Himalaya Trinkwassermangel in Asien

Auf den Höhen Zentralasiens bahnt sich eine Katastrophe an. Wissenschaftler aus aller Welt beobachten das Geschehen, sie warnen, aber die westliche Öffentlichkeit nimmt dies kaum wahr: Die Gletscher des Gebirgszugs schmelzen mit enormer Geschwindigkeit, wohlmöglich werden sie bereits in wenigen Jahren vollständig verschwunden sein. Wer glaubt, dies sei ein lokales Problem, irrt gewaltig. Nicht nur sind die Ursachen globaler Natur, auch die Folgen der Schmelze werden das Leben von Milliarden Menschen betreffen: Sie bedrohen die Süßwasserversorgung Indiens und Chinas.

Die Gletscher des Himalaya, des Tibetischen Hochlandes und der anschließenden Gebirgsketten sind die größten Eisreservoirs der Erde außerhalb der Polarregionen. Tausende Täler, meist in großen Höhen, sind mit Eis gefüllt, dessen Schmelzwasser sich in Seen sammelt und Quelle vieler Flüsse ist. Viele dieser Gletscher sind kaum vermessen und lediglich aus Satellitenaufnahmen bekannt, auch ihre Zahl kann nur geschätzt werden: Ungefähr 15.000 sollen es sein, ihre Gesamtfläche wird auf 112.000 Quadratkilometer geschätzt. 9000 von ihnen münden zurzeit in Gletscherseen.

Niemand weiß, welche Wassermengen in den vergletscherten Tälern gespeichert sind, denn die meisten sind nur schwer zu erreichen, und die Beobachtung aus dem All verrät zwar das Maß ihrer Oberfläche, nicht aber die Mächtigkeit der Gletscher bzw. die Tiefe der Täler, in denen sie fließen. Diese Gletscher verlieren spätestens seit den fünfziger Jahren an Masse, jeden Sommer taut mehr Eis ab, als durch Schnee im Winter nachgebildet wird; ein Prozess, der womöglich schon länger andauert, aber aus früheren Zeiten liegen keine Daten vor; ein Prozess zugleich, der an Geschwindigkeit zunimmt.

Wissenschaftler schätzen, dass der Masseverlust zwischen zwei und sieben Prozent pro Jahr beträgt. Der Längenverlust ist leicht zu erkennen, er beträgt jährlich zwischen zehn und 60 Meter, in manchen Fällen auch über 70 Meter. Die Gletscher auf chinesischem Gebiet, so die offizielle Schätzung, werden bis 2050 zu zwei Drittel verschwunden sein. Achim Steiner, Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), glaubt sogar, dass die Gletscher der gesamten Himalaya-Region bis 2035 komplett verschwunden sein könnten, eventuell sogar noch früher.

Besonders starke Konsequenzen hat der weltweite Klimawandel im Himalaya durch zwei Besonderheiten: Die zunehmend industrialisierten Regionen Indiens und Chinas produzieren eine große Menge an Schwebstoffen, die in den oberen Luftschichten verbleiben. Daher werden seit einigen Jahren riesige braune Wolken (ABCs, atmospheric brown clouds) über Teilen Asiens beobachtet, die die Abstrahlung von Wärme ins Weltall behindern, vermehrt Wärme aufnehmen und damit den Treibhauseffekt verschärfen. Zum zweiten sind die meisten Gletscher des Himalaya mit Schutt und Geröll bedeckt, ihre dunkle Oberfläche nimmt Wärme in viel stärkerem Maße auf als reflektierende, weiße Gletscheroberflächen.

Beim Rückzug der Gletscher bilden sich Schmelzwasserseen, allein in Nepal und Bhutan gibt es nach Angaben des UNEP 3929 Gletscher sowie 4997 Gletscherseen. Sie werden von den Endmoränen des Eises begrenzt, also von recht losem Material. Diese Ablagerungen entstanden, als Gletscher auf dem Weg ins Tal Gestein abschürften und mitschleppten. Die meisten Seen der Region sind erst in den letzten fünf Jahrzehnten entstanden, und sie wachsen rapide, einige jährlich um über 50 Meter im Durchmesser. Der Pegel vieler Seen ist mittlerweile derart angestiegen, dass ohne Gegenmaßnahmen die begrenzenden Schuttmassen zu bersten drohten.

Als Folge könnten Wassermassen aus 4.000 Metern Höhe in einer Flutwelle zu Tal stürzen, Zehntausende von Menschen wären dann bedroht. Wissenschaftler des UNEP haben in Nepal und Bhutan 44 Seen entdeckt, bei denen ein solch kritischer Punkt bereits erreicht ist. UNEP-Regionaldirektor Surendra Shrestha sagt, allein das Volumen des Tsho-Rolpa-Sees in Nepal habe sich seit Ende der fünfziger Jahre versechsfacht. Sollten die Dämme brechen, werde die Wasser- und Geröllflut enorme Zerstörungen anrichten. Selbst Täler, die hunderte von Kilometern entfernt lägen, seien bedroht.

