Fast Lane Alte Liebe rostet nicht

Wiedersehen sind stets eigenartige Angelegenheiten. Erst kommt die Vorfreude und die ganze Aufregung sowie Unsicherheit, die dazu gehört. Was soll ich anziehen? Was werden die anderen anhaben? Sehen sie immer noch genauso aus? Sehe ich fett aus? Was, wenn sie zum Glauben gefunden haben? Habe ich genug aus meinem Leben gemacht?

Dann kommen die Schmetterlinge im Bauch, kurz bevor es losgeht. Haben wir noch gemeinsame Interessen? Was ist, wenn sie ein bisschen seltsam geworden sind? Was, wenn ich nicht mehr so interessant bin wie früher? Was soll mein erster Satz sein?

Erst beargwöhnt man sich aus sicherer Distanz, und von einer Sekunde auf die nächste weiß man, dass alles glatt laufen wird. Während man sich für eine herzliche Umarmung in Stellung begibt, fragt man sich, weswegen man sich überhaupt aus den Augen verloren hat, aber denkt nicht weiter darüber nach, weil sich alles genau richtig anfühlt und man einfach glücklich ist, wieder mit dem vertrauten Freund vereint zu sein.

All diese Gefühle strömten am späten Montagabend auf mich ein, als ich den Nachtflug von Singapur nach Sydney bestieg. Ich hatte zwar eine Reihe von Treffen mit Freunden und Kunden anberaumt, das wirkliche Wiedersehen war allerdings mit der Stadt selbst. Ein bisschen E-Mail-Arithmetik ergab, dass ich seit mehr als vier Jahren nicht mehr in Sydney war. Würde es sich immer noch vertraut anfühlen? Würde ich mich zuhause fühlen? Oder gab es guten Grund, weshalb es von meinen Reiserouten verschwunden war, und ich sollte mich für eine Enttäuschung bereitmachen? All diese Gedanken schwirrten mir im Kopf herum als ich langsam wegdämmerte. Ich glaube, ich hatte einen schrägen Traum über die Stadt, aber er könnte auch woanders gespielt haben: Schließlich kann man nicht bloß in Sydney von Haien angegriffen werden.

Sechseinhalb Stunden später, beim Anflug, erhaschte ich meinen ersten Blick durch die Wolken auf den Hafen. Sydney schien in den vergangenen Jahren geschrumpft zu sein: Die Stadt hatte eindeutige Umrisse und der Flughafen wirkte winzig. Auf der Fahrt in die Stadt bemerkte ich den ein oder anderen Neubau und Wohnanlagen in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung, aber zum größten Teil sah alles noch ziemlich genauso aus, wie ich es verlassen hatte.

Eine Runde Drinks sorgt endlich für Durchblick

Mit meinem Assistenten Alexander als Beifahrer (auf seinem ersten Abstecher nach Australien) machten wir eine kurze Tour durch die Innenstadt, einen Schlenker durch Potts Point, einen Boxenstopp für Magazine in Double Bay, genossen die Aussicht als wir an Rose Bay vorbeirauschten und fuhren dann raus nach Camp Cove, um auf die Stadt zu schauen. In Richtung Süden steuerten wir Zickzack durch Wohnstraßen, um nach Bondi zu kommen. Einen großen Teil der Reise verbrachte ich damit, mich für die niedrigen Wolken und die London-artigen Temperaturen zu entschuldigen, aber Alex war von dem Ganzen geradezu hypnotisiert und wirkte über die gesamte Dauer unseres Essens im "Icebergs" wie in Trance.

Während wir hinaus auf einen einsamen Surfer blickten, der in der Gischt schaukelte, bemerkte ich, wie ruhig und friedlich Sydney sich anfühlte im Vergleich zu den Städten, in denen ich die meiste Zeit verbringe - London, Hongkong, Tokio und Mailand. Obwohl im Restaurant das Mittagspausengeschäft in vollem Gange war, gab es kein Gefühl von Eile, und die Gespräche waren leise und verhalten, was für einen ganz ansprechenden Anstrich von Dekadenz sorgte. Nach zwei aufeinanderfolgenden Nächten im Flugzeug fühlte sich mein Kopf etwas vernebelt an, darum war es allzu leicht, sich einzureihen und das Mittagessen in die Länge zu ziehen, während sich die Wolken zu verziehen bemühten und sich mehr Surfer ins Meer wagten. Nach dem Essen setzten wir unsere Rundfahrt fort, Alex kommentierte die Schönheit und die Ausmaße des Ortes, während ich mich noch immer fragte, wie ich mit der Stadt zurechtkam. Verlief alles gut? Oder würden wir uns vermutlich nicht so bald wiedersehen?

Es dauerte bis zum frühen Abend bis ich endlich wusste, dass alles in Ordnung war. Ich vermute, der aufgeklarte Himmel mag eine kleine Rolle gespielt haben, Sydneys schöneren Seiten zur Geltung zu verhelfen, aber eine frühe Runde Drinks im bezaubernden Haus meines Freundes Robyn sorgten für einen kleinen Schub Neid - ein sicheres Zeichen, dass ich ein klein wenig eifersüchtig war auf das Leben in Sydney. Nach einem Abendessen im Universal und einem spätabendlichen Spaziergang durch Darlinghurst hatten die Stadt und ich wieder unseren gemeinsamen Tritt gefunden, und auf dem Weg ins Hotel schmiedeten wir bereits Pläne, wie wir einen längeren Aufenthalt bewerkstelligen könnten.

Am nächsten Morgen war ich wieder in meiner alten Routine - zwei Latte um die Dinge am Laufen zu halten, Jogging am Circular Quay entlang zum Opernhaus und durch die Botanischen Gärten, dann noch ein Kaffee vor den Meetings. Auf der Straße wirkten die Männer besser gekleidet als ich es in Erinnerung hatte, es gab sogar mehr Kleinstcafés mit ihren eigenen Spezialmischungen und ein straffer Tag voller Verabredungen verlief perfekt nach Plan - keine Staus, pünktliche Termine und eine Visitenkartenkultur (ein förmlicher Austausch am Anfang der Meetings), die nahelegt, dass in Sydney mehr Geschäfte mit Asien als mit Europa und Amerika betrieben werden.

Ich beendete meine 48-Stunden-Visite mit einem Frühstück bei Bills und einer Besichtigung des kürzlich erweiterten Hauses meiner Freunde Nancy und Warwick mit seinem Kengo-Kuma-artigen Garagentor, und als ich mich beeilte rechtzeitig zum Flughafen zu kommen, befragte ich den Kalender, wie bald ich das Ganze wiederholen könnte. Sydney und ich kamen bestens klar.

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Autor:
Tyler Brûlé