Oman Mit dem Zweimaster übers Meer

Oman Küste vor Alt-Muskat.

Said Al Rahbi steht auf dem Bug seiner Dhau. Die "Star of the Sea" gleitet sanft über das Meer und Said schaut zur Küste, die nicht weit entfernt als schroffe, dunkelgraue Felswand aus den grünblauen Wellen ragt. Ab und zu dreht sich der großgewachsene Omaner um und gibt Refat, der im Rückteil des großen Holzbootes hinter dem Steuer sitzt und lenkt, Handzeichen: weiter links, weiter rechts. Der junge, dunkelhäutige Mann mit der schwarzen Schirmmütze, den schwarzen Jeans und dem fliederfarbenen Hemd ist einer von rund 800.000 Gastarbeitern im Land. Wie viele andere kommt er aus Bangladesch. Said Al Rahbi bringt ihm das Navigieren bei. In vier bis sechs Monaten soll er die "Star of the Sea" alleine fahren können. Schon Refats Vater arbeitete für den Kapitän, nun ist sein Sohn an der Reihe.

Oman ist zu einem reichen Land geworden - seit Ende der 1960er-Jahre mit dem Abbau von Erdöl begonnen wurde. Seither kommen zahlreiche Gastarbeiter aus Indien, Pakistan und Bangladesch ins Land, um ihren Familien zuhause Geld zu schicken und um selbst zu überleben. Zu Zeiten, in denen Sultan Said ibn Taimur im Oman noch regierte, wäre dies undenkbar gewesen. Damals war das Land außenpolitisch isoliert: Ausländische Arbeitnehmer durften nicht einreisen, die Omaner nicht ausreisen. Im Jahr 1970, als Sultan Qabus ibn Said seinen Vater durch einen Staatsstreich absetzte und nach London ins Exil verbannte, gab es gerade einmal elf Kilometer asphaltierte Straßen, ein Krankenhaus und drei Koranschulen - in einem Land, das zwar nur etwa drei Millionen Einwohner hat, aber annähernd so groß ist wie Deutschland.

Seitdem hat sich viel getan. Mit den Erträgen aus dem Erdölgeschäft ließ Sultan Qabus ibn Said das Straßennetz ausbauen und Schulen und Krankenhäuser errichten. Expertenaussagen zufolge reichen die Ölreserven jedoch nur noch etwa 15 Jahre, sollten keine weiteren Ölfelder gefunden werden. Nun setzt der Sultan auf wirtschaftliche Diversifizierung. Auch in den Tourismus investiert er: Seit 2007 wird das Langstreckennetz der nationalen Fluggesellschaft Oman Air kontinuierlich ausgebaut, werden Resorts entlang der rund 2000 Kilometer langen Küste errichtet und qualifizierte Arbeitskräfte ausgebildet. Noch macht der Reiseverkehr weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. Nach den Plänen Qabus ibn Saids sollen es bis zum Jahr 2020 aber mehr als fünf Prozent sein.

Star of the Sea im Oman
Melanie Maier
Die "Star of the Sea": Zu Sonne und Ozean gibt es Datteln und frischen osmanischen Kaffee.
Kapitän Said Al Rahbi profitiert von dieser Entwicklung. Vor drei Jahren kaufte der 45-Jährige die "Star of the Sea" als gebrauchtes Fischerboot und machte sich selbstständig. 35.000 Rial - fast 66.000 Euro - gab er dafür aus. Er verpasste dem vormaligen Segelschiff einen größeren Motor, vergoldete seine hölzernen Ornamente und legte es mit orientalisch gemusterten, hellblauen Kissen und Teppichen aus. Nun fährt er in der Hochsaison, von Oktober bis März, zwei Mal täglich mit Touristen aufs Meer hinaus. Er zeigt ihnen entlegene Badebuchten und die felsige Küste vor Alt-Maskat, dem historischen Zentrum der Landeshauptstadt. Dabei serviert er ihnen Datteln und Qahwa, den omanischen Kaffee mit Kardamom. Manchmal wird das Boot von einer Schule Delfine begleitet.

