Australien Ningaloo Reef - Rendezvous mit dem Walhai

Wir schwimmen weit draußen im offenen Meer, das Boot hat sich entfernt, um uns herum nur noch der sanfte Indische Ozean. Die warmen Wellen heben unsere Körper, senken sie, wir sind wie Korken in einer Wasserwüste. Verharren auf der Stelle sollen wir, ermahnt uns Tauchlehrerin Alice; nur ihr Kopf erhebt sich aus den Wogen. "Die Flossen langsam bewegen, nicht strampeln", sagt sie. "Der Riese ist schreckhaft".

Ich blicke durch die Maske nach unten, das Meer ist hier fast 100 Meter tief. Wir treiben in einem Blau wie aus einer anderen Welt, das durch wirkt ist von den Strahlen der Sonne. Er kann jeden Moment auftauchen, sich aus der Tiefe schälen. Vielleicht kommt er auch von links oder von rechts aus der konturlosen Bläue. Wie ein lebendes U-Boot. Möglicherweise lässt er sich überhaupt nicht sehen. Ein leises Rauschen geht jedes Mal durch den Schnorchel, wenn ich einatme, ausatme.

In Exmouth hatte sich schon vor Wochen angekündigt, dass der größte Fisch des Planeten sich dem Ningaloo Reef nähern würde. Hier in dem Kaff am Rand des Outback, oben am North West Cape, wo die Wüste aufhört und die Korallensee beginnt, ist die meiste Zeit im Jahr nicht viel los. Eine Tankstelle, zwei kleine Supermärkte gibt es, ein paar Resorts, eine Pinte, eine Burgerbude und eine alte Navy-Basis.

Aber nun stehen die Schnapsgläser in der Souvenirecke des Supermarkts parat - bemalt mit dem Superfisch. Er liegt in den Regalen als Stofftier, klebt als Symbol auf Stickern, Cappys, Bierkühlern; neben der Caltex-Tankstelle ragt er als übergroße Plastikattrappe in den gleißenden australischen Himmel. Und Joe vom Tattoo-Shop hat gestern einer Französin den stolzen Fisch auf den Rücken gestochen.

Denn er ist der scheue Protagonist, um den sich hier oben im staubigen Nirgendwo in den nächsten Monaten fast alles drehen wird. Am Ningaloo Reef, dem längsten küstennahen Korallenriff der Erde, hat wieder jene Zeit begonnen, die sie hier draußen die Saison des Walhais nennen.

Jedes Jahr ab Mitte März, einige Tage nach Vollmond und wenn die Korallen gelaicht haben, ziehen die Giganten an der westaustralischen Küste nach Norden, vorbei an Shark- und Coral Bay, bis sie am Ningaloo Reef eintreffen und dort im Meer massenhaft Nahrung finden. 6000 Liter Wasser pro Stunde saugt der Walhai ein durch sein zwei Meter breites Maul und filtert so kiloweise filigranen Meeresfraß aus dem Ozean - Plankton, Krill, Garnelen, Ruderfußkrebse. Das restliche Nass presst er aus seinen gewaltigen Kiemen wieder raus.

Seine blau-graue Haut wird bis zu sechs Zentimeter dick

Die Australier nennen ihn einen "Filter Feeder", eine Art schwimmender Staubsauger. Ein hydrodynamisch perfekt geformter, mit riesigen Flossen und einem fast keilartigen, nach hinten schmaler werdenden Leib. Seine blau-graue Haut wird bis zu sechs Zentimeter dick - ein Panzer, fester und stärker als Elefanten- oder Nashornleder. Sein Markenzeichen sind die Punkte, Hunderte kleiner weißer Sprenkel zieren ihn, wobei jeder Walhai sein eigenes Muster hat, seinen ganz persönlichen Ausdruck.

"Die Menschen lieben den Walhai auf eine besondere Art", hatte Alice oben auf dem Tauchboot erzählt. "Er ist eine Art moderner Moby Dick, ein friedlicher Koloss, der Wunder, Magie und Bedrohung der Meere verkörpert wie kaum ein anderes Wesen." Vielleicht fasziniert er so sehr wegen seiner Größe: Es wurden schon an die 20 Meter lange Exemplare gesichtet, manche Walhaie sind so fast groß wie ein ICE-Waggon und können an die 30 Tonnen wiegen; nur Pott- und Blauwale werden sonst so riesig.

Vielleicht liegt der Reiz auch in der Tatsache, dass man mit diesem Riesen ohne Gefahr schwimmen kann, Seite an Seite, Auge in Auge. Bis auf drei Meter dürfen sich Touristen dem größten lebenden Fisch der Erde nähern und ein paar unbeschreibliche Minuten direkt neben seinen herkulischen Flanken dahingleiten. Aber keiner darf den Walhai berühren und höchstens zehn Leute sind bei einer Begegnung gleichzeitig im Wasser erlaubt.

