Australien Melbourne und das Glück der Vergangenheit

Der Himmel drohend grau, kein Strand ist in Sicht, es nieselt und die Frauen tragen europäisch Schwarz und High Heels statt Flipflops zu Shorts. Ist Melbourne überhaupt noch Australien? Der Bürgermeister hatte in der Zeitung verkündet, dass seine Stadt die beste Metropole der Welt sei. Das klang gut, fand ich, soeben war sie zur lebenswertesten aller 140 Städte erklärt worden, die eine britische Wirtschaftszeitung für diesen Titel vergleicht. Besser als New York, Berlin, Rom. Dass ich mich über das Wetter von Melbourne aufrege, hat wenig Sinn. "Wir haben hier vier Jahreszeiten an einem Tag", sagen die Melburnians, und gleich zeigt sich dann auch schon wieder das typisch australische Sonneblauer-Himmel-Hitze-alle-sitzen-im-Café-Wetter. Glänzt die Dreieinhalb- Millionen-Metropole als Superstadt. Das neue Ranking ist eine Genugtuung: Man steht mal wieder besser da als der Erzrivale Sydney.

So wie damals, 1835, bei Gründung der Stadt (ich erspare mir hier den üblichen unappetitlichen Anfang, bei dem die Aborigines mal wieder betrogen wurden): Melbourne wurde an der Mündung des Flusses Yarra in der Port Phillip Bay gegründet, eine günstige Lage als Hafen auch zur nahen Insel Tasmanien. Doch im Gegensatz zu anderen Siedlungen im Südosten Australiens war Melbourne nie eine Strafkolonie, sondern wurde von Siedlern als Wohngebiet mit breiten Straßen und weitläufigen Parks geplant. Der Bebauungsplan sah eine Reihe sich exakt rechtwinklig kreuzender Straßen vor. Die dadurch gebildeten Blocks sind eine Meile lang und eine halbe Meile breit. So entstand der Grundriss der heutigen City, der bald "Golden Mile" hieß und Seele wie Gedächtnis der Stadt ist.

Diese Goldene Meile ist ein gestrenges Raster, in dem ich dennoch sofort zum Flaneur werde. Denn zwischen den großen Straßen, den gut 30 Meter breiten Boulevards, die jede große Stadt braucht, um wirklich groß zu sein, zieht sich eine Vielzahl von Durchgängen, von schmalen Gassen und Passagen gleich einem Netz feiner Kapillare. Es sind fast mittelalterlich anmutende Gänge, in denen einst Handwerker wohnten. Zigarrendreher etwa, Schuster, auch Schornsteinfeger. Hier wurden im 19. Jahrhundert die Waren angeliefert, huschten die Angestellten über einen Nebeneingang in die Firmenzentrale, war preiswerter Wohnraum zu haben, stand auch mal ein Pub, eine chinesische Garküche. Heute dagegen sind es die Freiräume der Moderne - unbändige Provisorien, in denen Modemacher, Spaghettishops, Saftläden, Souvenirbars sich drängen. Eben alles, was in der kreativen Durchmischung von Kunst, Handwerk und Kitsch entsteht.

Hier speise ich knusprige Wachtelbrüstchen zum Klickklack der Chopsticks in der Celestial Avenue. Laufe vorbei an den silbernen Sternchen, der goldenen Showbizreklame am Dame Edna Place. Esse kleine Törtchen im Causeway. Drücke mich an die Wand der schlauchartigen Hosier Lane, um auch die Grafitti ganz oben noch sehen zu können. Schlürfe an jeder Ecke einen Espresso, kehre immer wieder zurück in die enge Flinders Lane, dorthin, wo alle sitzen und jeder den anderen zu kennen scheint. Oder auch nur so tut in diesem großen Straßentheater. Mir ist, als sei ich zu dem Flaneur Charles Baudelaires geworden. Mehr Europa als in Melbourne werde ich auch später nirgends mehr in Australien finden.