Vor seinem Leben als Dhau-Kapitän war Said Al Rahbi 23 Jahre lang Seemann und Taucher bei der Marine. "Als der Vertrag auslief, war mir klar: Das war jetzt genug", sagt er. Mit 42 Jahren tauschte er also seine Uniform gegen die Dischdascha - das weiße, knöchellange Gewand, das die meisten Omaner tragen. In seinen dunkelbraunen Augen liegt jedoch keine Wehmut, kein Bedauern. Er holt sein Smartphone hervor, zeigt Fotos seiner zehn Söhne und Töchter und Bilder seiner beiden Frauen. Das laute, gleichtönige Brummen des Motors vermischt sich mit den arabischen Klängen aus dem Radio - Tamburinschellen, Trommelschlägen und melancholischem Gesang - während die Wellen beständig an die Seiten des Bootes schwappen.

Zu Besuch beim Schiffsbauer

Wie fast alle omanischen Dhaus stammt die "Star of the Sea" aus Sur, einer Hafenstadt rund 160 Kilometer südöstlich von Maskat. Wenn das Boot repariert oder gewartet werden muss, fährt Said al Rahbi dorthin: Zu der Werft von Juma Hassun Al Araimi, dem letzten Dhau-Bauer Omans. Im Eingangsbereich des kleinen Familienbetriebs stapeln sich Holzplanken und Baumstämme in einem scheinbar wirren Durcheinander, weiter hinten sind drei im Bau befindliche Segelschiffe auf Holzgerüsten aufgebockt. "Je nach Auftragslage bauen wir zwei bis fünf Boote pro Jahr", sagt Juma Hassun Al Araimi. "Für jedes brauchen wir sechs bis acht Monate." Ein großes Segelschiff kostet die Kunden 150.000 Rial (rund 282.000 Euro) - ohne Motor, ohne Tank, ohne Innenausstattung. Auch Sultan Qabus ibn Said hat schon die eine oder andere Dhau aus der Werft erworben - als Geschenk für Staatsgäste.

Bau eienr Dhau im Oman
Melanie Maier
Hier wird gebaut: eine traditionelle Dhau.
Juma Hassun Al Araimi erbte das Unternehmen einst von seinem Vater. Der heute 70-Jährige freut sich, dass Sohn Silah einmal den Betrieb weiterführen wird: "Dhaus sind Teil unserer Kultur." Noch heute bauen die Al Araimis die traditionsreichen Segelboote wie vor Hunderten von Jahren - wer auf dem Gelände nach Docks oder Metallgerüsten sucht, hält vergeblich Ausschau. Nicht einmal Konstruktionspläne oder Computer nutzen Vater und Sohn: Die mehr als zehn verschiedenen Dhau-Modelle bauen sie aus dem Gedächtnis. Früher segelte Juma Hassun Al Araimi selbst oft auf einer Dhau über den Persischen Golf oder den Indischen Ozean. Geschäftsreisen führten ihn nach Indien, Sansibar, Somalia, Kenia, in den Sudan und den Iran, wo er seine Ware - Datteln, getrocknete Zitronen, Kalkstein-Puder, Kunsthandwerk und Töpferwaren - gegen Gewürze und Mangrovenholz eintauschte.

Damals war eine solche Reise ungleich beschwerlicher als heute. "1964 hatten wir noch keinen Motor, es gab nur die Segel", sagt der Schiffbauer. "Wir schliefen draußen an Bord und orientierten uns an den Sternen. Wenn der Wind günstig stand, kamen wir nach zehn Tagen in Mombasa an." Mittlerweile gehört der Handel nicht mehr zu den Einnahmequellen der Al Araimis. Sie leben hauptsächlich vom Schiffbau: Mit zwei verkauften Booten pro Jahr ist ihr Einkommen gesichert. Einen kleinen Nebenverdienst stellen Touristengruppen kulturorientierter Reiseanbieter wie SKR Reisen dar, die die Werft besuchen, um zu erfahren, wie eine Dhau entsteht. Manche von ihnen kaufen sich im Anschluss sogar ein solches Segelboot - als Miniatur, so passt es besser in den Koffer.

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Melanie Maier