphini-Park beim Schattenboxen zugeschaut. All diese Dinge sind typisch Bangkok. In Hamburg kenne ich kein einziges Kick-Box-Studio, in dem nachts trainiert wird, und ich kenne auch keinen Aura-Fotografen, der in der Nacht empfängt.

Waren Sie überall willkommen?
Die Thais sind mir immer entgegenkommend und erwartungsvoll begegnet. Bangkok macht es dem Besucher furchtbar leicht. Hier wird kein Mensch danach beurteilt, wie groß, fett oder weiß er ist - allenfalls wie amüsant. Und dann ist da das immense Wohlwollen in Worten und Werken. Mein Zimmermädchen, das ungefähr einen Euro am Tag verdient, hat mir immer Früchte mitgebracht - damit es mir gut geht. Solche unkalkulierte Hochherzigkeit habe ich oft erlebt. Und schließlich ist den Thais das deutsche Räsonieren und Spekulieren völlig fremd. Unsere Kultur basiert auf einer ganz anderen Form von Individualität. Niemand geht in Thailand allein aus. Niemand isoliert sich. Sehr beeindruckend ist auch die gelebte Spiritualität in der Stadt. Der Taxifahrer nimmt die Hand vom Lenkrad, wenn er am Geisterschrein vorbeifährt, und verbeugt sich. Thailand hat Millionen Geister und Gespenster. Als ein Kaufhaus an der Stelle eines Geisterhauses errichtet wurde, sind neun Arbeiter vom Gerüst in den Tod gestürzt. Daraufhin wurde der Schrein wieder an seinen Platz gestellt und das Kaufhaus verrückt. Das zeigt, wie wichtig das Geistige ist - es setzt sich sogar in der Geschäftswelt durch.

Welche nächtlichen Begegnungen haben Sie am tiefsten beeindruckt?
Das ist wirklich schwer. Wenn ich daran denke, tauchen so viele Gesichter in meinem Kopf über- und untereinander. Ich könnte den kleinen Jungen nennen, der neben mir herläuft. Er ist vielleicht acht Jahre alt und sagt irgendwann zu mir: "You want me?" Ich stelle mir nur vage die Geschichte vor, die hinter dieser Biografie liegt. Und ich möchte einen Elefantentreiber nennen, der genauso elend ist wie seine Kreatur. Die beiden gehören auf jeden Fall zu denen, die mir am meisten nachgehen.

Was machen Elefantentreiber in Bangkok?
In Bangkok leben etwa 200 Elefanten. Sie haben ursprünglich im Straßenbau in Kambodscha gearbeitet. Da die Treiber keine Arbeit mehr finden, suchen sie in den großen asiatischen Städten ein Auskommen. Sie sind zum großen Teil drogensüchtig, weil sie das Leben auf der Straße einfach nicht aushalten. Den Tieren wird eine CD an den Schwanz gebunden, damit sie im Straßenverkehr reflektieren und nicht angefahren werden. So irren sie mit panischen Augen durch die Metropole. Oben drauf sitzt der Treiber mit riesigen Pupillen. Er verdient so gut wie nichts. Er bietet Zuckerrohr an. Das kaufen die Armen aus den nördlichen Provinzen. Denn es ist gut für das Karma, den Elefanten etwas zu geben. Aber auch Touristen füttern die Tiere.

Und wo bleiben die Tiere in der Nacht?
Die Schlafplätze wechseln beständig, weil die Elefanten von der Polizei nur geduldet werden. Wir haben Wochen gebraucht, bis wir unter drei breiten Bändern einer Stadtautobahn einen Schlafplatz fanden. Zu allen Seiten ist das Dröhnen, Hupen und Scheppern des Straßenverkehrs zu hören. Der Lärm ist das Gefängnis. Die Tiere reiben sich die Rücken an den Autobahnpfeilern, brechen durch das Buschwerk oder liegen bloß noch da wie tote Masse.

