Sabbatical Zurück im Alltag nach der Auszeit

MERIAN.de: Herr Jahn, Ihr Australien-Sabbatical liegt jetzt etwa ein Jahr zurück. Ist die Reise schon im Alltagstrott verschüttet gegangen?  
Moritz Jahn: Nein, überhaupt nicht! Erst kürzlich war ich auf Sylt und habe in meinem Reise-Blog, der noch online ist, nachgeschaut, wo ich zu dieser Zeit vor einem Jahr gerade in Australien war. 

Und - wo waren Sie genau?
Auf einer Lavendelfarm an der Great Ocean Road, kurz vor Adelaide an der Küste. Dort habe ich spontan angehalten. Die Austalier sind wirklich ein nettes Völkchen, die Besitzerin hat mir erklärt, wie sie das Öl aus den Pflanzen extrahiert und in Handarbeit daraus Cremes herstellt.

Warum haben Sie sich ausgerechnet für Australien entschieden?
Die Weite und die Einsamkeit dieses Kontinents haben mich gereizt. Ich bin teilweise Streckenabschnitte von 800 Kilometern gefahren und habe auf dem Weg zehn Autos gesehen. Manchmal saß ich auch auf dem Autodach und habe einfach nur den Blick schweifen lassen: Auf der einen Seite gab es ein Gewitter, auf der anderen Seite ist die Sonne untergegangen.
 
Was hat Sie an der Leere so fasziniert?
Die Weite und Leere bringen einen zu sich selbst zurück, und genau das wollte ich. In meinem Beruf als Modelbooker bekomme ich jede Woche Hunderte von Mails, ich führe immer Gespräche - ob am Telefon, mit meinem Team oder mit den Models. Irgendwann war mir das einfach zu viel.

Dann waren Sie sicher auch im roten, einsamen Herz von Australien?
Von wegen rot. Ich bin durch die Steppe gefahren und habe mich ständig gefragt: Bist du jetzt in Irland? Nach einer der längsten Regenperiode in den letzten 25 Jahren war alles sattgrün. Sattgrün und menschenleer. Der einzige Hinweis auf menschliche Zivilisation war die Straße, die sich vor und hinter mir bis zum Horizont erstreckt hat.

Welche Route hatten Sie sich vorgenommen?
Gestartet bin ich Januar 2011 zu Beginn des australischen Sommers. Von Melbourne aus bin ich über die Great Ocean Road nach Adelaide, dann mit dem Zug nach Alice Springs und dort 320 Kilometer Offroad gefahren mit einem Geländewagen. Anschließend bin ich mit dem Zug nach Darwin und von dort über Cairns an der Ostküste bis nach Sydney gefahren.

Sind Sie auch abseits der typischen Touristenattraktionen gereist?
Es gibt eigentlich keinen Ort mehr, der nicht in den Reiseführern beschrieben ist. Ein "schöner" Fleck für mich persönlich war am Barkly-Highway, der 755 Kilometer langen Hauptverbindungsroute zwischen Landesinnerem und Küste. Dort saß ich fünf Tage wegen einer Überschwemmung fest - zusammen mit den Insassen zehn anderer Fahrzeuge. Das war in der Mitte von Nirgendwo, es gab nur einen Rastplatz mit einem Frischwassercontainer zum Zähneputzen und Geschirr abwaschen, das war alles.

Und was war daran bitte "schön"?
Während wir darauf warteten, dass das Wasser absinkt, hatten wir einfach eine gute Zeit. Am fünften Tag hat die Polizei die Strecke freigegeben, aber ohne die Verantwortung für etwaige Schäden zu übernehmen. Das Wasser stand noch immer bei zirka 65 Zentimetern. Mein Wagen war zum Glück hoch. Bekannte hatten mit ihrem Ford dagegen nicht so viel Glück. Sie dichteten mit Klebeband alle Lücken zu, bauten den Luftfilter aus und legten über den Motorblock eine Plastikplane. Dann wurden sie von einem Truck durchgezogen, ich bin in der Fahrrinne hinterher. Wären wir aufeinander geprallt, wäre mein Wagen mittendrin abgesoffen. Auf der anderen Seite angekommen, sind wir uns in die Arme gefallen. Im Reiseführer steht, wenn sie in dieser Gegend Regen erleben, dann haben sie etwas Besonderes erlebt.

Ist es hart, so lange allein zu reisen?
Diese Reise wollte ich unbedingt alleine machen. Es war mir wichtig, dass ich keine Kompromisse eingehen muss, auf niemanden angewiesen bin und mit meinem Tempo und mit meinen Ideen unterwegs bin. Die Reise hat mir auch klargemacht, dass ich alles schaffe, was ich mir vornehme.