Und immer wieder stoße ich am Ende jeder dieser engen Lanes auf breite, schnurgerade Prachtstraßen, durch die auch heute noch altmodisch rotgoldene Straßenbahnen rattern. Und blicke, vom ungewohnt hellen Licht geblendet, auf die gegenüberliegende Straßenarchitektur. Und bin schon wieder geblendet. Was für eine Opulenz, was für ein Reichtum!

Ich versuche ihn zu verstehen, lese nach: 1835 wurde Melbourne gegründet, damals lebte die Stadt von der gewinnbringenden Schafzucht. Doch bereits zwischen 1851 bis 1854 vervierfachte sich die Bevölkerung von 29.000 auf 123.000, denn man hatte Gold gefunden, viel Gold in und um Melbourne. Glückliche Goldwäscher ritten durch die Straßen, tranken Champagner und zündeten sich ihre Zigarren mit Pfundnoten an. Die Stadt wuchs, schneller als jede andere auf dem fünften Kontinent. Nicht, dass man in Melbourne unbedingt reicher war als im Rest Australiens, aber das Geld strömte in die Stadt in Erwartung von Profiten.

Das führte bald zu einem zweiten Boom, denn die Stadt punktete mit Modernität und Infrastruktur

Hier saßen die großen Agenten, die Mühlen, Brauereien, Eisengießereien. Es gab eine Eisenbahnanbindung und vor allem wirtschaftlichen Protektionismus statt Freihandel wie in Sydney. Die meisten australischen Banken waren in Melbourne ansässig - in den 1870ern und 80ern war die Stadt der finanzielle und kommerzielle Mittelpunkt des Kontinents und zeitweilig die viertgrößte Metropole des britischen Empire. "Marvellous Melbourne" nannte der englische Journalist George Augustus Salsa 1885 die Stadt. Doch das Glück war kurz, nur ein paar Jahre später war es vorbei, die Immobilien- und Bankenkrise von 1891 bis 1893 traf Melbourne später als den Rest Australiens, aber dann umso heftiger.

Denn die breiten Boulevards der Golden Mile werden noch immer flankiert von architektonischer Pracht und Herrlichkeit. Eingeklemmt zwischen Hochhausvierteln im Osten wie Westen steht da die ganz große Geschichte. In der Collins Street, dem wichtigsten Boulevard, wo sich die Welt der Gentlemen ballt, muss ich auf die andere Straßenseite gehen, um die Pracht in voller Größe sehen zu können: venezianisches Mittelalter mit vielfarbigen Steinen, Spitzbögen und Türmen in Kerzenform im Rialto-Bürohaus (heute ein Hotel), das Winfield Building, die frühere Wollbörse, das neogotische Olderfleet Building, ein Bürogebäude aus Stahl, Stein, Eisen. Gleich um die Ecke The Australian Club, wo sich immer noch die Finanzkapitäne Australiens treffen, der Savage Club, heute wie damals ein feiner Gesellschaftsklub.

Und dann die Bankgebäude, die Tempel des Mammons, weiter östlich auf der Collins Street! Gleich Kirchen schienen sie einen Gott zu verehren, der sechs Tage in der Woche alles bestimmt. Der prächtigste Bau gehört heute der ANZ Bank, aber auch die frühere Commercial Bank, heute das Bürogebäude "333 Collins", erinnert an eine Kathedrale, und ich starre auch innen nur noch nach oben: gewaltige neogotische Träume in Gold, Rot, Blau, Weiß. Mit Simsen und Stuckornamenten, Scheinbalkonen und Schnitzereien, Portalen und Maßwerk, Kuppeln und Mosaikböden, Pathos und Sinnesfreuden - der ganz große Griff in die Stilgeschichte. Betreten Sie "333 Collins", lümmeln Sie sich ungeniert in einen der Ledersessel, schauen Sie sich um in der Herrlichkeit und berauschen Sie sich an Australiens Neuschwanstein. Es ist einer der ungewöhnlichsten Orte in Down under.

