Australien Sydney, die große Lust auf Wasser

Wer in Sydney lebt, den zieht es aufs Wasser.

"Viel Glück, falls ihr noch einen Stehplatz finden wollt..." Terry, lifeguard am Bondi Beach, grinst, dann konzentriert er sich wieder aufs Gewimmel in den Wellen. Hunderte tummeln sich in den Schaumkronen, schwimmen, paddeln, surfen. Einige sehen aus, als müssten sie bald den Profiretter in Anspruch nehmen. Und am Strand ignorieren 35.000 Körper die Tatsache, dass die Sonne auf sie runterknallt, bei 35 Grad im Schatten. Sue und ich wachsen vor dem Surfclub unsere Bretter. Meine Wellenreitfreundin hat nur sonntags Zeit, ihr Alltag ist voll gepackt wie der Strand. Sue ist "so very Sydney", dass ich sie erfinden müsste, gäbe es sie nicht. "Noch ein paar Busladungen, und wir können für heute den Strand wegen Überfüllung schließen", witzelt eine Polizistin in Shorts und steigt zur Patrouille aufs Mountainbike. Parkplätze gibt es seit neun Uhr nicht mehr: Bondi Beach plus Wochenende plus Ferien ist eine heiße Mischung. Für Misanthropen ungeeignet.

Mit 377 Menschen auf jedem Quadratkilometer ist Sydney zwar die am dichtesten besiedelte Metropolregion Australiens, doch auf die Füße treten müssen sich die Beachbabes kaum. Fast 40 Pazifikstrände liegen zwischen Palm Beachs Leuchtturm im Norden der Stadt und den Buchten des Royal National Park 70 Kilometer weiter südlich; nicht mitgerechnet die unzähligen Badestellen an den 315 Kilometern Uferzone des riesigen Hafens. Vorsichtige tauchen am Nielsen Park unter, beschützt von Hainetzen und dem Schatten großblättriger Feigen. Adrenalinsüchtige treffen sich zum Kitesurfen in Narrabeen, Segler im rauchfreien Mosman, Romantiker picknicken in der versteckten Parsley Bay. Am Store Beach gibt’s nicht mal Parkplatzsorgen: Das weißsandige Idyll mit Skylineblick kann man nur mit dem Kajak erreichen.

Ein Großteil der 4,5 Millionen Einwohner ist süchtig nach Wasser

Sydneys blaues Glitzern ist so verführerisch wie allgegenwärtig. Kein Wunder, dass ein Großteil der 4,5 Millionen Einwohner süchtig nach Wasser ist. "Niemand grübelt in Sydney über den Sinn des Lebens, wichtig ist allein die Wohnung mit Meerblick", heißt es in einem Stück des Dramatikers David Williamson. Auch wer die Loge mit Aussicht (noch) nicht gefunden hat, braucht aufs Wasser nicht zu verzichten. Gratis und spektakulär ist ein Platz unter den Palmen im Botanischen Garten, wo sich das Opernhaus im Hafen spiegelt, stiller sind die vielen Naturreservate mit See und Flüsschen. Sydney-Sue reitet samstags im Centennial Park, mitten in der größten Stadt des Kontinents trabt sie vorbei an Teichen mit schwarzen Schwänen. Im Royal National Park, einem von vier Nationalparks der Stadt, wandere ich derweil durch Eukalyptuswald über die Klippen und treffe den Rest des Tages - niemanden!

Sydney mag herrlich viel Auslauf bieten, die In-Viertel aber können sich vor Fans kaum retten. Auf der Beliebtheitsskala weit oben stehen die "Eastern Suburbs": Orte wie Double Bay ("Double Pay" genannt) und natürlich Australiens beliebtester Strand - über 80 Prozent der australischen Sydneytouristen fällt beim Wort "Beach" zuerst "Bondi" ein. Und auch von den jährlich 2,6 Millionen ausländischen Gästen will fast jeder mindestens einmal hier ein Eis essen, eine Welle reiten, über die Promenade schlendern.Eine Touristenfalle? Kaum. Auf Einheimische haben die Straßen um die halbmondförmige Bucht eine ähnlich magnetische Wirkung. Großfamilien mögen sonstwo leben, zum Baden kommen sie nach Bondi, auch Lehrer und Teenager aus den grünen Hügeln im Norden. Gründlich vorbei sind die neunziger Jahre, in denen die Gegend südöstlich des Opernhauses als ruppig galt, die Heimat der Backpacker und Aussteiger.