Gab es auf der Reise auch mal ein Erlebnis, das Sie an Ihre Grenzen gebracht hat?
Ja durchaus, aber der Trip war auch dafür da, dass ich meine Grenzen auslote. Ich war beim Fallschirmspringen, bin über die Hafenbrücke in Sydney geklettert, war Schnorcheln am Great Barrier Reef. Doch das Härteste war wohl das Höhlenklettern in den Capricorn Caves in Queensland. Schon als ich den Prospekt durchgelesen habe, habe ich Beklemmungen bekommen.

Kaum Platz, dafür beste Aussicht: Schlafen im Auto.
Moritz Jahn
Kaum Platz, dafür beste Aussicht: Schlafen im Auto.
Warum?
Weil die Höhlen so eng aussahen. Man ist unter Tonnen von Gestein, zwängt sich durch enge Spalten, klettert senkrecht nach oben, geht über Abgründe. Noch dazu ist es stockfinster, die einzige Lichtquelle ist eine Stirnlampe. Am Ende erreicht man eine Höhle, aus der es keinen erkennbaren Weg nach draußen zu geben scheint. Und dann zeigt der Guide auf einen kleinen Felsvorsprung, so groß wie ein Mauseloch, und sagt: "Dort ist der Ausgang". Meine Rettung in dem Moment war der Gedanke daran, dass diese geführte Tour auch mit Kindern gemacht wird. Ich war als letzter in der Höhle, habe kurz die Stirnlampe ausgemacht und gedacht: Wow, du bist hier ganz alleine in einer Höhle mitten in einem Berg.

Wie man sieht - Sie haben es geschafft!
Ja, doch das war gar nicht so einfach, einmal bin ich auch stecken geblieben. Das Loch war so eng, ich musste mich mit den Armen nach vorne strecken und mit den Füßen abstoßen. Das war schon ein krasses Erlebnis, weil man mit seinen Urängsten konfrontiert wirst.

Dagegen ist dann Fallschirmspringen ein Kinderspiel?
Das war unglaublich. Du sitzt in fast 4270 Metern in einer winzigen Propellermaschine, die Tür geht auf, blaues Licht strömt herein. Du siehst den Ozean, eine Insel, eine Schneise, die der Wirbelsturm gerade geschlagen hat. Und kaum setzt du dich an die Tür, schaust hinunter und denkst, das ist aber weit, sagt dein Flugbegleiter hinter dir schon, "Kopf zurück" und springt mit dir. Ab diesem Moment brüllst du nur noch. Freier Fall für ein Minute - das ist unglaublich, du stürzt auf die Erde zu. Das gibt so viel Energie.

Australien ist nichts für Spinnenhasser.
Moritz Jahn
Australien ist nichts für Spinnenhasser.
Australien ist der Kontinent mit den giftigsten Tieren auf der Welt. Sie scheint das nicht beunruhigt zu haben, im Gegenteil. Auf Fotos in Ihrem Blog sind ganz schön viele Spinnen zu sehen!

Mich hat schon immer alles fasziniert, was kreucht und fleucht: Käfer, Salamander, Spinnen. Und so vielen giftigen Spinnen bin ich gar nicht über den Weg gelaufen. Am meisten haben mich die Golden-Orb-Spinnen fasziniert. Wenn die Sonne auf ihr Netz scheint, leuchtet es goldfarben. Sie hängen überall, an jedem Straßenschild, in jedem Baum. Im Dschungel spinnen sie riesige Netze mit einem Durchmesser von bis zu zwei Metern. Sie sind dann über handtellergroß. Beim Fotografieren habe ich die Hand davor gehalten, um einen optischen Vergleich herzustellen.

Wie haben Sie gelebt? In teuren Hotels oder im Zelt unterm Sternenhimmel?
Ab und an habe ich in Jugendherbergen geschlafen, um mal wieder Wäsche zu waschen. Auf der Strecke von Darwin bis nach Sydney wohnte ich aber auch einmal 45 Tage im Auto. Der Wagen war ein wenig größer als ein VW-Bus, mit Vierradantrieb, und so umgebaut, dass man hinten einen Schlafplatz hatte, einen Gaskocher und eine Kühlbox. So ein Erlebnis werde ich wahrscheinlich in meinem Leben nie wieder haben.

Können Sie uns noch ein paar Tipps geben: Welche Stadt war für Sie die Schönste in Australien?
Seltsamerweise Adelaide. Ich habe von anderen nur Negatives über diese Stadt gehört: grässlich, da reicht ein Tag völlig aus. Am Ende bin ich zehn Tage geblieben: Mitten in der Stadt gibt es einen überdachten Markt, der ist wunderschön. Es gibt dort den leckersten Kaffee, Live-Musik, Kunstobjekte hingen wegen eines Festivals in den Bäumen - zum Beispiel aus Waschmaschinen ausgebaute, von innen bunt beleuchtete Trommeln. Ich habe mich wie in „Herr der Ringe“ gefühlt.

