Singapur Tylers Traum vom eigenen Hotel

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass diese Kolumne in der letzten Zeit nicht so viele Flugmeilen zurückgelegt hat wie sonst. Ein Blick in meinen Terminkalender hat sogar ergeben, dass ich gerade meinen persönlichen Rekord für die längste Zeit außerhalb eines Langstreckenflugzeugs gebrochen haben - ganze zwei Monate. Zum letzten Mal habe ich Anfang Mai eine längere Strecke zurückgelegt: von Toronto nach London. Danach pendelte ich - mit gelegentlichen Abstechern in andere europäische Locations - eigentlich nur noch zwischen London und der Schweiz hin und her.

Am Dienstag ging es nun endlich wieder los: Ein zweiwöchiger Asien-Pazifik-Trip mit fünf meiner fittesten Kollegen stand bevor. Am Montagabend erlöste ich meinen zuverlässigen Rimowa-Koffer von seinem erzwungenen Frührentnerdasein; die Aussicht auf ein 14-tägiges Herumreisen mit vielen anderen Taschen in den Gepäckräumen von Singapore, Qantas, Cathay und ANA schien ihn zu erfreuen. Manchmal frage ich mich, ob all diese Aluminium-Rimowa-Koffer sich in den Bäuchen der Boeings und Airbusse zusammenschließen, um sich bewusst von den dümmlichen lila Rollkoffern aus Nylon und vollgestopften Sporttaschen abzugrenzen.

Dienstagabend war ich früh am Eincheckschalter von Singapore und mein Rimowa hätte sich am liebsten selbst aufs Gepäckband gehoben. Wenn mein Koffer in der Lage wäre zu sprechen, könnte er mir mit Sicherheit sofort seine eigene Liste an Lieblingsfluggesellschaften, Gepäckabfertigungen und Förderbändern präsentieren.

An Bord verhalf mir eine Kombination aus Champagner, Schmerzmitteln und Anti-Thrombose-Strümpfen in den Schlaf. Erst über Malaysia schreckte ich plötzlich hoch, als wir ein paar Gewitter passierten und der Landeanflug auf Changi begann, der zum Glück turbulenzenfrei blieb. Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt ist immer wieder ein Genuss - man muss sich nur mal vorstellen, wie das Ganze aussehen würde, wenn sie dies ganze Grünzeug vom Mittelstreifen entfernen und die Straße in eine Landebahn verwandeln würden. Vielleicht ist es Ihnen bei Ihren bisherigen Besuchen in Singapur entgangen, weil Sie zu sehr auf die Pflanzen geachtet haben, aber das nächste Mal wird es auch Ihnen auffallen: All diese Tropenpflanzen könnten in Nullkommanichts entfernt werden, um Platz für die Stationierung einer ganzen F-16-Flotte zu machen.

Während der Fahrt ins Zentrum träume ich immer gerne von meinem zweiten Leben als Hotelier in Singapur. Von all den Städten, in denen ich mich aus Geschäftsgründen länger aufhalte, verspüre ich gerade hier immer das dringende Bedürfnis nach einer großen persönlichen Veränderung. In Tokio freue ich mich darauf, im Peninsula oder Park Hyatt einzuchecken. In Hongkong im Upper House, Grand Hyatt oder Mandarin. Und in Taipeh gefällt mir die Schlichtheit von Les Suites. In Singapur denke ich hingegen über die Möglichkeit nach, etwas wirklich Weltbewegendes zu schaffen.

Karaoke im Bunker

Warum, frage ich mich zum Beispiel, hat noch kein einheimischer Investor den ersten Spatenstich für einen luxuriösen Zufluchtsort im Herzen der Stadt gesetzt? In meiner Fantasie stelle ich mir ein Gebäude von bescheidenen Ausmaßen (6 bis 8 Stockwerke) in der Nähe des Botanischen Gartens vor. Rund herum entstünde eine kleine Enklave an Läden, Cafés, Bars und anderen Angeboten. Kengo Kuma hieße meine erste Wahl als Architekt und meine Freunde von Transit in Tokio wären für die Entwicklung von Catering-Konzepten verantwortlich - vom Room Service bis zum Pool-Menü.

Da die Geschäfte meines Unternehmens hier gut laufen, könnte das Hotel als Ausgangspunkt für Reisen nach Malaysia und Thailand dienen. Natürlich gäbe es bestens ausgestattete Bungalows für die Projekt-Arbeit mit Kollegen, um Vorträge vorzubereiten und falls notwendig bis in den nächsten Morgen durchzuarbeiten. In einer ruhigen Ecke des Anwesens befände sich das beste Fitness-Angebot der Stadt - zusammen mit dem besten Pool-Bereich in Asien, geschmackvoll gekleideten Pool-Boys, dem besten Liegestuhl, den schönsten Handtüchern sowie dem leckersten Nasi Goreng der ganzen Region.

Tagsüber wäre das Hotel nicht nur für Gäste, die auf ein neues Singapur-Hotel gewartet haben, ein Anziehungspunkt, sondern auch für Einheimische, die eine Oase suchen, um ihre Lieblingszeitung zu lesen, einen frischen Burger zu verzehren oder sich mit gut geschnittener Kleidung fürs Leben am Äquator einzudecken.

Nachts würde ein Kino die besten Dokumentationen sowie internationale Filme spielen, ein bunkerartiger Bereich würde eine Handvoll Räume für Karaoke beherbergen, es gäbe eine kleine Disko fürs Tanzen bis in die frühen Morgenstunden und den besten Weinkeller im ganzen Land.

An den Wochenenden würde hier ein außergewöhnlicher Bauernmarkt und eine Kochschule abgehalten, jeden zweiten Sonntag eine Buchmesse im großen Salon. Außerdem würde das Hotel ein literarisches Festival organisieren. Kuratiert würde all dies vom Buchhändler Lesley McKay aus Sydney, der Zeitungsstand würde von lokalen Anbietern der Holland Village betrieben.

Die Zimmer meines Fantasie-Eigentums wären schlicht und mit viel Holz eingerichtet (kein indonesisches Schnickschnack, keine grellen Farbkombinationen, keine gebatikten Kissen), das Bad hätte Innen- wie Außenbereich, und eine breite Terrasse würde Geschäftsreisende dazu verführen, ihren Aufenthalt um zwei Tage zu verlängern, um sich in aller Ruhe zu entspannen.

Ich warte seit über zehn Jahren auf die Eröffnung dieses Fantasie-Hotels, aber noch ist es nicht so weit. Vielleicht muss ich es bei einem zukünftigen Besuch der Singapore Inc. einfach zum Projekt erklären.

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Autor:
Tyler Brûlé