Australien Wandern auf dem Larapinta-Trail

Es ist 5.30 Uhr, also mindestens eine Stunde vor Sonnenaufgang. Zu früh! Kurz darauf beleuchtet meine Stirnlampe ein Holzschild: "Mt Sonder Summit 8 hrs 16 km return" - acht heiße Stunden liegen vor uns. Mein Denkzentrum wacht langsam auf - genau auf diesen Gipfel wollen wir, bevor die Hitze auch dort ist. Der vierthöchste Berg des australischen Nordterritoriums ist zwar kein Everest. Aber 1380 Meter, die schroff aus der Ebene des Outbacks ragen, sind mehr, als ich mir je vor Tagesanbruch vorgenommen habe. Steine knirschen unter den Stiefeln, rechts geht es steil runter und vor mir steil bergauf. Diese Etappe ist nicht die leichteste auf dem 223 Kilometer langen Larapinta Trail, der westlich von Alice Springs durch die Bergwelt des roten Zentrums führt. "Aber sie lohnt sich." Hatte jedenfalls unser Guide Ben Griggs versprochen.

Ein Nachteil geführter Touren ist, dass man zuweilen Ziele verfolgen muss, die sich andere Leute ausgedacht haben. Zum Beispiel mitten in der Nacht auf Berge klettern, statt in der Hängematte den Flötenvögeln beim Morgenkonzert zuzuhören. Aber genau das, denke ich später, ist auch ein großer Vorteil. Mein Team ist an diesem Tag so klein wie entschlossen: Dave, ein Australier mit unüberhörbar schottischen Wurzeln, Diane, ein Outdoorprofi mit kaum hörbar französischen Wurzeln, mein Partner Peter plus "Trek Larapinta"-Führer Ben.

Niemals hätte ich mich ohne diese vier so früh aus dem Schlafsack gerollt und damit viel verpasst. Atemlos staune ich in die gezackte Bergwelt. Das Morgenlicht malt die gefalteten Ränder der West MacDonnell Ranges erst knallrot an, dann rosa. Vor mehreren hundert Millionen Jahren formten sich die enormen Quarzitblöcke vor uns. Weitere Millionen Jahre später schob eine geologische Kapriole sie aus der Ebene, und genau so wirken sie: uralt, abrupt, wild. Davor erstrecken sich sanfter gerundete Hügel wie eine grüne Daunendecke, ein Wanderfalkenpärchen kreist in Augenhöhe.

Erschöpft und zufrieden lassen wir uns auf Mount Sonders Gipfel nieder - um zu lernen, dass er eigentlich gar keiner ist. "Die Nachbarkuppe des Massivs," sagt Ben und zeigt gen Osten "ist 20 Meter höher." Der echte Gipfel sei allerdings - je nachdem, wem man glaubt – entweder für Freizeitwanderer zu bröckelig oder den Ureinwohnern zu heilig. Deshalb steht die Spitzen-Marke auf unserem Ausguck. Dave ist fast der Teamälteste, hat aber längst wieder zu Atem gefunden: "Well, es ist trotzdem wundervoll." Mir sind die Gipfelfinessen ebenfalls schnuppe. Der endlose Weitblick über Australiens zerklüftetes Zentrum versöhnt nicht nur mit der Weckzeit, er macht auch glücklich und großzügig, zwanzig Meter spielen da keinerlei Rolle.

Eine "deutsche" Erhebung inmitten des australischen Kontinents

"Rwetyepme" nannten die örtlichen Ureinwohner, die Arrernte, den Berg, was sich schwieriger liest als es klingt: "Roo-choop-ma" sagten sie jahrtausendelang, ehe weiße Entdecker ihn in den 1870er Jahren umtauften: Nach dem deutschen Botaniker Otto Wilhelm Sonder, ausgerechnet. Mein Team nimmt die "deutsche" Erhebung inmitten des Kontinents mit Humor. "Wir könnten ja auch ein paar Büsche neu benennen", witzelt Diane beim Abstieg in meine Richtung. Zum Glück sieht mein Name für Australier noch schwieriger aus als Rwetyepme. Die intensiv nach Vanille duftenden Blüten bleiben daher auch künftig Red-budded mallee alias Eucalyptus pachyphylla.

