Auf den Spuren Dschingis Khans Die Mongol Rally

Die "Mongol Rally" führt durch 14 Länder von Europa nach Asien. Ziel der Charity-Autoreise ist die Hauptstadt der Mongolei, Ulaanbataar. Laura Kurzer und Marc Bellmann sind mitgefahren und erzählen von ihren Erfahrungen unterwegs.

Gestartet sind sie im polnischen Breslau. 16.400 Kilometer, 14 Länder und etwa fünf Wochen später waren Laura Kurzer (25) und ihr Freund Marc Bellmann (26) endlich am Ziel: Ulaanbataar, Hauptstadt der Mongolei. Die Design-Studentin und der Software-Entwickler aus Leipzig haben 2013 mit ihrem Renault Twingo an der jährlichen "Mongol Rally" teilgenommen, einem Charity-Trip von Europa nach Asien, mehr Abenteuer als Autorennen. Die einzigen Bedingungen: Das Auto darf kein Neuwagen sein, der Motor darf nicht mehr als 1200 Kubikzentimeter besitzen und im Vorfeld müssen mindestens 1.200 Euro für wohltätige Zwecke gesammelt werden. Start- und Endpunkt der Rallye sind vorgegeben; alles andere — Reiseroute, Zwischenstopps, Wahl des fahrbaren Untersatzes — bleibt den Teilnehmern überlassen. Warum es letzten Endes nicht darum geht, Erster zu werden, welche Hindernisse sie überwinden mussten, und was die beiden sonst noch erlebt haben, erzählen sie MERIAN.de im Interview.

MERIAN.de: Wie sind Sie überhaupt darauf gekommen, bei der Mongol Rally 2013 teilzunehmen?

Marc Bellmann: Das war meine Schuld. Eigentlich hatte ich eine Osteuropareise mit dem Auto für uns geplant — dabei sind wir dann zum ersten Mal auf diese Rallyes gestoßen. Und relativ schnell findet man dann auch Informationen zur Mongol Rallye, eine der größten und bekanntesten ihrer Art. Dann musste ich nur noch meine Freundin Laura und meinen Chef überzeugen, und dann ging es auch schon los.

Wie haben Sie sich vorbereitet?

Marc: Insgesamt hatten wir eine Vorbereitungszeit von etwas über einem Jahr. Gerade diese Phase ist sehr zeitintensiv und nervenaufreibend. Vor allem sollte man sich in dieser Zeit Sponsoren suchen, sonst wird die ganze Angelegenheit ziemlich teuer. Zwei unserer ehemals vier Team-Mitglieder sind in dieser Zeit ausgestiegen. Dann haben wir nur noch zu zweit weitergemacht, Fanartikel hergestellt und etwa 300 potentielle Sponsoren kontaktiert. Im Nachhinein war die Vorbereitung vielleicht sogar der anstrengendste Teil der Reise.

Laura Kurzer: Ja, besonders, weil wir sehr viele Absagen bekommen haben und uns letzten Endes teilweise umsonst abgemüht haben. Schließlich hatten wir uns noch nie mit der Suche nach Sponsoren beschäftigt und konnten die Situation deswegen nur schlecht einschätzen.

Ist alles so verlaufen, wie Sie sich das vorgestellt haben, oder gab es während des Trips durch Eurasien auch Überraschungen?

Laura: Marc hat sich vorher ziemlich gut informiert und kannte potentielle Risiken und Gefahren, die ich nicht kannte. Dementsprechend waren wir da eigentlich immer auf fast alle Eventualitäten vorbereitet. Davon abgesehen schadet es nicht, vielleicht manchmal etwas blauäugiger an die Sache ranzugehen, um sich mal überraschen zu lassen.

Marc: Und man muss sagen, dass wir auch einfach sehr viel Glück hatten. Wir hätten viel mehr Probleme auf unserer Reise kriegen können. Unter anderem haben wir von Teams gehört, die in der Nacht überfallen wurden oder riesigen Ärger mit korrupten Polizisten hatten.

Gar keine Pannen oder Probleme auf der Reise?

Laura: In der Ukraine hat uns jemand die Reifen aufgeschlitzt. Glücklicherweise hatten wir zwei Ersatzreifen dabei und konnten dann schnell weiterfahren.

