Israel Ostern in Jerusalem

Jesu in Jerusalem

Fast jeder kennt die Geschichte von der Kreuzigung und Auferstehung Jesu - in Jerusalem können die Orte, an denen die Ostergeschichte spielt, besucht werden. Für deutsche Besucher ist die Erlöserkirche im Zentrum der Jerusalemer Altstadt ein guter Anlaufpunkt. Hier gibt es deutschsprachige Informationen und Gottesdienste. Auch der Palmsonntag wird hier traditionell mit einem deutschsprachigen Gottesdienst gefeiert. Gegen Mittag versammeln sich Gläubige und Neugierige dann auf dem Ölberg. Kleine arabische Jungen rennen zwischen den Menschen umher und preisen ihre Palmwedel an: "Ein Schekel bitte, ein Dollar!" In der Ostergeschichte haben die Bewohner Jerusalems Jesus am Sonntag vor seiner Kreuzigung mit Palmblättern zugejubelt und ihn begeistert in der Stadt empfangen.

In Erinnerung an diese Geschichte ziehen am Nachmittag Hunderte Menschen den Ölberg hinunter in die Altstadt. Franziskanische Mönche mit braunen Kutten und weißen Kordeln um die Hüfte folgen arabischen Pfadfinderinnen in grauen Uniformen, ein Schulorchester spielt Blasmusik. Am Straßenrand fotografieren die Touristen und begleiten die bunte Prozession durch die laue israelische Frühlingsluft hinunter in die Stadt. Wer einen Moment innehält, kann die wunderbare Aussicht auf die Häuser in der Tiefe genießen, aus deren Mitte die goldene Kuppel des Felsendoms emporragt. Dort zwängen sich schon die Massen durch die engen Gassen, Verkäufer verfolgen das Spektakel von den Türen ihrer Geschäfte aus, lachen mit den Feiernden und versuchen, manchen Besucher noch schnell in ihren Laden zu locken.

Nicht weit außerhalb der Jerusalemer Altstadt erhebt sich der Zionsberg. Nach der christlichen Tradition haben hier die ersten Christen gelebt. Im fünften Jahrhundert stand hier die Zionkirche, heute erhebt sich auf dem Hügel die Dormitio-Kirche. An diesem Ort soll Maria im Kreis der Jünger Jesu gestorben sein. Auf dem Gelände befindet sich auch das Grab Davids und der Saal, in dem Jesus mit seinen Jüngern das letzte Abendmahl feierte. Dieser karge Raum mit seinem gotischen Rippengewölbe erinnert besonders am Gründonnerstag an den Abend vor der Kreuzigung. Der Überlieferung nach teilte Jesus hier Brot und Wein und nutzte sie als Gleichnis für seinen Tod und seine Auferstehung.

Der Ölberg in Jerusalem mit dem jüdischen Friedhof
Walter Schmitz
Die Gräber des jüdischen Friedhofs am Ölberg.
Laut der Ostergeschichte ging Jesus nach dem Abendmahl in den Garten Gethsemane, um zu beten. Der Garten liegt noch immer am Fuße des Ölbergs außerhalb der Altstadt. In einem kleinen Park aus Olivenbäumen erinnert eine steinerne Tafel mit einem weinenden Jesus an seine Gebete und seine Todesangst vor der Kreuzigung. Wegen dieser Momente heißt die Kirche im Garten Gethsemane auch Todesangstbasilika. An ihrem Bau beteiligten sich viele verschiedene Länder, weswegen sie auch "Kirche der Nationen" genannt wird. Im Inneren ist es düster, das Gemurmel der Besucher liegt in der Luft, die Stimmung ist gedrückt und passt zum Namen des Bauwerks. Am frühen Morgen des Freitags, der als Karfreitag in die christliche Tradition eingehen sollte, wurde Jesus von römischen Soldaten im Garten Gethsemane gefangen genommen und abgeführt. Seinem Leidensweg durch die Altstadt folgt heute die Via Dolorosa. Jeden Freitag ziehen Gruppen von Gläubigen durch die engen Gassen, über glatte Stufen und behauene Steine, und machen Halt an den Orten, an denen Jesus verhört und gefoltert wurde, an denen er sein Kreuz verlor, strauchelte und Hilfe von seinen Anhängern bekam.

Gläubiger mit einem Holzkreuz auf dem Weg zum Gottesdienst.
Walter Schmitz
Nicht nur zur Osterzeit sieht man Gläubige mit Kreuzen.
Dieser allwöchentliche Anblick ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was am Karfreitag in der Altstadt geschieht. In der Via Dolorosa und den umliegenden Gassen ist an diesem Tag kein Durchkommen mehr. Singende, betende und klagende Gläubige ziehen durch die Altstadt, große Holzkreuze schaukeln über den Köpfen der Menschen - beim Tragen der Kreuze wechseln sich die Gläubigen ab. Und auch hier drängen sich wieder Tausende "Zaungäste" an den Wänden der Häuser und den Eingängen zu Geschäften und Cafés. Etwas Ruhe finden Besucher am Nachmittag in der Erlöserkirche, wo um 15 Uhr die Andacht zur Todesstunde gefeiert wird. Denn um diese Zeit soll Jesus auf dem Hügel von Golgatha gekreuzigt worden sein.

