Athen Akropolis und die Demokratie

Karg und klein war Attika mit seinem Mittelpunkt Athen; kleiner als heute Luxemburg oder das Saarland. Im 6. Jahrhundert vor Christus unterschied es sich nicht von vielen anderen vergleichbaren Plätzen im ägäischen Raum. Und doch begann hier das, was wir Abendland nennen mit seiner Humanität und der einzigen dem Menschen angemessenen Staatsform, die heute immer noch von unzähligen Unterdrückten ersehnt und von Diktatoren gefürchtet wird. Warum ausgerechnet hier?

Sehr verkürzt kann man sagen: Die Athener hatten die Fähigkeit, großen Herausforderungen mit einer ebenso großen, gemeinsamen Anstrengung zu begegnen, und sie hatten das Glück, dass in entscheidenden Situationen Persönlichkeiten aus ihrer Mitte wuchsen, die das Richtige von ihnen forderten - und dass sie das auch vertrauensvoll taten. Ein Beispiel. Die gesellschaftlichen Gegensätze in Athen hatten sich nahezu aussichtslos zugespitzt: Brutale Ausbeutung auf der einen Seite, erdrückende Erniedrigung auf der anderen.

Athen stand vor einem blutigen, verheerenden Bürgerkrieg. Aber es kam kein Bürgerkrieg, es kam Solon. Alle Parteien einigten sich, die Lösung einem Mann anzuvertrauen, den sie mit unbeschränkten Vollmachten ausstatteten. Und Solon tat, was nötig war und was er für das Nötige hielt: Er schaffte die Schuldknechtschaft ab und verringerte die Schulden, er begrenzte die Größe der Landgüter und gab das Land denen, die es durch Verschuldung verloren hatten, wieder zurück. Diejenigen, die ins Ausland verkauft worden waren, holte er wieder heim. Politisch öffnete er der neuen Klasse der Gewerbetreibenden den Zugang zu den höchsten Ämtern, die bis dahin die mächtigen Adelsfamilien unter sich aufgeteilt hatten. Nach einem Rückfall in eine gemäßigte Tyrannis, die das Volk nicht erdrückte, aber die Macht des Adels endgültig brach und Athen mit vielen Bauten schmückte, brachten die Reformen des Kleisthenes die gesellschaftliche Entwicklung weiter voran.

Nun aber kommt Druck von außen: Die kleinasiatischen Griechen stehen auf gegen die Herrschaft der Perser. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der persische Großkönig Darios I. versuchen wird, ganz Griechenland zu unterjochen. Im Jahr 490 v. Chr. ist es so weit: Fast ganz allein stellen sich die Athener dem weit überlegenen Feind entgegen. Und das Glück ist auf ihrer Seite. Athen erkämpft bei Marathon einen glänzenden Sieg - auf dem man sich ausruhen könnte. Aber einer ist überzeugt, dass der Großkönig diese Schmach - die Perser halten sich für unbesiegbar - nicht hinnehmen würde: Themistokles.

Er macht den Athenern klar, dass sie gegen die Perser zu Lande viel zu schwach seien, auf dem Wasser aber eine Chance hätten. So bauen sie in rasender Eile eine Flotte aus kleinen, beweglichen Trieren, Schiffen mit Rammsporn und besetzt mit Bogenschützen. Genau zehn Jahre nach Marathon, im Jahr 480 v. Chr. kommen die Perser unter Xerxes mit einem riesigen Heer, eher eine Invasion als ein Feldzug. Themistokles rät zu einer schmerzlichen Entscheidung. Die Stadt gegen das Riesenheer zu verteidigen, ist unmöglich. Sie laden Kind und Kegel und alle bewegliche Habe auf ihre Schiffe und überlassen die Stadt den Feinden. Es kommt wie erwartet. Die Perser zerstörten die Stadt bis auf die Grundmauern. Auf einem für ihn errichteten herrschaftlichen Logenplatz will Xerxes nun auch seinen großartigen Sieg über die griechische Flotte erleben.Aber es kommt anders. Die Entscheidung fällt vor Salamis. Die kleinen beweglichen Trieren der Athener, von Themistokles taktisch und strategisch überlegen geführt, bohren mit ihren Rammspießen die schwerfälligen persischen Schiffe zu Kleinholz.

