Tätowier-Tour Weltreise mit dem Motorrad

Die erste große Leidenschaft von Heiko Gantenberg ist das Tätowieren. Die zweite: Motorradfahren. Immer wieder fährt er mit seinem Bike in die entlegensten Ecken der Erde – Nadeln und Farbe im Gepäck. Dieses Mal wird seine Reise "Notch the World" rund 30 Monate dauern.

MERIAN.de: Herr Gantenberg, seit Mai sind Sie auf Weltreise. Wie entstand diese Idee?
Ich fahre leidenschaftlich gern mit dem Motorrad. Es ist flexibler als ein Auto und man gelangt an Orte, die mit vier Rädern nur schwer zu erreichen sind. Außerdem begegnen einem die Leute auf Reisen offener, es weckt meist ein Grundinteresse und nimmt Berührungsängste.

Tätowieren Sie auch unterwegs?

Auf jeden Fall! Ich möchte ungefähr 30 Monate auf Reisen sein und zu arbeiten hilft dabei, unterwegs ein bisschen Geld zu verdienen. Das Tätowieren ist eine tolle Möglichkeit, die Einheimischen besser kennenzulernen, denn Tätowierungen haben meist einen kulturellen Hintergrund. Ich habe sogar mein Motorrad mit einer Zusatzbatterie ausgestattet, die sich während der Fahrt auflädt. So kann ich auch ohne Stromzugang meinem Handwerk nachgehen.

Wer hat sich bislang unter Ihre Nadel gelegt?

Heiko Gantenberg
Heiko Gantenberg bei seiner Fahrt über die Karpaten
Ganz besonders viel Freude hatte ich an drei Arbeiten in der Türkei bei gestandenen Geschäftsleuten und Akademikern. Das ist normalerweise eher eine unübliche Zielgruppe für Tattoos, die in der Türkei gesellschaftlich nicht so akzeptiert sind. Die Tätowierungen hatten einen Bezug zur anatolischen Geschichte. Ich denke, ich konnte mit diesen Arbeiten viel zur seriösen Etablierung der Tätowierkunst in der Türkei beitragen. Auch hier im Iran hatte ich schon viele Anfragen, aber leider keine Zeit: Die Visumsbeschaffung für alle Länder auf meinem Weg nach Indien lassen mir kaum freien Raum.

Wie sieht Ihre Route genau aus?
Ein gutes Stück habe ich bereits hinter mir. Ich bin vom Ruhrgebiet aus nach Wien und dann nach Istanbul und in den Iran gereist. Von hier aus geht es weiter nach Turkmenistan und Tadschikistan, auf dem Karakorum Highway nach Indien und schließlich über Myanmar und Thailand nach Malaysia. Danach ist es in Indonesien irgendwann mit dem Landweg vorbei. Ich werde versuchen, mit einem Fischerboot von Ost-Timor aus Australien zu erreichen. Danach werde ich auch noch nach Neuseeland. Dort kenne ich ein viele Menschen und die wären beleidigt, wenn ich nicht vorbeischauen würde.

Wie kommt es, dass Sie dort so gute Kontakte haben?

Heiko Gantenberg
Fertig: Tattoo in der Türkei
Wir Tätowierer sind weltweit super vernetzt. 1999 lernte ich auf einem Tätowierertreffen in Samoa einige polynesische Kollegen kennen – und blieb in Kontakt. Mittlerweile habe ich ein ganzes Jahr in Neuseeland verbracht.

Wie hat man sich einen solchen Aufenthalt bei den Maori vorzustellen?
An der Ostküste der neuseeländischen Nordinsel leben noch viele Maori. Ich durfte für eine Zeit Teil von ihnen sein. Ich ging mit zum Fischen, Jagen und Reiten, auch zu den Dorf- und Familienversammlungen war ich eingeladen. Natürlich habe ich auch tätowiert, das hat bei den Maori einen zeremoniellen Charakter.

Von ihrem Wohnort Marl bis nach Neuseeland ist es langer Weg. Was waren und werden auf der "Notch the World Tour" die größten Herausforderungen sein?
Die Bürokratie an den Grenzen. Myanmar zum Beispiel gilt als undurchdringbar. Erst wenige Motorradfahrer haben das Land durchfahren. Ich werde dann hoffentlich ein weiterer sein.

Sie sind jetzt rund fünf Wochen unterwegs. Sicher haben Sie schon viele unvergessliche Momente erlebt.

Heiko Gantenberg
Pannen gehören dazu: am Strand festgefahren
Die Begeisterung, die einem jeden Tag entgegenbracht wird, ist manchmal überwältigend. In Rumänien etwa haben mich die Menschen mit ihrer Herzlichkeit verblüfft und ihrer Fähigkeit, aus wenig ganz viel zu zaubern. Das Essen war fantastisch, die Menschen, die auf dem Land dort unter ärmsten Bedingungen leben, pflegen und hegen die schönsten Gemüsegärten, die ich je gesehen habe. In der Türkei ist es mir kaum gelungen, irgendetwas selbst zu bezahlen. Die Gastfreundschaft der Menschen dort ist umwerfend. Viele Türken haben sich die Zeit genommen, mir die für ihre Region typischen Merkmale näher zu bringen. Leider gibt es auch unschöne Momente. Unerfreulich war es unter anderem zu erfahren, wie tief die Kluft der „neuen“, wirtschaftlich erfolgreichen Türkei und der unterprivilegierten Bevölkerung auf dem Land ist.

Wo befinden Sie sich derzeit?

An der Schwarzmeerküste
Heiko Gantenberg
An der Schwarzmeerküste
Im Iran, und ich bin jeden Tag überwältigt von der Begeisterung, die mir die Menschen hier entgegenbringen. In ländlichen Gebieten wird jeder Halt zum Volksfest. Die Menschen sind unendlich stolz, dass jemand aus Deutschland den ganzen weiten Weg mit dem Motorrad bis in ihr Dorf kommt, um dort zu tanken. Ich muss jeden Tag unendlich viele Hände schütteln. Bei jedem Halt bringen Menschen frisches Obst und kaltes Wasser und würden mich am liebsten sofort mit zu sich nach Hause nehmen.

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen etwas zustößt?
Nun ja, Angst ist sicherlich das falsche Wort, eher Respekt. Ein gewisser Kitzel herrscht schon, aber der motiviert mich nur umso mehr. Mit Sicherheit werde ich unterwegs in die eine oder andere Situation kommen, in der ich durch meine Fahrerbrille blicke und denke: „Mein Gott, in was für einen Mist hast du dich hier bloß reingeritten!“ Nichtsdestotrotz bin ich immer der Meinung, dass sich mit Ruhe und einem Lächeln viel mehr regeln lässt, als man sich vorstellen kann. 

Welchen Tipp würden Sie jemandem geben, der eine ähnliche Reise plant, aber noch zaudert?
Einfach machen! Man muss nicht immer jeder Reisewarnung glauben. Wenn man freundlich ist und sich nicht mit teurer Kamera und Schmuck behängt, dann kann soviel Böses gar nicht lauern. Je ärmer eine Region, desto größer ist in der Regel die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Leute. Sie werden überrascht sein, was für großartige Erfahrungen auf Sie warten.

Die Reise von Herrn Gantenberg können Sie in seinem Blog verfolgen: http://notchtheworld.com

Autor

Tristan Krüger und Bianca Schilling