Kaffee und süße Stückchen gehören genauso zum lifestyle in Sydney.
Philip Koschel
Kaffee und süße Stückchen gehören genauso zum lifestyle in Sydney.
Heute besucht Tom Cruise den Medienmogul James Packer in seinem Strandhaus in Bondi, zahlen TV-Produzenten, IT-Spezialisten und junge Banker absurde Summen für ein paar Quadratmeter "2026". Die begehrte Postleitzahl als Schulter-Tattoo? Kein Problem, bei "Bondi Ink" lindert der Blick ins Blaue die Pein der Nadeln. 15 Dollar für ein geizig eingeschenktes Glas italienischen Rotwein? Auch das ist einfach, BB hat längst fast so viele Sommeliers wie Baristas, die Sojamilch zum Macchiato schäumen. Mögen Zugereiste an der Promenade Burger aus Papptüten essen, in den Seitenstraßen kosten fransige Jeansshorts trotzdem 220 Dollar. Die Mischung ist eklektisch und oft bizarr, aber immer bunt.

"2026" ist, wie der Rest von Sydney gern sein würde, nur geballter und sonntags zu voll. Zwischen blätterndem Art-déco-Charme entstehen monatlich neue Luxusapartments, das Angebot bleibt dennoch knapp und die Nachfrage riesig. Denn Küstenliebe macht blind. 600.000 Dollar (450.000 Euro) hat Sydney-Sue für ihre Traumwohnung bezahlt. Mit Meerblick, Terrasse, Garage? Von wegen, ihre 70 Quadratmeter sind nahezu Kellerlage, im Winter eisig und auch sonst frei an Extras. Bis auf die Lage. "Location, location!" strahlt die 38-Jährige und schiebt die Sonnenbrille ins gebleichte Haar: Zwei Minuten braucht die Anwältin zum Gourmet-Deli, dessen dread-gelockter Chef ihren Lieblingskaffee kennt. 20 Minuten sind es per Roller in die City, wo sie im 60. Stock am Martin Place die Raten für ihre absurd hohe Hypothek erarbeitet. "In Berlin-Kreuzberg bekämst du für ein Drittel noch Balkon, Stuck und Zentralheizung", werfe ich ein. Ohne Erfolg. Die Heizung fehlt ihr selten, den Balkon ersetzen zwei Strände, zu denen sie fünf Minuten geht. Barfuß.

Morgens Meersalz, abends Wildpilz-Arancini in der Weinbar ums Eck

Sydney schmerzte die globale Finanzkrise nur so kurz, dass es kaum für einen Kater reichte. Platzende Immobilienblasen mögen die Provinz bedrohen, die Strandvororte kennen nicht mal die Angst davor. Zu viele Sydneysider träumen vom lifestyle, der morgens Meersalz verspricht und abends Wildpilz-Arancini in der überlässigen Weinbar ums Eck. Sues Familie freilich hält derlei für verrückt. "Meine Mutter hasst es schon, über die Brücke zu fahren", grinst sie.

Die Harbour Bridge wird liebevoll auch
Philip Koschel
Die Harbour Bridge wird liebevoll auch "Coathanger" (Kleiderbügel) genannt.
Die 53.000 Tonnen Stahl der mächtigen Harbour Bridge trennen die Northern Beaches von der City - und von Stadtteilen, die wie die Eastern Suburbs östlich der Innenstadt liegen. Selbst wenn sie nicht verstopft ist, bleibt die Brücke eine ideelle Schranke, die sich nie wirklich hebt. "Neureich, dreckig und laut" sind die östlichen Vororte für Sues Mum. Dass dort auch ehrwürdige Professoren leben, dass ihre Lieblingsgalerie im Osten liegt, gibt die ältere Dame zu. "Aber diese Enge!" Vor ihren eigenen raumhohen Fenstern beeinträchtigen allenfalls blühende Banksien im Garten den Pazifikblick; ihre diskreten Nachbarn in den grünen Vierteln rundum handeln mit teurem Design und kostbaren Antiquitäten. Wohnstraßen gleichen dort Parkanlagen und große Apartmentblocks sind selten.

