Indien

Wissenswertes über Indien

Natur und Klima:

Nach seiner Fläche ist Indien das siebtgrößte Land der Erde und nimmt den größten Teil des südasiatischen Subkontinents ein. Seine Landesnatur ist von starken Gegensätzen geprägt: Vergletscherte Gebirgsregionen finden sich ebenso wie feuchtheiße Schwemmlandebenen, tropische Regenwälder und Wüsten. Durch seine Lage an der Grenze von zwei aufeinander zudriftenden Kontinentalplatten wird Indien häufig von schweren Erdbeben heimgesucht. Das im Osten vom Golf von Bengalen und im Westen vom Arabischen Meer umspülte Land gliedert sich in drei Großlandschaften: das Dekanhochland, das Ganges- und Brahmaputra-Tiefland sowie den Himalaya.

Dekanhochland und Ghats:

Das Dekanhochland nimmt die Hälfte der indischen Halbinsel ein. Die alte, nach Osten abfallende Grundgebirgsscholle besteht aus weiten Hochebenen, über die sich Mittelgebirge wie das Satpuragebirge, die Vindhyakette und das Bergland von Chota Nagpur erheben. Teils mächtige Ströme wie der Mahanadi und der Godavari zerschneiden das von einer Kurzgrassavanne eingenommene Hochland. An seinen östlichen und westlichen Rändern wölbt sich das Dekanhochland schüsselartig zu den Ghats auf.

Die durchschnittlich 1000 bis 1500 Meter hohen Westghats nehmen nach Süden an Höhe zu (im Anai Mudi 2695 m) und fallen steil zur Malabarküste ab. Dagegen erreichen die Ostghats nur eine durchschnittliche Höhe von 600 Metern (im Devodi Munda 1680 Meter). Beide Ghats gehen in überwiegend ungegliederte Küsten über, die als schmale, flache Tieflandstreifen häufig von Lagunen gesäumt werden.

Tiefland von Ganges und Brahmaputra:

Die nordindische Schwemmlandebene, die über ein Drittel der Staatsfläche einnimmt, trennt das Dekanhochland im Süden vom Himalaya im Norden. Die beiden mächtigen Ströme Ganges und Brahmaputra sowie ihre zahlreichen Nebenflüsse entwässern das Gebiet, überfluten es aber auch häufig. Die Flussebene zählt mit ihrer dichten Bevölkerung und intensiven Landwirtschaft zu den Kernräumen Indiens. Die ursprünglichen Monsunwälder mussten den Acker- und Siedlungsflächen weichen. Der indische Anteil am Pandschab im Nordwesten Indiens sowie die sich südlich anschließende Wüste Thar gehören bereits zum Industiefland.

Himalaya:

Die mächtige Barriere des Himalaya, eines jungen Faltengebirges mit breiten Tälern und Senken, grenzt Indien gegen Zentralasien ab. Im äußersten Nordwesten schließt sich jenseits des Industals das Hochgebirge des Karakorum an. Der indische Anteil am Himalaya umfasst den Kaschmir und den Kumaun-Himalaya, dessen höchster Gipfel der Nanda Devi (7817 Meter) ist. Im Nordosten erhebt sich im Assam-Himalaya der 8586 Meter hohe Kangchenjunga; der dritthöchste Berg der Erde liegt teilweise auch auf nepalesischem Staatsgebiet. Dem vergletscherten Hochgebirge vorgelagert ist die Siwalikkette. Dank der hohen Niederschläge gedeihen an den Südhängen des Himalayas tropische Regenwälder, die mit der Höhe in Laub- und Nadelwälder übergehen.

Monsunklima:

Der Großteil des Landes steht unter dem Einfluss des Monsuns, der als Südwestwind von April bis Oktober weht und den Hauptteil der jährlichen Niederschläge bringt. Von November bis März streichen dagegen kühle und trockene Nordostwinde über den Subkontinent.

