Australien Tipps für Work and Travel

Auf der Fähre zum Great Barrier Reef ist fast allen Passagieren schlecht. Die Wellen schlagen drei Meter hoch, der Wind pfeift. Delfine springen durch die Gischt, doch das interessiert gerade niemanden. Der einzige, der fröhlich lacht und sich routiniert um die seekranken Passagiere kümmert, ist Thomas aus Holland. „Kotztüten verteilen ist nicht gerade ein Traumjob, doch wenn man im Paradies arbeitet, ist es eine akzeptable Begleiterscheinung“, meint der 23-Jährige. Kurz darauf schiebt sich Lady Musgrave Island wie eine unwirkliche Erscheinung ins Blickfeld. Ein Atoll mit hellem Sandstrand, umgeben von türkisblauem Meer und einem riesigen Korallenriff. „Kein schlechter Arbeitsplatz, oder?“, sagt Thomas und deutet auf die Fototapetenszenerie. Seit einem halben Jahr arbeitet er für eine Tauchschule, die Touren zum Great Barrier Reef organisiert. Vorher hat er auf Farmen Mangos gepflückt und Bäume gepflanzt. „Typische Backpacker- Jobs, bei denen man viel Geld verdienen kann, wenn man genug Kraft und Ausdauer hat“, sagt Thomas. Mit dem Pflanzen von Baumsetzlingen habe er bis zu 200 Dollar am Tag verdient, doch jetzt sei er froh, einen Job zu haben „bei dem am Abend nicht der ganze Körper schmerzt“.

Sein Arbeitsplatz kann einen neidisch machen. Auf Lady Musgrave Island biegen sich langstielige Palmen am Strand, und im dahinter liegenden Wald zwitschern exotische Vögel. Unter der Wasseroberfläche sieht es nicht weniger spektakulär aus: Meeresschildkröten treiben vorbei, und Papageienfische nippen an Korallenzweigen. „Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, in einem Büro zu arbeiten“, sagt Thomas auf der Rückfahrt zum Festland. „In Holland sind die Leute alle nur mit sich und ihrer Karriere beschäftigt. Hier in Australien spüre ich diesen Druck nicht und habe das Gefühl, wirklich zu leben.“ Herumreisen, in den Tag hineinleben und sich sein Leben mit Gelegenheitsjobs finanzieren – diesen Traum erfüllten sich allein im vergangenen Jahr 20 000 Deutsche, die mit dem Work-&-Travel-Visum nach Australien reisten. Zwölf Monate ist die Aufenthaltsgenehmigung gültig – genug Zeit, um nicht nur als Tourist das Land zu entdecken, sondern sich selbst wie ein Einheimischer zu fühlen. Abends im Supermarkt des kleinen Küstenortes „Town of 1770“ jedenfalls sehen die Backpacker aus Deutschland, Frankreich oder Spanien genauso aus wie die meisten jungen Australier. Sie haben braungebrannte Haut, ausgeblichenes Haar und tragen Surfershorts und Badelatschen.

Jugendherbergen dienen als Arbeitsvermittlungsstellen 

So auch Björn aus Köln, der mitten im Satz zwischen Deutsch und Englisch wechselt. Sein Job ist es, jeden Abend mit einer Gruppe Touristen auf Motorrädern in den Sonnenuntergang zu fahren. Scooterroo Tours heißt das Unternehmen, das täglich mit rund 50 Leuten auf Choppern im Schlepptau durch den Ort knattert. „Außer dem Chef arbeiten bei uns im Team nur Backpacker“, erzählt Björn. „Die kommen aus England, Dänemark und Portugal.“ Noch mehr Jobs für Rucksacktouristen gibt’s in Bundaberg, eine Autostunde von „Town of 1770“ entfernt. Dort dienen Jugendherbergen gleichzeitig als Arbeitsvermittlungsstellen. Im Youthhostel „Cellblock“ in einer alten Polizeistation hängt jeden Morgen eine neue Liste mit freien Jobs am Schwarzen Brett. „Hauptsächlich werden Leute zur Obst- und Gemüseernte gesucht“, erklärt Mike, der am Empfangstresen arbeitet. „Wir vermitteln die Jobs und organisieren den Transport zu den Feldern.“