Der ersten Belohnung des Tages folgt eine zweite in der Redbank Gorge. Guide Ben stammt aus Tasmanien - Australiens größter Insel, die für Bodenständigkeit berühmt ist. Er macht entsprechend wenig große Worte, seine Überraschungen wirken dafür umso besser. Ein "Badeloch" hatte er für den Fuß des Bergmassivs versprochen, es sei aber kalt. Durch ein sandiges Flussbett stapfen wir in der Mittagshitze zum Ufer jenes swimming hole. Den glatten Pool überragen gut hundert Meter hohe, dunkelrote Felswände, so imposant, dass wir unwillkürlich flüstern. Das trübe Wasser liegt im Schatten, und es ist eisig. Die Kluft, die sich zwischen den hohen Wänden öffnet, ist dennoch so geheimnisvoll, dass ich die gefühlten acht Grad bald vergesse. Je weiter wir schwimmen und in die verwinkelte Grotte vordringen, um so schmaler wird sie. Am Eingang hat der Fluss noch marmorierte Sonnenbänke ausgewaschen, später gleicht das Gestein einem Fakirbett, die Steilhänge versperren den Blick zum Himmel. Mein Team ist längst außer Sicht, die einzigen Geräusche sind mein Atem und das hallende Gluckern des Wassers. Gruselig schön ist das, aber auch bitterkalt. Zeit zum Auftauen in der Sonne.

Sechs Tage verbringen wir auf mehreren Etappen des Larapinta Trail, und Wasser bleibt ein ständiger Begleiter. Wer im Red Centre nur Staub, Stein und Steppe erwartet, der irrt. Nicht immer finden wir Eisbäder, dafür reichlich Quellen, Bäche oder billabongs – die australische Variante des Tümpels. Die "West Macs", wie Einheimische die Berge abkürzen, durchqueren zwar eine Wüste, sind aber zugleich artenreich und vielseitig. Ben zeigt uns Echsen, gepunktet wie Bilder der Aborigines, er entdeckt knallgrüne Gottesanbeterinnen, wir probieren Buschkartoffeln und Wüsten-Pflaumen. Manche Wasserläufe sind unterirdisch und nur sichtbar, weil über ihnen Gräser sprießen. Eukalyptus- und Akazienbäume blühen so üppig, als hätte jemand bunte Decken über sie geworfen. Zuweilen kennt selbst Botanikprofi Ben die Namen der Wildblumen nicht, die uns in Pink, Blau oder Weiß begleiten. "Einige Pflanzen haben wir seit Jahren nicht gesehen", entschuldigt er sich. "Jetzt nach dem vielen Regen tauchen sie wieder auf." Am Nachmittag wandern wir durch ein Tal, das ich den Kräutergarten taufe: Zitronengras und wilder Rosmarin duften mit einem von Ben als "Fruchtsalat-Busch" identifizierten Gewächs um die Wette.

Nach schweißtreibenden Serpentinen erreichen wir eines Morgens eine Kuppe der Heavitree Range. Auf dem Kamm zu wandern, schont nicht nur die Knie - wir genießen so auch einen gewaltigen Rundumblick: Täler mit Spinifex-Gräsern und dahinter die kunstvollen Streifen und Schichten der Felsketten bis zum Horizont. Ein Keilschwanzadler fliegt uns voraus, als der Pfad abrupt an einer Klippe endet. "Counts Point" sagt ein Schild eher schlicht, doch der Blick über die Kraterlandschaft ist gigantisch. Im Norden ragt die knorpelige Chewings Range über das Tal - Geologen zufolge mit etwa 1,6 Milliarden Jahre altem Gestein.

Mit den Rucksäcken überm Kopf durch den hüfthohen Finke River waten

Im Dunst strecken Mount Sonder und Mount Giles ihre Gipfel in einen absurd blauen Himmel. "Man muss sich schon zwicken, um zu glauben, dass so viel Schönheit wahr ist", bringt Dave das Panorama prosaisch auf den Punkt. Die Rucksäcke überm Kopf balancierend, waten wir am anderen Tag durch den hüfthohen Finke River. Zwar führt der Fluss nicht immer und überall Wasser, gleicht oft einer Reihe verstreuter Becken; in dieser Saison jedoch ist er auf unserem Wanderweg gut gefüllt. Wir entwickeln unterschiedlich elegante Strategien beim Durchqueren des schlammigen Wassers, wobei Dave den Preis für Tempo gewinnt. Er behält seine Stiefel an. Der Finke River gilt als einer der ältesten Flüsse der Welt, weil er seit 100 Millionen Jahren auf seinem Weg in die Simpson-Wüste dem gleichen Flussbett folgt. Die Aborigines nennen ihn Lhere pirnte - Larapinta - salzigen Fluss. Zu einem seiner Nebenflüsse, dem Ormiston Creek, kehren wir abends zurück, und auch der schmeckt ein bisschen nach Meer. 