Die sommerlichen Monsunwinde nehmen ihre feuchte Fracht über dem Indischen Ozean auf und bringen vor allem den Westghats und Assam extrem hohe Niederschläge, die tropische Regenwälder und Teeanpflanzungen gedeihen lassen. Auch das Ganges-Brahmaputra-Tiefland erhält Niederschläge bis 2000 mm im Jahr. Allerdings schwankt die Ergiebigkeit der Niederschläge so stark, dass es sowohl zu Überschwemmungen als auch zu Dürren kommen kann. Im Hochland von Dekan fallen lediglich 500 bis 1000 mm Niederschlag. Der Nordwesten Indiens ist mit weniger als 100 mm Jahresniederschlag außerordentlich trocken und lässt nur Halbwüstenvegetation mit Dornbüschen zu.

Die außerhalb des Himalayas herrschenden tropischen Temperaturen erreichen Jahresdurchschnittswerte von 25 Grad. Die heißeste Zeit mit 29 bis 34 Grad fällt in die Monate vor dem Monsunregen. Im Winter besteht zwischen Süden und Norden ein deutliches Temperaturgefälle: Während es im Süden 26 Grad warm wird, erreichen die Temperaturen im Norden nur 14 Grad. Das subtropische Himalaya-Klima zeigt starke jahreszeitliche Temperaturunterschiede, außerdem nehmen mit der Höhe die Temperaturen ab. Im Golf von Bengalen treten häufig tropische Wirbelstürme auf, die große Schäden anrichten können.

Bevölkerung

In Indien leben 17 Prozent der Menschheit; im Mai 2000 wurde die Milliardengrenze überschritten. Die Zuwachsrate ist zwar seit 1990 gesunken, doch nimmt die Bevölkerung weiterhin um rund 15 Millionen Menschen im Jahr zu. Die seit den siebziger Jahren durchgeführten staatlichen Familienplanungsprogramme hatten nur teilweise Erfolg, denn nach wie vor bedeuten männliche Nachkommen die Absicherung für das Alter.

Indien gehört zu den am dichtesten besiedelten Flächenstaaten der Erde; Westbengalen steht mit mehr als 900 Einwohnern pro Quadratkilomter an der Spitze der Bundesstaaten. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung leben auf dem Land, viele in ärmlichsten Verhältnissen. Von den 27 Millionenstädten ist die Hauptstadt Mumbai mit mehr als zehn Millionen Einwohnern die größte. Zahlreiche Landbewohner zieht es in die Ballungsgebiete, die meisten enden in einem der ungezählten Slums.

Völker- und Sprachenvielfalt:

Indien ist ein Vielvölkerstaat. Im Norden dominieren indoarische Völker, zu denen auch die Bengalen zählen. Im Süden leben überwiegend Dravida-Völker (unter anderem Tamilen, Telugu). Verschiedene tibetobirmanische und sinotibetische Bevölkerungsminderheiten haben ihre Heimat in den Bergregionen und der Peripherie. Außer Hindi und Englisch werden Dutzende weitere Sprachen gesprochen, 21 von ihnen sind amtlich anerkannt.

Zwischen Hindus (81 Prozentder Bevölkerung) und Muslimen (13 Prozent) gibt es immer wieder Konflikte. Ferner leben noch Minderheiten von Christen, Sikhs, Buddhisten, Jainas, Parsen unter anderem in Indien. Besonders in Kaschmir, im Pandschab und im Nordosten kämpfen Separatisten für die Unabhängigkeit ihrer Region.

Das Kastenwesen, offiziell seit der Unabhängigkeit 1947 abgeschafft, polarisiert die hinduistisch dominierte Gesellschaft bis heute, da die mit der Geburt festgelegte Zugehörigkeit sämtliche sozialen Aspekte "vorherbestimmt". Das überkommene hierarchische System beginnt an der Spitze bei den Brahmanen und endet ganz unten mit den "Unberührbaren" (Parias). Mit verschiedenen Maßnahmen wie Quotenregelungen im öffentlichen Dienst zugunsten der niederen Kasten versucht der Staat gesellschaftliche Benachteiligungen aufzufangen.

