Vietnam Mit dem Motorrad von Hoi An nach Dalat

Der Weg ist das Ziel: Auf dem Rücken eines Motorrads lernt man in Vietnam Land und Leute am besten kennen, abseits von Touristenschwärmen und Reisebussen. Eine Tour durch die Berge, von Hoi An nach Dalat.

Der Wind fährt mir durch die Haare, während die kleine Honda Geschwindigkeit aufnimmt. Wir düsen über schmale Dorfstraßen und wackelige Brücken, vorbei an Reisfeldern und Kaffeeplantagen. Hier und da arbeiten Menschen am Straßenrand und breiten Chilischoten, Reis oder Erdnüsse zum Trocknen in der Sonne auf dem Asphalt aus. In kleinen Gewässern schwimmen Büffel und Enten, ein paar Meter weiter wird die Ananasernte eingeholt. Chinh, unser Guide, hat nicht zu viel versprochen: Fernab von den touristischen Hauptattraktionen und den dazugehörigen Reisebussen lernt man Vietnam mit dem Motorrad von einer sehr ursprünglichen und ungeschminkten Seite kennen.

Chinh lebt mit seiner Familie in Hoi An, eine Küstenstadt in Zentralvietnam. Er ist einer von vielen Touristenführern, die sogenannte "Easy Rider"-Touren anbieten. Auf dem Rücken seines Motorrades geht es vier Tage lang von Hoi An durch die Berge, vorbei an Wasserfällen, Tempelanlagen und quer durch kleine Dörfer und Wälder bis nach Dalat - eine Stadt im südlichen Teil des zentralen Berglandes. Zu Teilen führt die Strecke auf dem sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad: eine Verkehrsnetz, das von Nord- nach Südvietnam reicht und insbesondere während des Vietnamkriegs eine wichtige Rolle für die Befreiung des Südens spielte.

Am ersten Tag führt uns der Weg von Hoi An ins etwa 140 Kilometer süd-westlich gelegene Kham Duc. Einen längeren Stopp legen wir in der Tempelanlage "My Son" ein. Sie wurde 1999 zum Weltkulturerbe erklärt. Die Tempelreste aus dem 10. Jahrhundert sind beeindruckend, doch wer Angkor Wat kennt - die größte und bekannteste Tempelanlage Kambodschas - für den ist My Son nur eine Mini-Version der riesigen Ruinen des Nachbarlandes.

Je weiter wir in die Berge durch kleine Ortschaften hindurch fahren, desto seltener treffen wir auf Touristen. Wenn wir Einheimischen begegnen, lächeln sie, winken und rufen uns "Hello" und "Goodbye" zu. Die meisten Menschen, die hier in den Bergen leben, gehören zu einer der 53 ethnischen Minderheiten des Landes, die insgesamt etwa zwölf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Sie haben jeweils ihre eigene Sprache und leben in einer Gemeinschaft für sich, oft in sehr einfachen Verhältnissen.

Jackfrucht
Anika Haberecht
Süßes Obst: Jackfrucht.

Nachdem das erste Etappenziel erreicht ist, geht es am nächsten Tag weiter Richtung Süden, in die Provinz Kon Tum. Der Weg durch das Hochland ist gekennzeichnet von Obstbäumen aller Art: Mangos, Ananas, Papaya und Jackfrucht - eine wassermelonengroße, süßlich schmeckende Frucht, die eine milchig-klebrige Flüssigkeit absondert und an den Geschmack von Litschie erinnert. Alle Früchte, sogar die Bananen, schmecken hier viel intensiver und süßer als bei zu Hause in Deutschland.

Neben dem Obst wird im Hochland Vietnams Kaffee angebaut. Auf einer Plantage pulen wir ein paar Bohnen aus ihrer Schale. Sie sind erst zwei Monate alt. Bis sie tatsächlich geerntet werden, vergehen noch etwa zehn weitere Monate. "Der Kaffee aus dieser Region ist ganz besonders gut", sagt Chinh. Typischerweise trinkt man ihn sehr stark als Espresso und süßt ihn mit Kondensmilch.

Kinder im Dorf, Vietnam
Anika Haberecht
Dorfbewohner entlang der Strecke.

Vorbei an Dörfern, stroh- und bambusbedeckten Häusern erreichen wir schließlich Kon Tum. Von hier aus geht es am nächsten Tag weiter nach Buon Ma Thuot - die Hauptstadt der Provinz Dak Lak im zentralen Hochland Vietnams. Es ist der längste und anstrengendeste Streckenabschnitt der Tour. Etwa 230 Kilometer müssen zurückgelegt werden. Das klingt nicht viel, doch die Straßen sind nicht immer asphaltiert - und so kann es ziemlich holprig werden.

Auffällig an diesem Streckenabschnitt ist, dass es viele Kirchen gibt: mal aus Holz, mal aus Stein, mal schlicht, mal kitschig. Nahezu die gesamte Bevölkerung hier ist katholisch, zurückzuführen auf den Einfluss der Franzosen während der Kolonialzeit im 19. Jahrhundert. Auf der tiefroten Erde vulkanischen Ursprungs werden hauptsächlich Kaffee und Pfeffer angebaut. Auch Gummibäume sieht man häufig. Um unseren schmerzenden Gliedern eine Pause zu gönnen, halten wir am Straßenrand und trinken Zuckerrohrsaft. Eine alte Frau in einem Zelt steckt die Zuckerrohrstangen in eine kleine Presse und walzt sie mehrfach durch. Die entstandene Flüssigkeit füllt sie mit Eiswürfeln auf - fertig. Erschöpft erreichen wir am Abend Buon Ma Thuot.

Wieselkaffee Vietnam
Anika Haberecht
Eine Delikatesse: Wieselkaffee.

Buon Ma Thuot ist so etwas wie die Kaffee-Hauptstadt Vietnams. An jeder Straßenecke gibt es die unterschiedlichsten Bohnen und Röstungen. Schlechten Kaffee findet man hier nicht. Abenteuerlustige Gourmets mit großem Geldbeutel können den hochgeschätzten Wieselkaffee probieren, dessen Bohnen von einem wieselähnlichen Tier gefressen und ausgeschieden werden. Klingt ekelig, doch glücklicherweise gibt es heutzutage eine Herstellungsmethode, die ohne Exkremente auskommt: Dank natürlicher Enzyme ist der Effekt nachbildbar.

Unser Weg führt uns in das Dorf Lien Son am Lak-See. Die Menschen hier gehören der M'Nong- und E-De-Minderheit an. Sie leben in langgezogenen Holzhütten auf Stelzen, ihre Felder bestellen sie mithilfe von Elefanten. Am Ufer des Sees trennen Männer und Frauen mit kleinen Maschinen die Reiskörner von der Planze. Hin und wieder kehren Traktoren von den Feldern zurück. Im Ort spielen Kinder auf der Straße Fußball, während über Lautsprecher die Nachrichten verlesen werden. Es ist eine ganz eigene Welt, in die man hier eintaucht: malerisch, friedlich - aber auch ärmlich.

Am nächsten Tag treten wir die letzte Etappe unserer Reise an. Wieder geht es durch die Berge, vorbei an Feldern und Seen. Kurz vor Dalat passieren wir Gemüse- und Blumenfelder, Wälder und Wasserfälle. Nach etwa 150 Kilometern und ein paar Zwischenstopps erreichen wir schließlich die Hauptstadt der Provinz Lam Dong. Im Zentrum von Dalat gibt es einen letzten Kaffee mit Chinh, bevor er alleine seinen Rückweg nach Hoi An antritt.

Autor

Anika Haberecht