Und der schönste Strand?
Ich dachte der schönste Strand sei "Surfers Paradise", aufgrund des Namens. Da war ich genau eine Stunde, weil ich es mit all seinen Hochhäusern am Meer so schrecklich fand. Gefunden habe ich ihn dann in Byron Bay, einem kleinen Ort mit flachen Gebäuden, der sehr entspannt ist. Dort kann man einen Höhenweg entlang gehen bis zu einem Leuchtturm und sieht von oben im Meer Wasserschildkröten und Delphine schwimmen, das ist paradiesisch.

Haben Sie sich irgendwann mal verloren oder deprimiert gefühlt?
Ich habe gerne Freunde um mich, kann aber auch ganz gut für mich alleine sein. An einem sehr einfachen Campingplatz in einem Nationalpark war ich in 50 Kilometer Umkreis der einzige Mensch. Das war wunderschön: Ich saß neben dem Auto, habe australisches Dosenbier getrunken und den Sonnenuntergang angeschaut. Später stand plötzlich neben mir ein großes Känguru, im Dunkeln funkelten Glühwürmchen.

Sie haben fast jeden Tag sehr ausführlich über Ihre Erlebnisse gebloggt – wie haben Sie dafür nur die Zeit gefunden?
Ich bin ganz selten ausgegangen und habe mich schon tagsüber darauf gefreut, am Abend die Bilder durchzuschauen und meine Einträge zu formulieren. Dadurch musste ich auch keinen Kontakt halten nach Hause, weil die Leute über meinen Blog immer wussten, dass es mir gut geht.

Erinnerungstattoo in Bondi Beach.
Moritz Jahn
Erinnerungstattoo in Bondi Beach.
Wieviel Geld haben Sie für die vier Monate insgesamt gebraucht?
Man kann bestimmt günstiger reisen, aber ich wollte mir auch jedes Erlebnis ermöglichen. Das kostete schon einige tausend Euro. Doch der größte unerwartete Posten war letztendlich das Benzin. Ich habe damit gerechnet, dass ich die ganze Zeit einen Diesel fahre, der klein und leicht ist. Doch für die Hauptstrecke im Landesinneren war nur ein schwerer Benziner verfügbar, der eigentlich für fünf Leute ausgerichtet ist.

Würden Sie so ein Sabbatical noch einmal machen?
Natürlich. Es ist ein traumhaftes Erlebnis, aber finanziell ist es natürlich nicht so einfach umzusetzen. Da müsste ich schon wieder einen harten Schnitt machen, bei allem sparen und viel Geld zurücklegen.

Wie haben Sie Ihren Abschied aus Australien nach so langer Zeit des Herumreisens erlebt? Waren Sie froh, wieder nach Hause zu kommen, oder traurig?
Gute Freunde, die mich am Hamburger Flughafen abgeholt haben, meinten, sie hätten ein Häufchen Elend in Empfang genommen. Aber dann haben wir uns erst einmal bei Sonnenschein in den Strandclub "Strand Pauli" gesetzt und Bier getrunken. Es wurde doch noch ein schöner Tag.

Was hat Ihnen am meisten gefehlt, kurz nach der Reise?
Das Fahren und die Distanzen. Ich habe mir gedacht, ich kaufe mir jetzt sofort ein Auto und fahre jeden Tag ans Meer. Schlussendlich entschied ich mich dann doch dafür, lieber Geld in neue Urlaubsreisen zu investieren. 

Hat die Auszeit etwas an Ihrem Leben geändert?
Vor der Auszeit habe ich manchmal nicht einmal meine Urlaubstage im Jahr aufgebraucht. Ich war eigentlich immer da, habe von morgens bis halb zehn abends im Büro gesessen, teilweise auch noch am Wochenende. Jetzt merke ich, das können auch mal andere machen. Ich habe festgestellt, dass ich Urlaub und Auszeiten dringend brauche, nicht nur, um meinen Horizont zu erweitern, sondern um abzuschalten und weiter effizient arbeiten zu können.

Und – haben Sie den neuen Vorsatz schon in die Tat umgesetzt?
Ja, zu meiner Strategie gehört auch, mit anderen Leuten Reisen fest zu planen, damit ich sie nicht verschieben oder ausfallen lassen kann. Weihnachten 2011 zum Beispiel war ich in Dubai und im Oman mit Freunden, das war superschön. Im Sommer wollen wir noch mal zusammen verreisen. Und im Herbst will ich mit einer Freundin mit dem Rucksack durch Vietnam und Kambodscha.
 
Was ist das eigentlich für eine Schrift an Ihrem Handgelenk?
Am Ende der Reise in Sydney dachte ich mir, dass ich etwas als Erinnerung an diese Reise und als Ansporn für weitere brauche. Etwas, das ich immer sehe.  Und so habe ich mir „to travel the world” auf die Handgelenkunterseite tätowieren lassen. Die Schrift ist so ausgerichtet, dass ich sie lesen kann. Der Tätowierer hat das nicht verstanden. Wie für dich? Du machst das doch, um es rumzuzeigen.

Blog von Moritz Jahn: www.moritzjahn.com

Autor:
Bettina Hensel