Bildung:

Das Schulwesen, das sich auch nach der indischen Unabhängigkeit weitgehend an britischen Vorbildern orientierte, liegt hauptsächlich in der Verantwortung der Bundesstaaten, die Zentralregierung gibt nur die Leitlinien der Bildungspolitik vor. Die allgemeine Schulpflicht von acht Jahren (ab dem sechsten Lebensjahr) wurde in vielen Bundesstaaten auf zehn Jahre ausgedehnt. Im Allgemeinen gliedert sich das Schulsystem in einen zweistufigen Primarbereich, der eine fünfjährige Grundschule und eine dreijährige Mittelschule umfasst. Ihr schließt sich die auf die Hochschule vorbereitende dreijährige Sekundarschule an. Unterrichtssprache in der Grundschule ist die jeweilige Regionalsprache, in der Sekundarstufe und an den Hochschulen wird zudem in Englisch und Hindi unterrichtet.

Zu den knapp 300 Universitäten zählen auch mehrere Elite-Hochschulen. Die Bildungsqualität ist infolge unzulänglicher Lehrerausbildung sowie der mangelhaften finanziellen und materiellen Ausstattung der Schulen vielfach niedrig. Immer noch können über ein Drittel der Inder weder lesen noch schreiben, besonders hoch ist die Analphabetenrate auf dem Land und bei den "Unberührbaren".

Staat und Politik

Gemäß der mehrfach revidierten Verfassung von 1950 ist Indien ein parlamentarische bundesstaatliche Republik. Der Staatspräsident wird für eine Amtszeit von fünf Jahren (Wiederwahl möglich) von einem Gremium gewählt, das sich aus den Mitgliedern beider Häuser des Parlaments und den Mitgliedern der Landesparlamente zusammensetzt. Der vom Präsidenten ernannte Premierminister leitet die Unionsregierung, die dem Parlament verantwortlich ist. Das Parlament besteht aus zwei Kammern, dem Unterhaus (Haus des Volkes) mit 545 Abgeordneten, die - bis auf zwei vom Präsidenten ernannte - für fünf Jahre direkt gewählt werden, und dem Oberhaus (Rat der Staaten) mit 245 Mitgliedern, die - bis auf zwölf ernannte - von den Parlamenten der Gliedstaaten für sechs Jahre gewählt werden.

Wichtige Parteien sind der Indische Nationalkongress (Indian National Congress, INC), stärkste Kraft im Bündnis United Progressive Alliance (UPA), die Bharatiya Janata Party (BJP), die eine hinduistisch-nationalistische Position vertritt, die linke Samajwadi Party (SP), die Bahujan Samaj Party (BSP) als Interessenvertretung der Unberührbaren, die Draviden-Partei Dravida Munnetra Kazhagam (DMK) sowie die Communist Party of India (CPI). Höchste Instanz der Rechtsprechung ist der Oberste Gerichtshof (Supreme Court).

Indien gliedert sich in 28 Staaten (einschließlich Sikkim ) mit eigenen Parlamenten und Regierungen und sieben zentral verwaltete Unionsterritorien.

Wirtschaft und Verkehr

Seit sich die Wirtschaft Anfang der neunziger Jahre dem Weltmarkt geöffnet hat und zahlreiche Unternehmen privatisiert wurden, weist Indien reale Wachstumsraten von mehr als sieben Prozent auf. Indien ist neben China das Land mit dem weltweit stärksten Wirtschaftswachstum. Dennoch gehört Indien bis heute zu den Entwicklungsländern. Das hohe Defizit des Staatshaushalts und die starke Einflussnahme des Staates auf die Wirtschaft sowie die enormen räumlichen Disparitäten, insbesondere das Stadt-Land-Gefälle, kennzeichnen die wichtigsten Problemfelder.

Bedeutende Landwirtschaft:

Mehr als die Hälfte der Staatsfläche wird landwirtschaftlich genutzt, der größte Teil ist Ackerland. Drei Viertel der Betriebe liegen mit ihrer Größe von weniger als drei Hektar unterhalb der Rentabilitätsgrenze. Mit finanzieller Unterstützung aus dem Ausland forciert der Staat die als "Grüne Revolution" bezeichnete Modernisierung der Landwirtschaft. Durch Mechanisierung, Einführung von Hochertragssorten, vermehrten Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie die Ausweitung von künstlich bewässerten Flächen wird versucht, die landwirtschaftliche Produktivität zu steigern. Der Bewässerungsfeldbau lässt nicht nur einen Ackerbau jenseits der Trockengrenze zu, sondern macht auch eine zwei- bis dreimalige Ernte pro Jahr möglich, indem Teile der ergiebigen Monsunniederschläge durch Speicherung auch für die Trockenzeit verfügbar gemacht werden.

