Fernreise Shanghai am Morgen

Shanghai ist eine Stadt, die nie schläft, heißt es. Ich stehe mitten im Stadtzentrum und blicke auf eine leere Kreuzung. Stille. Nur die Vögel zwitschern. Ein Elektroroller surrt vorbei, in der Ferne kehrt ein Straßenfeger den Bordstein. Die Gardinen sind zugezogen, die Rollos unten. Einige hundert Meter entfernt liegt die Nanjing Lu, eine der größten Einkaufsstraßen der Welt. Eine Ampel schaltet auf grün, aber niemand fährt los. Es ist 5 Uhr morgens, die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Shanghai schläft noch, denke ich.
In Shanghai pulsiert das Leben. Jeden Tag, jede Nacht. Es sind nicht nur die Menschenmassen. Es sind auch die vielen Geräusche, Gerüche und Gegensätze. Sie ziehen durch die Hauptstraßen, über Brücken und Autobahnen, bis in die kleinsten Gassen der Wirtschaftsmetropole: Im dichten Straßennetz hupen Autos, Busse und Motorroller im Stau um die Wette, auf den Baustellen kreischen die Sägeblätter, auf den Märkten wird lauthals um Kanarienvögel und Mao-Anstecker gehandelt. In den Garküchen brutzeln Hühnerfüße, es blubbern Chilisaucen, das Erdnussöl verdampft in wohlduftenden Rauchschwaden über den Woks, um die Ecke stinkt es nach Abfällen und Urin. Das alles ist Alltag für die rund 23 Millionen Einwohner. Das ist Shanghai.

Aber auch die leere Straßenkreuzung um fünf Uhr morgens ist Shanghai. Das ist die Zeit, in der die Stadt in ein anderes Licht taucht: langsamer, sanfter, leiser. Mit der aufgehenden Sonne beginnt gerade erst das bunte Treiben des Alltags in den Parks, in den Gärten, an einem schattigen Plätzchen auf dem Bürgersteig.

Ich mache mich auf den Weg zum Bund, der Uferpromenade am Huangpu-Fluss. Sie ist das Wahrzeichen Shanghais. Viele der Gebäude sind europäische Kolonialbauten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in verschiedenen Architekturstilen. Inzwischen sind dort Luxushotels, Versicherungen, Boutiquen und Banken wie die Bank of China und die größte Goldbörse des Landes eingezogen. Gegenüber ragt Shanghais futuristische Skyline rund um den Oriental Pearl Tower empor. Nachts beleuchtet sie das Ufer mit ihren bunten Neonreklamen. Der Bund verkörpert den Reichtum, den Lifestyle, die Weltoffenheit dieser Stadt. Glitzer und Glamour, Haute-Couture, Finanzzentrum.

An diesem Morgen ist es ruhig. Es glitzert nicht. Stattdessen wirft die Skyline mit der langsam aufgehenden Sonne im Rücken lange Schatten auf dem Wasser und strahlt etwas Geheimnisvolles aus. Ich schlendere das Ufer entlang Richtung Norden. In der Ferne erkenne einen Winddrachen. In China ist das Drachensteigen ein beliebtes Hobby mit einer jahrtausendealten Tradition. An den Bund kommen sie dafür jeden morgen, in kleinen Gruppen. Ältere Männer, mit Drachen in allen Größen, Farben und Formen. Braune Adler und bunte Tausendfüßler heben ab vor der Bank of China, fliegen vorbei am Oriental Pearl Tower, winden sich leise an der Börse. Die Männer kurbeln an kleinen Spulen, um den Drachen zu lenken, lehnen sich nach links und rechts in den Wind, drehen sich um die eigene Achse, heben das linke Bein über die Schnur. Tradition und Akrobatik am Bund.

Drachensteigen in China
Anne Renzenbrink
Drachensteigen ist ein beliebtes Hobby in China
Die gibt es auch weiter nördlich, auf der Höhe des berühmten Peace Hotels. Eine Gruppe von Senioren hat sich zur morgendlichen Tai-Chi-Runde versammelt. Sie tragen die traditionelle Tai-Chi Kleidung: weite Hemden und Hosen in Weiß, Schwarz, Rot, Gelb und Himmelblau. Mit behutsamen, synchronen Bewegungen werden Arme gestreckt, Knie gebeugt, bunte Seidenfächer geschwenkt, und Schwerter gezückt. Der Morgennebel hängt noch wie ein Schleier über der Skyline. In der Pause gibt es mitgebrachten Tee. Man kennt sich, lacht, unterhält sich leise. Sie kommen jeden Tag und sind um die 20 Leute, erzählt mir Ying. Mit seinen 59 Jahren ist er noch einer der jungen Frühakrobaten, einige von ihnen gehen auf die 80 zu. "So bleibe ich fit", sagt er und ist damit nicht allein. Ein Bürgersteig weiter tanzt eine Gruppe älterer Frauen in pinkfarbenen Trainingshosen.