Gerade ist eine Gruppe Hostelgäste von der Arbeit zurückgekehrt. Ihre Gesichter sind gerötet, die Kleidung dreckig und verschwitzt. „Ich werde nie wieder Kürbisse ernten. Die Dinger sind einfach zu schwer“, flucht Jan aus Flensburg und lässt sich auf eines der durchgesessenen Sofas fallen. Seit einem Monat schon wohnt er für 160 Dollar die Woche in einem Zehnbettzimmer in dem Hostel. „Das ist echt kein Spaß, aber ich weiß, wofür ich es tue“, sagt er. Sein Ziel ist ein eigenes Auto, mit dem er das Outback von Queensland bereisen will. Dorthin gelangt man von Bundaberg aus auch mit dem Zug. Der „Spirit of the Outback“ braucht zwar 24 Stunden bis ins 800 Kilometer entfernte Longreach, doch gerade die Langsamkeit macht den Reiz dieser Art des Reisens aus. Während der Zug schaukelnd durch die Landschaft kriecht, bekommt man ein Gefühl dafür, wie riesig Australien ist. Man blickt aus dem Fenster seiner Schlafkabine und ist fasziniert, wie leer ein Land sein kann. Der Himmel ist blau, die Erde rot: So einfach kann das Leben sein. Morgens wärmt die Sonne die Füße durchs Fenster, und in der Ferne springen Kängurus vorbei.

Im Speisewagen serviert Jocelyn aus Brisbane zum Frühstück Eier mit Speck und gibt Tipps, wo man im Outback Arbeit finden kann. „Auf Rinderfarmen werden immer junge Mädchen gesucht, die reiten können. Die sind deshalb so beliebt, weil sie einfühlsam mit den Tieren umgehen und zuverlässiger sind als die Jungs.“ Auf speziellen Schulen können Backpacker sich innerhalb weniger Tage zur „Jillaroo“ oder zum „Jackaroo“ ausbilden lassen, wie Cowgirls und -boys hier heißen.

Der erste Halt des Zuges ist Alpha. Die zehn Minuten Aufenthalt reichen, um den ganzen Ort zu überblicken: links ein Shop, der Cowboyhüte verkauft, rechts ein Pub mit einem Samantha Fox-Poster an der Wand und eine breite Straße, die ins Nirgenwo zu führen scheint. Longreach, die Endstation des Zuges, ist mit weniger als 3000 Einwohnern vergleichsweise eine Großstadt. Doch auch dort ist so wenig los, dass die Bewohner von viel Verkehr sprechen, wenn auf der Straße ein Auto vor ihnen fährt. Im Pub vertreiben sie sich die Zeit damit, Münzen in Geldscheine einzurollen und mitsamt Reißzwecken so an die Decke zu werfen, dass die Scheine hängen bleiben. 

Weit und breit nichts. Nur eine Farm so groß wie Stuttgart

Doch es geht noch einsamer: Verlässt man Longreach mit dem Auto in Richtung Landesinnere, mahnen Schilder am Straßenrand für die Weiterfahrt genügend Wasser und Benzin an Bord zu haben. Wolken hängen regungslos am blauen Himmel über der Landschaft, die sich seit Millionen Jahren nicht verändert hat. Mittendrin liegt „Carisbroke Station“, eine Farm, die mit 200 Quadratkilometern so groß ist wie Stuttgart. Charles and Penny Phillott vermieten hier Schafscherer-Unterkünfte an Touristen und zeigen ihnen tagsüber mit dem Pick-up ihr Reich. Charles ist auf der Farm aufgewachsen und strahlt die gleiche Ruhe aus wie die Landschaft. Nicht mal die Fliegen an seinem Cowboyhut können ihn stören. „Würde ich in der Stadt leben, hätte mich schon längst ein Auto überfahren“, meint der 42-Jährige, während die Sonne hinter den roten Hügeln untergeht. Mit bedächtiger Stimme zählt er auf, welche Gefahren auf der Farm lauern: „Nachts liegen Brownsnakes im Gras. Das sind die zweitgiftigsten Schlangen der Welt. Und kommt den Goanas nicht zu nah – die Riesenechsen können euch den ganzen Arm abreißen!“

