Türkische Ägäis Furchtbar fruchtbar

Landwirtschaft prägt das Tal des Großen Mäanders. An dem Fluss liegen die größten Baumwollplantagen der Ägäis, wachsen Peperoni und Feigen. Ein Besuch bei den Menschen, die die Türkei ernähren.

Wer von der Küste der Ägäis nur wenige Kilometer landeinwärts fährt, findet bäuerliches Land: Frauen in bunten Kleidern bei der Ernte, Männer auf klapprigen Eselskarren - aber auch riesige Maschinen, die Baumwollfelder durchkämmen, und Großgeräte, die Olivenbäume schütteln. Was man auf den ersten Blick nicht sieht ist: Viele Bauern sind bitterarm. Und das, obwohl weite fruchtbare Ebenen beste Voraussetzungen für die Landwirtschaft bieten - zum Beispiel am Großen Mäander. So heißt der Fluss, auf dessen Schwemmland Feigen, Granatäpfel, Pfirsiche und Peperoni wachsen. Hier erstrecken sich auch die größten Baumwollfelder der Ägäisregion.

Beim Örtchen Esenköy trifft der Fluss Akçay auf den Großen Mäander. Auf dem Dorfplatz sitzen die Männer beim Tee, um die Mittagshitze abzuwarten. Oliven- und Zitronenhaine umgeben den Ort. Salat und Tomaten stehen auf Feldern, die immer wieder unterbrochen sind von kleinen Bachläufen, Kanälen, Aquädukten. Wie ein Geflecht aus Adern den Körper mit Blut versorgt, wässert das Delta des Großen Mäanders das Land.

Kann man in Esenköy gut von der Landwirtschaft leben? Erhan zeigt zu seinem Haus hinüber. Ein propperes kleines Heim in leuchtendem Weiß, über und über mit knallroten Girlanden geschmückt. Nebenan eine recht neue Garage, davor ein Auto. Das sieht nach relativem Wohlstand aus, wenn man bedenkt, dass er sein Geld von einem echten Markt bekommt und nicht von der EU. Erhan sagt, er habe auch ein paar Kühe, ansonsten habe er sich auf Pfefferschoten spezialisiert, er ernte zweimal im Jahr und verkaufe alles an einen Großhändler. Die roten Girlanden seines Hauses sind die trocknenden Früchte seiner Felder. Er sagt auch: "Aber ich weiß nicht, was morgen ist."

Die Türkei ist eines der großen Agrarländer der Welt. Hier arbeitet jeder Vierte in der Landwirtschaft - vor 20 Jahren war es noch jeder Zweite, in Deutschland sind es nicht einmal zwei Prozent. Türkische Bauern erwirtschaften knapp zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes, deutsche gerade mal ein Prozent. Doch auch in der Türkei hat sich der Wandel in der Landwirtschaft stark beschleunigt - sehr zu ungunsten der kleinen Betriebe. Die Kosten steigen, die Produktivität ist gering. Die Preise für Düngemittel sind für Familienbetriebe kaum noch bezahlbar, die Diesel-Preise zählen zu den höchsten in Europa.

Für manche Bauern bedeutet das den Bankrott, sie können ihre Preise nicht erhöhen, denn ihre Käufer sind nicht wohlhabender als sie selbst. Viele von ihnen haben kein eigenes Land, müssen auch bei schlechter Ernte Pacht zahlen. Die Folge: Landflucht, ein großer Teil der türkischen Arbeitslosen kommt aus dem Agrarsektor. Sollte die Produktivität dort weiter sinken, sei
in der Türkei längerfristig mit Hunger zu rechnen, sagte 2012 Şemsi Bayraktar, Präsident der türkischen Landwirtschaftskammer. Davut schaut hinaus ins weite Tal des sprichwörtlich gewordenen Mäanders und seufzt. Seine Eltern, erzählt er, mussten im vergangenen Winter eine Kuh verkaufen, jetzt haben sie nur noch eine.

Die meisten landlosen Bauern versuchten, übers Jahr zu kommen, indem sie verschiedene Produkte nacheinander anpflanzten, Erdbeeren, Honigmelonen, Tomaten, Gurken. Sparen könne dabei niemand, und den Winter zu überstehen, sei nicht leicht, selbst wenn er nur kurz ist. Bislang habe es hier, im mittleren Abschnitt des Tals, zumindest keine Großproduzenten gegeben, die den Bauern das Geschäft verderben. Aber, sagt Davut und zeigt auf ein riesiges Gebäude, seit in Sultanhisar eine Treibhausanlage stehe, in der Tomaten auf Styropor wachsen, sei auch das nicht mehr sicher.

Autor

Raoul Jecquier