Hauptanbauprodukte sind die Grundnahrungsmittel Reis, Hirse und Weizen. Auch der Anbau von Zuckerrohr und Sesam, Erdnüssen sowie weiteren Getreide- und verschiedenen Gemüse- und Obstsorten dient überwiegend der nationalen Versorgung. Doch längst wird nicht nur für den heimischen Markt produziert; 13 Prozent der Ausfuhren stammen aus der Agrarwirtschaft: Indien ist der größte Teelieferant der Welt und exportiert außerdem Baumwolle, Jute, Kaffee, Kokosprodukte und Pfeffer.

Die Viehwirtschaft ist aus religiösen Gründen kaum entwickelt; sie dient vor allem der Milchgewinnung und der Zucht von Arbeitstieren.

Bodenschätze und Energie:

Indien verfügt über reiche Rohstoffvorkommen und fördert vor allem Eisenerze, Kohle, Erdöl und Bauxit sowie Mangan (größter Produzent der Erde). Mittlerweile deckt das Land über ein Drittel seines Erdölbedarfs aus eigener Förderung. Die Stein- und Braunkohlevorkommen werden zu über zwei Dritteln für die Stromerzeugung genutzt. Auch die Wasserkraft und Kernenergie (14 Kernkraftwerke) sind für die Energieerzeugung bedeutsam, doch sind bis heute weite Gebiete nicht an das Elektrizitätsnetz angeschlossen.

Vielfältige Industrie:

Der Industriesektor wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut. In der Bio- und Informationstechnologie hat Indien mittlerweile die Weltspitze erklommen, ebenso im Pharmabereich und der Weltraumforschung. Zu den Wachstumsbranchen zählt auch die Automobilindustrie. Daneben haben die Eisen- und Stahlindustrie, der Maschinenbau und die chemische Industrie Bedeutung. Zentren der Textilindustrie (Jute, Baumwolle), die sich schon während der britischen Kolonialzeit entwickelt hat, sind Mumbai und Ahmadabad, aber auch zahlreiche Heimbetriebe sind in dieser Branche tätig. Zusammen mit dem Kunsthandwerk, das Gold- und Silberarbeiten für den Export herstellt, bilden diese "Cottage Industries" eine wichtige Einnahmequelle der Landbevölkerung.

Dienstleistungssektor, Handel und Tourismus:

Der Dienstleistungsbereich ist noch vor der Industrie Träger des indischen Wirtschaftswachstums. Von besonderer Bedeutung sind hier medizinische Dienste, die vom Aufschwung der Biotechnologie profitieren, und Kommunikationsdienstleistungen (einschließlich Medienwirtschaft). Ein wichtiger und traditionsreicher Wirtschaftszweig ist die Filmbranche mit Schwerpunkt in Mumbai, dem zugleich wichtigsten Wirtschaftszentrum Indiens - in "Bollywood" werden mehr Filme produziert als in Hollywood.

Durch die zunehmende Integration in den Weltmarkt hat sich das Außenhandelsvolumen in einem Zeitraum von fünf Jahren mehr als verdoppelt. Der Außenhandel unterliegt jedoch noch immer einer strengen staatlichen Kontrolle. Die seit Jahren negative Handelsbilanz hat zu einer relativ hohen Staatsverschuldung geführt, die durch ausländische Investoren aufgefangen werden soll.

Jährlich besuchen etwa drei Millionen ausländische Touristen Indien; beliebt sind Kultur- und Bildungsreisen, Badetourismus, Trekking und Natursafaris. Zu den meistbesuchten Zielen zählen das Mausoleum Taj Mahal in Agra, die islamische Befestigungsanlage "Rotes Fort" in Delhi, die heilige Stadt Varanasi (Benares) am Ganges sowie hinduistische Tempelanlagen. Mehr als 20 Kulturstätten, fünf Nationalparks und ein Wildschutzgebiet stehen auf der Unesco-Welterbeliste.