Christen aus aller Welt verneigen sich ehrfürchtig vor dem Grab

Wo dieser Hügel genau ist, da sind sich die Christen der Welt nicht einig. Die meisten vermuten den Ort der Kreuzigung dort, wo sich heute die Grabeskirche über die flachen Dächer der Altstadt erhebt. Im Zentrum der Kirche führen ein paar Stufen in eine kleine düstere Kapelle hinunter zu einem flachen Stein, auf dem der Leichnam Jesu gebettet wurde. Christen aus aller Welt verneigen sich wenige Sekunden lang ehrfürchtig vor dem Grab, bis sie der diensthabende Priester wieder weiter schickt. Um dieses Grab Jesu zu sehen, müssen die Besucher oft eine halbe Stunde oder länger vor der kleinen Kapelle anstehen, eingehüllt in Weihrauch und schummriges Licht, das aus den hohen Fenstern der Kirche fällt.

Die Grabeskirche in Jerusalem. Hier soll Jesu gestorben sein.
Walter Schmitz
Die Grabeskirche in Jerusalem: Eine Pilgerin küsst die Stelle, an der Jesu gestorben sein soll.
Ruhiger und andächtiger ist es da an einem Ort vor den Mauern der Altstadt, nördlich des Damaskus-Tors. Besonders protestantische und anglikanische Christen vermuten hier das Grab Jesu und den Berg von Golgatha. Das Gartengrab ist von einem Park umgeben, den englische Christen liebevoll pflegen. Es ist ein Ort der Ruhe mitten in der hektischen Stadt. Hier zwitschern Vögel, hier duftet der Jasmin und Gläubige singen ihre Lieder im Schatten der Bäume. Am Rande des Parks erhebt sich ein Felsen, in den Wind und Wetter kreisrunde Öffnungen gefressen haben. Aus einem bestimmten Winkel sieht der Felsen aus wie ein Totenschädel. Für viele Gläubige der Beleg dafür, dass mit diesem Felsen Golgatha - die "Schädelstätte" - gemeint ist.

Jeder Gläubige hat unbegrenzt Zeit, sich seinen Gedanken hinzugeben

Am Fuße des Felsens, wenige Meter unter dem Aussichtspunkt im Park, heulen die Motoren von Bussen im zentralen arabischen Busbahnhof. Das Gedröhne der Busse und die Rufe der Menschen scheinen augenblicklich zu verstummen, sobald man sich umdreht und wieder in das Grün des Gartens eintaucht. Fast schon unscheinbar öffnet sich am Rande des Gartens in einer Felswand der Eingang zu einem antiken Grab. Nach anglikanischer und protestantischer Vorstellung ist dies der Ort, an dem Jesu Leichnam bis zu seiner Auferstehung drei Tage später ruhte. Anders als in der Grabeskirche hat hier jeder Gläubige unbegrenzt Zeit, um sich seinen Gedanken hinzugeben. Und oft kommt es vor, dass man in dem kleinen Raum mit den Felswänden und den Steinsärgen alleine ist.

Für manche Christen ist der Karfreitag der Höhepunkt des Osterfestes, für andere ist es der Ostersonntag, der Tag der Auferstehung. Noch vor der ersten Dämmerung lädt die deutsche evangelische Gemeinde von Jerusalem zum Ostergottesdienst in den Garten des Deutschen Evangelischen Instituts auf dem Ölberg. Von hier geht der Blick weit nach Osten, bei gutem Wetter sogar über den Jordangraben bis nach Jordanien. Doch wenn der Gottesdienst beginnt, liegt noch Dunkelheit über dem Ölberg. Bald darauf wird das Dunkel von warmem Licht durchbrochen, jeder Besucher bekommt eine Kerze, die den Neubeginn und die Auferstehung symbolisiert.

Dann färbt sich der Horizont grau, wechselt zu blassem Hellblau um schließlich in gelben und roten Tönen aufzuflammen, wenn sich die Sonne langsam über den Horizont schiebt. Es gibt kaum einen besseren Ort, um den Ostersonntag einzuläuten. Bis der Gottesdienst zu Ende ist, ist die letzte Kälte der Nacht schon aus den Gliedern gewichen, und die Sonne verspricht die Wärme des Tages. Noch ein letzter Blick auf den Dunst, der sich im Jordangraben verliert, und auf das leichte Funkeln, dass das Tote Meer in der Ferne verrät. Dann laden die kleinen Cafés der Altstadt noch einmal zum Verschnaufen und Luftholen ein. Um diese Zeit öffnen die Geschäfte langsam, die meisten Touristen sitzen noch beim Frühstück in ihren Hotels und es liegt eine Ruhe über der Stadt, die bald dem Trubel des Tages weichen wird.

Autor

Anja Reumschüssel