Am frühen Morgen versammeln sich an vielen Orten in der Stadt und im ganzen Land Seniorengruppen zum gemeinsamen Frühsport wie Tai-Chi oder Gymnastik. Sie bewegen sich zu traditionellen Klängen oder moderner Pop-Musik aus mitgebrachten Ghettoblastern. So wird entspannt. So bleiben Körper und Geist von Chinas alternder Bevölkerung fit. Der demographische Wandel hat das Land erfasst. Prognosen sagen, dass im Jahr 2030 jeder vierte Chinese über 60 Jahre alt sein wird. "Wir werden alt, bevor wir reich werden", scherzt man in China.

Insbesondere die zahlreichen Parks der Stadt werden für Frühsport genutzt. Ich fahre zum Lu Xun Park. Ende des 19. Jahrhunderts angelegt, liegt er fernab vom noblen Bund im nördlichen Stadtbezirk Hongkou, in dem auch mehrere Universitäten angesiedelt sind. Tagsüber trifft man auf Studenten, morgens übernehmen die Senioren. Schon ab fünf Uhr wird geschwitzt. Ich weiche den ersten Joggern und Spaziergängern aus, die sich alleine und in kleinen Gruppen durch den 22 Hektar großen Park bewegen. Das Tempo ist gemütlich. Wem das Laufen nicht reicht, der begibt sich zum Fitnessstudio im Freien gleich hinter dem Eingang. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Kinderspielplatz, sind bunte Trainingsgeräte aus Stahl. Männer und Frauen bis ins hohe Alter strampeln, ziehen, drücken, schieben, drehen und haben dabei sichtlich Spaß. Jeden Tag komme er her, auch im Winter, sagt der Mann neben mir und tritt in die Pedalen des Beintrainers.

Tai Chi
Anne Renzenbrink
Frühsport auf chinesisch: Tai Chi
Ich gehe weiter ins Parkinnere. Zwei Paare spielen Badminton, zwei Männer üben Kung-Fu. Einige Parkbesucher haben sich ein ruhiges Plätzchen gesucht und ein kleines Radio vor sich auf den Stein gestellt. Sie laufen und springen auf der Stelle, dehnen sich an einem Baum, turnen auf eigene Faust. Einige klatschen in die Hände, auf die Arme, auf den Oberschenkel, gehen zwei Schritte vor und wieder zurück. Niemand scheint sich darum zu kümmern, was andere machen oder denken. Ich schließe die Augen und höre die klassische chinesische Musik aus dem Radio, das "Klong, klong" des Federballs, das Klatschen. Die Atmosphäre ist einmalig.

Nicht nur Sport und Entspannung führt die Menschen in die Parks. Es geht auch um das Erzählen, Diskutieren und Beisammen sein. An zwei Holztischen werden Karten und Xiangqi gespielt, das über zweitausend Jahre alte chinesische Schach. "Setz dich zu uns", sagt ein Mann aus der Gruppe und bietet mir gleich eine Zigarette an. Von der Bank gegenüber beobachten vier Senioren das bunte Treiben im Park. Sie haben sich schick gemacht, ein Hemd angezogen. Darf ich ein Foto machen? Selbstverständlich. Aber nicht ehe die Schirmmütze noch mal zurecht gerückt und über die Falten der Hose gestrichen wurde. Ob sie das Foto mal sehen dürfen, fragt einer. Selbstverständlich. Gut getroffen, da sind sich alle vier sofort einig.

Kalligraphie in Shanghai
Anne Renzenbrink
Kalligrafie auf dem Asphalt
Mit einem dicken Pinsel malt ein älterer Mann chinesische Kalligraphie auf dem Boden. Einige Parkbesucher bleiben stehen, um die Zeichen zu begutachten. Mit meinen zwei Brocken Chinesisch frage, ich was dort steht. Prompt versuchen alle durcheinander, mir die Bedeutung zu erklären. Eine Frau kommt zielstrebig auf mich zu. Sie streckt die Arme aus und presst ihre beiden Handflächen langsam gegeneinander. Aha, denke ich. Aber schon geht ein Raunen durch die Menge. Sie muss es auf den Punkt getroffen haben. Zufrieden und nickend geht sie weiter.

Auch ich mache mich auf den Heimweg. Es ist 8 Uhr morgens. Ich habe das Gefühl, mehr erlebt zu haben als an einem ganzen Tag. Ich nähere mich dem Parkausgang und höre schon den Verkehr, spüre schon die Hektik. Die Stadt ist wach. Sie wurde wach getanzt, wach geklatscht, mit Schwertern, Drachen und Tai-Chi. Als ich den Park verlasse und auf die andere Straßenseite gehe, werde ich fast von einem Roller erwischt. Guten Morgen Shanghai.
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Anne Renzenbrink