Noch weiter östlich dann, wo sich Elizabeth und Collins Street kreuzen, überschreite ich eine unsichtbare Trennlinie. Die zwischen ernsthafter Business- und trivialer Shoppingwelt; jenseits der Grenze residierten in Melbournes goldener Zeit die Schneider und Modistinnen, die Fotografen und Buchhändler. Es ist jenes Rechteck zwischen Elizabeth und Swanston Street, zwischen Collins und Little Collins Street, das damals einfach "The Block" hieß und berühmt war für seine Passagen - die Block Arcade, Capitol Arcade, Royal Arcade. "Doing the Block" am späten Nachmittag war die Bezeichnung für das schöne Flanieren durch die Passagen, die diese Straßen noch heute miteinander verbinden. Vorbild dafür waren die berühmten Passagen von Mailand und London, und auch Melbourne muss sich seiner schattigen Gänge nicht schämen. Jede dieser Passagen war und ist heute eine eigene Ereigniswelt aus Glas, Schmiedeeisen und Spiegeln, ein Außensalon mit einer kleinen Sensation: In der größten Arkade etwa, der Block Arcade, trete ich vorsichtig auf ein riesiges florales Bodenmosaik.

Ein paar Läden weiter treffen sich die Damen seit 1893 in den "Hopetoun Tea Rooms" zu Tee und Gebäck: Torten! Baisers! Kuchen! In der Royal Arcade dann steht hoch oben ein menschengroßes, mystisches Figurenpaar, Gog und Magog, das hier stündlich die Uhr schlägt, dass ich sofort zusammenzucke. Howey Place wiederum war berühmt als Buchpassage, ein "Palast des Intellekts", in dem man sich damals zwischen Millionen von Büchern zum Plaudern und Diskutieren traf. Bücher finde ich hier nicht mehr, doch noch immer versinke ich im Dämmerlicht der Passage wie in eine fantastische Gegenwelt zur schnellen, nüchternen Straße. Steige Treppen rauf und runter, betrete einen verstaubten Großhandel für Knöpfe, Gürtel, Schnallen - Galanteriewaren wie aus dem vergangenen Jahrhundert. Selbst die blinden Aufzugknöpfe sind lupenreines Art déco.

Das Gold machte Melbourne reich, bescherte der Stadt aber auch Kultur und Ansehen. Seine Bürger bauten nicht nur Banken und Börsen, sondern auch Kirchen und Theater, Bibliotheken und Museen, Villen und Gärten. Und wenn Sydney als nüchtern galt, so war Melbourne damals berühmt für Kunst und Intellekt, für die feinen Dinge des Lebens. Im Royal Amphitheatre etwa, an dessen Stelle heute das Princess Theatre steht, gastierte 1856 Lola Montez mit ihrem erotischen Spinnentanz. Und im "Windsor Hotel", dem letzten Grandhotel dieser Epoche, in dem die Reichen und Berühmten einst und heute abzusteigen pflegen, wird immer noch und seit 1883 in bester englischer Tradition High Tea zelebriert: Hier versinke ich in Plüsch und Stille zwischen duftendem Tee und frischgebackenen Scones, dicker Doublecream und zarten Gurkensandwiches. Süße, kultivierte Sünde - es ist, als säße ich in einem Jane-Austen-Roman.

Mein absoluter architektonischer Paukenschlag aus jener Zeit und das Ende der chaotischen Kolonialzeit Australiens ist das Royal Exhibition Building. Melbournes majestätisches Ausstellungsgebäude war bei seiner Erbauung 1880 das größte Gebäude des Kontinents und gilt als Hommage an die Faszination moderner Technik. Die Große Halle, die allein erhalten ist, bietet gut 10.000 Quadratmeter Platz, ursprünglich war das nur ein Bruchteil der gesamten Ausstellungsfläche. Noch immer thront sie auf einem Hügel, umgeben von großen Bäumen, Brunnen, gepflegtem Grün. Wie ein gigantisches Dornröschenschloss erscheint sie mir.

Melbourne, sagt die Schriftstellerin Sophie Cunningham, sei eine Stadt, die sich um sich selbst dreht. "Eine Stadt der Innenräume und des Gesprächs. Der Intimität. Es ist eine Stadt, die in ihrem eigenen Kopf lebt." Um das zu erspüren, muss man viele Räume aufsuchen, die Geschichte kennen - und spazieren gehen. Seitdem liebe ich diese Stadt.

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Charlotte von Saurma