Nachts in dem kleinen Wellblechtrailer, der mitten in der Landschaft steht, spürt man nichts von der Gefahr. Wind dringt durchs Fliegengitter, und der Vollmond erhellt die einfache Behausung. Während die Zikaden ihr nächtliches Konzert aufführen, fällt man in einen tiefen Schlaf. Einzig die Kröte in der Toilette jagt einem morgens einen Schreck ein. Zum Frühstück serviert Penny Hackfleisch-Eintopf auf der Holzveranda des Farmhauses, während ihre Tochter Jemima in ihrem Zimmer Fernunterricht per Telefon und Computer erhält. Charles erzählt, dass seine Tochter schon mit sieben Jahren gelernt hat, wie man Auto fährt. „Der nächste Ort ist 87 Kilometer entfernt – wenn jemandem von uns etwas zustoßen sollte, muss im Notfall jeder helfen können.“ Die heutige Tour über die Farm übernimmt dennoch er. 

Vom Outback in den Großstadtdschungel

Der Tag verfliegt bei einer Wanderung durch einen Canyon, der Suche nach Opalen in einem Flussbett und endet mit einem Kopfsprung in einen See, der die gleiche Farbe wie Kaffee mit Milch hat. Am nächsten Tag geht die Reise mit dem Flugzeug weiter von Longreach nach Brisbane. Am Flughafen schert sich niemand um Sicherheitsvorkehrungen. Jedenfalls beachtet keiner den Cowboy, der mit Spinnweben am Kragen und Buschmesser am Gürtel ins Flugzeug einsteigt.

Zwei Stunden später kommt man sich zwischen den Hochhäusern in Brisbane vor wie Crocodile Dundee in New York. Wo kommen all diese Menschen her, und warum haben sie es alle so eilig? Abends, beim Anblick der glitzernden Skyline am Brisbane River, erscheint es einem jedenfalls unwirklich, dass man am Tag zuvor noch mit Kröten in der Toilette zu kämpfen hatte. Im Restaurant „Deery’s“ dringen dann wieder die ersten deutschen Stimmen ans Ohr. Der Kellner heißt Simon, ist 22 und stammt aus Eurasburg, südlich von München. Begeistert erzählt er von seinem Backpacker-Leben in Australien: „Man kann sich hier viel besser ausprobieren als in Deutschland und braucht nicht für alles eine bestimmte Ausbildung. Ich bin schon als Crewmitglied auf einem Segelschiff mitgefahren und habe beim Oktoberfest in Brisbane Brezn gebacken. Jetzt wohne ich auf einem Hausboot und bin gespannt, was als nächstes passiert.“ Simon ist da zuversichtlich, denn bislang habe sich immer alles irgendwie ergeben. Nach Deutschland will er in nächster Zeit sicher nicht zurück. Lieber will er sich weiter vom Zufall treiben lassen – denn das funktioniert in Australien besonders gut.

INFOS: 
Mit dem Working Holiday Visum können junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren bis zu zwölf Monate durch Australien reisen und nebenbei arbeiten. Mit dem „Second Working Holiday“-Visum kann man den Aufenthalt um ein weiteres Jahr verlängern. Infos unter australia.com und aifs.de

Jobs:
Lady Musgrave Cruises vergibt Jobs als Tauchlehrer oder Reisebegleiter.
Scooteroo-Tours: Wer sich mit Motorrädern auskennt, kann hier anheuern. 
Jillaroo & Jackaroo School: Die Organisation Just Studies organisiert Kurse, in denen man lernt, wie man reitet, ein Lasso wirft oder Schafe schert. Mit dem Zertifikat kann man sich dann bei Farmen bewerben. Der 4-Tage-Kurs kostet 340 Euro.
Cellblock Backpackers: Das Youthhostel vermittelt Jobs als Erntehelfer auf den Feldern rund um Bundaberg. 

Nützliche Websites:
www.australien-arbeiten.de 
www.backpackingqueensland.com.au 
www.taw.com.au
www.travelworks.de
www.work-and-travel.co
http://www.praktikawelten.de/work-and-travel.html

Autor:
Aileen Tiedemann