Zwar sind die Wege länger, doch in die Stadt fährt Sues Familie nur im Notfall - ins Theater oder in die Oper. Im vornehmen Kirribilli residieren Australiens Premierministerin und die Generalgouverneurin, wenn sie Sydney besuchen; hier bitten sie die Queen oder den Papst auf Australienvisiten zu Tisch. Segelclubs tragen englische Adelsnamen und bieten feste Liegeplätze nur den erfolgreichsten aller Rennjachten. "Gediegen und angelsächsisch" findet das Sue, und "nett für Familien und ältere Semester".

Sydney belegt auf der Liste der teuersten Städte Platz sieben

Das Wahrzeichen von Sydney: die Oper.
Philip Koschel
Das Wahrzeichen von Sydney: die Oper.
Extravaganz ist freilich auch dem Rest der Stadt nicht fremd. Seit 2011 belegt Sydney auf der Liste der teuersten Städte Platz sieben, gleich hinter Tokio, Bondi & Co sind daran nicht allein schuld. Auf den einstigen Gefängnis-Inseln im Hafen steigen Neujahrsfeste, die mehr Eintritt kosten als ein Flug nach New York. Sogar Picknickplätze im Park müssen für den letzten Tag des Jahres inzwischen gebucht werden. Ihr Feuerwerk sei "das spektakulärste der Welt", tönt die Stadtwerbung frei von Selbstzweifeln.

Im frisch aufgehübschtem Spielpalast "The Star" kreiert Promikoch Teage Ezard den wohl aufwendigsten Barramundi der Welt: Der Impresario lässt aus Hawaii Tiefseewasser einfliegen - den Fisch in so einem Sud zu garen, ist angeblich das einzig Wahre. Die 20 Dollar für anderthalb Liter Tiefseekochwasser fallen auf der Rechnung sowieso kaum noch auf. Und in Wollstonecraft liefert "Chew Chew" organisch-biologische Geburtstagstorten für Hunde frei Haus. In Summer Hill wiederum zahlen Eltern für ihre Söhne über 25.000 Dollar Schulgebühren - pro Jahr, ohne Meeresblick und ohne Murren.

Wer hier lebt, muss tief in die Tasche greifen: Sydney landete auf Platz sieben der teuersten Städte.
Philip Koschel
Wer hier lebt, muss tief in die Tasche greifen: Sydney landete auf Platz sieben der teuersten Städte.
Wie Jahresringe umrunden Sydneys Viertel die Oper, halbiert vom Pazifik im Osten. Je weiter entfernt vom Kern, desto weniger elitär. Doch auch jenseits des Wassers sind viele überzeugt, in der bestmöglichen Stadt der Welt zu wohnen. Newtowner lieben ihr multikulturelles Flair, junge Singles schwören auf Mode und Bars in Surry Hills. Die mehr als 60 exotischen Restaurants, Seidenläden und Märkte von Cabramatta sind wie ein Asienurlaub ohne Flug. Doch auch wer dort lebt, pilgert früher oder später ans Meer, wenigstens für einen Sonntagnachmittag. Obgleich das immer schwieriger wird, denn vor lauter Schwelgerei übersehen die Stadtplaner zuweilen lästige Details: Steigende Preise gefährden die entspannte Lässigkeit, hohe Wohnkosten entvölkern einst kreative Nischen und mangelhafter Nahverkehr sind mit daran schuld, dass in Sydney immer häufiger ganz banaler Weltstadt-Stress herrscht. Fein raus ist, wer per Fähre zur Arbeit kommt.

Bondi Beach, sieben Uhr. Der Felspool im berühmten "Icebergs Club" schimmert türkis, der Himmel pastell, im Meer paddelt die Frühschicht der Surfer. Sydney-Sue rollt ihre Yogamatte zusammen, klopft sich den Sand von den Knien und kramt nach der Fünfdollarnote für den Soja-Latte. In zwei Stunden wird sie für den Rest des Tages auf ihren Bildschirm starren, vor Konferenzen die Lippen nachziehen, Klienten beraten. Aber begonnen hat ihre Woche mit viel salziger Luft und Horizont. Sie blickt über den sand-weißen Kilometer zwischen den Landzungen. Hinter den Felsen im Norden prustet ein Wal. "Wer will denn schon woanders sein..?", fragt sie. Eine Antwort erwartet sie nicht.

Schlagworte:
Autor:
Julica Jungehülsing