Wir schwimmen noch immer im offenen Meer, draußen vor dem Riff. Das Wasser plätschert gegen die Taucherbrille, doch kein Walhai weit und breit. Rund 500 Meter über unseren Köpfen kreist eine Cessna, ein Spotter-Plane. Aus der Luft sind die einsam durch die Meere ziehenden Walhaie am besten auszumachen; sobald der Pilot ein Tier sichtet, gibt er die Position per Funk an das Tauchboot weiter. Der Skipper fährt zum Standort des Fischs, dann geht einer der Tauchlehrer ins Wasser. Erst wenn dieser den Hai unter Wasser sichtet, dürfen die Gäste ins Meer gleiten. Das Boot zieht sich langsam zurück - dann nähert sich der Walhai frontal den Schwimmern. Unser Hai aber ist wieder auf Tiefe gegangen. Bis zu 2000 Meter tauchen die Fische ab, vermutlich, um sich abzukühlen, kommen aber immer wieder an die Oberfläche zum Fressen. Das Boot pickt uns wieder auf, wir warten auf eine neue Sichtung vom Piloten.

Das Motorboot fährt durch glitzernd grünes und blaues Meer, die Luft ist salzig und brennend heiß. Im Osten leuchtet die helle Lagune am Riff, dahinter beginnt die Wüste. Nahezu menschenleeres Land, 1400 Kilometer von der nächsten Großstadt Perth entfernt. Das Meer hier draußen ist unendlich reich: Je nach Jahreszeit ziehen Buckelwale und Mantarochen an der Küste vorbei, schwimmen Schildkröten, Killerwale, Riff- und Tigerhaie, Schwertfische und giftige Seeschlangen, so dick wie unterseeische Starkstromkabel. Fast 300 Kilometer dehnt sich das Riff nach Süden, über 200 Korallenarten gibt es hier, Hunderte Spezies von Tropenfischen. Eine Fantasy-Welt, die an vielen Stellen nur 50 Meter vor den Stränden beginnt. Es ist das größte Saumriff Australiens, das weitaus besser erlebbar ist als das bekanntere Barrier Reef.

Und das Ningaloo Reef gilt weltweit als bestes Revier, um der Majestät der Meere, dem Walhai, zu begegnen. Bis zu 14.000 Besucher reisen jedes Jahr allein wegen dieses Fisches an. Derzeit dürfen mMaximal elf Lizenzen für Walhai-Boote vergeben werden.

Sofort nach der Geburt schwimmen sie mutterseelenallein durch die Meere

Wie viele dieser Tiere durch die Weltmeere vagabundieren, weiß man nicht. An Australiens Westküste jedoch leben zwei der bekanntesten Walhai-Experten, die sich seit mehreren Jahren intensiv mit der Spezies befassen. Brad Norman, einer der beiden Forscher, hat Datenbanken angelegt und listet alle Sichtungen penibel auf. "Die Tiere sind schwierig zu verfolgen, sie tauchen lange ab und verweilen nur zwischen 30 Sekunden und 15 Minuten an der Oberfläche", sagt Norman. Die mächtigen Fische seien geborene Einzelgänger, sofort nach der Geburt schwimmen sie mutterseelenallein durch die Meere. "Ihre Wanderrouten kennen wir bis heute nicht genau", sagt Norman. "Ans Ningaloo Reef aber kommen pro Jahr 200 bis 400 der Tiere, danach ziehen sie vermutlich weiter nach Asien, einige womöglich bis an die afrikanische Küste." Walhaie sind den Forschern noch immer ein Rätsel.

Norman hat die Non-Profit-Organisation Ecocean gegründet und bezieht die Touristen in seine Studien mit ein. Die Schwimmer sollen den Walhai fotografieren, die Bilder einschicken. Ein Computerprogramm scannt anschließend die weißen Punkte auf dem Rücken - und erkennt das individuelle Muster eines jeden Hais. So können die Forscher feststellen, ob und wie oft ein Tier ans Riff zurückkehrt.

Zum Glück stehen die Chancen sehr hoch, einen Wahlhai zu sehen. Dennoch sind Walhaie bedroht. Schiffsschrauben verletzen sie, viele Tiere tragen Narben, verrecken in den Fischernetzen von Hochseetrawlern. In Asien werden die Riesenhaie bis heute gezielt gejagt. Das Fleisch schmeckt zwar eher fad, weshalb der Walhai auch Tofu-Hai genannt wird, doch ein einziger Fisch kann ein armes Fischerdorf wochenlang versorgen. In Taiwan tötet man sie wegen ihrer hübschen Flossen, dort und in China zahlten die Käufer Höchstpreise, um die riesigen gepunkteten Flanken als Werbeschilder vor Geschäften aufzustellen.

