Australien Roadtrip ins Outback

Die Harbour Bridge ist noch schemenhaft hinter dem dichten Regenschleier zu erahnen, das Opernhaus bereits komplett verschwunden. Auf dem Satellitenbild haben graue Wirbel den Großraum Sydney fest im Griff. Droht eine Kaltfront abzudrehen, steht sofort die nächste bereit. So macht das keinen Spaß. Neidisch fährt der Blick über die Wetterkarte: kein Wölkchen in Sicht im gesamten Rest Australiens. Also weg hier. Gen Norden. Dort warten die berühmten Blue Mountains und damit malerische Canyons, sagenhafte Aussichtspunkte und spektakuläre Wasserfälle.

Erste Erkenntnis: Die Berge gehören offenbar immer noch zum Großraum Sydney. Spektakulär sind hier nur die Wassermassen, die den Highway herunterfluten. Also weiter, immer weiter, irgendwann muss das doch mal aufhören! In Bathurst lassen die Schauer ein wenig nach, in Dubbo klart der Himmel dann auf. Geschafft. Das Ziel rückt näher.

Das Ziel lautet: Flucht aus der trüben norddeutschen Tiefebene mitten hinein in die heiße rote Erde des Outbacks. Und dort dann das Gefühl von Freiheit, ohne Verpflichtungen, ohne Verantwortung. Die Vision eines auf dem Barrier Highway zwischen Sydney und Adelaide zuverlässig dahinschnurrenden Autos, das den Abstand zum Alltag so schnell wie möglich vergrößert. Passende Musik aus dem Radio. Ein guter Kaffee im Getränkehalter. Sich selbst verlieren und irgendwo wiederfinden. Kurz, aber intensiv. Der Plan beinhaltet leider ein paar Denkfehler, wie sich schnell herausstellt.

Erster Fehler: "Oh, da wird ein Nationalpark angezeigt, machen wir doch mal ganz spontan einen kleinen Abstecher nach Osten." Das Land ist groß. Unfassbar groß. Und so verheißungsvoll der Name Warrumbungle Nationalpark auch klingt - in Deutschland käme auch niemand auf die Idee, auf der Fahrt von Hamburg nach München noch mal schnell eine Wanderung im romantischen Schwarzwald einzuschieben.

Guten Kaffee gibt es nicht!

In den "kleinen Abstecher" wird also eine Motel-Übernachtung integriert. Der Stil ist überall gleich zweckmäßig, nur die in gewagten floralen Mustern schwelgende Bettwäsche verrät das englische Erbe. Noch in der letzten Kaschemme findet sich außerdem ein Wasserkocher mit vier Teebeuteln, vier Nescafé-Tütchen und zwei trockenen Keksen. Da zeigt sich auch schon der zweite Denkfehler: "Guten Kaffee" gibt es nicht.

Am nächsten Morgen zeigt sich aber auch, dass sich der Umweg gelohnt hat. Statt über rote Erde führt der Pfad zwar durch einen Wald von Eukalyptusbäumen, aber Sonnenstrahlen winden sich durch die Blätter, es riecht nach Hustenbonbons und nach vier Stunden zeigen sich auf dem gegenüberliegenden Abhang zwei kleine Berg-Kängurus. Die ersten Kängurus! In Zeitlupe wird das Teleobjektiv aus der Tasche gepult und mit vor Aufregung zitternden Händen entsteht eine "Echte Kängurus im Wald"-Bildserie. Nach einer halben Stunde hüpfen sie davon. Beglückt wird die Ausrüstung wieder verstaut. Die erste Pflicht eines jeden Australienurlaubers ist erfüllt: ein Känguru sehen.

Nur, es war gar keins. Höchstens eine winzige Unterart. Hinter der nächsten Kurve stößt man nämlich fast mit dem riesigen Vetter zusammen, der in aller Ruhe in der Dämmerung ein bisschen saftiges Gras an der Flussbiegung rupfen wollte und überhaupt nicht amused ist, wie ein Blick ins viel zu nahe Auge deutlich erkennen lässt. Mit leise gemurmelten Entschuldigungen für die Störung entfernt man sich - langsam -vorsichtig - rückwärts.