Das Straßennetz verbindet alle großen Städte und ist seit den siebziger Jahren zum wichtigsten Verkehrsträger geworden. Allerdings ist es nur zur Hälfte befestigt. Bedeutsam ist auch das Eisenbahnnetz zwischen den Industriegebieten, den urbanen Ballungsräumen und den Seehäfen. In Anbetracht der großen Entfernungen innerhalb des Landes hat der Inlandsluftverkehr besonderes Gewicht.

Geschichte

Von der Induskultur zum Mogulreich:

Die Induskultur gehört mit ihren Zentren Mohenjo-Daro und Harappa zu den frühesten Hochkulturen der Menschheit. Um 1500 v. Chr. begannen kriegerische arische Nomadenvölker in Nordwest-Indien einzufallen und drangen durch den Pandschab (um 1000 v. Chr.) bis in das Gangesgebiet (um 600 v. Chr.) vor. Die Gesellschaftsordnung der Arier bildete die Grundlage des indischen Kastensystems, ihre in den Veden niedergelegte Religion führte zur Ausbildung des Brahmanismus. Im 6. Jahrhundert v. Chr. entstanden daneben der Buddhismus und der Jinismus.

Im Anschluss an den Indien-Feldzug Alexanders des Großen entwickelte sich unter der Maurya-Dynastie (seit 322 v. Chr.) das erste indische Großreich, das unter König Ashoka um 250 v. Chr. seine größte Ausdehnung erreichte. Nach einer Epoche des Zerfalls und der Invasionen erlebte Indien unter der Dynastie der Gupta (seit 320 n. Chr.) eine Blütezeit, doch wurde das Reich um 500 von den Hunnen vernichtet.

Im 8. Jahrhundert setzte mit dem Andrängen der Araber im Norden und Westen die Islamisierung ein, die mit der Gründung des Sultanats von Delhi (1206) ihren Höhepunkt erreichte. Mit dem Niedergang des Sultanats, der durch den mongolischen Einfall unter Timur 1398 beschleunigt wurde, stieg im 14. Jahrhundert im Süden das Reich Vijayanagar auf.

1526 gelang Babur, einem Nachfahren Timurs, die Gründung des Mogulreichs. Es erreichte unter Akbar (1556-1605) seine kulturelle Hochblüte. Der Mogulherrscher Aurangseb (1658-1707) beherrschte fast den ganzen indischen Subkontinent, danach setzte der Machtzerfall ein.

Von der Kolonialzeit zur Unabhängigkeit: Bertelsmann Lexikon Verlag, GüteSeit der Landung Vasco da Gamas 1498 betrieben die Europäer direkten Seehandel mit Indien. 1600 wurde die englische Ostindienkompanie gegründet. Aus den Auseinandersetzungen der europäischen Mächte um die Vormachtstellung in Indien gingen schließlich die Briten als Sieger hervor. Nach der Niederschlagung eines großen Aufstands gewann Großbritannien 1858 offiziell die Souveränität über das Mogulreich, 1876 nahm Königin Viktoria den Titel "Kaiserin von Indien" an.

Das Erwachen eines indischen Nationalismus führte 1885 zur Bildung des überwiegend von Hindus unterstützten Indischen Nationalkongresses (Kongresspartei). Mahatma Gandhi stieg mit seiner Strategie des passiven Widerstands nach dem Ersten Weltkrieg zum wichtigsten Führer der Unabhängigkeitsbewegung auf. 1935 gewährte Großbritannien parlamentarische Selbstverwaltung in den Provinzen. 1947 wurde Indien nach der Trennung vom muslimische Pakistan in die Unabhängigkeit entlassen. Nach der Teilung Britisch-Indiens flüchteten sieben bis acht Millionen Hindus aus Pakistan nach Indien und etwa ebenso viele Muslime von Indien nach Pakistan. Mehr als 500.000 Menschen verloren dabei ihr Leben.

