Australien Sydney ist Weltklasse

"Ich kann zweieinhalb Stunden ohne Unterbrechung reden", sagt Ron van Ham. "Ich bin ein Unterhalter." Mit einem kräftigen Ruck drückt er den Gashebel seines Hochleistungsmotors nach vorn. Das Boot schneidet durch das klare Wasser. "Was für ein wunderbarer Tag heute wieder ist", seufzt der 41-Jährige zufrieden und blinzelt. Das grellweiße Segeldach des Opernhauses blendet ihn selbst durch die pechschwarzen Gläser seiner Sonnenbrille. "Was für ein guter Job, den ich habe. Dieser Hafen ist das schönste Büro der Welt." Recht hat er.

Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, die so beschaulich, farbig, lebhaft und zugleich so sicher sind wie der Hafen von Sydney. Van Ham fährt ein Wassertaxi. Er transportiert Passagiere von den vielen kleinen Buchten und Vororten zum Circular Quay, einer Art Hauptbahnhof des Hafens, wo auch die großen Fähren anlegen. Von dort sind die meisten seiner Kunden binnen Minuten an ihrem Arbeitsplatz in einem der vielen Hochhäuser der City.

"Ich habe viele Stammkunden, Geschäftsleute, die täglich mit meinem Boot fahren", meint Ron van Ham. "Doch eigentlich bin ich auf Prominente spezialisiert." Er greift zum Handschuhfach und holt ein Notizbuch hervor. Auf einer Doppelseite dankt ihm Bette Midler in schwungvoller Schrift für den "nice ride", auch Pierce Brosnan und Prince Andrew scheinen von der Fahrt durch den schönsten Hafen der Welt angetan gewesen zu sein. "Tom Cruise ist sehr zuvorkommend", erzählt der Wassertaxifahrer, "und auch Sting ist ganz natürlich."

Der Hafen, die Strände von Sydney, sie sind die größte Attraktion Australiens für die Millionen von Touristen, die jedes Jahr den kleinen Kontinent besuchen. Für viele Sydneysider, so nennen sich die Bewohner Sydneys, sind sie noch viel mehr: Gleich einer Droge bestimmen sie das Leben derer, die am Wasser wohnen. Deshalb laufen allmorgendlich tausende Jogger an den Stränden der Stadt, trinken am Bondi Beach ihren Cappuccino oder stehen ganz einfach in Gedanken versunken im Sand, während die Sonne über den glitzernden Wellen des Pazifiks aufsteigt, denen die Stadt jenes ganz besondere Leuchten verdankt.

Ron van Ham legt am Circular Quay an,Touristen schlendern den Bootssteg entlang. "Taxi", ruft Ron. Ein Ehepaar steigt ins Boot, van Ham legt ab. Langsam fährt das Schiff an den Palästen der Schönen und Reichen vorbei. "Das ist Russell Crowes Apartment", sagt van Ham, und zeigt auf ein luxusrenoviertes ehemaliges Dock. "15 Millionen hat er dafür bezahlt." Auch Crowe hatte er schon als Gast auf seinem Boot, kein netter Mensch, dieser Neuseeländer. "Als er aufs Deck trat, meinte er nur, er sei hier zum Fahren, nicht zum Reden. Ich durfte nichts mehr sagen", klagt van Ham und steuert das Boot Richtung Osten.

"Ich kann mir keinen anderen Ort auf der Welt vorstellen, wo ich lieber wohnen möchte", sagt die junge Marketingexpertin Sarah Harris, die auch in Rons Wassertaxi sitzt. Van Ham zeigt auf eine gigantische Baustelle direkt am Wasser; ein Berg von Beton, Kränen und Pressluftgeneratoren. Dort baut sich ein bekannter Geschäftsmann ein Haus für 35 Millionen Dollar. Und versperrt damit vielen Nachbarn die Aussicht aufs Wasser. In Sydney kann Geld alles kaufen, "diese Stadt ist eine billige, glitzernde Hure", hat ein Schauspieler einmal gesagt.