Marc: Etwa

Geplatzte Airbags nachdem der Twingo durch ein tiefes Schlagloch gefahren ist.
Laura Kurzer & Marc Bellman
Die geplatzten Airbags des Rallyeautos kurz nach dem Zwischenfall.
s später auf dem Pamir-Highway in Kirgisistan, war das dann allerdings etwas dramatischer. Eigentlich sind wir relativ langsam über ein Schlagloch gefahren; aber scheinbar war das schon zu viel fürs Auto — ein lauter Knall und unsere Gesichter klebten in den Airbags. Wir konnten uns irgendwie befreien, haben kurz durchgeatmet, die aufgeblähten Airbags mit einem Messer rausgeschnitten und weiter ging es Richtung Mongolei. Gegen Ende der Tour wollten wir danach eigentlich noch durch die Wüste Gobi fahren; das hätte unser armer Renault Twingo nach dem furchtbaren Highway aber wohl nicht mehr mitgemacht.

Laura: Also mussten wir uns relativ spontan entschließen, durch Russland zu fahren, inklusive Umweg von etwa 3000 Kilometern. Aufgrund der strengen Grenzregelungen hatten wir allerdings nur 3 Tage Zeit dafür. Das heißt: 1000 Kilometer am Tag, 20 Stunden durchgängig abwechselnd fahren und so gut wie keine Pausen. Eine ziemliche Belastung. Zusätzlich hat uns eine Karte der Region gefehlt, und wir mussten unsere Freunde zuhause bitten, uns die Namen der wichtigsten Städte zu schicken.

Wie lange haben Sie insgesamt gebraucht?

Wildpferde auf einer Straße in Usbekistan.
Laura Kurzer & Marc Bellman
Wildpferde sind in Zentralasien noch häufiger zu beobachten.
Marc: Wir hatten wegen Beruf und Familie insgesamt fünf Wochen Zeit und haben es in genau dieser Zeit geschafft. Wir sind etliche Umwege gefahren, um uns möglichst viel anzuschauen. Alles in allem lief unser Zeitmanagement also ziemlich gut, denke ich.

Welchen Platz haben Sie belegt?

Marc: Den 56. Platz, wenn mich nicht alles täuscht. Aber ganz ehrlich: Wer als erstes ankommt, hat etwas verkehrt gemacht. Wir waren eher immer der Meinung, dass der Weg das Ziel ist.

Wie kann man sich denn den typischen Tagesablauf während der Rallye vorstellen?

Laura: Natürlich ist man sehr viel auf der Straße. Es gab eigentlich kaum einen Tag, an dem wir weniger als 10 Stunden im Auto saßen.Gerade gegen Ende, als uns die Zeit etwas im Nacken saß, sind wir immer möglichst früh aufgestanden; und haben oft auch mal nichts gegessen.

Marc: Ja, wirklich touristisch waren wir nicht unterwegs — mal abgesehen davon, dass der Tourismus in den Orten unserer Tour eh nicht so stark ausgeprägt war. In Usbekistan haben wir uns allerdings Buchara und Samarkand angeschaut, das war ziemlich schön. Tatsächlich ist aber eher die Landschaft das Interessante, und die kann man auch wunderbar im Auto genießen.

Gab es so etwas wie eine feste Rollenverteilung?

Russisch hilft auch beim Kartenlesen.
Laura Kurzer & Marc Bellman
Laura Kurzer unterstützt eine Gruppe befreundeter Teilnehmer mit ihren Russischkenntnissen bei der Wegfindung.
Laura: Marc ist auf jeden Fall öfter gefahren als ich; gerade bei den teilweise doch recht holprigen und schlechten Straßen, die wir erlebt haben. Außerdem hat er sich größtenteils um die Organisation im Vorfeld gekümmert. Ich war dann eher für die Navigation per Karte und GPS und vor allem die Kommunikation mit den Einheimischen und die Übersetzungen — Schulrussisch sei Dank — zuständig.

Marc: Ja, das hat uns wirklich geholfen, zumal fast alle Straßen und Städte auf Russisch ausgeschildert sind. Viele der anderen Teilnehmer haben sich europäische Karten gekauft und konnten die darauf verzeichneten Städte nicht den russischen Namen zuordnen. Das Problem hatten wir zum Glück nicht.

Die Strecke und auch die Fahrzeit waren sehr lang. Wurden Ihnen unterwegs auch mal langweilig?