Die Sonne brennt aufs Meer, nichts als Wellen, unter uns das große leere Blau; fast zehn Minuten dümpeln wir nun an der Oberfläche. Und dann kommt der Hai. Eine graue Kontur, die der Tiefe entwächst wie ein Trugbild. Langsam steigt er empor, gewinnt an Dimension, geräuschlos und leicht, so gleitet er im schrägen Winkel zum Licht, direkt auf uns zu. Die beiden Schwimmer, die ihn zuerst sehen, reißen ihre Schnorchel aus den Mündern. "Da ist er, er kommt!" Prompt stecken alle die Köpfe unter Wasser, starren auf das unfassbare Wesen. Die Gruppe stiebt auseinander, keiner soll ihn auf seiner Bahn behindern; jeweils fünf Schnorchler positionieren sich rechts und links von ihm. Der Walhai nimmt die Menschen kaum wahr, für ihn sind wir nur Miniaturen. Meeresgewürm.

Ein urgewaltiger Koloss, erhaben, stumm, surreal

Sein Maul, von kleinen Pilotfischen umkreist, zeichnet sich ab, dann kommt es näher. Ein fast zwei Meter breites ovales Loch ohne angsteinflößendes Gebiss, in das ich bequem hineinschwimmen könnte. Schräg von oben blicke ich in seinen enormen Leib, sehe seinen hellen Rachen, die Kiemen, von innen geöffnet wie große Fächer. Der Walhai zieht langsam vorbei, scheint entspannt. Ruhig schwebt er dicht unter der Oberfläche durchs Meer. Ein fast zehn Meter langer Koloss, erhaben, stumm, surreal.

Mit ein paar kräftigen Flossenschlägen können wir ihm folgen, das Tier aus nächster Nähe betrachten. Sein Körper biegt sich leicht auf und ab - das reicht, um voranzukommen. Die weißen Punkte sind jetzt deutlich zu sehen, von nahem eine kunstvolle Bemalung wie die typischen Punkte auf den Bildern der Aborigines. Wir schwimmen fünf, sechs, sieben Minuten neben dem Tier, eine halbe Ewigkeit. Von der Seite sieht es aus, als ziehe eine weiß gepunktete Leinwand vorbei.

Seine Augen! Kleine Knöpfe, die ins Endlose blicken, Sensoren aus einer anderen Welt. Einer der Schnorchler wird später sagen: "Ich habe eine große Ruhe gespürt, fast absurd. Aber es hat etwas Vollkommenes, wie sich dieser urgewaltige Fisch durchs Meer bewegt." Dann und nach fast zehn Minuten taucht der Walhai ab. Ein lebendes Raumschiff, dass sich langsam und wie ein Wunder in seinem dunkelblauen Kosmos verliert.

Informationen zu Tauch- und Schnorchelausflügen:

Touren am Ningaloo Reef: Das Ningaloo Reef ist mit 250 Kilometern das größte Saumriff Australiens. Es liegt in Sichtweite vor der Halbinsel, an einigen Stellen nur 50 Meter vom Festland entfernt. Es ist in wenigen Minuten per Boot und von Schwimmern sogar direkt von den Stränden zu erreichen und daher weitaus besser erlebbar als das Great Barrier Reef. Dennoch ist es nicht von Touristen überlaufen. Besonders schön für Schwimmer ist die Turquoise Bay. Überall in den Lagunen existieren Korallen, leben Clownfische und viele andere Spezies. Von Exmouth starten die schönsten Touren zum Riff. Ausflugsboote steuern die Riffe zum Schnorcheln an, wobei die Schwimmer Riffhaie sehen, oft auch Meeresschildkröten und Rochen. Danach geht es weiter raus: je nach Saison zum Schwimmen mit Walhaien, Mantarochen oder auch Buckelwalen (Juni bis Nov.). Gute Touren bietet Three Island Whale Shark Dive. Das Boot ist groß und neu, die Crew erfahren.

Übernachtungstipp: Besonders schön lassen sich die Tage am Ningaloo Reef im Sal Salis genießen. Das Camp lässt die Wildnis der Westküste Australiens auf ganz neue Art erleben. Neun rustikale Zelte, jedes erhöht auf einer Plattform errichtet, bieten herrliche Blicke auf das Riff. Nur wenige Schritte über den schneeweißen Sand trennen den Urlauber von der farbenfrohen Korallenwelt. Kein Fernseher lenkt vom Rauschen der Brandung ab, kein künstliches Licht trübt den Anblick des von Sternen übersäten Himmels.

Eine Alternative zum Ningaloo Reef sind Tauchtouren am Great Barrier Reef: Mit 348.700 Quadratkilometern ist das Korallenriff die einzige lebende Struktur, die man sogar vom Weltraum aus erkennen kann. Tauchausflüge sind hier ein wunderbares Erlebnis. Das Riff bildet die Lebensgrundlage für über 1500 Fischarten und wird darum auch das "größte Aquarum der Welt" genannt. Die Hochburg für Touren zum Great Barrier Reef ist die Stadt Cairns. Im Innenstadtbereich reiht sich ein Tauchladen an den nächsten. Die Angebote reichen von Anfängerkursen bis hin zu Mehr-Tagestrips an Bord eines Tauchboots.

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Autor:
Marc Bielefeld