Brisbane Auswandern nach Australien

Jede Menge Strand - direkt vor der Haustür.

MERIAN.de: Frau Wickord, Sie leben in Clontorf auf der Redcliffe-Halbinsel ungefähr 25 Kilometer nördlich von Brisbane - nur 500 Meter vom Stadtstrand entfernt. Was hat Sie nach Australien verschlagen?
Julia Wickord: Mein Partner. 1998 bin ich zum Studieren für ein Jahr nach Melbourne gezogen und habe ihn dort auf Zimmersuche kennengelernt. Bruce hatte in seiner damaligen WG gerade einen Raum frei: Er hat die Tür aufgemacht, mich gesehen und gesagt: Die ist es. 

Und, sind Sie gleich bei ihm auf der anderen Seite der Erdkugel geblieben?
Nein, wir sind erst vier Jahre später zusammengekommen, als ich in Australien noch einmal Ferien gemacht habe. Elf Monate nach diesem Urlaub kam ich mit einem einjährigen "working holiday visa" in der Tasche zu ihm zurück. Dieses befristete Reise- und Arbeitsvisum kann ich jedem empfehlen. Voraussetzung dafür ist nur, dass man nicht älter als 31 Jahre ist und 5000 Dollar auf dem Konto hat. Dann habe ich mich für ein Partnervisum beworben und zwei Jahre später für eine permanente Aufenthaltsgenehmigung. Das war ganz schön aufwändig.

Wieso, was genau benötigt man für eine längere Aufenthaltsgenehmigung?
Erst einmal sehr viel "Beweismaterial". Wir mussten nachweisen, dass wir ein gemeinsames Konto, einen gemeinsamen Telefonanschluss, gemeinsame Stromrechnungen haben. Und ich musste mehrere Gutachten von Freunden und von der Familie einholen, die dokumentieren sollten, dass wir wirklich ein Paar sind.

Gibt es auch andere Möglichkeiten, nach Australien einzuwandern, als dieses Partnervisum?
Ich habe auch versucht, über das sogenannte "Skill-Visa" einzuwandern. Dabei muss man in einen Formular Fragen nach Alter, Beruf und Fähigkeiten beantworten und erhält für jede Antwort eine bestimmte Punktzahl. Bei mir reichte sie nicht aus. Krankenschwestern oder Elektriker bekommen zum Beispiel für ihren Beruf eine hohe Punktzahl, aber es spielt auch eine Rolle, ob man bereits Verwandte in Australien hat oder ob man Kapital mitbringt.

Und, sitzen Sie jetzt fest im australischen Sattel?
Ja, jetzt fehlt nur noch der dritte Schritt, die Staatsbürgerschaft. Dafür könnte ich mich jetzt bewerben.

Botanischer Garten in Brisbane.
Julia Wickord
Botanischer Garten in Brisbane.
Wo arbeiten Sie derzeit?
Bei der Regierung im Verkehrsministerium, vier Tage die Woche als Senior-Resource-Allocator in der IT-Abteilung. Wenn ein Projekt-Manager eine bestimmte Arbeitskraft für sein Projekt benötigt, muss ich sehen, dass er sie bekommt.

Hatten Sie anfangs keine Angst, auszuwandern? Alle Brücken abzubrechen?
Eigentlich nicht! Es hat mich nicht überrascht, dass ich in einem anderen Land gelandet bin, denn ich bin schon immer gerne gereist. Noch dazu wusste ich ja: Ich kann jederzeit zurück.

Waren Ihre Eltern damals schockiert über Ihre Entscheidung, ans andere Ende der Welt zu ziehen?
Mein Vater hat es gelassen genommen, meine Mutter dagegen, glaube ich, viel schwerer. Vielleicht hofft sie immer noch, dass ich zurückkehre.

Was hat Sie an Australien fasziniert?
Die Vielfalt der Landschaft, das Klima und die Weite des Landes. Man findet hier alles, was man möchte - man kann sogar Ski fahren. Aber das Beste an Australien ist die Mentalität der Einwohner.

Was meinen Sie damit?
Die Australier sind sehr tolerant und entspannt und regen sich nicht schnell über Kleinigkeiten auf. Außerdem wissen sie das Leben zu genießen. Die Arbeit steht nicht so sehr im Vordergrund. Sie nehmen alles etwas lockerer und mit mehr Humor als die Deutschen.

Unterscheidet sich das Leben in Australien sehr stark vom Leben in Deutschland?
Eigentlich nicht, Australien ist sehr westlich geprägt. Vielleicht ist das Leben hier ein wenig teurer als in Deutschland. Ich weiß nicht mehr, ob ich in Deutschland wieder leben könnte, denn die Deutschen sind einfach griesgrämiger und nicht so fröhlich. Außerdem gibt es viel mehr Regeln - man muss sich viel mehr anpassen.

Familienpicknick am Strand.
Julia Wickord
Familienpicknick am Strand.
Gibt es in Australien denn irgendetwas, für das man schief angeschaut wird?

Vielleicht sollte man hier nicht so viel kritisieren - das finden die Australier anstrengend. Sie finden die Deutschen generell oft sehr ernst.

Vermissen Sie denn nichts an Deutschland?
Ich vermisse die Kultur, die deutschen Bäckereien mit ihrem guten dunklen Brot. Ich vermisse die alten Städte mit ihren schönen Gebäuden aus der Gründerzeit. Allgemein fehlt mir wohl das Alte, hier ist alles sehr neu.