Die nächsten 100 Kängurus, die der Reisende zu Gesicht bekommt, sind tot. Ein lang gezogenes Massengrab entlang des Barrier-Highways. Endlich geht es in die richtige Richtung, nach Westen. Das Land wird flacher, die Erde allerdings noch nicht röter, der Boden ist eher von einem blassen Grün bedeckt. Der Highway gen Adelaide erfüllt die Erwartung hingegen. Kaum ein anderes Auto in Sicht, lediglich ein paar eindrucksvolle Trucks brausen vorbei. Im Radio läuft eine Sendung, in der Australien die 100 besten klassischen Stücke gewählt hat. Auf Höhe des zweiten toten Kängurus erklingt Nummer 89, Schuberts "Ave Maria", und mitten drin verabschiedet sich der Sender in ein leises Rauschen.

Big Brother is warning you!

Dritter Fehler: Wir wollen Radio hören, deshalb nehmen wir keine CDs mit. Erst irritierte Stille. Schließlich die Entdeckung des Langwellensenders, eine Art Feldfunk der in der Einsamkeit des Landesinneren vergessenen Bewohner sowie gelangweilter LKW-Fahrer. Anwohner diskutieren, ob in ihrer Stadt wie geplant ein Auffanglager für Asylanten gebaut werden soll, wobei die Pflicht für humanitäre Hilfe mit Angst vor sinkenden Immobilienpreisen kollidiert. Warum sind die Straßen so schlecht, was für Auswirkungen hätte eine Bezirksreform, wie kann das Schulwesen verbessert werden und wie steht es um den Schutz vor Überflutung - die Diskussionen bleiben sachlich, die Argumente sind gut begründet und langsam begreift man ein wenig beschämt, dass hinter der Frontscheibe keine Landschaft liegt, sondern ein Land.

Ein Land allerdings, in dem die Autofahrer entweder an chronischer Übermüdung leiden oder der Staat an chronischem Präventionsfieber. Alle paar Meter warnen riesige Schilder davor, am Steuer einzunicken. "Nicht einschlafen! Legen Sie regelmäßige Ruhepausen ein! Es nützt ihnen nichts, wenn sie sterben, bevor Sie ankommen! Rasten Sie! Wir sehen alles! Wir sehen Sie!"

Man schläft nicht ein und landet deshalb wohlbehalten in Cobar, der ersten von mehreren Bergbaustädten, deren ehemaliger Glanz längst unter einer dicken Staubschicht vergraben liegt. Seit den sechziger Jahren wird hier eine riesige Kupfermine ausgeschöpft, dazu kommen Zink- und Silberfunde. Abgesehen von ein paar weißen SUVs, die ganz korrekt mit der Schnauze nach vorne schräg zum Bürgersteig parken (eine Regelung, die streng "enforced" wird, wie mehreren Schildern zu entnehmen ist), ist hier nichts zu sehen. Im Motel starrt der dicke Besitzer den Gast erst misstrauisch an, dann knurrt er: "Ich habe noch etwas Besonderes für Sie!" Die glasigen Augen beginnen zu glänzen, man befürchtet das Schlimmste. Die Hand verschwindet unter dem Schreibtisch und bringt einen kleinen Karton frischer Milch zum Vorschein. Man bleibt ratlos. Die Augen trüben wieder ein. Ah, für den Nescafé! Statt des Pulvers! Toll! Man trinkt gar keine Milch, aber das behält man für sich.

Frühstück in einem Café, an dessen Theke man zwischen einem Donut, einem Bagel und fünf Kilo Bananenkuchen wählen kann. Auf den Schildern am Barrier Highway hat man sich nur für Schüttelreime entschieden, um die Ermahnungen nicht zu eintönig werden zu lassen: "Stay awake - take a break" oder "Stop - Revive - Survive". So wird Wilcannia am Darling River erreicht. "Queen City of the West" wurde sie mal genannt, dann verlor mit dem Straßenbau der Transportweg über den Fluss an Bedeutung und heute halten nur noch knapp 600 Menschen die Stellung. Ein Schild weist in Richtung "White Cliffs".

Kurioses Überbleibsel aus alten Bergbauzeiten

Wieder so eine harmlose Abzweigung. Man sollte seine Lektion eigentlich inzwischen gelernt haben. Hier, 93 Kilometer nördlich von Wilcannia, findet man sie aber nun endgültig, die Wüste. Und mittendrin das kurioseste Überbleibsel der goldenen Bergbau-Zeiten: Die hellen Felsen erinnern tatsächlich ein wenig an Dover, wie sie da kreisförmig aus der flachen Ebene aufragen.