Shane Fewtrell, Besitzer von "Trek Larapinta", empfängt uns am Ende der Tagesetappen mal mit duftenden Scones und Tee, mal mit Obst, mal mit Eiswasser. Unsere Basis mit Zelten und Freiluft-Dusche, mit Lagerfeuer und Campküche hat er so schlicht wie clever und idyllisch am Ufer des Ormiston Creek eingerichtet. Hängematten warten unter weißstämmigen Eukalyptusbäumen.  Anfangs bedaure ich, nicht jeweils am Ziel einer Etappe zelten zu können. Doch ich bin schnell bekehrt. Nicht täglich weiterzuziehen, heißt auch: weder viel packen noch tragen zu müssen. Und jeden Tag freue ich mich auf den Sonnenuntergang im Flussbett: Am Lagerfeuer hören wir bei kalten Getränken den trillernden Singvögeln und Kakadus zu. Im Steinguttopf bäckt eines von Shanes köstlichen Menüs. Habe ich je etwas gegen organisierte Reisen gesagt?

INFOS

Der Larapinta Trail wurde 2002 fertiggestellt und führt 223 km durch die West MacDonnell Ranges, einen Nationalpark, der sich westlich von Alice Springs bis zur Redbank Gorge hinzieht. Der Überlandweg ist in zwölf Etappen verschiedener Schwierigkeitsgrade unterteilt, die zwischen neun und 30 Kilometern lang sind; viele Sektionen eignen sich auch für Tagestouren. Veranstalter in Alice Springs setzen und holen Wanderer nach Vereinbarung ab.

Trek Larapinta ist ein kleiner Veranstalter, der Touren mit maximal acht Teilnehmern anbietet. Auch unsere Autorin wanderte mit dem Team um Shane Fewtrell, das von April bis September 6- bis 9-tägige Touren auf verschiedenen Etappen der Überlandstrecke organisiert. Die Reisen kosten 1690 bis 2190 Australische Dollar, inklusive Zeltunterbringung, Schlafsack, erstklassiger Verpflegung und Transfer. Bei der 6-Tagestour kehren die Wanderer abends ins gleiche Camp am Ormiston Creek zurück, bei der 9-Tagestour wird anfangs auf den Etappen gezeltet, später im Camp am Fluss. Wanderer müssen auch auf der 9-Tagestour nur ihr Tagesgepäck tragen. Tel. 0407144571; www.treklarapinta.com.au

Auf eigene Faust
Erfahrene Langstrecken-Wanderer können Touren über alle oder einige der zwölf Etappen selbst organisieren und z.B. Verpflegung an bestimmten Stellen deponieren. Möglich ist auch, einzelne Etappen als Tagestouren zu wandern und sich absetzen und abholen zu lassen, z.B. von Tailormade Tours, www.tailormadetours.com.au

Am besten eignen sich die Monate Juni bis August. Wer auf eigene Faust wandert, sollte sich zuvor bei der Nationalparkverwaltung registrieren und unbedingt über eventuell geperrte Abschnitte und den Zustand des Weges informieren, www.nt.gov.au

Alice Springs Desert Park
Auch wenn der Park etwas außerhalb der Stadt liegt, auf keinen Fall versäumen: In verschiedenen Bereichen erleben Besucher die überraschende Flora sowie Raubvögel, Schlangen ebenso wie nachtaktive Beuteltiere, die man sonst nie zu Gesicht bekäme. Larapinta Drive, Alice Springs; Tel. 08 89518788; www.alicespringsdesertpark.com.au

Crowne Plaza Alice Springs
Komfort etwas außerhalb des Stadtkerns, guter Pool und im Erdgeschoss eines der besten Restaurants der Stadt: Das "Hanuman" serviert asiatische Gourmet-Küche, kreativ und leicht, auch vegetarisch. 82 Barrett Drive, Alice Springs; Tel. 08 89508000; www.crowneplaza.com; DZ ab 190 Australische Dollar

Araluen Cultural Precinct
Kunst- und Kulturzentrum mit erstklassiger Aboriginal Art, Kunsthandwerk, Museum zur Geschichte Zentralaustraliens, Flugzeugmuseum, u.v.m.; Larapinta Drive/Ecke Memorial Ave; Alice Springs; Tel. 08 89511120; www.araluenartscentre.nt.gov.au

Internet
Die beste Website über Kultur und Natur der West MacDonnell Ranges mit Interviews, Karten, Geschichten zur Kultur der Aborigines, Infos zu Flora und Fauna: www.nt.gov.au/westmacs

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Autor:
Julica Jungehülsing