Was bleibt von all den Nächten in Bangkok noch haften?
Das Nachtleben ist eine reiche Mikrokultur voller Überraschungen. Ich fühle jetzt noch wie einen Muskelreiz das Hineintreten in die Nacht. Ich werde bestimmt auf dem Sterbebett liegen und mich danach sehnen, noch einmal in eine Nacht von Bangkok hineingleiten zu dürfen. Diese acht Stunden zu erleben, mit allen Farben, mit allen Erschöpfungserscheinungen, allen Zudringlichkeiten - das ist ein eigenes Glück.

Was sollten sich Reisende unbedingt ansehen?
Der ideale Reisende sucht nicht nur die Sehenswürdigkeiten und Schnappschüsse. Ihm reicht es nicht, in den Tempel zu gehen. Er ist immer auch Flaneur. Er sollte sich vom Licht, den Gerüchen und den Momenten der Spannung leiten lassen. Alles ist bereit. Man kann jeden Blumenmarkt nachts einfach erreichen oder in die Sky Bar im 63. Stockwerk des State Tower gehen. Eine der schönsten Bars, die ich jemals gesehen habe, mit amerikanischer Jazzmusik und einer von innen erleuchteten Theke. Aber auf einem der Pontongs eine Karaokemaschine anzuwerfen und den Menschen beim Singen zuzuhören oder tief in Chinatown in einem Club eine Komödie anzugucken, auch wenn man nichts versteht - das sind lauter ganz eigene Vergnügen. Man muss nur den Hunger und manchmal auch die Courage dafür haben.

Eine Obsession der Thais ist das Essen. Spielt es auch in der Nacht eine so wichtige Rolle?
Es spielt eine große Rolle. Überall gibt es Suppenküchen. Es wird in der kleinsten, hintersten, dunkelsten Gasse immer noch irgendwo Frisches zubereitet. Das Essen hält die gesamte Stadt zusammen. Es ist wahrscheinlich der größte soziale Faktor, den das Nachtleben Bangkoks kennt. Denn alle kommen zum Essen zusammen. Man kann sich von der Nase leiten lassen. Und man kann sich vor allen Dingen von den Menschen leiten lassen. Die wissen sehr genau, wo es das beste Essen gibt. Für ein leckeres Dessert empfehlen die Thais zum Beispiel die Sukhumvit Soi 35. Dort stellen sie sich auch ihre Suppe bei einem Gang durch die Gasse an verschiedenen Ständen mit unterschiedlichen Zutaten zusammen - so wird sie perfekt. Ich glaube, dass in keinem anderen Land überall so gleichmäßig gut gegessen werden kann. Das ist einzigartig.

Was haben Sie am liebsten gegessen, was hat Ihnen gar nicht geschmeckt?
Ich habe Som Tam probiert, einen scharfen Papaya-Salat mit Krabben. Nach dem dritten Mal war ich süchtig danach. Bei den Insekten kommt es immer darauf an: Heuschrecken sind proteinreich, knusprig und schmecken nach dem Fett, in dem sie gebraten werden. Ungeröstete Wasserflöhe dagegen sind geschmacklich unerfreulich - sie pissen morastige Verwesungsaromen auf den Gaumen.

Muss man Angst haben in Bangkoks Nächten?
Ich habe Pornthip Rojanasunan interviewt, die berühmteste Pathologin Thailands. Sie hat 20.000 Leichen in ihrem Leben geöffnet und zu mir gesagt: Bangkok gehört immer noch zu den sanften Großstädten. Es ist eine vergleichsweise ungefährliche Stadt. Man muss nicht permanent Angst haben vor Überfällen. Ich glaube nicht, dass allein meine - in Thai-Augen monströse - Erscheinung mögliche Aggressoren abgehalten hat, sich an mir zu vergreifen.

Wie war es, aus Thailand wieder nach Deutschland zurückzukehren?
Den Wiedereintritt in das Gravitationssystem Deutschland erlebt man erst einmal als Temperatursturz. Oft dachte ich, wie kühl, wie unfreundlich, wie rücksichtslos geht es hier zu.

Das Interview mit Roger Willemsen führte Rainer Pollmeier.