Vor dem Ortseingang von White Cliffs eine Aufforderung an Trucker: Sie mögen doch bitte ihr Fahrzeug von Staub und Sand befreien, bevor sie in die Stadt einfahren. Welche Stadt? Man sieht nur eine Handvoll Häuser rund um eine Kreuzung. Eins davon eine Art Trading Post. Drinnen ein wortkarger älterer Mann, dessen Gesicht deutlich zeigt, dass die englische Haut auf Dauer für den Londoner Nieselregen doch besser geeignet ist als für die australische Sonnenstrahlung. Kaffee? Er zeigt auf eine Thermoskanne, die am anderen Ende des Raumes auf einer türkisen abwaschbaren Tischdecke steht. Lauwarmes Wasser läuft heraus. Ein fragender Blick zurück. Der Mann verschwindet. Viel Zeit also, um die handgeschriebenen Notizen zu studieren, die an die Wand gepinnt wurden. Wer hat Lust, sich an einem Flohmarkt zu beteiligen? Dritter Mann für Kartenrunde gesucht. Verkaufe drei fast neue Kochtöpfe. Zeichenkurse für Anfänger und Fortgeschrittene. Wo sind all diese Menschen?

Einer kommt zurück, mit einem Tütchen Nescafé in der Hand. Die anderen, lernt man, leben unter der Erde. "Cooler", stößt der Mann hervor, der sich inzwischen als Tom, Tim oder Sam vorgestellt hat, man ist sich nicht ganz sicher. Auch Touristen können an der Erfahrung teilhaben. Es gibt ein Underground-Motel, von dem nur der Empfangsbereich zu sehen ist.

Doch auch die Zeit von White Cliffs ist längst abgelaufen. Einige Unverwüstliche geben jedoch nicht auf. Stecken unverändert ihren Claim ab, suchen alte Stollen ab, bohren mit rostigem Gerät neue Löcher. Gesucht werden weder Silber- noch Kupfervorkommen, sondern Opale. Ein Känguru-Jäger soll 1899 über den ersten gestolpert sein. Fünfzehn Jahre lang setzte ein Run auf die Edelsteine ein, dann brach der Markt zusammen und die meisten Menschen verließen die Wüstenstadt.

Wenige kamen seitdem neu hinzu: Künstler lassen sich vom großen staubigen Nichts inspirieren; deutsche Fotografen, australische Maler und Schmuckdesigner, die man aber nur mit etwas Glück in ihren kleinen in den Fels gehauenen Galerien antrifft.

Ein seltener Anblick im Outback

"Don't drive tired. Tired drivers die." Die Straße nach Broken Hill zieht sich. Die einbrechende Nacht bewegt einige Autofahrer sogar dazu, die Scheinwerfer einzuschalten. Bisher hatte man den Eindruck gewonnen, Scheinwerfer würden in Australien in erster Linie als Deko-Artikel betrachtet. Die zerbrochenen Hügel der Stadt sind längst dem Bergbau zum Opfer gefallen, dafür kann sie mit einer anderen Besonderheit aufwarten. Am Ortseingang wird die Uhr eine halbe Stunde zurückgestellt. Im ganzen Territorium von New South Wales gilt die Australian Eastern Standard Time, nur hier nicht. Man lebt ein bisschen früher. Und man lebt offenbar auch ganz gut über der riesigen fünf Kilometer langen Silbererzmine, die unverändert in Betrieb ist.

Die Tür des Old Vic Bed & Breakfast wird von einer Frau Anfang 20 mit vollem Mund geöffnet. "My Mom's Stew", bringt sie schließlich lachend heraus. Das Zimmer ist reizend, im besten altenglischen Puppenhaus-Stil. Kaum fällt man auf die rosa verzierte Überdecke klopft es. "I am Anne", sagt die Dame des Hauses freundlich lächelnd, sie wolle sich nur mal eben vorstellen, ob alles in Ordnung sei, ob man noch irgendeinen Wunsch hätte, etwas Stew vielleicht?

Das Frühstück am nächsten Morgen findet in Italien statt. Drei befreundete ältere Paare aus Adelaide haben sich beim Ehepaar Maroney einquartiert. Sie seien Anfang der sechziger Jahre vor der Perspektivlosigkeit und Armut in Neapel geflohen, erzählen sie. Adelaide sei die schönste Stadt der Welt. Ihre Kinder und Enkel lebten dort. Alle sprechen italienisch miteinander, das Englisch ist bruchstückhaft. Zum Nescafé werden einträchtig die RAI-Nachrichten auf dem internationalen Kanal geschaut und kommentiert. Es geht um den Prozess der deutschen Mutter, die ihre Kinder in einem italienischen Rasthof aussetzte. Irritierte Blicke. Der Hausherr schreitet ein und flüstert geheimnisvoll, dass die "Sturt Pea" blühen würde. Aha. Aber Paul strahlt, als hätte sein Pferd den Melbourne Cup gewonnen. Er führe regelmäßig Touristen durch's Outback, erzählt er. Alle würden sich fragen, wo denn die rote Erde geblieben sei - man wird aufmerksamer, ja, das fragt man sich ebenfalls - seit fast 1000 Kilometern, um genau zu sein. Der Regen! Das Strahlen nimmt noch zu.

