Europop Das Disneyland der Steppe

Am Wochenende war Aliya bei uns in der Berliner Wohngemeinschaft. Ein lebhaftes Persönchen, die in Astana für das Außenministerium von Kasachastan arbeitet. "Berlin gucken, Reichstag und natürlich: Shoppen und Feiern!", lautete das Programm für ihren kurzen Gegenbesuch. Im September 2010 hatte dieser Austausch mit einer Diplomarbeits-Tour von Fotograf Christian nach Kasachstan begonnen. Auf Aliya waren wir damals über eine Website für Couch-Surfer gestoßen. Ein Glücksfall im internationalen Bekannten-Netzwerk. Seitdem hat der Kontakt gehalten. Ein Austausch mit der bis vor einem Jahrzehnt nahezu unbekannten europäisch-asiatische Grauzone

"Willkommen in der Hölle!", hatte Aliyas Vater zu seiner Familie gesagt, als sich die Tür des Zuges aus Almaty in Astana öffnete und ihnen ein eisiger Wind ins Gesicht schlug. Bei ihrer Ankunft 1997 war die neue Hauptstadt Kasachstans ein graues, kaum bebautes Ödland. Damals reiste die Familie nach drei Wochen wieder ab. Aliyas Vater bleibt - und wird einer der Chef-Ingenieure, der Straßen und Hochhäuser hinklotzt. Im Jahr 2004 gibt es bereits einen Zirkus, ein Shopping-Center und ein spektakuläres Wahrzeichen: Der golden schimmernde Kugelturm Bayterek, im Volksmund nach der spanischen Lutscherfirma "Tschuppa Tschupps" genannt. Ein pompöses Gebilde, das 97 Meter hoch ist, weil es 1997 erbaut wurde. So geht Symbolik in Kasachstan.

Berlin-Besucherin Aliya hat in New York bei der UN gearbeitet und in der Schweiz studiert. Astana ist - trotz der widrigen Umstände - ihr Zuhause geworden. 2030 soll das Hauptstadt-Projekt abgeschlossen sein. Bereits 2010 ist Astana keine Hölle mehr: Der Himmel scheint, funkelt. Hochhäuser glitzern. In 13 Jahren hat der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew eine Mega-Zentrum für das Volk der Steppe hingezimmert. Astana - eine Kulisse aus dem Fantasy-Film, die sich mit westlichen Metropolen zu messen gedenkt. Zuweilen heißt es auch, Astana wäre die einsamste Hauptstadt der Welt.

Antworten, wie vom Propaganda-Minister vorformuliert

Am 6. Juli 2010, dem Geburtstag des Präsidenten, wurde das Khan Shatyr - das königliche Zelt - eröffnet. Selbstredend das größte der Welt. Hier dominiert westliche Markenware und die vierte Etage ist eine Art Vergnügungspark, in dem Väter mit ihren Kindern virtuelle Terroristen abschießen. In der obersten Etage: Das "Sun-Tana" - ein Indoor-Beach-Resort. Kosten: 260 Millionen US-Dollar. Architekt ist Reichstagskuppel-Bauer Sir Norman Foster, der mit dem 150 Meter hohen Zeltgebilde den Größenwahn der Führungsriege zynisch-kongenial umgesetzt hat.

E in Schachtel Zigaretten kostet 80 Cent. Alkohol ist allgegenwärtig: Bier in fünf Liter Plastikflaschen kann man im Supermarkt aus Fässern abfüllen. Als Nasarbajew Astana 1997 zur Hauptstadt erklärte, sollte auch die Ortsgeschichte neu geschrieben werden. Denn die Gegend erlangte durch das Kriegsgefangenenlager "330" im Zweiten Weltkrieg einen martialischen Ruf. Die Zone um Astana wurde später zu einem Verbannungsort. Wenige der heutigen Bewohner haben den Wandel der Stadt seit den 1960er Jahren miterlebt. Die meisten Neubürger wurden entweder, wie Aliyas Vater, nach 1997 in die Stadt abkommandiert, um dort zu arbeiten. Oder sind freiwillig zugezogen. Inzwischen leben rund 700.000 Menschen dort. Uran, Öl und Gas haben dem neuntgrößten Land der Erde zu Reichtum verholfen.

Doch die Details stimmen nicht. Hinter dem Khan Shatyr steht ein großer silberner Zaun. Geht man durch das Tor, befindet man sich in einer anderen Welt: Hier wird das Wasser noch aus Pumpen geholt. Die Häuser aus Sowjet-Zeiten werden mit Pappe und Plastikscheiben repariert.

Fragt man Aliya nach den Bewohnern der alten Viertel, bekommt man eine schnelle Antwort: "Das wird alles abgerissen und neue Hochhäuser werden gebaut. Die Menschen bekommen für Grund und Boden eine finanzielle Entschädigung und ein neues Hochhaus-Apartment." Dass es auch Menschen geben könnte, die (noch) nicht bereit sind für den schnellen Sprung in die Moderne, glaubt sie nicht. Und dass einige gegen die Umsiedlung prozessieren? "Das tun sie nur, um mehr Geld herauszuschlagen." Stellt man Alyia Fragen in diese Richtung, bekommt man Antworten, wie vom Propaganda-Minister vorformuliert.

Es bleibt der Eindruck, dass die Menschen in Astana beschlossen haben, glücklich und zufrieden zu sein. Die monumentalen Plätze, die Prunkbauten beeindrucken die Menschen, die aus allen Teilen des Landes kommen und staunend in ihren traditionellen Gewänder durch die Stadt flanieren. Man sieht Ihnen an, dass sie stolz auf Astana sind. Besonders wenn sie auf der Aussichtsplattform des Baytereks ihre Hand in den vergoldeten Handabdruck des Präsidenten legen. Das soll Glück bringen.

Autor:
Ralf Niemczyk