Die Perser waren vernichtend geschlagen. Sie gaben auch die Herrschaft über die kleinasiatischen Griechenstädte auf - und kamen nie wieder. Aber die "Gefahr aus dem Osten" lastete noch lange schwer auf allen Griechen und da die Athener so überlegen geführt und gekämpft hatten, wollten alle unter ihre Fittiche. Der delischattische Seebund wurde gegründet, die "Nato der Antike", mit Sitz auf der kleinen Insel Delos. Für die vielen kleinen bis kleinsten Staaten war es einfacher, sich finanziell an der Abwehr der "Gefahr aus dem Osten" zu beteiligen, als eine eigene Streitmacht bereitzuhalten. Athen nutzte die Geldmittel, um seine Flotte weiter auszubauen, aber als neue imperiale Großmacht auch dazu, die eigenen Bündnispartner einzuschüchtern und notfalls zur Zahlung zu zwingen.

Jetzt kam die Stunde des Perikles. Er war ein überzeugter Radikal-Demokrat. Aber er wusste, dass die Demokratie, die ihm vorschwebte, nur gelingen konnte, wenn sie eine wirtschaftliche Basis hatte. Perikles wollte alle Bürger beteiligen. Aber Bürger, die öffentliche Aufgaben übernahmen, konnten nicht gleichzeitig Geld für ihre Familien verdienen. So führt er Diäten ein, als Ausgleich für den entgangenen Gewinn durch eigene Arbeit. Um das zu finanzieren, überführte er die üppig gefüllte Kasse des Seebundes nach Athen und hatte keine Hemmungen, mit diesem Geld auch die großzügige Bebauung der Akropolis zu finanzieren.

Drei Katastrophen: Krieg, Pfusch und Smog

Mit dieser "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" brachte Perikles über einen langen Zeitraum viele Mitbürger in Lohn und Brot und schuf glanzvolle Symbole für die von ihm favorisierte Staatsform, die er dadurch auf Dauer festigte. Skrupel gegenüber den kleinen Bundesgenossen, die das alles unfreiwillig finanzierten, hatte er nicht. Plutarch, der in der römischen Kaiserzeit lebte, schreibt in seiner Perikles-Biografie: "Gegenüber der Bürgerschaft machte Perikles klar, dass Athen den Bundesgenossen für ihre Gelder keine Rechenschaft schuldig sei, da es den Krieg für sie führe und sie so vor den Persern beschütze (...) das Geld gehört nicht denen, die es zahlen, sondern denen, die es bekommen, sofern sie nur für den erhaltenen

Betrag die vereinbarte Gegenleistung erbringen." Plutarch weiter: "So wuchsen die Werke, nicht nur in ihrer Größe überwältigend, sondern auch unnachahmlich in der Anmut ihrer Linienführung, denn die Arbeiter wetteiferten darin, sich selbst in der Schönheit ihres handwerklichen Könnens zu übertreffen. Dennoch war wohl das größte Wunder dabei die Geschwindigkeit, mit der die Bauten entstanden. Man könnte denken, dass jeder einzelne von ihnen viele aufeinanderfolgende Generationen zu seiner Vollendung benötigen würde. Aber sie alle wurden in dem Schwung einer einzigen Regierung fertig gestellt."

Der Besucher, der erwartungsvoll zur Akropolis hinauffährt und oben die in unzähligen Bildern weltweit verbreitete, fast schon zum Klischee gewordene klassische Ruinenlandschaft sucht - Marmorsäulen vor blauem Himmel im berühmten attischen Licht - findet dort eine gewaltige Baustelle: das Krankenlager des bedeutendsten architektonischen Erbes der griechischen Antike. Zwar ist die Westseite (die Rückseite) des Parthenon so weit fertig gestellt, dass sie ein lohnendes Motiv für die knipshungrigen Touristenschwärme hergibt, aber die Propyläen, das monumentale Eingangstor, ist noch immer unter einem gewaltigen Bauzaun verborgen. Um das zierliche Erechtheion mit den berühmten Karyatiden, den das Gebälk tragenden Mädchenstatuen, kann man immerhin weiträumig herumspazieren.