Eine Hure vielleicht, aber keine billige. Der Hafen und die Strände - der Großteil der vier Millionen Sydneysider erlebt sie nur auf einer Postkarte oder während eines Sonntagsausflugs. Die wenigsten Australier können es sich heute noch leisten, direkt am Hafen zu wohnen oder am Strand, wo man für ein heruntergekommenes Haus inzwischen eine Million Dollar auf den Tisch legt. So lebt die Masse der Bevölkerung weit weg vom Touristen-Sydney, in einem der unzähligen Vororte der Stadt, den suburbs, und versucht, seine Träume dort zu verwirklichen. Der Traum des Durchschnittsbürgers aber ist der Alptraum des Städteplaners: Wie wild wuchernde Krebsgeschwüre fressen sich Vororte um Vororte in die Landschaft, scheinbar planlos, unaufhaltbar. Wasserversorgung und Kanalisation stehen chronisch vor dem Kollaps, der öffentliche Verkehr - im autovernarrten Australien keine Priorität der Politiker - ist hoffnungslos überlastet und veraltet.

Trotzdem wird weiter gebaut, hemmungslos. Wo heute Kühe weiden, knattern morgen Rasenmäher. "Projekt- Eigenheime" - massenproduzierte Minipaläste, ausgestattet mit mehr Marmor als ein italienischer Friedhof, völlig überdimensionierte, Energie fressende Monster - dominieren die Landschaft. Luxus und Status sind in diesen anonymen suburbs genauso die Norm wie in den Nobelorten am Hafen.

Luxus und Status auf Pump allerdings, denn niedrige Leitzinsen und ein hemmungsloser Umgang mit der Kreditkarte machen ihn möglich. Der Konsumrausch, eine der Stützen der australischen Volkswirtschaft, wird nicht nur staatlich gefördert - er ist Staatsreligion. "Entspannt und komfortabel", so wünscht sich der konservative australische Premierminister John Howard seine Mittelklasse. Das macht ihm das Leben leichter. Denn wer entscheiden muss zwischen einem Swimmingpool aus Beton und einem aus Plexiglas, der überlässt Alltagsentscheidungen gern den Politikern. Etwa, ob Australien im Irakkrieg mitkämpft (ja), ob es das Kyoto-Protokoll unterschreiben soll (nein), oder ob die Regierung muslimische Flüchtlingskinder jahrelang in Wüstenlagern hinter Stacheldraht sperrt, um Asylanten abzuschrecken (ja). Die suburbs sind Petrischalen, in denen politische Apathie gedeiht wie Bakterienkulturen im Wärmeschrank.

In einem kleinen Restaurant in Bankstown, einem Stadtteil im Westen, sitzen zehn Australier an Plastiktischen, diskutieren aufgeregt Rugbyresultate - auf Vietnamesisch - und schlürfen dabei pho, eine vietnamesische Nudelsuppe. Es riecht nach Koriander, Zimt und Räucherstäbchen wie in einer Esshalle in Hanoi. Erst beim Zahlen erinnert sich der Besucher wieder, wo er eigentlich ist. "Thanks, mate", sagt der junge Mann in breitestem Aussie-Englisch, "danke, Kumpel". Jack ist ein in Australien geborener Sohn vietnamesischer Bootsflüchtlinge. Was macht einen Australier aus in einem Land, in dem jeder vierte Bewohner entweder im Ausland geboren wurde oder ausländische Eltern hat? Eine Frage, auf die es Millionen Antworten gibt.

Noch in den fünfziger Jahren war der typische Aussie blond, angelsächsischer Herkunft, spielte Kricket, trank Bier, aß fish and chips. Seither haben Millionen von Immigranten aus allen Ländern der Welt vor allem Sydney zu ihrer Heimat gemacht. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft leben sie hier in bemerkenswerter Eintracht mit- und nebeneinander. Der Multikulturalismus - obwohl regelmäßig verleumdet von Regierungspolitikern und den mehrheitlich konservativen Medien - ist eine der größten Errungenschaften, die Australien der Welt geschenkt hat. Ein Beispiel dafür, dass friedliches Zusammenleben verschiedenster Kulturen möglich ist.

Es ist Feierabend für Ron van Ham, er parkt sein Boot an einer Anlegestelle. Morgen hat er eine Seebestattung, er wird mitten im Hafen die Asche eines Verstorbenen über Bord schütten, in Anwesenheit der Angehörigen. Dieser Abschied werde immer beliebter, sagt van Ham, gerade bei den Menschen in suburbia. Wenn es schon nicht für ein Haus mit Millionärsaussicht aufs Meer reicht, dann wenigstens für ein langes Bad im Hafen. "Die Beachtung der Windrichtung ist beim Verstreuen der Asche entscheidend", sagt van Ham und grinst, "man will schließlich nicht, dass einem Onkel Freddy ins Gesicht fliegt." Sagt's und macht sich auf den Weg nach Hause, irgendwohin in einen Vorort, wo vor nicht allzu langer Zeit noch Kühe weideten.

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Autor:
Urs Wälterlin