Die Regierungen Nehru und Gandhi:

Erster indischer Premierminister wurde Jawaharlal Nehru (1947-1964) von der Kongresspartei. Mit Pakistan kam es 1948 und 1965 zu militärischen Auseinandersetzungen um Kaschmir . 1961 annektierte Indien das portugiesische Goa. Die Politik der Blockfreiheit gab das Land nach dem Grenzkonflikt mit der Volksrepublik China 1962 zugunsten einer engeren Zusammenarbeit mit der UdSSR auf.

1966 wurde Nehrus Tochter Indira Gandhi (1966-1977, erneut 1980-1984) Premierministerin. Den während ihrer Amtszeit 1971 ausgetragenen Unabhängigkeitskampf Ostpakistans (Bangladesch ) unterstützte Indien militärisch. 1974 zündete Indien seine erste Atombombe. 1975 machte es das Königreich Sikkim zum indischen Bundesstaat. Autonomiebestrebungen radikaler Sikhs im Pandschab wurden von I. Gandhi während ihrer zweiten Amtszeit blutig unterdrückt. 1984 wurde sie von zwei Sikh-Leibwächtern ermordet. Ihr Sohn Rajiv Gandhi übernahm das Amt des Regierungschefs (bis 1989). Unter seiner Führung engagierte sich Indien 1987 militärisch im Bürgerkrieg auf Sri Lanka.

Die Entwicklung seit den neunziger Jahren:

Während des Wahlkampfs 1991 wurde Rajiv Gandhi durch einen Bombenanschlag getötet. Die Parlamentswahlen gewann die Kongresspartei. Narasimha Rao wurde neuer Premierminister (bis 1996). Sezessionistische Bestrebungen in Assam, Punjab und Tamil Nadu sowie das weiterhin ungelöste Kaschmir-Problem belasteten das innen- und außenpolitische Klima. Der religiöse Dauerkonflikt zwischen Hindus und Muslimen entlud sich 1992/93 in blutigen Unruhen (Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya).

1997 gelangte mit Kocheril Raman Narayanan erstmals ein Kastenloser in das Amt des Staatspräsidenten. Nach den Parlamentswahlen 1998 wurde der Führer der rechtsnationalen Hindu-Partei Bharatiya Janata Party (BJP) Atal Bihari Vajpayee Premierminister an der Spitze einer Mehrparteienkoalition. Die von der neuen Regierung veranlassten Atomwaffenversuche riefen internationale Proteste hervor. 1999 kam es in Kaschmir zu militärischen Auseinandersetzungen mit muslimischen Separatisten. Nach einem Terroranschlag auf das indische Parlament 2001 verstärkten sich die Spannungen mit Pakistan.

2002 wurde der muslimische Atomwissenschaftler Abdul Kalam neuer indischer Staatspräsident. 2003/04 setzte in den Beziehungen zu Pakistan ein Entspannungsprozess ein. Vorgezogene Wahlen 2004 gewann überraschend die Kongresspartei unter Führung von Sonia Gandhi. Der Wirtschaftsfachmann Manmohan Singh (Kongresspartei) bildete eine von den Kommunisten gestützte Minderheitsregierung, die sich bemühte, den langjährigen wirtschaftlichen Aufschwung zu verstetigen.

2007 wurde mit Pratibha Devisingh Patil erstmals eine Frau ins Präsidentenamt gewählt. Zum schwerwiegenden Problem der inneren Sicherheit entwickelte sich die zunehmende Anzahl terroristischer Anschläge islamistischer Provenienz, so kamen bei Anschlägen in Mumbai 2006 und 2008 insgesamt mehr als 370 Menschen ums Leben. Die regierende Kongresspartei, die sich in der Innenpolitik vor allem um die Bekämpfung der Armut bemüht hatte, gewann an der Spitze des Wahlbündnisses United Progressive Alliance die Parlamentswahlen 2009 mit deutlicher Mehrheit. Dagegen mussten die BJP sowie die regional ausgerichteten Parteien Stimmenverluste hinnehmen.


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