Tassos Tanoulas ist Bauforscher und zuständig für die Restaurierung der Propyläen. Anders als Archäologen sind Bauforscher auch Architekten. Das setzt sie in die Lage, die zum Teil außerordentlich komplizierten statischen Probleme bei der Restaurierung der antiken Bauten zu bewältigen. "Drei Katastrophen", sagt Tassos Tanoulas, "die völlig unterschiedlich sind und nichts miteinander zu tun haben, sind der Akropolis zum Verhängnis geworden."

Katastrophe Nummer eins: Im 17. Jahrhundert führt Venedig Krieg gegen die Türken, die damals Griechenland beherrschen. Der venezianische Generalkapitän Francesco Morosini besetzt 1687 mit einem Söldnerheer unter dem deutschen Grafen Königsmark Athen und belagert die Akropolis, auf der sich die Türken verschanzt haben. Ihre gesamten Vorräte an Schießpulver bringen die Türken in den Parthenon-Tempel, weil sie davon ausgehen, dass die gebildeten "Abendländer" das antike Kleinod verschonen. Aber das ist ein Irrtum. Einem Lüneburger Kanonier gelingt ein Volltreffer, die Pulvervorräte explodieren, der Tempel wird förmlich auseinandergerissen, und die anderen Bauten werden schwer beschädigt. Politisch-militärisch war das ganze sinnlos, denn die Türken waren noch so stark, dass die Venezianer Athen schon nach kurzer Zeit wieder aufgeben mussten. Immerhin konnte der Graf Königsmarck stolz verkünden, "eine ruchlose Moschee" zerstört zu haben - der Tempel diente damals als muslimisches Gotteshaus.

Katastrophe Nummer zwei: Die Restaurierung der Bauten Ende des 19. Jahrhunderts. Der archäologisch nicht vorgebildete Bauingenieur Nicolas Balanos wollte schnelle Erfolge vorweisen mit dem Ergebnis, dass schon nach ein paar Jahrzehnten die Schäden größer waren als vor der Restaurierung. Er ließ zum Teil wahllos Ruinenstücke aufeinander türmen und mit dicken Eisenklammern verbinden, die schnell rosteten und die Marmorblöcke auseinandersprengten: Eisen dehnt sich stark, wenn es oxidiert. Zwar hatten auch die antiken Baumeister Eisenklammern verwendet, diese aber dann sorgsam mit Blei vergossen.

Katastrophe Nummer drei: Der saure Regen, verursacht vor allem durch den gewaltigen Autoverkehr in der Vier-Millionen-Einwohner-Stadt. Die schädliche Säure löst den Marmor auf und der Regen kann Schicht für Schicht herunter waschen: Die schön kanellierten Säulen verlieren ihre Form und werden rund. Trotzdem ist Bauforscher Tassos Tanoulos sicher, dass die Bauten gerettet werden. Das brauche aber viel Zeit: Allein bei den Propyläen müssen mehr als 2000 Einzelteile sortiert, die zueinander passenden zusammengeführt und mit neuen Stücken behutsam ergänzt werden. Der Hamburger Archäologe Lambert Schneider allerdings ist skeptisch: "Mit jeder Restaurierung wurde die jeweils vorangegangene geschichtliche Phase teilweise gelöscht. Heute werden wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Eingriffe der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts unter dem Banner historischer ,Wahrheit' getilgt. Von Spuren echter, auch schmerzhafter Geschichte befreit, wandeln sich die Steinensembles zum aseptischen Präparat."

Die Akropolis in Athen ist das Sinnbild politischer Selbständigkeit und Demokratie und hat dabei Kriege überdauert und verfehlten Restaurierungsplänen getrotzt.

Quelle:
Autor:
Hans-Markus Thomsen