So viel Regen habe es ewig nicht gegeben, sagt Paul. Und nun blühe die Sturt's Desert Pea Flower, ein blutroter Bodendecker, mit einer laut Ureinwohner Legende tragischen Entstehungsgeschichte: Ein Mann sei jagen gegangen und nicht mehr zurückgekommen. Schließlich brach die Gruppe auf, die Frau des Mannes, mit langem schwarzen Haar und in eine rote Decke gehüllt, blieb jedoch zurück und wartete. Als der Stamm ein Jahr später wieder an der Stelle vorbeikam, habe genau dort diese rot-schwarze Blume gestanden. Paul erzählt von alten Leute, die noch nie eine Sturt hätten blühen sehen, aber jetzt! Es folgen detaillierte Anweisungen, an welchem Hang hinter welcher Senke in welchem Nationalpark nur ein paar Straßen außerhalb der Stadt sie zu finden sei - und am nächsten Morgen guckt man und tatsächlich..

Beglückt geht's zurück zum Wagen, wo schon ein streng Ranger wartet, der sich erst bei genauem Hinsehen als strenge Rangerin entpuppt: Wo denn der Day Pass sei? - Aber man wollte doch nur ganz kurz... nur wegen eines Fotos. - Keine Gnade. Da sei kein Day Pass hinter der Windschutzscheibe! - Aber die Sturts... - Da glätten sich die Züge und das vertraute Strahlen setzt ein: Ja, die Sturts blüht! Ein nachsichtiger Blick. Drive savely.

Verloren in der Einöde?

Burra und dann Adelaide rücken näher. Die Hüter der Verkehrssicherheit haben sich etwas Neues ausgedacht. Alle paar Kilometer informieren Schilder über die Zahl der Verkehrstoten in der Region. Um ihnen und dem - große Freiheit hin oder her -zunehmend doch etwas eintönigen Highway zu entkommen, wird der japanische Kleinwagen kurz entschlossen auf eine rote Dirt-Road gelenkt, an deren fernen Ende irgendwelche Aborigine-Zeichnungen warten sollen. Der Wagen ruckelt tapfer über die Schotterpiste, bewältigt todesmutig eine Furt, durch die ein nicht ganz kleiner Bach rauscht, kämpft sich verbissen durch Sandverwehungen und gibt erst nach zwei lauten Zusammenstößen des Wagen-Unterbaus mit riesigen Steinbrocken auf.

Erschrocken bleibt man stehen. Ist etwas kaputt gegangen? Etwa 40 Kilometer Rückweg durch Steine, Sand und Fluss stehen bevor, die Sonne nähert sich bereits dem Horizont. Keiner weiß, wo man ist. Das Handy hat ebenso wenig Empfang wie das Radio. Was für ein Wahnsinn! Ist man durchgedreht? Im Schneckentempo geht es zurück. Plötzlich ist Australien sehr gegenwärtig. Emus staksen durch's Gebüsch, frisch geschorene Lämmer rasen panisch davon, freundliche Wallabys grüßen vom Straßenrand, Rinder rotten sich drohend zusammen, die rote Erde glüht in der Abendstimmung. Der erste Asphalt unter den Rädern wird dennoch erleichtert zur Kenntnis genommen.

Zur Feier des Tages läuft abends im Motel eine Folge "Mad Men" im Fernsehen - ein echtes Highlight im Programm, das sonst wenig mehr zu bieten hat als eine Nonstop-Berichterstattung über die englische Premier-League und einen Wettbewerb, in dem süße kleine Kinder um den Titel des Meisterkochs kämpfen.

Bei Burra setzt Bruckner ein. Das Radio und die 100 besten Klassiktitel haben uns wieder. Auf Nummer 64 folgt ein Chopin-Walzer. Adelaide ist nicht mehr weit, die Häuser werden dichter und dichter - und schließlich zu dicht für unser Gefühl. Erst südlich der Metropole lichtet sich der Stau etwas. Grün ist es hier, sogar Wein wird angebaut. In Victor Harbor ist ein Zimmer direkt am Meer frei. Geschafft.

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Autor:
Andrea Fonk