Israel Geheimtipp: Street Art Kunst in Tel Aviv

Guy Sharett führt Einheimische und Touristen dorthin, wo sie seiner Meinung nach mehr über Israel lernen können als in jedem Museum: in die kleinen Gassen von Florentin. Hier übersetzt er hebräische Graffiti, bringt seine Gruppen ins Gespräch mit den Einheimischen und lehrt sie so sein "Street Wise Hebrew" – Hebräisch für den Alltag.

MERIAN.de: Herr Sharett, Sie führen Touristen durch die Straßen von Tel Aviv und zeigen ihnen dort Graffitis an den Hauswänden – warum?
Straßenkunst ist ein Einblick in die Gegenwart unseres Landes. Auf meinen Touren lernen Besucher oft mehr über die israelische Kultur, Sprache, Politik, Geschichte und Gegenwart als in vielen Museen oder Reiseführern.


Dank der Graffiti-Künstler?

Auch, aber nicht nur. Ich führe meine Gruppen nicht nur zu den Graffitis oder zu anderen künstlerischen Installationen an der Straße. Ich zeige ihnen unsere Kultur, wie sie uns auf den Straßen begegnet – die Bilder, aber auch die Menschen, mit denen wir ins Gespräch kommen. Und sogar Kanaldeckel.

Kanaldeckel?

Dietmar Telser
 
Ja, wir standen auch schon vor einem Deckel von 1935 und einem von heute. Gerade an Alltagsgegenständen lernt man viel darüber, wie sich das Leben in einer Stadt im Laufe der Zeit verändert hat.

Ist Straßenkunst, gerade Graffitis, in Israel eigentlich erlaubt?
Dietmar Telser
 
Jein. Offiziell ist sie illegal, aber gerade in Tel Aviv drücken die Behörden beide Augen zu, solange die Sprayer nachts ihre Werke an die Hauswände sprühen. Schließlich gibt es zwar auch in vielen Straßen von Jerusalem oder Haifa reichlich Graffitis, in Tel Aviv aber sind sie längst zum Markenzeichen geworden.

Haben Sie eine Lieblingstour durch Tel Aviv?
Dietmar Telser
 
Am liebsten gehe ich durch meinen Lieblingsstadtteil Florentin, vor allem durch die Abarbanel Straße. Hier gibt es besonders viel zu schauen, an Graffitis, aber auch an Beispielen dafür, wie stark sich Tel Aviv verändert. In Florentin sieht man einerseits noch die alteingesessenen Handwerker mit ihren Werkstätten, andererseits aber auch Bars, Klamottenläden, Künstler – Zeichen der Gentrifizierung.

Ihre Touren sind also durchaus auch politisch gefärbt.
Dietmar Telser
 
So kam ich überhaupt erst auf die Idee: Im Jahr 2011 demonstrierten in Tel Aviv mehrere tausend vor allem junge Menschen gegen die steigenden Mietpreise und die hohen Lebenshaltungskosten. Ich beobachtete, dass viele meiner ausländischen Studenten die Banner und Schilder auf Hebräisch gar nicht lesen konnten und nicht verstanden, warum die Menschen auf die Straße gingen. Damals habe ich auf Facebook eine Tour zum Rothschild Boulevard angeboten, wo ich gemeinsam mit den Studenten die Schilder anschaute, sie übersetzte und erklärte. Wir sprachen darüber, wer diese Protest-Texte geschrieben hat und warum. Dabei wurde mir klar, wie viel besser Menschen eine Sprache außerhalb des Klassenzimmers oder Seminarraums lernen. Seitdem biete ich diese Touren an. Neben der Graffiti-Tour durch Florentin unterrichte ich auch Hebräisch im Hafen von Jaffa, wo wir mit den alten Fischern ins Gespräch kommen. Oder auf dem Lewinski-Gewürzmarkt, wo meine Schüler sich mit den Olivenhändlern unterhalten.

Das ist ein ziemlich ungewöhnlicher Sprachunterricht.
Mir liegt er eigentlich im Blut: Meine Mutter war Künstlerin, mein Vater fuhr zur See, ich bin Linguist – bei meinen Touren vermischen sich Kunst, Sprache und das Alltagsleben der normalen Menschen. Von vielen Besuchern bekomme ich später Mails, in denen sie schreiben: »Ich werde die Straßen von nun an mit anderen Augen sehen.« Ein schöneres Kompliment könnte ich mir nicht vorstellen.

Mehr Infos unter http://streetwisehebrew.com

Autor

Inka Schmeling