Marc: Die Straßen sind oft so marode, dass einem gar nicht langweilig werden kann. Zum einen wird man eh die ganze Zeit durchgeschüttelt, zum anderen muss man ständig irgendwelchen Löchern in der Fahrbahn ausweichen. Fast wie ein Computerspiel. Und wenn man ein Schlagloch trifft, heißt es: Game Over.

Flüsse überqueren gehört zur Mongol Ralley.
Laura Kurzer & Marc Bellman
Auch da muss man durch: Eine der vielen, gar nicht so ungefährlichen, Flussüberquerungen.
Laura: In Europa waren die Straßen größtenteils noch in Ordnung, da haben wir dann sogar mal ein paar Hörbücher gehört, wenn wir die Möglichkeit hatten. Aber wirklich langweilig ist uns dann später eigentlich nie geworden. Es war allerdings manchmal schade, dass man sich in solchen Fällen so auf die Straße konzentrieren musste und nicht die schöne Natur genießen konnte.

Haben Sie unterwegs etwas besonders vermisst?

Laura: Ja, ganz einfache Sachen. Als wir am Ende in Ulan Bator angekommen sind, war es schön, mal wieder regelmäßig und warm duschen zu können und in einem weichen Bett zu schlafen.

Marc: Es klingt zwar doof, aber wir haben uns in jeder größeren Stadt gefreut, auch mal bei McDonalds essen zu können.

Was würden Sie sagen, war Ihre schönste Erfahrung?

Laura: Ich fand den Kontakt zu den Menschen am Schönsten – auch wenn er nicht sehr intensiv war. Die meisten waren äußerst hilfsbereit und freundlich und haben versucht, uns zu helfen, wo sie nur konnten. Und das gilt für alle Länder — egal ob in Russland oder in Tadschikistan.

Auf der Rally trifft man viele einheimische Familien; Tajikistan.
Laura Kurzer & Marc Bellman
Laura, zusammen mit einem tadjikischen Vater und seinem Sohn, kurz vor Dushanbe.
Marc: Egal in welcher Stadt man unterwegs war, man war auf jeden Fall der Mittelpunkt des Geschehens. Das lag wahrscheinlich an unseren bunt beklebten Rallye-Autos und den fremden Kennzeichen.

Welches Land oder welche Region hat Ihnen am besten gefallen?

Laura: Also von den Städten her definitiv Samarkand und Buchara in Usbekistan. Die sind beide wunderschön und so wie man sich orientalische Städte an der Seidenstraße vorstellt — wunderbare Architektur, viele Moscheen, eine ganz besondere Kultur. Viele russische Großstädte sind da eher grau und trist. 

Marc: Ich fand die verschiedenen Landschaften fast immer interessanter als die Städte. Da sind mir besonders Kirgisistan und das Pamir-Gebirge in Erinnerung geblieben, genau wie die Karakum-Wüste in Turkmenistan und Usbekistan. Das sind wirklich atemberaubende Landstriche.

Sie haben scheinbar nicht bereut, dabei gewesen zu sein?

Marc: Absolut nicht. Die ganze Rallye ist ein wunderbares Abenteuer, auch wenn man natürlich viel fährt. So viel wie wir teilweise an einem Tag erlebt haben, hätten wir in Deutschland sonst wahrscheinlich nicht mal in einem Jahr gesehen.

Angekommen im Ziel: Ulaanbataar, nach 5 Wochen.
Laura Kurzer & Marc Bellman
Marc und Laura sind nach fünf Wochen glücklich am Ziel angekommen, Ulaanbataar, Hauptstadt der Mongolei.
Laura: Der Vorteil bei einer Rallye ist auch, dass man nie allein ist. Man kommt in Kontakt mit Fahrern aus aller Welt; fährt mal eine Woche mit dem Team, in der nächsten mit einer anderen Gruppe. Jeder hilft sich, wo er nur kann. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl existiert nicht, wenn man so eine Reise auf eigene Faust angeht.

Und welches Abenteuer steht als Nächstes an?

Marc: Dieses Jahr gehen wir es etwas ruhiger an und fahren zum Nordkap in Norwegen. Natürlich wieder mit dem Auto — sonst wäre es wohl etwas zu langweilig.

Die Mongol Rally feiert 2014 ihr 11-jähriges Bestehen und beginnt für etwa 250 neue Abenteurer am 9. Juli 2014 südlich von London.

Das Online-Tagebuch der zwei Teilnehmer finden Sie hier: http://saxolia.de/de.

 

Autor

Christoph Pöthke