Den Schlagadern Indiens und Chinas droht die Ausblutung

Solche Gletschersee-Ausbrüche (GLOFs, glacial lake outburst floods) hat es in der Vergangenheit schon mehrfach gegeben. Beim Ausbruch des Dig Tsho 1985 in der Nähe des Mount Everest floss der 1500 Meter lange, 300 Meter breite und 18 Meter tiefe See innerhalb von sechs Stunden fast vollständig aus, die Flutwelle zerstörte Brücken, Häuser und ein Wasserkraftwerk. 1994 brach der Gletschersee in Lunana (Bhutan), 20 Millionen Kubikmeter Schlamm und Geröll zerstörten die Stadt, mehr als 20 Menschen starben.

Der Dig Tsho gilt nach wie vor als der größte und gefährlichste Gletschersee, was wohl daran liegt, dass er auch der am intensivsten erforschte ist. Er liegt in 4850 Metern Höhe und ist in den letzten 50 Jahren auf das Sechsfache seiner Größe angewachsen - er fasst heute etwa 100 Millionen Kubikmeter Wasser, von denen 30 Millionen bei einem Ausbruch freigesetzt würden - 10 000 Menschenleben wären in Gefahr.

In Nepal sind mittlerweile mit internationaler Unterstützung Programme angelaufen, die helfen sollen, die gefährlichen Seen zu beobachten, Wasser gezielt abzuleiten und Talbewohner zu warnen. Auch Indien unternimmt einiges, aber da die Lage bisher weder erfasst, noch gar hinreichend erforscht ist, werden solche Maßnahmen begrenzt sein. Das Hauptaugenmerk der Administrationen liegt auf den Gefahren der GLOFs, und das bedeutet leider, dass eine viel größere, langfristige Gefahr übersehen wird: Die großen Flusssysteme Indiens und Chinas werden zum erheblichen Teil aus Gletscherwasser des Himalaya und der Hochländer von Tibet und Sinkiang gespeist.

Indus, Ganges und Brahmaputra tragen zu 80 Prozent Schmelzwasser des Himalaya mit sich, der Huang Ho, der Jangtse und der Mekong zu etwa 50 Prozent. Besonders in den trockenen Monaten ist es zum großen Teil das Schmelzwasser, das diese Flüsse vor dem Versiegen bewahrt. Achim Steiner vom UNEP befürchtet, dass schon in kurzer Zeit die Flüsse Indiens zeitweise trocken fallen könnten. Damit wären etwa 350 Millionen Menschen und deren Landwirtschaft von ihrer Hauptsüßwasserquelle abgeschnitten. In China sieht die Situation noch düsterer aus: Laut den Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua schrumpfen die Gletscher auf chinesischem Gebiet um jährlich sieben Prozent.

In China wird daher auch vor katastrophalen Überflutungen gewarnt, Gegenmaßnahmen sind geplant. Ein so enormer Masseverlust bedeutet aber auch, dass etliche Quellen des Gelben Flusses und des Jangtsekiang in etwa 15 Jahren trocken fallen. Diese Flüsse sind die Hauptversorger der nordchinesischen Landwirtschaft, sie sollen etliche der 32 Atomkraftwerke kühlen, die China in den nächsten Jahren bauen will, und sie tragen schon jetzt durch verschiedene Staudammsysteme viel zur Energieversorgung des Landes bei.

Was werden Indien oder China tun, wenn die Schlagadern ihrer Staaten für Wochen und Monate austrocknen, keine Felder mehr bewässert werden, kein Strom geliefert wird? Indien scheint das Problem nicht bewusst zu sein, Planungen für den Fall der Fälle finden nicht statt. Für den Subkontinent wäre die Lage katastrophal, das Wasser seiner tropischen und subtropischen Zonen kann das Gletscherwasser nicht ersetzen. Chinas südliche Regionen sind hingegen viel wasserreicher, im Norden Chinas stehen jedoch für mehr als 40 Millionen Menschen pro Kopf weniger als zehn bis 15 Liter Trinkwasser täglich zur Verfügung, 312 Millionen

Bauern haben nicht genug sauberes Trinkwasser. Nach drei Jahrzehnten extremen Wirtschaftswachstums sind Chinas Flüsse außerdem in einem Maße verschmutzt, dass sie sich zur Süßwassergewinnung nur noch teilweise eignen. In China scheint man erkannt zu haben, dass etwas geschehen muss: Programme zur Reinhaltung des Wassers werden aufgelegt,Wassersparmaßnahmen im ganzen Land sind zumindest propagiert, ein großes technisches Projekt zur Gewinnung von Regenwasser im Süden als Trinkwasser für den Norden ist angelaufen.Was jedoch in den Bergen des Westens geschieht, scheint in China noch kaum jemandem bewusst zu sein. In Indien ist die Lage verheerend: Nur eine kleine Handvoll Wissenschaftler versucht, die Lage bekannt zu machen, die Regierung in Delhi hat jedoch kurzfristigere Sorgen: Die in den letzten Jahren dramatische Grundwasserabsenkung durch künstliche Bewässerung fordert akute Gegenmaßnahmen. Alles weitere muss warten.

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Autor:
Roland Benn