Wie oft fahren Sie nach Deutschland?
Alle zwei Jahre. Meine fünfjährige Tochter fragt mich schon immer: Wann können wir nach Deutschland fahren, da riecht es so gut! Ich denke, sie meint damit die klare frische Luft.

Gibt es denn eine große deutsche Community im Raum Brisbane?
Absolut, ich habe mittlerweile viele deutsche Freundinnen, die alle in der Umgebung wohnen - alle mit einem ähnlichen Hintergrund. Viele von ihnen haben einen Australier kennengelernt, entweder auf Reisen oder in Deutschland.

Sie lebten zunächst ein Jahr in Melbourne, warum sind Sie nach Brisbane umgezogen?
Mein Partner Bruce hat hier seine Kindheit verbracht. Er hatte schon über zehn Jahre in Melbourne gewohnt und sehnte sich nach einem Leben am Strand und einem angenehmeren Klima. Und für unsere beiden Kinder ist es einfach schön, hier zu leben. Sie können immer draußen sein.

Was unternehmen Sie in Australien in Ihrer Freizeit? Stimmt das Klischee von den täglichen Barbecues am Strand mit viel Dosenbier?
Ja, Barbecue ist tatsächlich ganz groß hier. Ansonsten machen wir am Wochenende gerne einen Ausflug zu den Großeltern an die Sunshine Coast mit ihren schönen wilden Stränden. 

Noch ein paar Klischees: Hat man automatisch vier Surfbretter in der Garage stehen, wenn man in Australien wohnt?
Ja, der Besitz von Surfbrettern ist normal, wir haben zum Beispiel kleine Bodyboards für die Kinder. Viele Leute haben auch Boote und ach ja, Kitesurfen ist ganz groß. Mit Wassersport bin ich persönlich aber eher vorsichtig, denn ich habe großen Respekt vor dem Meer. Mein Vater wäre fast einmal abgetrieben worden.

Selbst die Kleinen stehen schon auf dem Brett.
Julia Wickord
Selbst die Kleinen stehen schon auf dem Brett.
Fehlen Ihnen die deutschen Traditionen? Weihnachten zum Beispiel feiert man in Australien erst am 1. Weihnachtsfeiertag.
Ja, das stimmt. Die Australier haben nicht so viele Traditionen wie die Deutschen. Das ist ein bisschen traurig. Aber sie haben einen netten Brauch an Heiligabend: Sie stellen für die Rentiere Wassereimer und Karotten vor die Haustür. Für den Santa Claus gibt es Milch, Kekse und Bier. Manche Traditionen bringe ich aber auch mit, damit meine Kinder das erleben, womit ich aufgewachsen bin.

Zum Beispiel?
Ich bastle zusammen mit einer deutschen Muttergruppe Laternen und dann gehen wir mit den Kindern auf einen Sankt-Martins-Umzug. Die Australier wissen dann immer gar nicht, was eigentlich los ist.

Vermissen Sie die deutsche Küche oder haben Sie sich mit der australische Kost angefreundet, zum Beispiel mit dem würzigen und sehr speziellen Brotaufstrich "Vegemite", der in Australien sehr populär ist?
Nein, ich mag Vegemite immer noch nicht, aber meine Kinder mögen es, weil sie damit aufgewachsen sind. Ich ernähre mich hier nicht viel anders als in Deutschland. Bei uns kommen oft deutsche Gerichte auf den Tisch, Sauerkraut und Bratwürstchen zum Beispiel. Wir haben auch einen deutschen Schlachter gleich um die Ecke.

Ist Australien für Sie mittlerweile Heimat?
Für mich ist es im Moment Heimat, weil meine Kinder hier geboren sind. Doch natürlich liegen meine Wurzeln in Deutschland.

Gibt es auch Dinge, die Sie an ihrer Wahlheimat stören?
Wenn man hierher ziehen will, sollte man allem gegenüber offen sein, bereit sein, sich treiben zu lassen und nicht alles zu hinterfragen. Die Australier sind in vielen Dingen einfach noch nicht so weit wie die Deutschen. Bruce sagt immer, das Land liegt in seiner Entwicklung 20 Jahre hinter dem Rest der Welt zurück. Recycling zum Beispiel ist immer noch ein Fremdwort. Batterien und sogar Fernseher werden in normalen Mülltonnen entsorgt, im Supermarkt haben die Leute 20 Plastiktüten im Einkaufswagen liegen. Darüber kann ich mich aufregen. Aber es bessert sich - langsam.

Können Sie uns noch ein paar Reisetipps geben? Was sollte man sich unbedingt in Australien anschauen?
Obwohl es eine ganz typische Touristenattraktion ist, würde ich jedem eine Tour zum Uluru empfehlen - diesem massiven roten Felsen inmitten der Wüste. Ich habe dort bei null Grad nachts gecampt. So eine Landschaft hatte ich zuvor noch nie gesehen. Strände gibt es auch woanders, das Outback in Australien ist einmalig.

Noch etwas?
Die Westküste Australiens ist wunderschön einsam und nicht so überlaufen wie die Ostküste. Ich bin mit dem Zug drei Tage lang von Adelaide nach Perth gefahren, ein wunderbares Erlebnis! Man fährt Tausende von Kilometern und zwischendurch kommt man an Geisterstädten vorbei, die früher pulsierende Orte waren. Die Weite der Landschaft ist einfach faszinierend!

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Autor:
Bettina Hensel